Kapitel 3 – Verfolgungsjagd
Kapitel 3 – Verfolgungsjagd
Nach einer zermürbenden Nachtschicht stieg Evelynn am frühen Morgen auf ihr klappriges Motorrad, setzte den alten Helm auf und startete den Motor. Oder zumindest versuchte sie es.
„Nein, komm schon!“ Ihre Faust landete frustriert auf dem Tank. Tief ein- und ausatmen, ermahnte sie sich und legte ihre Hände wieder an den Lenker. Kupplung ziehen, Bremse ziehen, Zünder drücken. Der Motor brummte stotternd, ehe er erneut absoff und Evelynn in einer einsamen Stille, beschienen von der kargen Straßenbeleuchtung hinter dem Krankenhaus, zurückließ. Evelynn klappte den Ständer wieder runter, rutschte nach hinten und legte ihren helmbesetzten Kopf auf dem Tank ab. Sie stöhnte leise. Nach Hause laufen konnte sie nicht. Und um diese Uhrzeit waren die Verbindungen, die ihr die öffentlichen Verkehrsmittel darboten, die reinste Katastrophe. Aus diesem Grund hatte sie sich ja auch so schnell wie möglich den fahrbaren Untersatz besorgt.
Irgendwo in ihrer Nähe wurde eine Autoschiebetür geöffnet. „Rein mit ihm.“
„Wa…! Mh! N…!“
Geräusche von einem gestopften Maul und reißenden Klamotten ließen Evelynn erstarren. Schiebetür. Jemand wurde in das Auto gezerrt. Sie sah es vor ihrem inneren Auge, als wäre es gestern gewesen. Als wäre es gestern gewesen, als sie dabei zugesehen hatte, wie Emanuel in einen Van gezogen worden war. Sie hatte nichts unternommen, nur um am nächsten Morgen angerufen zu werden und über seinen Tod informiert zu werden. In einer Gasse hatte man ihren Bruder gefunden. Erschossen. Ermordet. Allein.
Evelynn keuchte und öffnete wieder die Augen. Das konnte doch nicht sein! Sicher verstand sie etwas falsch! Ein Junggesellenabschied! Ja, so musste es sein! Und wenn nicht …? Innerlich lachte Evelynn sich für ihre Paranoia aus. Doch laut zu lachen, das traute sie sich nicht. Wie wahrscheinlich war es schon, dass ausgerechnet in ihrer Hörweite, wahrscheinlich nur eine Ecke weiter, ein Verbrechen geschah? Nicht wahrscheinlich, beschloss Evelynn stumm. Und doch … konnte sie das schlechte Gefühl, das sie überkam, nicht so einfach abschütteln. Sie hörte, wie die Schiebetür zugezogen wurde, vernahm das Klacken, als diese ins Schloss fiel, und die protestierenden Geräusche des mutmaßlichen Opfers zur Gänze verstummten. Evelynn biss sich auf die Unterlippe. Konnte sie …? Konnte sie jetzt gehen und so tun, als hätte sie das gerade nicht gehört?
Ein Van – ein Van, wie es damals einer gewesen war – fuhr aus der rechten Straße und bog auf die menschenleere Hauptstraße ein. Für eine Sekunde meinte Evelynn ein bekanntes Gesicht auf dem Fahrersitz erblickt zu haben. Bekannt, aber verschwommen. Ihr Griff um den Lenker festigte sich. Und schließlich waren es alte Schuldgefühle, die sie dazu trieben, entschlossen die Zündung zu drücken.
Der Motor stotterte nach Leibeskräften, aber Evelynn hatte keinerlei Mitleid mit ihm. Keine zwanzig Sekunden hatte es gedauert, da war sie losgefahren, dem Van hinterher. Unruhig biss sie sich auf der Lippe herum, während sie dem Van so unauffällig wie möglich durch die Straßen Bostons folgte. Der warme Fahrtwind wehte ihr durch die schwarzen Locken, die sie vergessen hatte, zu einem Zopf zu flechten. Doch das war jetzt ihre geringste Sorge. Dranbleiben, ohne aufzufallen. In den Filmen sah das einfacher aus. Und während Evelynn darauf konzentriert war, möglichst unverdächtig zu bleiben, um nicht selbst in die Bredullie zu kommen, bemerkte sie nicht, dass sich das Fahrverhalten des Vans vor ihr minimal änderte. Die Kurven wurden schärfer und die Geschwindigkeit minimal angezogen – Zeugnisse des genervten Gemüts des Fahrers.
Sie hatten das Zentrum Bostons verlassen. Die Straßenlaternen wurden weniger, älter, und die Tankstelle, an der der Van schließlich hielt, schien nicht einmal mehr in Betrieb zu sein. Die Lichter waren aus und die Tanksäulen sahen im Scheinwerferlicht des Vans alt und rostig aus.
