Bin ich gut genug?

Als ich gestern nach Hause kam, spielten meine Gedanken verrückt, aber ich unterdrückte jedes damit verbundene Gefühl, das mich überfallen wollte. Ich hatte keine Zeit für sowas und auch keinen Nerv.

——————

Mit gepackter Tasche saß ich auf dem Stuhl in meinem Hotelzimmer und starrte nur still an die gegenüberliegende Wand. Heute war der letzte Tag und ich konnte endlich wieder nach Hause, aber so richtig realisierte ich das nicht.

Wie eine leere Hülle, kam ich mir selbst vor. Als könnte ich nicht mehr aus dieser Schockstarre entkommen. Gestern einzuschlafen entpuppte sich als eine Herausforderung. Immer wieder, sobald ich die Lider schloss, spielte sich die Szene andauernd in meinem Kopf ab. Fast wie eine Kassette mit beschädigter Bildspur, die den Film jedes Mal wieder von vorne abspielte und mich dieselben Empfindungen erneut durchleben ließ, als wäre es eben erst passiert. Ich fühlte mich gefangen in mir selbst, um mich herum sah alles aus wie durch Milchglas Panzerglas. Weder Geräusche noch anderes drangen zu mir durch.

Angestrengt atmete ich aus und ließ den Kopf etwas hängen, dann warf ich einen Blick auf den Wecker, der auf der Kommode stand. Es war Zeit für mich, nach unten zu gehen, Sasha müsste in fünf Minuten da sein. Gestern schrieb mir Thomas noch, dass ich heute zur selben Zeit für die Auswertung meiner Arbeit von gestern in die Firma zurück musste. Je nachdem wie lange es dauern würde, habe ich bis zum Flug zurück noch genügend Zeit für mehr Sightseeing oder nicht. Aber keine Ahnung, ob ich mich in der Verfassung fühlte, einen auf Urlaub zu machen.

Nach dem überwinden meiner Schockstarre verließ ich mein Hotelzimmer, wo ich vorher noch fein säuberlich den Müll in einen Eimer packte und die Handtücher ordentlich auf dem Badezimmer Sims legte. Ich wusste nicht, wie genau man sich in einem Hotelzimmer verhielt, deshalb stellte ich einfach meine gute Erziehung unter Beweis und machte es den Reinigungskräften so einfach wie möglich.

Unten in der Lobby wartete Sasha schon vor der Drehtür. Ich checkte noch aus und gab die Schlüsselkarte ab, das war zum Glück einfach und die Mitarbeiter verstanden mich mithilfe vom Google Übersetzer. Schließlich stieß ich zu meinem Chauffeur, der die Autotür bereits für mich offen hielt. Seine Anwesenheit stimmte ich deutlich besser und ich konnte ein aufrichtiges Lächeln zeigen, nachdem ich ihn begrüßte. Der Blonde streckte den freien Arm aus nach meiner Tasche, in derselben Bewegung drehte ich den Oberkörper weg von ihm “Bitte nicht, ich nehme sie auf den Schoß für den kurzen Weg zum Abschluss Gespräch.” begründete ich noch meine Geste. Sasha hob die Hand “Alles klar, dann rein mit dir.”, noch bevor er die letzten Worte aussprechen konnte, saß ich schon auf meinem Platz. Er schloss die Tür, lief vorne um das Auto herum und wenige Sekunden später befand sich der Audi schon auf der Hauptstraße.



“Wie hast du geschlafen Alex? Man hat dir gestern an gesehen, dass du ziemlich fertig warst. Ist denn etwas passiert?” fragte der Blonde aufrichtig, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. Ich beobachtete, wie seine langen Finger über das schwarze Leder des Lenkrads glitten und wurde davon in den Bann gezogen, wie edel er die Hände immer wieder neu darauf positionierte. Mal beide oben auf dem breiten Ring, mal unten oder nur eine, während die andere lässig auf der Ellenbogen-Ablage zwischen uns ruhte. “Nein, nein, alles gut. Ich konnte dank der Erschöpfung schnell schlafen und freue mich wieder auf Zuhause.”, verschleierte ich die Wahrheit etwas. Wir kannten uns bei weitem nicht lang genug, um sowas ‘intimes’ teilen zu können. Außerdem war es am Ende des Tages mein Problem, mit dem ich klarkommen musste.

