Kapitel 30
Sie waren gerade nach draußen geeilt.
Das Chaos des Feueralarms lag hinter ihnen, Sirenen verklangen in der Ferne, während sich die Gäste zerstreuten. Kael stand einen Moment still, ließ den Lärm an sich vorbeiziehen und schloss die Augen.
Ein ungutes Gefühl bereitete sich aus. Ein Ablenkungsmanöver.
Kael versuchte Liv zu finden.
Liv.
Er atmete tief ein.
Da war sie.
Ihr Duft – warm, vertraut, unverwechselbar – lag noch in der Luft, schwach, er verflüchtigte sich bereits. Den schwächer werdenden Duft verfolgte er bereits. Kael setzte sich ohne zu zögerm in Bewegung. Asher und Caden folgten ihm, Mira dicht hinter ihnen.
Der Weg führte sie fort von den beleuchteten Bereichen, hinein in einen dunkleren Abschnitte. Dort wo Licht nicht hineinkam. Die Geräusche der Menschen verblassten, wurden durch das Rascheln von Blättern und das ferne Rufen der Nacht ersetzt.
Dann – nichts.
Kael blieb abrupt stehen.
Nein!
Der Duft brach ab, als hätte jemand ihn mit einem Messer durchschnitten.
Er sog erneut Luft ein, schärfte seine Sinne bis zum Äußersten. Er machte keinen Fehler. Den Duft der er gefolgt war, ist verschwunden. Er versuchte es in einer anderen Richtung. Versuchte dort etwas aufzuschnappen. Doch auch da war nicht. Die Spur war einfach… weg.
Gleichzeitig zog sich etwas in seiner Brust schmerzhaft zusammen.
Das Band. Kael fühlte wie es langsam verstummte. Als ob es von irgendwas abgeschirmt wird.
Kaels Hände ballten sich zu Fäusten. Ein tiefes, unkontrolliertes Knurren stieg aus seiner Kehle auf, ehe er es mit purer Willenskraft unterdrückte.
Reiß dich zusammen.
Jetzt durfte er nicht die Kontrolle verlieren. Nicht jetzt. Nicht wenn Liv sie brauchte.
„Er hat sie abgeschirmt“, sagte Asher leise. „Magie. Nicht der Gestaltwandler sondern die Hexe.“
Mira nickte angespannt. „Warum hilft sie ihn?“
Asher zischte: „Sie ist eine Hexe. Für den richtigen Preis machen die alles.“
Kael öffnete die Augen. Zorn brannte darin, kalt und fokussiert. „Er spielt auf Zeit. Sie können uns nicht ewig von einander abschirmen. Keine Hexe hat si eine lange Ausdauer.“
Und er gewann einen großen Teil seiner Kontrolle wieder. Bis Ihn Caden wieder wütend machte.
„Sollte er als ihren Gefährten nicht besser auf sie aufpassen …“ murmelte er leise, fast zu sich selbst. Aber Kael hörte ihn trotzdem. Blitzschnell drehte er sich um und ehe er sich versah schlug er Caden ins Gesicht. Dieser taumelte Rückwärts, spuckte Blut und knurrte.
„Den ersten hattest du frei Ardent. Und das nur weil ich das nicht hätte sagen sollen. Zumindest nicht in dieser Situation. Aber wahr ist es trotzdem.“
Und Luna steh ihm bei. Er wusste das Caden recht hatte. Er war nicht da gewesen.
Die Stunden zogen sich endlos hin.
Der Wald verschluckte jedes Geräusch. Pfade wurden zu Irrwegen, klare Spuren zu Trugbildern. Der wahnsinn hielt bereits jetzt einzug.
Kael ließ sein Rudel fächerförmig ausschwärmen, koordinierte jede Bewegung über den Mindlink, zwang sich zur Kontrolle, obwohl jede vergehende Minute sich wie ein Messer in seine Nerven schnitt.
Das Band zu Livia blieb gedämpft.
Noch immer abgeschirmt von der Magie der Hexe.
Kael spürte, wie Verzweiflung an ihm nagte, wie der Wolf unter seiner Haut unruhig wurde, drängte und tobte. Er wollte zu seiner Gefährtin. Er zwang ihn nieder. Noch. Im Moment brauchte er noch einen klaren Verstand.
Mira trat an seine Seite und hielt ihn am Arm fest, als sie sah, wie nah er daran war, die Kontrolle zu verlieren.
„Hör mir zu“, sagte sie ruhig und eindringlich. „Du bist ihr Gefährte. Egal, wie gut die Hexe das Band abschirmt – du kannst sie finden.“
Kael sah sie an, atmete schwer. Sein Wahnsinn dicht an der Oberfläche.
„Konzentrier dich“, fuhr Mira fort. „Zieh dich zurück. Hör auf zu suchen. Fühle.“
Er schloss die Augen.
