Kapitel 6 – Stalking
Kapitel 6 – Stalking
Zwei Wochen war es her, da hatte Brian sie vor der Haustür ihrer Eltern abgeladen und aus dem Auto geworfen. Und was sie daraufhin von ihren Eltern zu hören bekam, nur weil sie sich nach ihrer Nachtschicht um mehrere Stunden und ohne Bescheid zu sagen verspätet hatte, war hart gewesen. Kombiniert mit Brians vorherigen Worten hatten ihre Eltern ihr nur einen strengen Blick zuwerfen müssen, und Evelynn war in Tränen ausgebrochen. Aber natürlich war es nicht bei einem strengen Blick geblieben. Evelynn konnte noch so alt werden, so lange sie bei ihren Eltern lebte, verhielten diese sich, als wäre ihre Tochter ein ungezogener Teenager.
Ihr Vater hatte sie in den Arm genommen, gefragt, was denn passiert wäre … Kaum hatte sich Evelynn wieder beruhigt, stand ihre Mutter, den Blick dunkel, schon mit einem Drogentest neben ihr und deutete aufs Bad. Als wäre es völlig ab der Welt, dass es auch andere Gründe für eine Verspätung gab, zudem ihren aufmerksamen Eltern natürlich nicht entgangen war, dass ihr Schrott-Motorrad nicht vor der Haustüre stand, sondern ihre Tochter von einem Mann mit teurem Auto abgesetzt worden war. Kaum war sie mit dem Drogentest aus dem Bad gekommen, hatte ihr ihre Mutter einen Schwangerschaftstest in die Hand gedrückt.
Über diesen war Evelynn sogar nachhaltig erleichtert gewesen. Denn ihr war bis zu jenem Moment komplett entgangen, dass sie nicht verhütet hatten. Doch das Ergebnis hatte für kollektives Aufatmen gesorgt.
Ihre Mutter hatte ihr die Schulter gedrückt und gemeint: „Wir möchten gern noch ein zweites Enkelkind, aber dafür solltest du erst einmal in stabile Verhältnisse kommen.“
Was so viel bedeuten sollte wie: Sie wollten sie loswerden, Evelynn sollte endlich einen Mann finden, heiraten und dann noch für ein paar mehr Enkel sorgen. Nur wollte ihre Libido leider keinen x-beliebigen Mann …
Ihr Vater hatte sie an dem Tag sogar noch beiseitegezogen und nach dem Mann gefragt. Ihm war nicht entgangen, dass das Auto, aus dem sie gestiegen war, ein neuer, kostspieliger Audi gewesen war. „Hat er dich angefahren? Wir sollten ihn anzeigen und du verklagst ihn auf Schmerzensgeld. Machen wir am besten noch Fotos von deinen Wunden.“
Evelynn konnte im Nachhinein nur noch den Kopf über ihre Eltern schütteln. Gefallen war sie. Das hatte sie ihnen gesagt. Und ihre Eltern … nun, sie hatten es, die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochgezogen, hingenommen. Yannis’ Reaktion war nicht viel anders gewesen. Nur …
„Aha.“ Die Arme hatte ihr Sohnemann verschränkt, die Augenbrauen gehoben. „Na dann …“ Yannis räusperte sich. „Mit Brian als Papi wäre ich übrigens immer noch einverstanden.“ Er wandte den Kopf zur Seite. „Aber nur, wenn er für den Verband da verantwortlich ist und nichts damit zu tun hat, wie das darunter entstanden ist.“
Schlauer Junge, dachte sich Evelynn. Und viel zu aufmerksam.
Dass sich Yannis noch an Brian erinnern konnte, überraschte sie nicht. All die Jahre hindurch hatte er immer wieder einmal von ihm geredet. Und da die Sehnsucht in Evelynn über die Jahre hinweg keineswegs abgeflacht war, konnte sie ihren Sohn mehr als jeden anderen verstehen. Brian war eine beeindruckende Persönlichkeit. Jemand, der einem in Erinnerung blieb, auch wenn man das nicht wollte. Sie selbst war ihm verfallen … ihr Sohn auch. Aber Yannis hatte auch eine klare, für sein Alter sehr untypische, Meinung des Mannes, der Evelynns Gedanken und Sehnsüchte einnahm. Denn zum einen hatte sich Yannis zwar so einiges von Brian abgeguckt – das im Türrahmenlehnen, das Grinsen … –, andererseits war er sich bewusst, vielleicht war es ihm auch eher unterbewusst klar, dass Evelynn Vorbehalte Brian gegenüber hatte.
