Verbotene Tänze

Zuhause angekommen, gehe ich – ohne mich umzuziehen – direkt ins Bett.
Mein Herz klopft wild, mein Kopf ist voller Bilder von Danny. Ich drücke mich an mein Kissen, schließe die Augen und denke an sein Lächeln, seine warmen Hände, seine sanfte Stimme.
Ein stilles, verliebtes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus, bevor ich einschlafe.
Am nächsten Morgen wache ich früh auf.
Zum ersten Mal seit Langem freue ich mich wieder wirklich auf die Schule. Ich richte meine Haare, ziehe meine Uniform an und gehe durch das Portal.
Kaum trete ich hindurch, steht er schon da – Danny.
Er wartet auf mich. Ein breites, charmantes Grinsen und zwei Tickets in der Hand.
Ich renne auf ihn zu, und als wir uns gegenüberstehen, lächeln wir beide – einfach so.
„Du bist spät dran“, sagt er grinsend.
„Tickets“, sagt er stolz und zeigt sie mir.
Ich blicke genauer hin – Tanzkurs.
Heute ist Projekttag!
„Ich dachte, du würdest vielleicht mitkommen.“
Ich lächle verlegen. „Ich kann gar nicht tanzen … aber es wird sicher Spaß machen.“
Dann deutet er mit den Augen unauffällig nach rechts. Martina steht wie immer am Rand des Schulhofs, ihre Arme verschränkt, ihr Lächeln zu süß, zu falsch. Und plötzlich hält sie das gleiche Ticket in der Hand.Sie kommt auf uns zu, als wäre nie etwas gewesen – als hätte das, was im Galaxy passiert ist, nie existiert. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Wie kann sie so tun, als wäre alles normal? Ich spüre sofort die Blicke von Martina. Martina kommt mir näher entgegen, dieses spöttische Lächeln auf den Lippen.
Sie mischt sich ein:
„Dann sind wir ja schon zu dritt!“
Dannys Blick wird kühler.
„Na, wiso so spät?“, sagt sie schnippisch.
„Hast du etwa einen Verehrer gefunden?“
Ich atme tief durch und versuche, cool zu bleiben.
„Vielleicht. Was geht es dich an?“
Martina lacht, ein kaltes, gehässiges Lachen.
„Ach, Jemeah. Du bist so naiv. Glaubst du wirklich, jemand wie du könnte jemanden beeindrucken?“
Ich spüre, wie ihre Worte stechen, wie Nadeln unter meiner Haut. Aber ich lasse sie nicht sehen, dass sie trifft.
Danny schmunzelt, aber seine Worte haben Gewicht:
„Und willst du Sie wieder zum Weinen bringen, deine einzige Freundin.“
Sein Ton ist freundlich – aber unmissverständlich.
Martina weicht seinem Blick aus.
Ich sage nichts. Ich starre Martina einfach nur an. Ihr süßes, falsches Lächeln brennt sich in mich ein.
„Kommt“, sage ich schließlich leise.
Ich klammere mich an Dannys Arm, so fest, dass ich seine Wärme spüre – diese Sicherheit, die ich sonst nie habe. Martina folgt uns, schweigend. Ich lasse sie. Vielleicht, weil ich ihr süßes Gift schon gewohnt bin. Vielleicht, weil ich einfach zu müde bin, um zu hassen. Ich merke, wie sie mich ansieht – dieser schuldige, verletzte Blick, der zwischen Neid und Reue schwankt. Danny zieht mich ein Stück näher zu sich und sieht sie mit einer ruhigen Überlegenheit an. Auf dem Weg zum Tanzkurs spüre ich Martinas Augen in meinem Rücken.
Sie sagt kein Wort, aber ihre Anwesenheit ist schwer – wie ein Schatten, der nicht vergeht.
Ich versuche, mich auf Danny zu konzentrieren.
Er erzählt, dass er kaum Tanzerfahrung hat, und lacht darüber, wie unbeholfen er früher war.
Ich lache mit – echt, befreit – und für einen Moment vergesse ich Martina. Der Tanzsaal ist groß, hell, erfüllt von Musik und buntem Licht.
Der Tanzlehrer – Ricardo – begrüßt uns mit einem Rede, strahlenden Lächeln und begleitet von einem Dämon in Tanzschuhen!
„Willkommen im Tanzkurs!
Heute lernen wir das manche Lieder und Schritte Türen öffnen; die nicht für jede Hand und Fuß bestimmt sind.