Evelynn fuhr das Motorrad hastig hinter ein altes Werbeschild zwanzig Meter weiter weg und schaltete den Motor aus. Ihren Helm ließ sie auf, als sie abstieg, geduckt hinter dem Schild hervorkam und das hochgewachsene Gras als Sichtschutz nutzte. So hatte sie einigermaßen freien Blick auf den Parkplatz der Tankstelle, doch sie selbst sollte nicht zu sehen sein. Insbesondere da sie sich im Schatten der Nacht befand.
Der Motor des Vans wurde nach einigen Sekunden ausgeschaltet. Das Licht im Van ging kurz an, als der Fahrer die Tür öffnete. Er nahm gerade ein Handy vom Ohr und stieg kurz darauf aus. Der Mann war muskulös, trug einen dunklen Pullover, Jeans und Handschuhe. Er ging zur Schiebetür und öffnete sie. Sofort wurden die Geräusche im Innern des Wagens lauter. Der Fahrer griff ins Innere des Vans und zog eine schmächtige Person mit hinaus, nur um sie hinter sich herzuziehen. Sein Ziel war eine kleine Werkstatt neben der Tankstelle.
„Hände langsam hoch“, knurrte jemand hinter ihr und drückte etwas gegen ihre Schulter. Kalt, schwer, hart …
Evelynn erstarrte. Langsam, nicht zu schnell, hob sie ihre Arme. Den Atem hatte sie angehalten. Ihre Hände zitterten.
„Hinter den Rücken damit!“ Der Druck gegen die Schulter verschwand.
Evelynn schluckte. „Bitte …“ Stockend wandte sie den Kopf zur Seite, damit er sie richtig hören konnte. „Ich habe nichts … gesehen.“
Statt zu antworten, wurden ihre Hände gepackt und grob hinter ihrem Rücken fixiert. Kurz darauf schnitt ihr etwas in ihre Handgelenke. „Ist nicht meine Entscheidung“, erwiderte der Mann, packte sie am Arm und zog sie hinter die Tankstelle. Die Hintertür zur Werkstatt stand halb offen. Licht schien durch den Spalt und von drinnen waren Stimmen zu hören. Aber sie konnte nichts davon verstehen.
Evelynn stolperte dem Mann nach. Keineswegs ohne den Versuch, sich von ihm loszumachen, doch kräftetechnisch war sie ihm haushoch unterlegen. „Bitte nicht!“, fiepte sie. „Sag einfach, ich wäre dir entwischt!“
Der Mann brummte nur und hielt sie weiterhin fest. Es schien ihm nicht einmal schwerzufallen.
In der Werkstatt hallten Schritte, dann wurde es plötzlich still. Kurz darauf ertönte ein Pfiff. Wie auf Kommando ging der Kerl mit Evelynn im Schlepptau zur Tür, riss diese ganz auf und zerrte die junge Frau in die leere Werkstatt.
Hektisch sah sich Evelynn um – die Bewegungen durch den schweren Helm jedoch gedämpft. „Wo ist der andere?!“ Ihr Herz donnerte in ihrer Brust. War er am Ende schon tot? Geteiltes Leid wäre halbes Leid gewesen, doch jetzt war sie allein! Die Werkstatt war leer! Nur sie und der Kerl hinter ihr …
„Ist nicht dein Problem.“ Der Kerl hielt sie weiter fest. Er trat ihr schmerzhaft in die Waden. „Runter auf die Knie, Schlampe!“
„Au!“ Evelynn keuchte, konnte ihrem Fall aber stolpernd entkommen. Energisch riss sie an den engen Fesseln, die um ihre Handgelenke lagen. Sie war keine Schlampe, verflucht!
Der Mann grapschte sie überall an. An den Waden, den Oberschenkeln, zum Schluss griff er ihr in den Schritt. Dann öffnete er ihre Jacke und glitt mit seinen Pranken über ihren Oberkörper. „Keine Waffen?“ Seine Stimme klang erstaunt und belustigt zugleich. „Ziemlich dumm von dir.“
„Ich sagte doch“, zischte sie durch zusammengepresste Zähne, machte sich ruckartig von dem betatschenden Mann los, und stolperte Schritt für Schritt rückwärts, „ich weiß nicht, was hier los ist! Wieso sollte ich Waffen mit mir führen?!“ Mit jedem Schritt zurück, folgte er ihr. Immer wenn sie wegzuckte, rückte er höhnisch lächelnd nach.