Evelynns Motorrad funktionierte wieder, wie Brian es versprochen hatte. Und wie sie es ihm versprochen hatte, hatte sie dichtgehalten, war nicht zur Polizei gegangen und hatte auch sonst niemandem gegenüber ein Wort über die Werkstatt oder das Geschehen jener Nacht verloren. Nur sie selbst … konnte nicht ablassen.
Sie hatte ihr Motorrad hinter der alten Tankstelle, neben der sich die Werkstatt befand, parkiert. Seit einer Stunde schon war sie da, aber sie war allein, die Werkstatt ungenutzt. Auf ihrer Unterlippe herumkauend, setzte sie sich schließlich wieder aufs Motorrad und beschloss, heute noch einmal bei Brians Villa vorbeizufahren. Zwar kam sie nicht rein, musste es auch nicht … aber sie brauchte etwas gegen ihn in der Hand. Sie brauchte dieses Geld, dafür brauchte sie Zugang zur Wohnung und dafür wiederum musste sie mit Brian verhandeln können. Ihre Fähigkeiten interessierten ihn nicht. Ihre Möse schon, doch zu dieser Art Arbeit ließ sie sich nicht noch einmal zwingen.
Vor dem Anwesen angekommen, seufzte sie tief in den Helm. Der Sex war so unbeschreiblich gut gewesen. Wütend schlug sie auf den Tank. „Da nennt er es einfach eine nette, schnelle Nummer!“ Scharf atmete sie ein und erinnerte sich daran, tief ein- und auszuatmen. Sie sollte sich beruhigen.
„Ey, was machen Sie da?!“
Evelynns Kopf zuckte nach rechts. „Scheiße!“ Eine Wache! Er hatte Wachen! Hastig brachte sie den Motor wieder zum Laufen und fuhr davon. Im Rückspiegel sah sie, wie der Wachmann in sein Mikrofon sprach, und fluchte gleich noch einmal. Sie hatte nicht erwischt werden wollen. Aber auch hier hatte sie Brian nicht finden können. Weder ihn, noch etwas, was ihr beim Verhandeln helfen würde.
Getrieben vom Gedanken, das Geld für Yannis Zukunft wieder in die Finger zu bekommen, fuhr sie jede Nacht, in der sie nicht Nachtdienst hatte, durch Boston und klapperte die Orte ab, wo sie ihn vermutete. Selbst Amber hatte sie schon gefragt, ob sie ihr nicht helfen könne, doch ohne zu viel sagen zu können, hatte sie dort ebenfalls nichts erreicht. Nur einen Ort hatte sie bisher auf Teufel komm raus gemieden … Den Ort, an dem er wahrscheinlich auch war. Denn sie hatte nichts, um zu verhandeln. Sie könnte ihm eine weitere Nacht mit ihr anbieten, doch dazu war sie zu gekränkt. Und natürlich hätte es auch noch die Möglichkeit gegeben, Brians Vergangenheit, die Geschichte, die Amber ihr über seine ehemalige Frau und sein Ungeborenes verraten hatte, dazu zu nutzen, ihr Ziel zu erreichen. Doch das erschien ihr unterirdisch. Menschen unwürdig. So tief war sie und wollte sie niemals sinken.
Brian saß wie üblich nachts in seinem Büro vom Underdog. Zumindest dies hatte sich in den letzten fünf Jahren nicht verändert. Der Club war immer noch sein Baby und mittlerweile lief er besser denn je. Immer wieder sah er zu der Kamera im Hauptraum und dann auf die beiden Kameras, die den Parkplatz überwachten. Aber er behielt nur oberflächlich den Club im Auge. Er musste dringend einige hunderttausend Bucks waschen und telefonierte schon seit über einer Stunde, um eine Bar oder Ähnliches zu finden, die sich darauf einließ. Der alte Stripclub von Nish kam die nächsten Wochen nicht infrage, nachdem dieser kürzlich gefilzt worden war.
Wieder fuhr jemand auf den Parkplatz. Und schon vier Kunden, die es sich im Hauptraum bequem gemacht hatten. Sicher, Patricia lieferte ihnen eine gute Show. Aber bald würden die ersten Kunden in ein Zimmer gehen wollen. Und die anderen Mädchen waren noch beschäftigt.
Brian ließ seinen Nacken kreisen, stand auf und ging nach vorne zu Jenn. „Gib den Herren einen Drink aus, damit sie noch etwas warten.“
„Kelly, Ashley und Faith sollten bald wieder da sein. Genna ist gerade erst runter.“
„Ja, aber das ‚bald‘ ist dehnbar. Also biete Ihnen einen kostenlosen Shot an.“
Jennifer nickte und machte sich bereits an die Arbeit.
