Kapitel 15 – Frauenarztbesuch
Kapitel 15 – Frauenarztbesuch
Brian hatte Evelynn irgendwann am Tag vor dem unangenehmsten Abendessen ihres Lebens geschrieben, wann der Frauenarzttermin war. Das war die letzte Nachricht, die er ihr geschickt hatte. Und nach diesem Horrordate – durch das sie sich händeringend gekämpft hatte, nur um ihrem Vorgesetzten am Ende, als er sie nach Hause gefahren hatte, zu sagen, dass das für sie einfach nicht stimme – hatte Brian nicht mehr geschrieben. Und sie selbst traute sich nicht, zu schreiben. Er war wütend, das war ihm ins Gesicht geschrieben gestanden. Doch morgen sähe sie ihn, denn sie war sich sicher, er wollte sie zu dem Termin begleiten. Und Evelynn wusste nicht, wie sie ihm nach der heutigen Peinlichkeit noch unter die Augen treten konnte.
Evelynn stand vor der Haustür ihrer Eltern und konnte weder vorwärts noch zurück. Dahin war ihre Möglichkeit ihnen jemanden vorzustellen. Aber sie hatte sich nicht davon abhalten können, Markus wegzustossen, als dieser sie nach diesem ‚wunderschönen Abend‘ auch noch hatte Küssen wollen.
Die Tür öffnete sich und Evelynns Mutter fing sie ab, bevor diese überhaupt die Tür aufschließen konnte. „Wer war der Kerl, Evelynn? Triffst du dich heimlich mit Männern? Was ist nur aus dir geworden? Prostituierst du dich?“
Evelynn klappte der Mund auf. „Bitte?“, brachte sie quietschend hervor. „Das war jemand von der Arbeit. Er hat mich zum Essen einge… Was interessiert dich das überhaupt?!“
„Sind das nur Dates für dich oder hast du endlich mal eingesehen, dass du einen Ehemann brauchst? Suchst du endlich nach einem Vater für Yannis?“ Mathilda verschränkte die Arme vor der Brust und versperrte ihrer Tochter so den Weg ins Haus.
„Äh … ich … wenn es sich ergäbe, wäre das schön … aber ich werde nicht dem nächstbesten Typen meinen Sohn anvertrauen! Außerdem ist das mein Sohn, Mum! Er ist mein Kind, und ich bin erwachsen! Du hast kein Recht, mich über mein Privatleben dermaßen auszufragen! Mir reicht es mit deinem Kontrollwahn! Krieg dich wieder ein! Du gehst sogar schon so weit und redest schlecht über deinen verstorbenen Sohn, nur um dich selbst besser zu fühlen!“
„Du kleine, undankbare Göre!“ Mathilda riss die Augen auf. „Wie kannst du es nur wagen, so mit deiner Mutter zu reden? Ich habe dich großgezogen! Ich habe dich und deinen Sohn aufgenommen und erwarte dafür Respekt und Dankbarkeit! Und nicht, dass du mich hier so schlechtmachst!“ Mathilde griff nach dem Schlüsselbund, den Evelynn in der Hand hielt. „Geh doch zu deinem neuen Freund! Dann muss ich dich wenigstens nicht mehr durchfüttern!“ Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging zurück ins Haus.
Evelynn lachte auf. „Du schmeißt mich raus?! Klar. Was auch sonst. Anders weißt du mit deinen Problemen wohl nicht umzugehen, oder? „Schmeißt einfach raus, was dir nicht zu hundert Prozent in den Kram passt!“ Evelynn folgte ihrer Mutter hinein.