Sasha schielte kurz zu mir herüber, die Bewegung konnte ich schwach aus dem Augenwinkel erkennen, um zu überprüfen, ob ich die Wahrheit sprach. Als könnte mein Aussehen verraten, wenn es nicht so sein sollte “Sicher?” hakte er nach, seine Stimme war gefüllt von Skepsis, jedoch sprach er das Thema nicht weiter an, als ihm ein kräftiges Nicken meinerseits die Frage beantwortete.

“Wie lief für dich die Arbeit? Ich bin mir sicher, dass Mr. Iwanow Junior nur Gutes über dich zu berichten hat.” Ein abfälliges schnauben meinerseits, bewirkte, dass Sasha eine Augenbraue hob “Nicht?” fragte er nach. “Doch, aber ich kann dieses Arschloch nicht ausstehen. Seine reine Anwesenheit lässt mein Blut kochen, wenn ich nur an ihn denke, könnte ich einen Boxsack verprügeln.” sprudelte die Raserei aus mir heraus. Es trieb mich in den Wahnsinn, diese Ungewissheit, warum Alexej es nötig hielt, mich so durchtrieben verarschen zu wollen. Sasha lachte herzlich bei meiner Reaktion, ich funkelte ihn nur von der Seite an “Ich hab noch nie erlebt, wie jemand so das Wort gegen ihn erhebt.” gestand er und war echt überrascht von meiner Direktheit. Die Wut in mir verblasste leicht “Er ist nicht hier, oder? warum also nicht? Das machen doch alle. Ich meine, bei ihm kann man sich nur hinterrücks aufregen.” machte ich meinen Standpunkt klar oder eher die Selbstverständlichkeit, die ich gegenüber dem Thema empfand. Der Blonde schüttelte den Kopf “Nein, das ist absolut nicht üblich. Niemand würde es wagen, selbst außerhalb der Arbeit über ihn oder seinen Vater abfällig zu reden. Die Leute haben zu viel Respekt vor ihrer Seriosität und wissen, was ihnen blüht, wenn irgendwas davon rauskommen sollte.” erklärte Sasha und wirkte dabei etwas fassungslos, wegen meiner Transparenz. Unbeeindruckt zuckte ich mit den Schultern “Das ist alles heiße Luft und nichts dahinter. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass jemand mit so einem harten Auftreten eine Maske trug, um seinen weichen und verletzlichen Kern zu schützen. Es ist alles eine Fassade, um sein wahres Ich zu verbergen, man nimmt ein alter Ego, eine zweite Persönlichkeit an, die vollkommen im Gegensatz zu seinem wahren Wesen steht.” beschrieb ich ihm den psychologischen Hintergrund von solchen Verhaltensweisen “Es ist natürlich ein Grund für dieses Auftreten, aber keine Entschuldigung. Außerdem ist es meine Beobachtung und ich bin nicht geschult, um irgendwelche Diagnosen zu stellen. In seinem Fall bin ich mir jedoch fast sicher, dass meine These zutrifft.” fügte ich noch schnell hinzu. Sasha schaute mich im Sekundentakt perplex von der Seite an. Seine Augen wechselten stetig von der Straße zu mir und wieder zurück. Bei seinem Antlitz musste ich los Lachen “Tut mir Leid. Ich bin sehr leidenschaftlich, wenn es um sowas geht. Hast du dir darüber nie Gedanken gemacht?” fragte ich nach, obwohl sein Gesichtsausdruck mehr als offensichtlich bewies, dass dem nicht so war. Langsam schüttelte er schließlich den Kopf “Nein, das war mir nicht klar. Zumindest mache ich mir nie so tiefe Gedanken darüber. Woher weißt du sowas? Hast du mit Psychologen zu tun gehabt?” warf er eine Vermutung in den Raum, aber ich musste ihn enttäuschen “Nein, ich denke bin einfach reflektiert und realistisch.”, grinsend hob ich die Augenbrauen. Es fühlte sich so gut an, die Leute zum Staunen zu bringen. Sie sprachlos zu machen und natürlich auch zum Denken anzuregen, sich mehr auf andere einzulassen, besser hinzuhören, denn so verstand man Menschen und konnte ihnen helfen. Die Dinge sind in den seltensten Fällen so, wie sie scheinen.



Sasha und ich sprachen noch eine Menge weiter über das Thema, in dem ich ihn etwas erleuchten konnte, bis wir an der Firma ankamen. Wir verabschiedeten uns fürs erste voneinander und ich sah meinem neuen Freund noch nach, wie er das Auto zur Tiefgarage brachte. Als ich mich umdrehte, stand Alexej an der Treppe und betrachtete mich mit einem äußerst intensiven Blick, der auf meiner Haut brannte. Innerhalb von Millisekunden sanken meine Mundwinkel ab und aus meinem aufrichtigen Lächeln wurde ein abwertender Blick.