Wissen ohne Reife wird zu Zauber ohne Seele.
Wer Kraft sucht, ohne Weisheit, findet Fesseln statt Freiheit.
Der Tanz ist rein, doch die Absicht gibt ihm Richtung. Ohne Bewusstsein tanzt man nicht — man wird getanzt.
Hier das Buch der verbotenen Tänze
innere Schatten oder Begierden, die man zu früh berührt, bevor man versteht, was sie sind.“
Ein Magisches zeichen erschien, ein starkes moralisches Dreieck:
Wissen – Unwissen – Verführung.
Er predigte weiter:
„Macht, die nicht verstanden wird, wird zu Fessel!
Nutzen wir dies um die Kreativität, die ohne Bewusstsein genutzt wird, auszunutzen um Schatten hervorzurufen!
Das Buch und die Tänze stehen sinnbildlich für eure Talente, Energie oder Schöpfungskraft –
also das, was jeder von euch in sich trägt.
Doch wenn jemand sie nur aus Neugier, Stolz oder Gier nutzt, wird diese Kraft unkontrollierbar und zerstört am Ende den, der sie auslösen wollte.“
Der Demon erwiderte:
„Die Naiven: Tanzen, weil es Spaß macht, sie verstehen die Folgen nicht.
Die Wissenden: Kennen die Gefahr und tragen Verantwortung.
Die Versucher und Manipulatoren : Nutzen die Unwissenheit der anderen, um sie zu binden.
Seid ihr bereit die Kunst des Tanzen zu entdecken! Sucht euch einen Partner!
Forbidden Dance!
The Dance That Must Not Be Done !
öffnet das Tor zur Unterwelt, beschwört euren Dämon!“
Ich werde nervös.
Tanzen – als Macht und Manipulation ?
Ich bin steif, unsicher und irgendwie gefällt es mir nicht. Doch Dannys Hand findet meine, und er zwinkert mir zu.
„Wir schaffen das schon“, sagt er leise. „Zusammen.“
Langsam beginne ich, mich zu bewegen.
Ricardo zählt laut den Takt, und meine Füße folgen.
1, 2, Shopping Cart .
1, 2, The Moonwalk
1, 2, Electric Slide
Es klappt – irgendwie.
Was wir Tanzen wird erschaffen und hervorgerufen, wie lustig !
Mit jedem Schritt löse ich mich ein wenig mehr von dem unguten Gefühl.
Ich lache, drehe mich, und für einen Moment fühle ich mich leicht.
Frei.
Ich sehe zu Martina hinüber. Sie tanzt mit einem anderen Schüler. Und sie lächelt – ehrlich.
Vielleicht ist ja doch nicht alles verloren.
Vielleicht … können wir eines Tages wieder normale Freunde sein. Während wir unchoreografiert tanzen, lachen wir wie zwei Kinder, die für einen Moment vergessen haben, dass die Welt voller Schatten ist. Danny zieht mich plötzlich an sich, seine Hände fest, aber warm.
„Wie wäre es“, fragt er leise, „wenn wir etwas Eigenes erschaffen?“
Ich werde rot.
Die Frage trifft mich unerwartet tief. Ich schweige, denn meine Welt ist so düster – zu dunkel, um an Schönes zu glauben. Doch Danny sieht mich an, mit diesem ehrlichen, unerschütterlichen Blick.
„Mach dir keine Sorgen“, sagt er. „Jeder hat seine dunkle Welt. Du musst nur an das denken, was dir Freude macht – an dich selbst, so wie du bist. Mit deinen Katzenpantoffeln.“
Ich kann nicht anders, als zu lachen. Ein echtes, herzvolles Lachen, das mich überrascht.
Ich schließe die Augen – und plötzlich verwandelt sich die Welt um mich herum.
Pastellfarben breiten sich aus – Rosa, Lila, Hellblau – sie glitzern und tanzen in der Luft.
Aus Licht und Fantasie entsteht eine gewaltige Festung, strahlend und doch zart.
Ich stehe darin, in einem rebellischen Prinzessinnenkleid, funkelnd wie Sternenstaub.
In meinen Händen zwei Äxte – mächtig, schön, bereit, mich zu verteidigen. Um mich herum erheben sich Mauern aus Magie und Hoffnung.
„Das ist… unglaublich“, flüstert Danny.
Er hebt seine Hand, und über der Festung erscheinen Blitze und selbstständige magische Waffen – Schilde aus Energie, Schwerter aus Licht.
