Kapitel 5

Kapitel 5


Der kleine Fuchs sitzt am Fenster.

Er beobachtet die Vögel, die Hummeln und die Schmetterlinge.

Ein großer Müll-LKW arbeitet sich langsam Haus für Haus durch die Straße und die Müllmänner springen munter und fröhlich pfeifend vom Wagen zu den Mülltonnen.

Zur Mittagszeit kommt Maja fröhlich hopsend von der Schule nach Hause.

Heute geht Maja gleich nach der Schule zu ihrer Nachbarin Frau Schulze.

Eine lange Zeit blickt der Fuchs auf das zugewachsene hölzerne Gartentürchen von Frau Schulze.

Nach einer Weile entdeckt er Maja wieder am Tor.

Sie sieht jetzt traurig aus. 

Mit hängenden Schultern und schleppenden Schritten überquert Maja die Straße.

Fast geräuschlos fällt die Haustür ins Schloss.

Der kleine Fuchs spitzt die Ohren.

Hat er da gerade ein Schluchzen gehört?

Weint Maja etwa?

„Maaaajaaaa? Ist alles gut bei dir? Komm doch hoch zu mir!“, ruft er ihr sanft entgegen.

„Die doofe alte Frau Schulze“, schluchzt Maja und steigt langsam Stufe für Stufe die Dachbodentreppe empor.

Maja steht mit rot verweinten Augen auf dem Dachboden und wimmert: „Die doofe alte Frau Schulze … diese olle Schrulle … sie hat … sie hat … sie hat es mir doch versprochen! … die ist einfach nur blöööd!“

„Oh weh, meine Maja! Das tut richtig weh, wenn man sich sooo sehr auf etwas freut!“, antwortet der kleine Fuchs tröstend.

„Tut weh? … ich glaube, mir zerreißt es gerade mein Herz!“, heult Maja, „… und sie hat es mir doch versprochen!“

„Frau Schulze verspricht viel, wenn der Tag lang ist … weißt du, Maja, als deine Mama Katharina ungefähr so alt war wie du, ging es ihr genauso! … und darf ich dir etwas verraten?“, spricht der kleine Fuchs weiter.

Zaghaft nickt Maja.

„Mir ging es auch schon einmal so … und ich kann dir gar nicht sagen, wie traurig ich damals war … es fühlte sich wirklich schrecklich an …“, erinnert der Fuchs sich und rückt sanft an Majas Seite.

Maja schnäuzt sich laut, wischt ihre Tränen ab und dreht den Kopf zu ihrem zotteligen Freund: „Was sagst du da? … meiner Mama ging es genauso? … und … und … und dir auch? … das kann ich mir gar nicht vorstellen … meiner Mama und dir? … ich weiß ja nicht! … ich weiß nur, dass die alte Frau Schulze doof, blöd und echt schrullig ist!“



Dann hält Maja kurz inne, blickt aus dem Fenster und auf das Gartentor von Frau Schulze und fragt leise: „Magst du mir von dir und Mama erzählen?“

Liebevoll reibt der kleine Fuchs seinen struppigen Kopf an Majas Schulter und beginnt zu sprechen: „Vor vielen Jahren, als deine Mama ungefähr genauso alt war wie du, erzählte sie mir eines Tages auch von den Kätzchen der Frau Schulze. Weißt du, deine Mama wünschte sich auch so sehr eine kleine Katze und hatte schon einen Namen ausgesucht und sogar ihr Zimmer für das Kätzchen umgeräumt … nun ja … und Frau Schulze versprach auch ihr, so wie jetzt dir, eine Katze.“

„Waaaas?“, ruft Maja erstaunt, „ … die olle Frau Schulze hat meiner Mama auch eine Katze versprochen? Ich glaub‘, ich spinn‘!“

„Ich sagte doch, die Frau Schulze verspricht viel, wenn der Tag lang ist …“, antwortet der kleine Fuchs lächelnd.

„… und deine Mama kam dann genauso traurig, genauso wütend und genauso enttäuscht wie du, an einem Nachmittag zu mir.“, beendet er seinen Satz.

„Hmmm …“, überlegt Maja, „… aber Mama hatte doch eine Katze, als sie ein Kind war?“

„Ja, liebe Maja, ganz richtig! Nur diese Katze wurde ihr nicht von Frau Schulze versprochen!“, bestätigt der Fuchs schmunzelnd Maja, „diese Katze suchte sich deine Mama aus und saß eines Morgens vor der Terrassentür und wartete nur darauf, von deiner Mama hineingelassen zu werden!“

Maja zuckt überrascht zusammen, sieht den Fuchs an und fragt mit leuchtenden Augen: „Meinst du … meinst du … mich sucht sich auch eine Katze aus?“

Der kleine Fuchs schweigt für einen Moment, hebt dann seinen Kopf und zwinkert Maja mit seinem schiefen Auge an.

Kleine Sterne blitzen kaum sichtbar um Maja und den Fuchs auf und auf der Fensterbank landen sanft zwei goldgelbe Schmetterlinge.

Maja atmet ganz ruhig. Ihre Enttäuschung und ihre Traurigkeit schmerzen nicht mehr so sehr.

„ … aber doof, schrullig und echt blöd find‘ ich die olle Frau Schulze trotzdem … “, murmelt Maja.

„Ich kann dich total verstehen! Und wirklich gut finde ich es auch nicht …“, antwortet der Fuchs geduldig.

„… aber …“, führt Maja den Satz weiter.

„ … aber ich glaube nicht, dass Frau Schulze euch absichtlich traurig machen wollte …“, sagt der kleine Fuchs leise.



„ … sie freut sich einfach so sehr über Besuch, dass sie manchmal Dinge verspricht, die sie gar nicht halten kann.“

Er seufzt.

„Aber weißt du, meine Maja, das macht die Enttäuschung trotzdem nicht kleiner. Versprechen sind etwas Kostbares. Deshalb sollte man gut auf sie aufpassen.“, fügt er hinzu.

Dann legt er seinen Kopf schief, zuckt mit seiner Nase nach rechts und nach links und flüstert: „ … aber manchmal kommt nach so einer Enttäuschung und so einer Traurigkeit so viel Glück und Freude, dass man es kaum glauben kann …“

Maja sieht den kleinen Fuchs an, runzelt ihre Stirn und fragt: „Wie meinst du das denn nun schon wieder? …“


 

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