Brian sah zur Tür. Aber der Kunde kam nicht herein. Hatte er es sich anders überlegt? Vielleicht das erste Mal hier und noch ein schlechtes Gewissen? Er beschloss, rauszugehen, um nachzusehen, wer da haderte.
Brian trat aus dem Club und blickte sich auf dem Parkplatz um. Da war das Motorrad, das hergefahren war. Und davor lief eine Gestalt – eine ziemlich zierliche Gestalt – nervös auf und ab, kratzte sich am hinteren Teil des Helms und hatte die Hand in der nächsten Sekunde bereits zum Kinn-Teil des Helms bewegt, nur um sich auch dort metaphorisch zu kratzen. Generell gaben die schlanke Figur und der viel zu groß wirkende Helm zusammen ein kurioses Bild ab. Aber die Bewegungen dazu … die waren nur noch zum Schießen. Auf und ab, auf und ab, sie bemerkte ihn nicht einmal. Und eine Frau war es ganz offensichtlich, denn die Wölbung ihrer Brüste war durch das Shirt – das definitiv keine Motorradjacke war – nur zu deutlich zu erkennen. Ein schwarzer, streng geflochtener Zopf hing ihr über der Schulter.
Er blinzelte. Das Motorrad. Die Figur. Die Haare. Ihm wurde seit einer Woche von einer Frau auf einem Motorrad berichtet, die regelmäßig an seiner Villa vorbeifuhr, und er kannte nur eine Frau, die solch eine Karre fuhr. „Willst du hier einen Graben in meinen Parkplatz laufen? Oder magst du für einen Drink mit reinkommen, Eve?“ Nun, eigentlich war es ins Blaue geraten.
Die Person erstarrte.
„Nimm den Helm ab, Kleine.“ Brian trat näher heran.
Evelynn legte den Kopf – mitsamt Helm – schief und stemmte die Hände in die Taille.
„Na los. Nimm den Helm ab. Dann gehen wir rein, trinken was und du erzählst mir, was du wirklich willst.“
„Wieso sollte ich etwas wollen?“ Demonstrativ wandte sie ihr Gesicht zur Seite. Hach, wie sie ihren Helm gerade liebte. Brian konnte ihr Gesicht nicht sehen, wusste nicht, wie weh es ihr tat, ihn nach dem letzten Mal wiederzusehen. Nach den Worten, die er ihr an den Kopf geworfen hatte.
„Hör mal, Schneewittchen. Arbeite eine Woche im Puff, dann bekommst du den Teddy. Wie wäre das?“ Er zog einen Mundwinkel nach oben. Natürlich wusste er, dass es scheiße war. Aber was sie vor fünf Jahren getan hatte, war auch scheiße gewesen.
„Spinnst du?!“ Ruhig bleiben, ruhig bleiben, ruhig… „Du hast sie doch nicht mehr alle!“ Wütend stampfte sie auf ihn zu und rammte ihm ihren rechten Zeigefinger in die Brust. „Du hast doch keine Schraube mehr dran! Dir ist jede einzelne Tasse aus dem Oberstübchen geflogen, kann das sein?! Brian, du bist ein verfluchtes Arschloch!“ Es war ein Fehler gewesen, herzukommen. Aber irgendwie musste sie an den Schlüssel kommen! Und das, bevor er verstand, dass es ihr nicht nur um den verdammten Teddy ging!
„Ich weiß.“ Sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Überleg es dir, Eve. Das nächste Angebot sind zwei Wochen. Oder willst du länger hier arbeiten und dich endlich mal wieder austoben und dir alle Löcher stopfen lassen?“
Evelynn schnaubte. Ihr wurde fast schon schwindelig, so schnell ging ihr Atem. Rasend vor Zorn krallte sie sich sein rechtes Ohr und zog es zu sich runter, sodass sie nicht mehr hochblicken musste. „Ich. Bin. Krankenschwester!“ Evelynn ließ ihn los und begann, im Kreis zu laufen. „Idiot, Idiot, Idiot, Idiot …“ Sie war mit ihrem Latein am Ende. Aber ihn am Ohr zu packen, hatte sich gut angefühlt. Ein kleiner, schmerzhafter Tritt in die Eier würde seinem Ego auch ganz guttun, wenngleich seine Zeugungsfähigkeit wohl oder übel darunter leiden würde. Aber wer wollte schon ein Kind von jemandem wie Brian.