„Was denkst du, was du da machst?!“
„Meinen Sohn holen! Was sonst!“
„Yannis schläft schon. Und du solltest dir überlegen, ob du ihn wirklich in dein chaotisches Leben mitnehmen willst.“ Ihre Mutter schüttelte missbilligend den Kopf. „Ich dachte in den letzten Jahren wirklich, du würdest ein vernünftiges, geordnetes Leben führen wollen. Dein Vater und ich haben dir alle Türen offen gehalten. Aber nun bist du es, die diese Türen zuschlägt. Also geh! Geh und komm erst wieder, wenn du eine vernünftige Wohnung gefunden hast!“
Evelynn stockte. Ihre Mutter hatte recht, sie hatte nichts zum Schlafen und Yannis war ein Kind. Das war kein Leben für ein Kind. Aber der Grund dafür, dass sie nirgends schlafen konnte, stand vor ihr und wollte ihr ihren Sohn vorenthalten! „Lass mich durch!“
„Mach nichts Unüberlegtes, Evelynn! Aus Yannis kann etwas werden. Arzt, Richter, Anwalt …! Aber nicht, wenn du ihn wieder mitrunterziehst.“
„Ich ziehe ihn ganz sicher nicht mit runter! Da besteht eher die Gefahr, dass er deinetwegen so wird wie ich früher! So sehr unter Kontrolle, und das als Teenager, lässt einem auch keine andere Wahl, als auszubrechen!“
„Er hat hier ein stabiles Umfeld, Evelynn! Wenn du Yannis jetzt mitnimmst, rufe ich die Polizei und schalte das Jugendamt ein. Dann landet er im Waisenhaus und dir wird das Sorgerecht entzogen. Ist es wirklich das, was du willst?“
Evelynn stockte. Aufgrund ihrer Vergangenheit würde es ganz genau so passieren, sollte das Jugendamt wirklich eingeschaltet werden. „Das wagst du nicht“, flüsterte sie leise.
„Es geht hier um Yannis und nicht um dich. Du wirfst mal wieder dein ganzes Leben, weg. Ich will wenigstens dafür sorgen, dass du deinen Sohn nicht mit in die Scheiße ziehst!“ Mathilda hob ihren Kopf ein wenig mehr. „Du solltest einen Ehemann finden, der für dich und Yannis sorgen kann! Stattdessen treibst du dich jede Nacht herum wie eine billige Hure! Soll Yannis das noch mitbekommen? Geh! Und komm erst wieder, wenn du einen Ring am Finger hast! Gott hat dir nur eine Aufgabe als Frau gegeben, und selbst das kannst du nicht!“
Evelynn kochte. Bei ihr wäre Yannis so viel besser aufgehoben, als bei dieser Wahnsinnigen. Was war ihr nur im Kopf herumgespukt, als sie entschieden hatte, hierher zurückzukommen?
Zähneknirschend packte Evelynn ihren Motorradhelm, den Schlüssel, machte kehrt und trat hinaus in die Nacht. Sie würde ihren Sohn auch ohne verdammten Ring wieder zurückbekommen! Sobald ihre Mutter einmal nicht zu Hause wäre. Ihr Vater wäre nicht so verrückt, Evelynn von ihrem Sohn fernzuhalten! Einen Ring am Finger! Wütend setzte sie sich den Helm auf und schwang sich aufs Motorrad. „Das wirst du mir büssen!“, raunte sie leise in den Plastik, während sie ihre Mutter mit Blitzen in den Augen anstarrte und anschliessend ausparkte. Mit einem lauten Aufheulen des Motors verschwand sie in der Nacht.
Stunden vergingen und Evelynn wusste nicht wohin. Sie stand an einer Tankstelle, hatte ein Süßgetränk in der Hand und starrte zu den Sternen empor. Sie war am Verzweifeln. Was sollte sie tun? In einem Obdachlosenleben war Prostitution vorprogrammiert. Aber das würde ihr nicht dabei helfen, Yannis zurückzubekommen. Eine Wohnung. Einen Mann. Die Anforderungen ihrer Mutter waren utopisch. Woher sollte sie sich einen Mann zaubern? Einen Ring fand man auch im Süßigkeitenshop, aber Evelynn bezweifelte, dass sich ihre Mutter mit dem zufriedengeben würde. Selbstverständlich musste es auch ein wohlhabender Mann sein, wie sonst sollte er ihr einfach schnell einen Ring an den Finger stecken können? Aber wieso dachte sie überhaupt darüber nach?! Sie wollte kein solches Leben! Eine Aufgabe im Leben – klar. Wenn es nach ihrer Mutter ginge, würde sie die Matratze ihres Gatten wärmen und brav Kinder zur Welt bringen. Aber das war nicht Evelynn! Ein solches Leben würde sie eingehen lassen.
Als das beschissene Getränk leer war, warf sie es in den Müll und setzte sich wieder aufs Motorrad. Der Tankstellenshop hatte kurz nach ihrem Einkauf geschlossen. Also musste es jetzt etwas um elf Uhr herum sein. Der Motor brummte auf und Evelynn fuhr wieder auf die Straße. Doch wohin sie wollte?
Irgendwann endete sie vor dem Krankenhaus. Evelynn schluckte und griff nach ihrer Zugangskarte. Sie war müde. Etwas Besseres als der Ruheraum für Mitarbeiter fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.