Zog sein Bewusstsein zurück, ließ den Lärm des Waldes, die Stimmen des Rudels, selbst den Zorn verblassen. Er tauchte tiefer – dorthin, wo das Band begann. Wo Instinkt keine Worte brauchte. Konzentrierte sich nur auf seine innere Seele, auf das Band.
Und dann spürte er es.
Kein klares Bild von der Verbindung Livia.
Sondern ein sanftes, flackerndes Leuchten.
Neu. Zerbrechlich und … lebendig?
Sein Atem stockte.
Ein Welpe.
Seine Seele … Ein kleines, wachsendes Leben, das an sie beide gebunden war. Welchen heute morgen entstanden war.
Kael öffnete die Augen. Wilde Entschlossenheit in seinem Blick.
Der Wolf brach hervor.
Die Verwandlung kam fließend und doch gewaltsam. Knochen verschoben sich, Muskeln spannten sich neu, Fell brach durch Haut. In Sekunden war Kael nicht mehr Mensch, sondern Alpha – vollständig, ungehemmt.
Jetzt spürte er es deutlicher.
Das zweite Band.
Er folgte dem Sog. Der Spur.
Halte durch, dachte er immer wieder. Halte einfach durch.
Hast du etwas?
Ashers Stimme klang angespannt über den Mindlink.
Folgt mir.
Kael beschleunigte. Ließ Mira hinter ihm zurück. Je näher er der Quelle kam, desto stärker zog es ihn vorwärts. Und dann – endlich – war auch das Gefährtenband wieder da. Schwach, zitternd, aber lebendig.
Der Duft traf ihn wie ein Schlag.
Livia.
Angst lag darin. Verzweiflung. Schmerz.
Sie lebt
„Wir müssen uns beeilen.“
Die Nacht hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wolken schoben sich vor den Mond, die Dunkelheit wurde dichter, schwerer. Das dichte Blätterdach nahm die übrigen Mondstrahlen gefangen. Die Finsternis umhüllte ihn.
Kael hob den Kopf. Aber er musste nichts sehen. Er fühlte den gesamten Wald. Jeden Zweig, jeden Stumpf, jeden Grashalm und jeden Stein unter und über ihn.
Das Ziehen in seiner Brust war nun unerträglich.
Sie braucht mich.
„Ich habe sie gleich“, knurrte er.
Er rannte schneller, als er je gerannt war.
Der Wald verwandelte sich in ein flüchtiges Meer aus Schatten. Äste peitschten gegen seinen Körper, der Boden bebte unter seinen Läufen. Das Band zog ihn wie eine unsichtbare Leine vorwärts.
Dann – ein Blitz.
Grelles Licht durchschnitt den Himmel.
Ein Magiestrahl. Von der Hexe?
Ein Leuchtfeuer. Warum?
Kael wusste es instinktiv.
Dort musste er hin.
Er ignorierte Schmerz, Erschöpfung, alles außer dem Ziel. Dann erreichte ihn der Geruch von Blut.
Livias Blut.
Ein Knurren, so tief und wild, dass es den Wald erzittern ließ, brach aus seiner Brust.
Als er die Lichtung erreichte, sah er es.
Marek.
Er saß auf Liv, seine Klauen erhoben, bereit zuzuschlagen.
Und Livia – verletzt, aber lebend.
Erleichterung durchzuckte Kael – nur um im nächsten Augenblick in blanken Zorn umzuschlagen, als Marek die Klauen herabfahren ließ.
Kael dachte nicht.
Er handelte.
Mit voller Wucht stürzte er sich auf seinen Gegner, riss ihn von Ihr herunter, noch bevor die Kralle Livia erreichen konnte. Der Aufprall ließ den Boden aufbrechen.
Noch im Fallen begann Marek sich zu verwandeln.
Fell brach hervor, Knochen knackten. Ein mächtiger Wolf sprang Kael entgegen – sein Gegenstück, merkte er an. Gleiche Größe. Gleiche Kraft. Nur die Augen waren anders.
Wahnsinn und Besessenheit loderte darin.
Natürlich. Ein Gestaltwandler konnte jede Form annehmen, wenn er nur lange genug Nähe gehabt hatte.
Der Gestaltwandler lachte – selbst in Wolfsgestalt klang es falsch. Murmelte immer wieder, dass es ihre Schuld sei. Nie seine.
Kael knurrte.
Tief und tödlich. Er hatte es gewagt seine Gefährtin anzufassen. Dafür würde er bezahlen. Er mag sich vielleicht in sein Gegenstück verwandelt haben aber ihm fehlte eindeutig die Erfahrung und der Wahnsinn würde ihn blind vor falschen Bewegungen machen.
Aus den Augenwinkeln sah er sein Rudel auftauchen. Mira stürzte zu Livia, legte ihr einen Mantel um die Schultern.
Und dann stürzten sich die beiden Wölfe mit Klauen und wilden Zähne fletschen aufeinander.


































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