Kapitel 1

Prolog

Die Berge Colorados lagen unter einer Decke aus Schnee und Schweigen.
Nicht jenem friedlichen Schweigen, das Ruhe versprach, sondern einer gnadenlosen Stille, die lauerte. Als hätte die Welt selbst den Atem angehalten und wartete, bis etwas Unausweichliches geschah.
Der Schnee dämpfte jedes Geräusch. Schritte versanken lautlos, der Wind schien sich zurückzuhalten, selbst die Bäume knarrten nicht. Skye spürte die Kälte längst nicht mehr an ihren Fingern. Sie war überall. In ihrer Kleidung, in ihren Knochen, in der Art, wie ihr Atem in kurzen, flachen Zügen kam. Doch sie ignorierte sie. Sie musste es. Für ihre Familie.
Neben ihr zitterte ihr kleiner Bruder.
Cain war fünf Jahre alt. Zu jung, um zu verstehen, warum sie seit Jahre kein richtiges Zuhause mehr hatten. Erinnerte er sich überhaupt noch an eine vergangene Zeit die mit leben und lachen erfüllt war?
Damals lernte er gerade das laufen …
Zu jung, zu jung um zu begreifen, warum sie nachts im Dunkeln weiterzogen, warum ihre Eltern flüsterten, warum sie niemals laut lachen durften. Immer wieder gingen ihr die Worte durch den Kopf. Sie schüttelte sich. Cain wusste nur, dass es gefährlich war. Dass Angst ihr ständiger Begleiter geworden war.
Skye war fünfzehn.
Alt genug, um die Wahrheit zu kennen.
Sie waren die Letzten.
Weiße Hexen – eine Linie, die über Jahrhunderte bestanden hatte und nun fast vollständig ausgelöscht war. Vor Jahren hatte ein schwarzer Hexenzirkel ihren gesamten Konvent abgeschlachtet. Die schwarzen Hexen handelten nicht aus der Verteidigung heraus. Ihr Konvent war friedlich gewesen. Mit der Natur verbunden. Mit der Reinheit und dem Licht. Sie handelten aus Gier. Und aus Angst.
Weiße Magie ließ sich nicht beugen. Sie konnte nicht verdorben werden, nicht korrumpiert werden. Sie folgte keinem Willen außer dem Gleichgewicht selbst. Und genau das machte sie gefährlich. Für jene, die Macht wollten. Für jene, die glaubten, alles kontrollieren zu können.
Der Zirkel, der sie jagte, war verdorben bis ins Mark. Schwarze Hexen, die sich von dunklen Versprechen und uralten Ritualen leiten ließen. Sie suchten weiße Magie, um einen mächtigen Dämon wiederzuerwecken – ein Wesen, das längst hätte vergessen bleiben sollen. Welches aus Hass und Tot geboren werden sollte. Doch dafür brauchten sie Opfer. Reine Magie. Lebendig.




Und jetzt gab es niemanden mehr.
Außer ihnen.
Seit Jahren waren sie auf der Flucht.
Die Familie hatte gelernt, unsichtbar zu sein. Keine Feuer in der Nacht – Rauch verriet den Standort. Keine Namen – Namen konnten verfolgt werden. Keine Spuren, keine Bleibe, keine Wurzeln. Sie wechselten Orte wie andere Menschen Kleidung. Wälder, Gebirge, verlassene Siedlungen. Immer weiter. Immer in der Hoffnung, dass dieser Ort der letzte sein würde.
Doch Hoffnung war ein Luxus.
Die Wildnis gab ihnen, was sie konnte – Beeren, Schnee zum Schmelzen, gelegentlich ein erlegtes Tier. Es war nie genug. Aber es hielt sie am Leben.
An diesem Tag war es Skye, die es zuerst spürte.
Ein Ziehen tief in ihrer Brust.
Nicht Schmerz – Magie.
Sie hielt abrupt inne. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Das Gefühl war vertraut und doch neu. Dunkel. Schwer. Als würde etwas Fremdes in die Welt greifen und sie berühren.
Dunkelheit.
Nicht mehr weit entfernt. Ganz in der Nähe.
Sie war nicht einfach nur da – sie drängte. Strahlte Finsternis aus, sickerte wie Gift durch die Luft. Skye presste die Lippen zusammen, versuchte ihre Angst zu kontrollieren. Doch sie wusste es längst.
„Sie sind hier“, flüsterte ihre Mutter, kaum hörbar, als sie Skyes Reaktion bemerkte. Ihr Herzrasen wahrnahm.
Skye sah zu ihr auf. Das Gesicht ihrer Mutter war ruhig, aber ihre Augen verrieten alles. Wachsamkeit. Entschlossenheit. Und etwas, das Skye erst viel später als Abschied erkennen würde.
Ihr Vater handelte sofort.
Er war immer so gewesen. Ruhig. Überlegt. Selbst in Momenten, in denen Panik nahelag, bewahrte er eine Gelassenheit, die Skye bewunderte. Er sprach nicht laut, stellte keine Fragen. Er bewegte sich einfach.
Mit einer knappen Geste bedeutete er ihnen, ihm zu folgen.
Sie verließen den schmalen Pfad und bewegten sich tiefer in das felsige Gelände. Der Schnee lag hier ungleichmäßig, Geröll ragte aus dem Weiß hervor. Schließlich blieb ihr Vater vor einer schmalen Felsspalte stehen. Sie war kaum sichtbar, von Schnee und Steinen verdeckt, ein natürlicher Riss im Berg.
Ihr Versteck.
Für genau diesen Fall.
„Ihr beide bleibt hier“, sagte ihre Mutter leise und kniete sich vor ihnen nieder. Sie nahm Skyes Gesicht in die Hände. Die Finger zitterten leicht, waren aber warm. Vertraut. Skye presste ihre Lippen zusammen, um nicht zu weinen.