Am nächsten Morgen weckte sie der piepende Wecker ihres Mobiltelefons. Nein … Evelynn runzelte die Stirn. Kein Wecker. Sie hatte keinen Wecker gestellt. Eine Nachricht aus ihrem Kalender … ‚Frauenarzttermin‘ stand da. ‚10:00 Uhr‘. Evelynn spähte, sich reckend und gähnend, auf die Uhrzeit. „Scheiße!“ Prompt war sie wach. „Zehn Minuten?!“
Mehr stolpernd als gehend hastete sie aus dem Ruheraum und rannte durch den Mitarbeiterbereich. Verwirrte Blicke trafen die junge Frau in sekündlichem Takt, doch Evelynn schien sie gar nicht zu bemerken. Sie rannte hinaus, schwang sich auf ihr Motorrad – nur um festzustellen, dass sie ihren Helm im Ruheraum vergessen hatte. Und sie trug immer noch das beschissene Kleid! „Scheiße!“
Als Evelynn auf den Parkplatz der Frauenarztpraxis fuhr, lehnte ein nicht sehr begeistert dreinschauender Brian an seinem SUV. Evelynns Atem ging noch immer hektisch. Ausdauersport war nicht ihr Ding, definitiv. Eine Runde durch die Praxis, in die Umkleide zu ihrem Schliessfach, um ihre Ersatzkleider zu holen … Sie parkierte, zog den Helm aus und versuchte hastig, irgendwas mit ihren Haaren zu machen, damit es nicht so aussah, als käme sie frisch aus dem Bett.
„Wo warst du?“ Brian machte sich gar nicht erst die Mühe, seine Verärgerung zu verbergen. Er war an ihrem Elternhaus vorbei gefahren, aber ihr Motorrad war nicht dort gewesen. Also hatte er angenommen, dass sie früher losgefahren war. Nur, um dann hier auf sie zu warten. „Unser Termin hat vor fünf Minuten angefangen!“
„Und ich bin vor fünfzehn Minuten aufgewacht!“ , keuchte die ihm entgegen.
Brian wandte sich ab und ging bereits vor. „Kann gar nicht sein. Ich war vor einer halben Stunde bei dir und dein Motorrad war nicht da. Oder hast du die Nacht bei deinem neuen Lover verbracht?“ Brian steckte die Hände in die Hosentaschen und ballte sie dabei zu Fäusten. Sie war mit seinem Kind schwanger! Wollte sie einem anderen Kerl das Kind unterschieben?
„Steckst du mir einen Ring an den Finger?“
Brian blieb unvermittelt stehen und drehte sich um. „Ist das für dich ein Scherz, Evelynn?“ Tatsächlich hatte er diesen Gedanken schon gehabt. Und wäre sie die Nacht nicht bei einem anderen Kerl gewesen, hätte er dem wohl sofort zugestimmt. Aber dieser Zug war abgefahren. Endgültig!
„Also nicht. Dann geht es dich auch nichts an, wo oder mit wem ich meine Nacht verbringe.“ Aber zu sehen, wie Brian auf das abgewetzte Gemeinschaftskuscheltier im Schlafraum eifersüchtig war, hatte schon etwas Amüsantes.
Brian öffnete die Tür zur Arztpraxis und hielt sie Evelynn offen. Danach nickte er der Sprechstundenhilfe zu. „Die Morgenübelkeit“, meinte er entschuldigend.
„Natürlich. Sie können direkt in die Zwei gehen.“ Die Blondine lächelte höflich, deutete in die entsprechende Richtung und wandte sich wieder ihrem Monitor zu.
Brian ging wieder vor, öffnete die Tür zur Zwei und ließ Evelynn den Vortritt.
„Jetzt ist er der Gentleman …“, murmelte sie leise, als sie an ihm vorbeiging.
Die Ärztin saß bereits am Ultraschall und deutete auf die Liege nebendran. „Guten Morgen. Bitte legen Sie sich schon mal hin, Miss Brook. Dann schaue ich mit dem Ultraschall schnell nach, und dann können wir zusammen mit Mr. Holloway über die weiteren Schritte sprechen.“ Sie schenkte Evelynn dieses typische Medizinerlächeln und machte etwas Platz, indem sie mit dem Rollhocker beiseiterutschte.