Er fügt Zauberzeichen hinzu, komplex und präzise, und plötzlich lebt die ganze Welt um uns herum. Wir tanzen weiter – mitten in dieser Fantasie, die wir gemeinsam erschaffen haben. Musik und Magie verschmelzen zu einem einzigen Herzschlag. Dann beugt er sich zu mir und fragt mit leiser Stimme:
„Willst du meine Welt sehen?
An was hast du gedacht, Jemea?
Ich öffne die Augen und antworte – diesmal mit der Stimme meiner inneren Kriegerin:
„Ich werde euch alle vernichten! Euch und eure Ideologie der Schändung! Ich werde euch ausrotten, bis zum Letzten! Der Sieg gehört mir!
Denn das Gesetz des Schwächeren erlaubt es, sich dem Stärkeren zu widersetzen!“
Mein Ruf hallt über die Festung, und plötzlich steht Danny an meiner Seite – vorne, stolz, umgeben von Blitzen und Sturm.
Er ruft: „Wer meine Jemea sucht, muss zuerst an mir vorbei! Attacke!“
Ich bin überwältigt – von seiner Fantasie, seinem Mut, seiner Bereitschaft, in meiner Dunkelheit zu treten, ohne Angst. Eine Welle von Dankbarkeit und Zuneigung durchströmt mich. Ich lasse mich fallen, spüre seine Nähe, seine Wärme.
Er grinst – dieses sanfte, verschmitzte Grinsen – und flüstert:
„Jemea… es ist alles gut.“
Dann küsst er mich auf die Stirn. Ein kurzer Moment, aber er brennt sich in mich ein.
Wir stehen auf der Anhöhe, den Blick auf die gegnerische Seite gerichtet. Dort, im Nebel, bewegen sich dunkle Gestalten – groß, verzerrt, mit Hörnern, die im flackernden Licht glühen.
Furchteinflößende Schattenwesen.
Danny zieht sein Schwert, ich meine Äxte.
Unsere Blicke treffen sich – und ohne ein weiteres Wort stürzen wir uns in den Kampf. Mit jedem Schlag lodert Magie durch unsere Körper.
Blitze peitschen über den Himmel, als unsere Waffen die gehörnten Kreaturen treffen. Eines nach dem anderen fällt. Nach jedem Sieg posieren wir lachend, als wären wir Helden in einem Spiel.
Danny ruft: „Zwei gegen die Dunkelheit – und die Dunkelheit verliert!“
Ich ergänze mit einem frechen Grinsen: „Licht bricht jedes Horn!“
Wir lachen, rufen nach jedem Treffer einen neuen Slogan –
„Schlag des Schicksals!“
„Chaos hat Pause!“
„Team Jemea – 1, Dämonen – 0!“
Es ist albern, wild, befreiend.
Danny ist beeindruckt, wie detailreich meine Fantasie die Monster formt.
„Wow, Jemea“, ruft er atemlos, „deine Vorstellungen sind irre – wie in einem Videospiel! Wie machst du das?“
Ich will antworten, doch meine Stimme versagt.
Denn ich weiß genau, wer diese Wesen wirklich sind. Sie tragen die Gesichter derer, die mich geprägt und missbraucht haben – die Götter, die in meinem Schloss an den Wänden hängen, mein eigenes Blut, meine Ahnen, meine Peiniger, der Tyrann selbst. Ihre Hörner sind sein Zeichen.
Sie kommen aus Wasser, Himmel und Wald – aus jeder Ecke meiner Vergangenheit.
Und plötzlich…kippt alles.
Was als Spiel begann, wird bitterer Ernst.
Etwas in mir reißt. Die Freude verwandelt sich in Zorn, der Zorn in Raserei. Ich sehe nur noch rot.
Mein Atem geht stoßweise.
Ich hebe die Axt – und schlage, schlage, schlage.
„Ich hasse euch! Sterbt! Mehrmals!“
Das Blut der Wesen spritzt, warm auf meine Haut.
Ich spüre es – und es fühlt sich zugleich befriedigend und abscheulich an. Jeder Hieb ist ein Schrei, jeder Schlag ein Ventil meiner jahrelangen Qual. Danny kämpft an meiner Seite, umgeben von Blitzen, seine Bewegungen präzise, kontrolliert, während meine blind werden und ungezähmt. Seine Augen glühen vor Sorge, doch ich bin längst gefangen – in meinem eigenen Strudel aus Hass, Schmerz und Sehnsucht nach Rache.
