Kapitel 8
Die Straße war ruhiger als erwartet.
Die Frühlingswärme schwand langsam um der herbstlichen Zeit Platz zu machen.
Der Lärm des Restaurants lag bereits hinter ihnen, ersetzt durch gedämpfte Schritte, das entfernte Rauschen der Stadt und das warme Licht der Laternen, das sich auf dem Asphalt spiegelte. Kael ging neben ihr, den Mantel offen, die Hände locker an den Seiten, aber seine Aufmerksamkeit vollständig bei ihr. Wie könnte er seine Aufmerksamkeit auch jemals von ihr abwenden, jetzt wo er seine Schicksalsgefährtin gefunden hat.
„Ist Ihr Hotel weit von hier?“, fragte er.
„Nein“, antwortete Livia. „Sie mussten mich nicht begleiten. Ich bin schon ein großes Mädchen, wissen sie?“
Er musterte sie von Kopf bis Fuß.
„Das weis ich.“
Oh ja, diese Formen unter diesem figurbetonten Kleid konnte man nicht übersehen.
Ein kleines Schweigen trat ein. Kael ließ es auf sich wirken, bevor er wieder das Wort ergriff.
„Mira mag Sie“, sagte er schließlich.
Livia sah überrascht zu ihm. „Das war schnell, ich habe doch gar nichts getan.“
„Sie irrt sich selten in der Persönlichkeit eines Menschen.“
Ein leiser Laut, fast ein Lachen, entwich ihr. „Das beruhigt mich.“
„Warum?“
„Weil Geschwister oft ehrlicher sind als jedes Team.“
Kael nickte. „Das stimmt.“
Er merkte wie sie sich etwas in sich zurückzog, weit entfernt mit ihren Gedanken.
Sie gingen weiter. Ihre Schritte passten sich unbewusst aneinander an.
„Sie bewegen sich gern durch Städte“, sagte er nach einer Weile. „So, als würden Sie sie lesen.“
„Man lernt schnell, wenn man neu anfangen muss.“ murmelt sie vor sich her. Dann stockte ihr der Atem. Er merkte schnell das sie diesen Satz nicht aussprechen wollte.
Livia schaute zu ihm auf. Zweifelsohne bereute sie diesen kleinen Satz bereits.
Ab diesen Punkt wollte er nicht mehr locker lassen. Er wollte mehr über sie und Ihre Vergangenheit wissen. Und es gabe eine. Das war mehr als deutlich.
Also fragte er so ruhig wie es nur ging: „Woher kommen Sie?“
Sie zögerte kaum merklich. „Aus dem Süden.“
Zu vage.
„Woher genau?“, hakte er nach, seine Stimme unverändert. Er wollte keinen Druck ausüben, konnte seine Gereiztheit aber nicht länger kontrollieren. Er wollte, nein musste, alles über sie wissen.
Ganz ruhig. Erzwinge die Antworten nicht. Das wird dir bei ihr nicht helfen. Sie ist sowieso schon so Scheu wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
Livia atmete ein, dann aus. Ihr Blick wanderte nach vorn, nicht mehr zu ihm. „Ich war viel unterwegs.“
Kael bemerkte es sofort.
Die leichte Veränderung in ihrer Haltung.
Wie ihre Schultern sich ein Stück nach innen zogen.
Wie sie den Abstand zwischen ihnen unbewusst vergrößerte, nur um ein paar Zentimeter.
Sie zog sich zurück und wollte sich schützen.
„Beruflich?“, fragte er dennoch.
„Auch“, sagte sie. Ihre Antworten wurden kürzer.
Nach dieser Antwort zeriss ein weiterer Faden seiner Geduld.
Vor dem Hotel blieb sie stehen.
„Hier bin ich“, sagte Livia und griff nach ihrer Tasche, als wäre sie bereits halb verschwunden.
Und das war es. Sie wollte einfach hineingehen ohne seinen Wissensdurst ihr gegenüber zu stillen.
Kael ließ sie nicht gehen.
„Nein“, sagte er ruhig. Noch blieb er ruhig. Wollte weiterhin den Gentlemen mimen.
Sie sah auf. Die Spannung in ihrem Blick war jetzt offen.
„Was ist?“, fragte sie scharf.
Kael trat einen Schritt näher umd die Distanz zu verringern. Sie hielt den Atem an.
„Ich will wissen, woher Sie kommen“, sagte er direkt.
Ihre Schultern spannten sich. „Das geht Sie nichts an.“
„Doch“, entgegnete er sofort. Kein Zögern mehr. „Es geht mich sehr wohl etwas an.“
„Sie überschreiten gerade eine Grenze.“
„Nein“, sagte Kael leise. „Ich stoße an eine, die jemand anderes errichtet hat.“
Das war der Treffer.
Sie wandte den Blick ab. „Lassen Sie es.“
Der Wolf riss weiter an seine Leine.
Sie weicht aus. Sie versteckt sich.
Aber ich bin ihr Gefährte. Sie sollte sich niemals vor ihm verstecken.
Kaels Kontrolle zerbrach.
„Wer hat Ihnen wehgetan?“, fragte er hart. Er musste es wissen. Musste wissen gegen wen er bei ihr kämpfte. Wen er vernichten musste, damit sie sich sicher fühlte und in seine Arme sank.
Livia fuhr herum. „Hören Sie auf.“
„Nein.“
Ein Wort. Und dieses war endgültig.
Sie wollte einen Schritt zurückgehen. Kael ließ es nicht zu. Er lenkte sie seitlich, weg vom Licht, in die schmale Nische neben dem Hotel, wo die Geräusche der Stadt gedämpft wurden und nur noch ihr Atem zwischen ihnen existierte.
Drängte sie in die Ecke wie ein Wolf seine Beute.
„Das ist nicht-„, begann sie.
Es reichte.
Noch bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte küsste Kael sie einfach.
Und es war wie im Traum.



































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