In einer blitzschnellen Bewegung packte er sie, riss sie an sich und öffnete den Verschluss ihres Helms an ihrem Kinn. Mit beiden Händen riss er ihr den Helm vom Kopf und warf diesen achtlos hinter sich. Und weil sie immer noch stand, trat er erneut, diesmal kräftiger und direkt in ihre Kniekehlen. „Und ich sagte, runter mit dir!“
Die Wucht seines Tritts beförderte Evelynn zu Boden. Ihre Knie schlugen hart auf dem massiven Beton auf, und da sie sich mit den Händen nicht schützen konnte, folgte ihr Gesicht sogleich. Evelynn stöhnte leise auf und drehte sich sternchensehend herum. „Was soll das? Ich habe nichts getan …“
„Bist du ein Bulle?“ Der Kerl ging neben ihr in die Hocke und hielt ihr die Pistole an die Schläfe. „Oder hat dich jemand anderes auf uns angesetzt?“
Das kalte Metall fühlte sich gut an Evelynns erhitzter Schläfe an. Der Gedanke, was da so schön kühl war, weniger. „Ich bin kein Cop … Ich habe nichts getan …“ Ihr Kopf dröhnte. „Alter …, ich muss morgen früh raus. Ich hab mich verfahren. Hast du ’ne Aspirin?“ Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Wieso hatte sie dem Van auch unbedingt folgen müssen?
Die Pistole verschwand von ihrer Schläfe. Stattdessen packte der Kerl sie mit einer Hand an den Haaren. Er zog ihren Kopf zu sich ans Gesicht und drückte den Lauf der Knarre von unten an ihr Kinn. „Wie heißt du? Und wer hat dich geschickt, du kleines Stück Scheiße?“
„Devil.“ Einen Scheiß würde sie tun und den Möchtegern-Mafioso auf ihre Familie aufmerksam machen. Diesen Fehler hatte sie schon einmal begangen, auch wenn sie damals nicht fähig gewesen war, die Offenbarung ihrer Identität zu verhindern. „Und mein Gewissen hat mich geschickt, Arschloch. Ich guck’ doch nicht zu, wie jemand entführt wird, ohne etwas zu unternehmen!“
„Also hast du die Bullen gerufen? Scheiße!“ Der Kerl stand auf und zog Evelynn dabei mit auf die Füße. Der Lauf seiner Pistole drückte immer noch gegen ihr Kinn. Er steuerte zuerst auf den vorderen Ausgang zu, fluchte dann aber unterdrückt und zog sie in Richtung Hinterausgang.
„Nehein, Mann, scheiße …!“ Hätte sie tun sollen, verdammt. Aber ihr Kopf tat weh. Der Idiot sollte sie einfach nur loslassen!
„Am besten knall‘ ich dich einfach ab. Der Boss wird auch nichts anderes machen …“ Er wirkte nervös und starrte wie gebannt auf das große, geschlossene Tor. Aus irgendeinem Grund haderte er und blieb stehen. Unangenehmer Schweißgeruch drang aus seinen Poren und die Mündung der Waffe drückte noch fester gegen ihr Kinn. Es war still. Nur sein Atem ging stoßweise. Ein Auto fuhr vor. Jemand stieg aus und schloss die Tür wieder.
„Fuck, wenn das die Bullen sind…!“ Der Mann neben Evelynn fluchte. Aber er zog sie nicht weiter zurück zum Hinterausgang, wie er es eigentlich vorhatte. „Ich knall‘ dich einfach ab!“, wiederholte er.
„Rick?“, ertönte eine Stimme vor der Werkstatt und die Klinke der Tür wurde heruntergedrückt. „Bist du noch hier? Ich komme jetzt rein.“
Evelynn lief es kalt und heiß den Rücken runter. Sie erstarrte; das offene, lange Haar, hing ungezähmt vor ihrem Gesicht und ihr Shirt war durch die ruppigen Bewegungen des Möchtegern-Mafiosos von ihrer rechten Schulter gerutscht. Doch sie erstarrte nicht etwa aufgrund der Knarre, die ihr jeden Moment das Gehirn wegblasen könnte. Ihr wurde mulmig zumute. Wo vorher noch die Angst geherrscht hatte, machte sich jetzt ein nervöses Kribbeln breit. Denn sie kannte diese Stimme. Und sie kannte auch das Gesicht, das die sich öffnende Tür ihr offenbarte, selbst wenn der Bartschatten von damals jetzt zu einem Dreitagebart geworden war. Sie kannte die Statur des Mannes, der sich da gerade Zugang verschaffte, und sie kannte jede einzelne Wölbung seiner Muskeln, denn sie hatte die letzten fünf Jahre zu ihrem Missfallen jede Nacht davon geträumt.
„Brian.“





























































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