Er trug dasselbe wie gestern, vermutlich besteht sein gesamter Kleiderschrank aus denselben Klamotten. Seine Haare fielen etwas wild in die Stirn und wurden von leichten Windböhen immer wieder wenige Zentimeter angehoben oder auf der Haut verschoben. Alexejs Augen strahlten nichts aus und trotzdem hatten sie das Potential jeden einzuschüchtern, mich aber nicht. Seine Hände befanden sich in den Taschen, er wirkte lässig und doch streng. Die Leute machten einen großen Bogen um ihn herum, als würde er einen unsichtbaren Schutzschild im Umkreis von fünf Metern um seinen Standort herum besitzen. Ich reckte das Kinn, straffte die Schultern und lief ihm entgegen. Auf der Treppenstufe unter seiner angekommen, musste ich wie sonst auch zu ihm hinaufsehen. Langsam bekam ich dadurch einen Nackenstarre. Alexejs Körpergröße und Breite war eindrucksvoll. Groß und muskulös, aber athletisch. Neben ihm ging ich maßlos unter, wie eine Ameise neben Apfelbäumen mit meinen dünnen Armen und der zierlichen Statur. Danke nochmal an meine Mutter, dass sie mir ihre Zwergengröße vererbt hat, während mein Papa mir keinen Zentimeter abgegeben hatte.

“Mrs. Hofmann, welch eine Ehre Sie wiederzusehen.”, sofort ballte sich mein Gesicht zu einer Faust, obwohl ich mir wirklich Mühe gab, die Fassung zu behalten. Der Mundwinkel meines Gegenübers zuckte nach oben, er betrachtete mich wie eine Löwe seine Beute, es trieb mich zur Weißglut. Dieser aufgeblasene Schnösel bildete sich etwas zu viel auf sich ein. Ein gekünsteltes Lächeln formte sich auf meinen Lippen “Das kann ich nur wiedergeben.” presste ich durch aufeinander gebissene Zähne. Kurz schwank Alexejs Blick die Stufen herunter wo Sasha zuvor stand, dann sah er wieder zu mir “Sie scheinen sich gut mit Mr. Petrov zu verstehen.” bemerkte er, aber auf diese Erkenntnis wusste ich keine richtige Antwort. Eher bildeten sich Fragezeichen auf meinem Gesicht, warum es von Belangen sei, meine Beziehung zu Sasha kommentieren zu müssen. Genervt verdrehte ich die Augen “Ich wette, dass mein Privatleben nicht zur Arbeit gehört. Wenn es nichts mit dem wirklich Wichtigen zu tun hat, dann werde ich mich nicht dazu äußern.” zischte ich ihm entgegen und man merkte deutlich, dass ich nicht mehr freundlich bleiben konnte.



In dem Moment traf uns ein stärkerer Windstoß. Meine roten Wellen wehten zur Seite, die dichte schwarze Mähne von Alexej ebenfalls. Einen Wimpernschlag später traf mich sein Geruch wie ein Betonblock. Ein Kribbeln schoss durch meinen Körper, als mein Gehirn erneut die Szenen abspielte, mit denen ich den Geruch verband. Seine dunkle und bedrohliche Aura näherte sich mir mit dem nächsten Windstoß und hinterließ einen kleinen Kloß in meinem Hals. Er strahlte Eiseskälte und Hitze gleichzeitig aus, schüchterte jeden ein mit dieser strammen Figur, aber konnte einen auch bittersüß einhüllen mit sanften Worten, zärtlichen Berührungen oder diesem wohligen Geruch. Alexej war ein Mann wie aus den typischen übertriebenen Romanzen zwischen Mafia Boss und stillem Buch Mädchen, aber so einen Einfluss hatte er lange nicht. Wenn sein Charakter nicht zum kotzen wäre, könnte er optisch als Model arbeiten oder den perfekten Prinzen verkörpern. 

Kalt ging ich an ihm vorbei “Wir treffen uns mit Ihrem Vater, da sollten wir keine Zeit verlieren.” wies ich ihn gleichgültig daraufhin, beendete damit jeglichen belanglosen Smalltalk und beschleunigte meinen Gang zum Aufzug. Alexej folgte mit einem kleinen Abstand, ohne weiter noch etwas zu sagen.