„Komm zurück, wenn du dich entschieden hast, Schneewittchen. Dann reden wir über deine zwei Wochen im Underdog.“ Brian lachte leise und ging wieder hinein. Eve war noch nicht soweit. Noch nicht verzweifelt genug. Und er hatte Zeit.
Im Club war es mittlerweile ruhiger geworden. Nur noch ein Gast saß dort und wurde gerade von Kelly verwöhnt. Also lief alles. Brian ging zurück in sein Büro und sah gerade noch, wie Eve sich wieder auf das Motorrad setzte und wegfuhr.
Evelynn fuhr davon. Ihre Füße hüpften hibbelig und nervös auf den Fußrasten herum. Was sie wollte? Ganz sicher nicht in seinem Puff anschaffen gehen! Sie war derselben Meinung wie vor fünf Jahren! Wollte er Geld mit Sex verdienen, sollte er den Arsch selbst hinhalten und sich ficken lassen!
Evelynn fuhr immer schneller. Ihr Shirt riss im Wind von einer Seite zur anderen, während Evelynn Tränen der Wut und des Zorns in den Augen standen. „Ahhhhh!“ Ihr Kopf knallte auf den Tank, woraufhin der Zweiräder ins Schleudern kam. Evelynn setzte das Herz aus. Einen Unfall konnte sie jetzt absolut nicht gebrauchen! Bremsen! Sie musste bremsen! Oder war es eben nicht Bremsen?! Scheiße!
Evelynn bremste mit voller Kraft. Das Hinterrad blockierte und verlor seine Haftung, der Lenker geriet außer Kontrolle und schleuderte Evelynn zur Seite weg. Ein Meter. Zwei. Evelynn sah praktisch dabei zu, wie sie in Zeitlupe durch die Luft flog. Alles schien verlangsamt. Die Nacht um sie herum schien sie auszulachen, der von Bäumen gesäumte Wald, der die Straße umgab, nicht weniger. Das Underdog lag abgelegen. Wie sollte sie jetzt zurückkommen? Würde sie überhaupt zurückkommen? Was, wenn sie aufprallte und sofort tot war? All diese Gedanken rauschten ihr während ihres Fluges im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf.
Als Evelynn schließlich auf dem Boden aufkam, schleuderte es sie seitlich rollend weiter, und noch weiter, bis sie einmal die Straße überquert hatte und sich am anderen Ende wiederfand. Evelynn blieb liegen und starrte in den dunklen Himmel, wo die Sterne funkelten. Sie lebte noch. Ein guter Anfang. Tat ihr etwas weh? Nein. Den Helm sollte sie laut Ausbildung noch aufbehalten, um Kopfwunden auszuschließen. Aber laut Ausbildung wäre sie ohne Schutzbekleidung auch am Arsch gewesen. Und sie lebte noch.
Wie war das mit dem Bremsen noch mal gewesen? Wenn man ins Schleudern geriet, war das nicht schlimm. Man sollte ruhig bleiben. Darin hatte sie schon einmal versagt. Dann … wenn man über ein ABS verfügte, sollte man bremsen. Stimmt. Darin hatte ihr Fehler gelegen. Das alte Schrottteil hatte kein ABS. Das Rad musste blockiert haben, womit es ihr auch das letzte bisschen Kontrolle entzogen hatte. Scheiße.
Langsam richtete sie sich auf. Ihr schwindelte ein klein wenig, aber ansonsten ging es ihr gut. Den Helm würde sie vorerst vorsichtshalber dennoch auflassen. Evelynn humpelte zu ihrem Motorrad. Ihre Stirn runzelte sich. Humpeln? Wieso humpelte sie? Sie hatte keine Schmerzen. Oh …
Ein Blick ihr Bein hinab zeigte eine kleine Schürfwunde. Vermutlich lag darunter eine Prellung. Aber das war eine erstaunlich kleine Misere, dafür, dass sie wirklich gar keine Schutzbekleidung getragen hatte. Sie hatte von dem Geld, das sie dafür hätte ausgeben müssen, Yannis‘ Schulsack inklusive Materialien wie Stifte, Etui und Schulbücher bezahlt. Verdammt. Dumme Entscheidung, ihre Eltern nicht um Unterstützung zu bitten. Aber sie unterstützten sie so schon viel zu viel.
„Naja …, wenn es nur das Knie ist …“ Und belasten konnte sie es noch, also war alles in Ordnung. Nur eine leichte Prellung, deren Schmerz sie noch nicht einmal spürte. „Adrenalin lässt grüßen“, murmelte sie.