„Egal, was ihr hört“, flüsterte ihre Mutter. „Egal, wie lange es dauert. Ihr kommt nicht heraus.“
„Mama…“, setzte Skye an.
„Du bist stark“, unterbrach sie sie sanft. „Stärker, als du glaubst.“ Ihr Blick glitt zu Cain. „Und du musst deinen Bruder beschützen. Immer.“
Skye nickte.
Ein stilles Versprechen.
Cain klammerte sich an ihren Ärmel, seine Augen groß vor Angst. Skye zog ihn an sich, legte schützend die Arme um ihn und zwang sich, ruhig zu atmen.
Die Eltern richteten sich auf.
Kein weiteres Wort.
Sie gingen. Einfach so. Skye wollte nach der Hand Ihrer geliebten Mama greifen. Hielt sich aber zurück.
Skye wusste, was das bedeutete. Wusste tief im Inneren was es bedeutete sie gehen zu sehen.
Die Magie schlug wie ein Sturm über sie herein, noch bevor sie die Schreie hörte. Dunkle Zauber rissen durch die Luft, ließen den Boden vibrieren. Die Berge warfen die Geräusche zurück – verzerrt, grausam, unbarmherzig.
Cain presste das Gesicht an ihre Schulter. Skye hielt ihn fest, unterdrückte jede Bewegung, jedes Zittern. Er weinte lautlos, seine Tränen durchnässten ihren Ärmel.
Sie durften keinen Laut von sich geben. Streichelte mit einer Hand über seinen braunen Schopf.
Tränen liefen auch über Skyes Gesicht. Sie froren auf ihrer Haut, während sie zählte. Atemzüge. Herzschläge. Sekunden, die sich dehnten. Minuten, die zu Stunden wurden.
Dann wurde es still.
Zu still.
Skye wartete. Lange. Sehr lange.
Hielt ihren Bruder fest.
Auch als sein Schluchzen leiser wurde.
Und irgendwann wusste sie es.
Ihre Eltern würden nicht zurückkommen.
Sie waren allein. Ihre Eltern hatten sie verlassen. Sie konnte es in ihrem Herzen spüren. Dieser Verlust. Die Trauer. Tränen flossen ungehemmter über ihre Wangen.
In diesem Moment heulte ein eisiger Wintersturm in der Ferne auf. Er fegte über die Berge, riss an den Felsen, ließ die Welt erzittern. Und tief in Skye regte sich etwas.
Etwas zog sich zurück.
Ihre Magie verschloss sich. Wickelte sich ein, wie ein verletztes Tier. Sie spürte, wie etwas zerbrach – nicht vollständig, aber genug, um nie wieder ganz zu sein wie zuvor.
Skye verstand es damals nicht.
Aber sie würde es lernen.
Denn in dieser Nacht starb nicht nur ihre Familie. Auch ihre Magie starb mit dem Verlust. Sie würde nie wieder so sein wie zuvor.



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