Als wir gemeinsam bei seinem Vater vor dem Büro ankamen, ging Alexej an mir vorbei, klopfte einmal kräftig an und öffnete dann die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten. Nikolaj hob den Blick als wir eintraten und setzte ein Lächeln auf. Mein Vorgesetzter stellte sich wieder neben seinen Vater und ignorierte meine Existenz vollkommen. Ich ließ mich auf demselben Stuhl wie gestern gegenüber von Iwanow Senior nieder. Das Herz in meiner Brust begann sich zu überschlagen, es schien den Ernstfall der Lage endlich zu realisieren. Immerhin würde es mich zerstören, schlechtes Feedback zu bekommen und das machte mich nervös. Ich presste die Lippen aufeinander, um der Emotion irgendwie ein Ventil zu bieten. “Willkommen zurück Mrs. Hofmann, hatten Sie eine angenehme Nacht?” leitete Nikolaj etwas Smalltalk ein, um die Stimmung aufzulockern “Ja, danke der Nachfrage.”

“Gut. Das freut mich zu hören.” Nikolaj holte ein Notizbuch aus der rechten Schublade und schlug es auf. Kurz überflog er mit den Augen die geschriebenen Zeilen “Mein Sohn hat mir detailliert aufgeschrieben, wie Sie die Probleme gelöst haben. Ich muss zugeben, dass mich Ihre Kompetenz überrascht. Alexej hat sehr positiv über Sie geschrieben.” fasste er die Notizen zusammen, ich war dem Schwarzhaarigen einen skeptischen Blick zu und verengte etwas die Augen, Alexej reagierte diesmal, wendete sich mir zu und formte die Lippen zu einem provokanten Grinsen, ehe Nikolaj weiter sprach und ich mich wieder ihm zuwenden musste. “Sie sind kompetent, schlau und können sich mit Problemen sehr gut auseinandersetzen. Man erkennt, dass Sie mit einem hohen IQ gesegnet sind.” überflutete er mich weiter mit Komplimenten, es fühlte sich verdammt gut an und ich habe auch nichts anderes von mir erwartet. Geistig klopfte ich mir selbst stolz auf die Schulter. Was mich aber wunderte war, warum mir Alexej das Gefühl gab unbeholfen zu sein und am Ende doch ehrlich und aufrichtig war. Er hätte es sich einfach machen können und mich mit seinen geschriebenen Worten schlecht reden können. Warum tat er es doch nicht? Hatte er doch ein kleines Ehrgefühl und konnte sich eingestehen, dass die Menschen gut in ihrem Job sein konnten?



“Zugegeben hätte ich diese Kompetenz von einer Frau nicht erwartet, aber mein Sohn hat in den höchsten Tönen von Ihnen gesprochen.”

Was soll das denn heißen?…

“Es würde uns freuen und mich besonders, wenn Sie diese offizielle Einladung hier zu arbeiten annehmen würden. Mrs. Hofmann, Sie haben all unsere Aufgaben bestanden und sich mehr als nur qualifiziert bei uns zu arbeiten. Sie sind freundlich, ehrlich, professionell und intelligent. Ich sehe eine erfolgreiche Zukunft für uns beide, wenn Sie unserem Unternehmen beitreten würden.” ließ Iwanow Senior plötzlich eine Bombe platzen. Ich wusste das ich gut bin, aber das erste Mal so eine Begeisterung mir gegenüber zu sehen, war neu für mich.

Passiert das gerade wirklich?

“Natürlich kann ich nicht nur von meiner Seite sprechen. Wie hat es Ihnen hier gefallen?” involvierte er nun mich in das Gespräch. Kurz stolperten meine Gedanken und ich brauchte einige Sekunden um einen klaren Gedanken zu fassen “Also..” begann ich und stockte dann. Mein Plan war es durch meine Emotionen zu sprechen, jedoch wäre das keine ehrliche Antwort, auch nicht für mich selbst. 

Kurz atmete ich durch und schob alle meine Sorgen und Gefühle beiseite, um die Situation neutral beleuchten zu können. Es war bis jetzt schön. Der Flug hat mich ganz schon zerschmettert, aber darüber kommt man hinweg. Die Umgebung hier hat mich beeindruckt, auch wenn ich alle Ecken und auch die schlechten noch nicht gesehen habe. Das Wetter hier ist super, die Stadt gefällt mir sehr und ich bin beeindruckt von der Schönheit der russischen Schrift und der Sprache. Hier zu leben? Hatte sicher Vorteile und es war bei weitem nicht so unnötig kompliziert wie in Deutschland.