Ihrem Motorrad hingegen ging es alles andere als gut. Der Lenker war verbogen und der Tank hatte oben ein Loch. Evelynn kratzte sich im Nacken. „Wie ist das denn passiert?“ Sie zuckte mit den Schultern – und zuckte prompt zusammen. In Ordnung, in der rechten Schulter war auch etwas im Argen. Aber es konnte kaum dramatisch sein. Immerhin blutete nichts. Und hätte sie sich wirklich übel verletzt, hätte sie das sicher trotz des Adrenalins gespürt.
Erneut sah sie zu ihrem Motorrad und seufzte tief. „So kann ich dich nicht mehr fahren.“ Sie brachte den Zweiräder wieder zum Stehen und schob ihn an den Straßenrand. „Für einen Krankenwagen habe ich kein Geld … und für einen Polizeieinsatz auch nicht …“ Außerdem wollte sie aus dem Unfall keine große Sache machen. Es war sowieso niemand hier, also konnte sie das Drama machen auch gleich lassen.
Schließlich lief Evelynn schwer seufzend zurück in Richtung Underdog. So weit war sie noch nicht gefahren, und Brian – dieses unausstehliche Arschloch – und wenn nicht Brian, dann sicher Jenn, fuhr sie sicher nach Hause. Oder vielleicht auch ins Krankenhaus. Aber das konnte sie sich nicht leisten … Und ihre Verletzungen waren ja nicht besonders gravierend …
Eine halbe Stunde dauerte es, bis die roten Leuchtbuchstaben des Underdogs in Sichtweite kamen. Mittlerweile quälte sich Evelynn mehr vorwärts, als dass sie ging. Das Adrenalin hatte nachgelassen, ihr Körper zitterte und er verlangte dringend nach Ruhe und Schlaf. Ihr Zustand sollte sich allerdings schnell wieder verbessern.
Kaum waren die Leuchtbuchstaben in Sichtweite gekommen, hörte sie auch schon, wie zwei Männer – den Stimmen und der Sprechweise nach offensichtlich in alkoholisiertem oder highen Zustand – sich lauthals beschwerten. Eine dritte, leisere Stimme vernahm sie erst sehr viel später. Zwei Jugendliche hatten sich mit Brian angelegt, wie es schien. Evelynn wurde langsamer, doch das Adrenalin war mit einem Schlag zurückgekehrt. Sie wollte nicht schon wieder zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Ein Gerangel begann. Stirnrunzelnd warf Evelynn einen Blick auf ihr Handy. Der Zeit nach zu urteilen, wollte Brian den Puff wohl gerade abschließen. Deshalb bekam er also auch keine Unterstützung von seinem Sicherheitspersonal!
Evelynns Herz pumpte energisch, während wenige Meter weiter die Fäuste flogen. Brian teilte aus. Beinahe entkam Evelynn ein leises Lachen, doch sie hielt sich zurück. Wie dumm oder stoned mussten die Kerle sein, um sich mit einem Kerl wie Brian anzulegen? Gespannt sah Evelynn dem Geschehen zu. Fast schon wie im Kino, ging es ihr durch den Kopf. So lange, bis Brian aufschrie. Eine Klinge blitzte auf.
„Scheiße, Alter!“
„Los, verpissen wir uns!“
Brian stöhnte unterdrückt; seine Hand hatte er sich auf die Fleischwunde am Bauch gedrückt.
„Scheiße, scheiße …!“ Der Typ, der zumindest ein schlechtes Gewissen zu haben schien, fuhr sich hektisch mit den Händen durch die Haare und starrte ungläubig zu Brian hinunter.
Hinunter? Evelynn hatte sich zu sehr auf die beiden Kerle konzentriert! Brian war auf die Knie gesunken.
„Scheiße, Mann!“
Der, der das Messer geführt hatte, lachte. „Komm schon, Alter! Ich will nicht warten, bis die Bullen da sind!“
Die Kerle flohen und Evelynn rannte. Ihr Herz donnerte in ihrer Brust, ihre Hände waren schwitzig und jeder Gedanke an ihre eigenen Verletzungen schien so unendlich weit weg. Tränen liefen ihr ungehemmt über die Wangen. Sie stürzte neben Brian auf die Knie und schürfte sich das eigene Knie gleich noch weiter auf. Doch das war nicht von Belang.
„Brian! „Scheiße, Brian!“





























































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