Evelynn setzte sich hin und ließ sich mit dem Rücken anschließend langsam auf die Liege sinken. Ihr Blick glitt zu Brian, der den Blick nicht von ihr ließ. Es war ihr unangenehm, so zu ihm aufsehen zu müssen, also sah sie schnell weg. Sowieso erinnerte sie die Situation viel zu sehr an ihren letzten Frauenarztbesuch – zu dem Brian sie vor fünf Jahren gezwungen hatte. „Soll ich den Bauch freimachen?“
„Ja, bitte.“ Die Ärztin gab reichlich von dem Kontaktgel auf den rasch von Evelynn entblößten Bauch und klemmte ein Papiertuch in den Slip der Schwangeren. Mit dem Kopf des Ultraschallgerätes verteilte die Ärztin das kalte Gel und sah dann auf den Monitor. „Also, dann sehen wir mal nach.“
Nur wenige Sekunden später erschien das Bild der Gebärmutter auf dem Monitor, in dem deutlich sichtbar ein kleines Leben entstand. Die Ärztin drehte den Monitor so, dass auch ihre Patientin die Bilder sehen konnte. „Das Herz schlägt bereits. Hier.“ Deutlich war eine kleine, schnelle Bewegung auf dem Bild zu sehen.
Evelynn schluckte. Sie wollte etwas Patziges sagen, wie: ‚Da hast du deine Bestätigung‘ oder ‚Da, dein Kind‘. Aber sie konnte es nicht. Sie hatte noch nie so etwas Kleines gesehen. In ihrem Bauch. Mit Yannis war sie erst im Krankenhaus gewesen, als sie kurz vor der Geburt gestanden hatte. Ihr fehlten die Worte; den Blick konnte sie nicht von dem Bild nehmen.
Die Ärztin machte ein paar Einstellungen und nahm Messungen vor. „Siebte Woche, vielleicht schon die achte Woche von der Entwicklung her.“
Brian musterte Evelynn. Also war es nicht länger ein Vielleicht, sondern Gewissheit. Er hatte ein Kind gezeugt, obwohl er sich geschworen hatte, nie wieder eine Familie gründen zu wollen.
„Super …“ Evelynn schluckte, runzelte gleich darauf aber die Stirn. „Aber so lange ist es doch noch gar nicht her … Das sind maximal sechs Wochen, seit wir …“
Die Ärztin lächelte und reichte Evelynn dabei ein paar Papiertücher, damit sich diese den Bauch abwischen konnte. „Ja, eine Schwangerschaft wird auch nicht am Tag der Befruchtung gerechnet, sondern nach dem Zyklus der Periode.“
Brian nahm das Bild des Ultraschalls entgegen und starrte auf das Schwarzweißfoto, auf dem das kleine Embryo abgebildet war. Erinnerungen an Madison fluteten sein Gehirn und trieben ihm Tränen in die Augen. Die Freude, als sie und Brian vor so vielen Jahren ein ähnliches Foto in den Händen gehalten und sich darauf gefreut hatten, eine Familie zu werden. Aber dieser Traum war ihm genommen worden.
„Das verstehe ich nicht …“, brummte Evelynn verwirrt. „Das Kind ist doch aber nicht … also, es kann doch nur entsprechend meinem Zyklus entstanden sein …“
„Ja, eben.“ Die Frauenärztin lächelte. „Sie können auch einfach sagen: Sechste Woche plus zwei. Es wird nach ihrer letzten Blutung gerechnet, nicht nach dem Eisprung.“
Brian riss seinen Blick von dem Bild los. „Könnte man abtreiben?“
„Nun, theoretisch ja. Aus welchen Gründen?“
„Komplikationen“, erwiderte Brian sofort. „Bei der ersten Schwangerschaft.“
Evelynn presste die Zähne zusammen. „Daran erinnere ich mich nicht! Und ich wüsste nicht, woher du sowas wissen solltest?!“
Die Ärztin sah zwischen Brian und Evelynn hin und her, dann blieb ihr Blick bei der werdenden Mutter hängen. „In vier Wochen ist die nächste Kontrolluntersuchung. Sollten Probleme auftreten, wie eine Zwischenblutung, kommen Sie bitte direkt zu uns.“ Die Ärztin nickte den beiden zu und ging in das nächste Behandlungszimmer.
Brian sah zu Evelynn und hielt ihr kommentarlos das Bild hin.
„Was?!“, fauchte diese. „Komplikationen entdeckt?!“
„Ich will, dass du abtreibst, Evelynn. Du bekommst eine finanzielle Abfindung und wir gehen auseinander, als wäre nie etwas gewesen.“


































































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