Die Firma war der Wahnsinn und ich liebte vom ersten Moment an wie sie aussah und die Geschichte, die mir Thomas erzählte. Bis auf Kleinigkeiten natürlich. Sasha ist sympathisch und ich mag ihn ganz gerne und er wäre hier mein Rückhalt, ebenso der Freund meines Vaters. Sie könnten mir bei allem helfen. 

Würde ich mit dem Lernen der Sprache klarkommen? Sicherlich, ich schaffte alles, wenn es notwendig war. Kam ich mit Alexej klar? Oh ja. Natürlich wäre er ein unvermeidliches Übel in dieser Geschichte. Es konnte nirgendwo perfekt sein, aber ich musste meine Möglichkeiten abwägen. Chancenlos zu Hause? oder in einer gut aufgebauten Karriere hier?



Selbstbewusst sah ich auf “Ja, bis jetzt hat es mir gut hier gefallen. Es hat mir zugegeben Spaß gemacht und ich habe es vermisst, in meinem Beruf zu arbeiten.”gestand ich so ehrlich wie möglich. Nikolai nickte zufrieden “Es besteht keine Eile in Ihrer Entscheidung und es freut uns das zu hören. Stressen Sie sich nicht, meine Kontaktdaten bekommen Sie und wenn Ihr Entschluss steht, schreiben Sie mir einfach.”, er schob mir eine Visitenkarte von sich hin und ich sah sie mir kurz an, ehe ich sie sicher bei mir verwahrte.

“Mr. Petrov bringt Sie halb drei zum Flughafen, um drei geht dann ihr Flug zurück in die Heimat. Grundlegend richten wir eine Bedenkzeit von zwei Wochen ein. Es wäre schön, wenn Sie diese einhalten, ehe wir die offene Stelle neu ausschreiben.“, Nikolaj schloss das Notizbuch und entgegnete mir mit einem Lächeln “Danke, dass Sie hier waren. Genießen Sie noch etwas die Stadt, ehe die Heimreise ansteht. Ich muss jetzt wieder in ein Meeting, deshalb muss ich das nette Gespräch etwas kurz halten. Vielleicht bis bald Mrs. Hofmann.” Noch im Sprechen stand er auf, dann ging er zur Tür und verließ den Raum zu seinem Termin, nachdem er seinem Sohn noch irgendwas sagte.

Ich stand auf und wandte mich nun frei an Alexej “Warum waren Sie ehrlich? Sie hätten mich ganz einfach loswerden können. In dieser Machtposition stehen Sie leider.”, voller Erwartung stütze ich eine Hand in die Hüfte und forderte ihn mit gehobenen Augenbrauen auf, seine Stellung zu beziehen.

Der Schwarzhaarige lockerte sich, und ging langsam um den Schreibtisch herum auf mich zu, dabei streiften seine Fingerkuppen über die Oberfläche des dunklen Möbelstücks “Sie sind äußerst begabt, genauso sehr wie ich. Eine Konkurrenz auf Augenhöhe unter mir arbeiten zu haben..”, er lehnte sich nach vorne und war mir gefährlich nah. Mit bedrohlicher und aufregender Stimme fuhr er fort “Klingt höchst interessant.”, beendete er den Satz in verführerischen Flüstern und grinste mich an mit einem Ausdruck in den Augen, der meine Knie in schmelzende Butterblöcke verwandelte. Sein Blick wanderte an mir hinab “Zusätzlich sind Sie eine Frau mit Köpfchen, einem losen Mundwerk, einer direkten Art und dann noch dieses auffällige und ungewöhnliche Aussehen. Sie sind ein Komplettpaket, auf das ich allzu gerne aufpassen würde.”, sofort schoss mir das Blut in den Kopf. Damit er meine Verlegenheit nicht gegen mich ausspielen konnte, machte ich auf dem Absatz kehrt und eilte zur Tür. Jedoch verfolgten mich größere Schritte und als ich meine Hand nach der Klinke ausstreckte, kam er mir zuvor. Einen halben Meter vor meinen Augen sauste sein Arm gegen die Wand neben mir. Ich zuckte zurück, wollte nicht getroffen werden und verlor kurz das Gleichgewicht. Alexej nutzte den Moment und griff nach meinem Handgelenk, was der Flucht durch die Tür so nahe war. Mein Herz machte einen erschrockenen Sprung, aber ich behielt die Maske auf und ließ mich von ihm nicht einschüchtern. Ich versuchte mich selbst zu beruhigen, atmete flach und verdrängte die Wärme aus meinem Gesicht. Gleichgültig drehte ich den Kopf zu ihm. Sein Gesicht war mir erneut so nah, aber dieser undefinierbare Ausdruck in seinen Augen versetzte mich in Raserei “Sie halten zu viel von mir, Iwanow”, meine Lippen formten eine schmale Linie, um die Anspannung abzuleiten.