Ich tanze – zerstörerisch, voller Emotion –
jeder Schritt ein Ausbruch, jede Bewegung ein Gebet der Wut. Der Boden unter mir bebt, die Luft riecht nach Feuer und Asche.
Ich höre Stimmen – sie rufen meinen Namen, flehen mich an aufzuhören.
Doch ich kann nicht. Ich will nicht.
Dann plötzlich – Dunkelheit.
Etwas hält mich fest. Eine Umarmung.
„Jemea, es reicht!“
Dannys Stimme. Nah. Echt.
„Du verlierst dich!“
Seine Worte sind wie ein Blitz in meinem Inneren.
Ich halte inne, keuche, und starre ihn an.
In seinen Augen sehe ich nichts als Mitgefühl.
Und ich..in meinen – Scham. Tränen.Verwirrung.
Langsam verzieht sich der rote Nebel. Ich sehe die Zerstörung, die ich angerichtet habe. Der Tanzsaal liegt in Trümmern. Wände gespalten, Böden verbrannt. Der magische Nebel hängt schwer in der Luft. Ricardo, der Tanzlehrer, steht blass am Rand. Einige Schüler schreien, andere fliehen.
Das war nicht mer nur noch Vorstellungskraft.
Nur Danny bleibt und haltet mich fest! Und ein paar Mitglieder des Schülerrats – darunter Liliana, die Älteste. Sie hebt die Hand, flüstert uralte Worte – und ein goldener Schleier breitet sich aus, löscht Spuren, heilt Wunden, verdrängt das, was geschehen ist. Die Stimmen der Schüler werden laut.
„So jemand darf frei herumlaufen?“
„Das war ungeheuerlich!“
Liliana blickt sie mit eiskalter Autorität an.
„Genug!“
Ihre Stimme schneidet durch den Lärm.
„Niemand spricht darüber. Jemea ist Teil des Schülerrats – aus einem bestimmten Grund.“
Ich sitze da, auf dem Boden, das Zittern will nicht aufhören. Ich verstehe nicht, warum sie mich verteidigt. Ich will es fragen, doch sie legt mir eine Hand auf die Schulter.
„Alles gut, Jemea. Niemand wird etwas sagen. Du hast die Rechte und Schutz des Schülerrats. Geh nach Hause. Ruh dich aus.“
Sie bittet Danny, mich zum Portal zu bringen.
Ich stehe da, umgeben von Trümmern und Asche, und fühle mich leer. Danny nimmt mich in den Arm, hebt mich sanft hoch. Seine Stimme ist kaum ein Flüstern.
„Es ist vorbei.“
Ich nicke schwach. Er trägt mich durch den zerbrochenen Saal, durch das Flimmern der verblassenden Magie, zurück zum Portal. Er fragt ob er mich begleiten soll. Bevor ich antworten konnte, hält Liliana ihn plötzlich auf. Ihr Blick wird dunkel, beinahe ängstlich. Ich wusste wiso.
„Danny…“, sagt sie leise.
„Begleite sie nicht.“
Er runzelt die Stirn. „Wie meinen Sie das?“
Liliana sieht mich mit traurigen Augen an, dann das Portal. Ihre Stimme klingt fast flüsternd, als spräche sie gegen ein unsichtbares Gesetz.
„In ihrem Portal liegt ein uraltes Siegel.
Es untersagt jede Begleitung. Keiner darf ihr folgen – nicht einmal ich weiß, warum.“
Ein Schatten huscht über ihr Gesicht.
„Ich kann dir nur sagen, Danny…wer es trotzdem wagt, kehrt nicht zurück.“
Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, ich musste es nicht selbst sagen.
Danny sieht sie an – fassungslos, verwirrt –
doch Liliana wendet sich ab. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Ich trete rückwärts in das Portal, mein Blick traurig auf Danny gerichtet, der noch immer dort steht, zwischen Licht und Finsternis. Das Portal schließt sich. Und mit einem letzten, lautlosen Flackern trennt sich meine Welt von der seinen und der Schule. Bevor ich hindurchtrete, höre ich ihn leise sagen:
„Ich bleib trotzdem dein Freund, Jemea. Egal was passiert.“
Und dann verschwindet die Welt hinter mir im Nichts.































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