Ich lehnte gezielt und direkt diese Komplimente von eben ab, damit er nicht auf die Idee kam, hier etwas erreicht zu haben mit diesen vermeintlich süßen Worten. Alexej lachte, aber in einer viel tieferen Oktave “Sie lassen diese Fassade auch nicht fallen, was? Aber keine Sorge, diese harte Schale werde ich unter allen Umständen knacken.”, es klang fast wie eine Drohung, aber insgeheim brachte mich diese traurige Aussage nur zum Lachen, als ob er genügend Rückgrat hätte, um sowas abzuziehen. “Wären wir dann fertig?” brach ich das Gespräch ab und wollte es zum Ende bringen “Ich habe noch was vor.” log ich, damit er mich in Frieden ließ.

Alexej entfernte sich einige Zentimeter von mir. Lässig schob er die Hände in die Hosentaschen “Mit Mr. Petrov?” fragte er “Und wenn ich ja sage?” forderte ich ihn heraus. Der Schwarzhaarige schüttelte den Kopf “Ich mach Ihnen einen Vorschlag, der uns beiden zugute kommt. Wenn Sie das Angebot annehmen von unserer Firma, dann beweise ich mich als ausgezeichneter Vorgesetzter. Ich sorge dafür,, das Ihr Ruf nicht beschmutzt wird und Ihnen niemand Hindernisse in den Weg legt. Dafür schwören Sie mir treue und tun was ich und mein Vater Ihnen sagen. Legen Sie hier ihr loses Mundwerk ab und wir haben eine faire Abmachung.”, er hielt mir die Hand entgegen, die ich skeptisch betrachtete “Woher wollen Sie wissen, dass ich mich unter Ihre Fittiche begebe?”

“Weil ich es so entschieden habe.” beantwortete er meine Frage eiskalt, schnell und hart. Diese Aussage ließ keinen Platz für Widerworte, das hatte er jetzt so festgemacht. Angestrengt stieß ich die Luft aus meinen Lungen und überlegte kurz.

Alexej ist ein Arschloch, er denkt, die ganze Welt kniet vor ihm nieder, nur weil er sich etwas in den Kopf setzt. Er denkt, er kann mich einfach so besitzen oder irgendwelche Spielchen spielen. Eigentlich gibt sich niemand freiwillig mit so einem Psycho ab, jedoch reizte mich die Möglichkeit, ihn mit meiner Überlegenheit in die Knie zu zwingen, sodass ich ihn als dreckiges Kaugummi von meinem Schuh kratzen konnte. Er wusste nicht, worauf er sich hier einließ, seine Aussagen von vorhin entsprachen der Wahrheit, aber diese unterschätzte er maßlos. Wie gerne würde ich seinem Niedergang beiwohnen, ihm vom Thron stoßen und alles zerschmettern, was ihn so sicher fühlen ließ, in diesem Spiel gewinnen zu können. 



Mein Mundwinkel ging leicht nach oben und ich schlug ein mit Feuer in den Augen “Deal.” bestätigte ich ihm auch mündlich den Start unseres Kampfes, wo ich am längeren Hebel saß. Alexej erwiderte das verschmitzte Grinsen.

Bis zu meinem Flug verbrachte ich den Nachmittag noch mit Sasha, nachdem er mich dazu einlud, etwas von meinem sogenannten geschenkten Urlaub genießen zu können. Wir klapperten einige Sehenswürdigkeiten ab, worüber er mir eine Menge erzählen konnte. Wissen, was man höchstens über Führungen erlangen konnte.

Mich faszinierte alles was er erzählte und ich war mit Herz und Willen dabei, erzählte ihm auch etwas von meiner Heimat und zog Vergleiche mit einigen wichtigen Gebäuden, die sich leicht ähnlich waren.

Die Zeit verflog sehr schnell und ich trat meinen Heimweg wieder an. Im Flugzeug gab ich meinen Eltern Bescheid, wann ich landen würde. Dann überkam mich auch schon die Anstrengung der letzten Tage, sodass ich die Stunden verschlief und es war auch allgemein weniger schlimm als beim ersten Mal.

Entschied ich mich wirklich richtig?

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare