Kapitel 10 – Flucht
Kapitel 10 – Flucht
Aurelie
Wusste ich doch, dass sie Hilfe bräuchten! Innerlich verfluchte ich unseren unausgereiften Plan. Zu wenige Männer auf unserer Seite und zu viele Schwundlöcher, in die wir nur ob einer kleinen Planänderung zu fallen drohten. Da stand ich, hinter einer Hausecke versteckt, und beobachtete ratlos, wie die Situation immer wie brenzliger wurde. Cyrus und die Ratsmitglieder hatten keinen Weg hinaus. Die Feuer hatten als Ablenkung nicht gereicht.
Besorgt strich ich mir einmal über den geschwollenen Bauch. „Ich habe ihm zwar versprochen, uns nicht mehr in Gefahr zu begeben, aber zulassen, dass dein Vater stirbt, kann ich auch nicht, Kleines.“ Entschlossen ging mein Blick um die Ecke. „Mögest du mir verzeihen.“
Ich holte tief Luft und trat aus meinem Versteck. Noch einmal versicherte ich mich, dass die Kapuze mir tief ins Gesicht hing. Ich wollte nicht erkannt werden. Das war immerhin Sinn und Zweck einer Verkleidung. Hatte ich mich erst um die Ecke gewagt, brauchte ich nur noch wenige Schritte bis zum Richtplatz zu tun. Dort stellte ich mich auf, sondierte die Lage, dann streckte ich meine Hände in die Luft und rief meine Göttin an, sie möge mir ihre Kräfte leihen. Ich rief Cyrus bei seinem Decknamen. Auf dass er auf mich aufmerksam würde und begriff, was ich zu tun gedachte. Er drehte sich um, starrte mich ungläubig an. Forcierend deutete ich mit meinem Blick auf eine Gasse. Gleich würde sich keiner mehr um die Gruppe der Flüchtigen kümmern.
Ich sammelte meine Kraft und schoss mit meinen Händen heißes Feuer in die Luft. Von der Hitze in meinen Adern unterstützt, schallte meine Stimme machtvoll und lodernd über den Richtplatz: „Höret, denn ich bin die Inkarnation der flammengeküssten Göttin!“ Wessen Blick nicht schon auf mir lag, drehte sich spätestens jetzt nach mir um. Erneut drängte ich Cyrus mit meinem Blick, endlich zu gehen. „Ich bin gekommen, um euch Kunde zu bringen!“ Bei den Göttern, verschwindet! Ich hatte nicht vor, hier eine fabulöse Rede aus dem Ärmel zu schütteln! Das lag mir nicht!
Cyrus Cyrus presste die Lippen zusammen, drängte die Gruppe jedoch widerwillig in die schmale Gasse hinein.
Ein paar Männer von der Stadtwache folgten ihnen. Cyrus stellte sich ihnen entgegen, damit die Berater und Minister mehr Zeit hatten. Die Zeit im Kerker hatte sie geschwächt. Cyrus ging sofort in den Angriff und nahm einer Stadtwache das Schwert ab. Zwei Männer wichen zurück und wandten sich feige ab. Drei andere Männer zogen ihrerseits ihre Schwerter.
Ich erhob meine Stimme noch mehr: „Schenkt mir euer Augenmerk, oder spürt die Konsequenzen, die denen drohen, die es wagen, meinem Sein mit Ignoranz entgegenzutreten!“ Bei den Göttern, lasst von meinem Cyrus ab!
Zahllose Augen lagen auf meinen flammenden Händen. Ich musste mich konzentrieren. Ich durfte nicht zu viel Kraft verbrauchen, sonst brannte ich wieder aus. Ein kurzer Blick zu den Flüchtigen zeigte, wie Cyrus soeben den letzten der drei Männer niederstreckte. Offenbar hatte meine kleine Vorstellung geholfen, sonst wären sie nicht so schnell zu Boden gegangen. Mit einem letzten Blick zu mir drehte er sich um und verschwand zwischen den Gebäuden, den anderen hinterher.
„Und jetzt“ – wie kam ich hier wieder raus? – „senkt eure Blicke und erweist mir euren Respekt! Zeigt mir die Demut, die ihr vor eurer Göttin hegt!“ Götter, ich würde der Blasphemie angeklagt. Sei’s drum. Mein Gemahl war in Sicherheit.
Die Blicke der Anwesenden senkten sich zögerlich. Einer nach dem anderen. Kaum waren die Köpfe unten, sah ich zu, dass ich meine Beine in die Hand nahm und von hier verschwand.
Ich war gezwungen, einen Umweg zu gehen. Cyrus würde die Gruppe in Richtung des Osttores führen, da war ich mir sicher. An jener wartete immerhin Leliers Kutsche. Wir hatten damit gerechnet, dass die Minister nicht mehr gut zu Fuß wären. Menschen kamen mir entgegen, manche mit ausgeprägtem Stirnrunzeln, andere mit unwissenden, unschuldigen Mienen, die einfach nur ihrem Tagesgeschäft nachgehen wollten.
Plötzlich stand eine Stadtwache vor mir. Mit aufgerissenen Augen sah ich zu ihm auf. Mein weißblondes Haar war braun, eingerieben mit Schlamm, das Gesicht teilweise auch. Er konnte mich unmöglich erkennen!
„Rote Augen, einen braunen Umgang, vollkommen vermummt, schwarzgefätbte Hände und dazu noch den penetranten Gestank von Rauch an sich haftend. So, so. Nach was sieht mir das denn aus? Vielleicht nach dem Verbrecher, der heute seinen Spaß mit Feuer hatte?“ Der Wachsoldat stützte beide Hände in seine Seiten. „Mitkommen. Du bist verhaftet.“
Meine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, mein Blick glitt zu dem Schwert an seiner Hüfte. Aber so gern ich mich auch amüsieren würde, so hatte ich momentan weder die Zeit dafür noch erlaubte es mein körperlicher Zustand. Ich konnte rennen, ich konnte Feuer legen, aber die Narbe erinnerte mich zuweilen gern schmerzhaft daran, dass etwas in mir noch nicht ganz verheilt sein konnte. Cyrus wusste nichts davon. Sonst hätte er mich nicht mitkommen lassen. „Da müsst Ihr Euch irren, guter Herr. Das war nicht ich. Derjenige ist da langgelaufen.“ Mit meiner Hand zeigte ich nach links, meine Füße bewegten sich nach rechts.
„Nicht so schnell!“ Fest schloss sich eine Hand um mein Handgelenk, sodass ich vor Schmerz zischend zum Stehen kam. Meine freie Hand hatte sich schützend um meinen Bauch gelegt, was augenblicklich seine Aufmerksamkeit erregte. Seine Augen wurden groß. „Du bist …“
Wollte er schwanger sagen? Oder die Königin? Ich würde es wohl nie erfahren, denn aus dem Schock heraus heizte sich mein Körper dermaßen schnell auf, dass er seine Hand mit schmerzhaft verzogenem Gesicht von meinem Handgelenk riss und mich damit freigab.
Ich rannte. So lange, bis ich das Osttor erreichte. Die Kutsche verließ gerade die Stadt. „Scheiße!“, fluchte ich laut. „Scheiße, scheiße, verdammt!“ Ich musste mich beruhigen. Sie hatten nicht ewig hier stehen und auf mich warten können. Auch sie hatten Verfolger. Möglichst unauffällig schlenderte ich zum Tor. Einer der beiden Wachen – der, der nicht auf unserer Seite stand – hielt mich an. Fest biss ich mir auf die Lippe, den Blick nach unten gerichtet.
„K…kann ich helfen, Herr?“, stotterte ich bemüht unterwürfig. Heute war wahrlich nicht mein Tag.
Warum verlässt du die Stadt?“ Skeptisch glitt sein Blick meinen Körper hinab. Einen unendlich langen Moment verweilte er auf meinem Bauch. „Warum seid Ihr so dreckig?“ Er hatte erkannt, dass ich Vampirin war. Plötzlich glitt seine rechte Hand zu seinem Schwert, den Blick auf einen Punkt hinter mir gerichtet.
„Sie gehört zu mir“, vernahm ich die vertraute Stimme meines Gatten. Er stand neben dem Tor, außerhalb der Stadtmauern.
Der Wachmann verzog angewidert das Gesicht. „Und Ihr seid?“
„Wir wurden gestern überfallen“, knurrte Cyrus ungehalten. „Aber in der Stadt interessiert es niemanden. Also gehen wir wieder nach Hause. Die Stadtwache ist mit wichtigeren Dingen beschäftigt, heißt es.“
„Stimmt das? Gehört Ihr zu ihm?“
Schnell nickte ich. „Ja, er ist mein Gemahl.“ Vorsichtig linste ich unter der Kapuze hervor. Gut möglich, dass das Rot in meinen Augen noch nicht gänzlich abgeklungen war. „D…darf ich jetzt durch?“
Der Mann am Tor nickte steif, ließ mich hindurch und wandte sich wieder Cyrus zu. „Was ist passiert?“
Mein Verbundener rümpfte die Nase. „Wir wurden aus unserer Kutsche gezerrt, unserer Kleidung beraubt und allem, was wir dabei hatten.“ Cyrus zupfte an seiner Kleidung. „Und dann waren es auch noch Vampire! Was ist nur aus diesem Reich geworden, dass sich Vampire gegen Vampire stellen? Einfach unfassbar!“ Während er weiter schimpfte, nahm er meine Hand und zog mich an sich. „Und das, wo mein Weib mein Kind unter ihrem Herzen trägt! Es wurde billigend in Kauf genommen, dass sie es verlieren könnte! Und in der Stadt hat man uns nicht einmal angehört und wieder weggeschickt! Zu Fuß! Nicht einmal ein Pferd wollte man uns geben!“
Der zweite Wachmann, der, der sich uns beim Betreten der Stadt als Loyalist zu erkennen gegeben hatte, schmunzelte unterdrückt. „Wie sollten ihnen ein Pferd mitgeben. Wenngleich es keine vollwertige Entschuldigung darstellen kann, so können wir euch damit immerhin den Heimweg erleichtern.“ An seinen Wachkollegen gerichtet sprach er: „In den Stallungen der Stadtwache gibt es genügend davon, der Stallbursche soll eines satteln und bringen.“ Das Gesicht zu strenger Miene verzogen, winkte er einem jungen Vampir – vermutlich einem Anwärter der Stadtwache – und wiederholte den Befehl. Skeptisch ließ der junge Mann seinen Blick über uns schweifen, abfällig, angeekelt, fast schon. Ein unsanfter Schlag auf den Hinterkopf erinnerte ihn an seine Aufgabe, sodass er sich sputete.
„Vielen Dank.“ Zum Dank neigte Cyrus das Haupt. „Nachdem ich mein Weib nach Hause gebracht habe, werde ich wieder kommen. Hoffentlich hat die Stadtwache dann mehr Gehör.“ Cyrus strahlte, trotz seines verdeckten Gesichts und seiner fadenscheinigen Kleidung eine gewisse Autorität aus, sodass nun auch der andere Wachmann ernst nickte.
Kurz darauf kam ein großer, breit gebauter Mann und klopfte gegen das offene Tor. Einer der Wachmänner wandte sich um. „Bist du schon… Oh, Hauptmann!“
„Schließt das Tor! Wir brauchen alle Kräfte in der Stadt! Es wurden mehrere Feuer gelegt!“
Beide Wachmänner salutierten. Der eine, der uns gegenüber loyal war, neigte ganz leicht seinen Kopf. „Ich hoffe, Ihr kommt zurecht. Das Pferd könnt Ihr wiederbringen, wenn Ihr zurückkehrt. Um alles zu regeln.“
Alles zu regeln … und unsere Stadt zurückzubekommen. Das Pferd würden sie so schnell nicht wiedersehen. Die Wachmänner ließen das Pferd passieren, danach verschlossen sie eilends das Tor und ließen uns vor den Stadtmauern zurück.
Ich sah zu Cyrus auf. „Das ist besser gelaufen, als ich gedacht hätte.“
Cyrus stieg auf das Pferd und half mir hoch. „Wir sehen nicht gerade wie Vampire aus. Also musste eine glaubhafte Lüge her.“ Er zuckte mit den Schultern. „Die Kutsche ist mit den Beratern, den Ministern und vier Wachen unterwegs. Sie werden vor dem Wald die Spuren verwischen – einer bringt die Kutsche zu Lelier. Und dann…“ Er stockte.
Ich drückte meine Beine sanft in die Flanken des Pferdes, sodass es sich in Bewegung setzte. Dann kuschelte ich mich erschöpft an meinen Verbundenen. Das lange Rennen, das Nutzen meiner Kräfte und dann die Wunde, die noch immer an meinen Kräften zerrte, wenngleich ich es niemanden sehen ließ – es erschöpfte mich unerbittlich. „Da hat unser Plan aufgehört“, sprach ich seinen Gedanken aus. „Wir werden erst einmal im Wald hausen müssen. Wieder zu Lelier zu gehen, ist viel zu gefährlich. Er hat ein Neugeborenes zu Hause. Es ist eine Sache, uns zu verstecken, aber eine Gruppe von dieser Größe? Unmöglich.“
„Ja, ich weiß. Der Wald ist groß. Ich hatte gehofft, wir finden dort eine Hütte. So wie im Norden …“ Das Pferd trottete gemütlich den Weg entlang. Die Erschütterungen in meinem Innersten waren unangenehm, aber der Schmerz noch zu ertragen. „Übrigens wurde Graf Dreidolch bei er Flucht schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er mit der Verletzung überlebt. Auch die anderen Männer sind in extrem schlechter Verfassung. Sie haben Seibling alle Finger einzeln gebrochen. Und Targes…“ Cyrus brach ab und seufzte tief. „Er bat darum, sterben zu dürfen.“
Bestürzt riss ich meine Augen auf. „Wie bitte?! Nein! Kommt nicht infrage!“ In meinem Körper hatte sich eine Anspannung, fundierend auf roher Angst, aufgebaut. Er durfte nicht sterben! Er durfte nicht aufgeben! Nicht er! Nicht dieser unglaublich starke, gefestigte Mann! Ich … „Er ist für mich ein Vorbild. Er ist … immer so stark!“
„Die Zeit im Kerker muss ihn gebrochen haben … Die Männer brauchen Zeit, Vergangenes zu verarbeiten. Wir werden sie unterstützen. Mit all unseren Kräften.“ Seine Arme legten sich schützend um meinen Bauch und zogen mich näher an ihn. Sein Gesicht versenkte er in meiner Halsbeuge, wo er tief ein- und ausatmete.
Der Wald am Wegesrand wurde mit jedem Meter dichter, während wir schweigend und müde von den Geschehnissen des heutigen Tages in Stille versanken. Lediglich unsere beiden Herzschläge und der unseres gemeinsamen Kindes, das rhythmische Trampeln der Hufen und die Geräusche der fröhlich zwitschernden Sommervögel begleiteten unsere träge vor sich hingleitenden Gedanken.
„Nay?“
„Hm?“ Mein Blick war in die Ferne geschweift. Jetzt drehte ich den Kopf herum, sodass meine Wange an Cyrus’ Brust zum Liegen kam.
„Danke. Danke, dass du heute so viel auf dich genommen und riskiert hast. Es war sicher nicht einfach für dich.“ Er legte sein Kinn auf meinem Kopf ab. „Deine Hilfe hat uns gerettet.“
„Aber natürlich“, hauchte ich lächelnd. Ich hob meine Hand und legte sie an seine Wange. „Ich hätte euch niemals zurückgelassen. Und ich hatte … irgendwie ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt, also wollte ich nachsehen …“ Ich erschauderte beim Gedanken daran, was passiert wäre, wäre ich nicht aufgetaucht. „Aber Cyrus?“
„Hm?“
„Nimm mich bitte richtig in den Arm. Mir ist kalt.“
Cyrus hatte seine Umarmung nach einer Weile gelöst, um die Zügel des Pferdes richtig halten zu können. Jetzt ließ er mit einer Hand davon ab und legte sie erneut liebevoll um mich. „Dieses Gefühl … das hatte ich neulich auch bei dir. Eine seltsame Angst. Oder Sorge. Es ist schwer zu beschreiben. Ich wusste nur, dass es nicht mein Gefühl war.“ Sein Kinn ruhte immer noch auf meinem Scheitel, wodurch ich jede Bewegung seines Kiefers spürte.
„Wir sind also nicht nur eifersüchtig aufeinander, sondern auch emotional aneinander gebunden? Übermitteln wir dem anderen unsere Gefühle? Wie lang geht das schon so?“ Ich runzelte die Stirn. „Lust! Deine Lust! Ich habe sie immer gespürt, wenn du mit anderen … und jedes verdammte Mal habe ich davon geträumt!“ Meine Fänge flutschten raus, wodurch ich leise angefressen zischte.
„Oh, tatsächlich? Ich habe nie bewusst wahrgenommen, dass ich deine Gefühle spüren kann.“ Er kniff mir in den Arm.
„Au! Dummkopf! Du verfluchter …!“ Wütend rammte ich ihm meinen Ellenbogen in den Bauch.
„Also von dem Schmerz habe ich nichts gemerkt. Du bist auch nicht wütend, sondern eher … genervt. Ja, genervt trifft es ganz gut.“ Kurz darauf spürte ich seine Lippen an meinem rechten Ohr. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Blutpakt auch Gefühle übertragen kann.“
„Hast du das mit dem Genervtsein jetzt geraten oder gespürt?“ Selbst ein Mensch mit wenig ausgeprägtem Empathievermögen hätte meine gereizte Stimmung bemerkt. Wieso brachte es mich denn auch immer so auf die Palme, wenn ich daran dachte, wie er mit anderen das Bett teilte? Sowie ich es mir vorstellte, kam ein drohendes Knurren über meine Lippen!
„Nun, hätte ich geraten, hätte ich gesagt, du wärst wütend. Oder erzürnt. Gerade aufgrund deines Ellbogenstoßes und der Schimpftirade. Aber gespürt habe ich lediglich eine gewisse Gereiztheit. Ich finde, das ist ein gewaltiger Unterschied.“ Ich hörte ihn hinter mir belustigt schnauben.“ Wärst du wahrlich erzürnt, müsste ich mich entschuldigen und am besten noch ein Geschenk überreichen. Aber wenn du nur ein wenig genervt bist, reicht es völlig aus, wenn ich dir sage, dass ich dich liebe. Und dann beginne, dich zu kitzeln.“ Cyrus’ Hand an meinem Bauch bewegte sich drohend zu meiner Seite hin. Dann aber hielt er inne. „Wenn du jedoch wirklich wütend bist, würde ich es damit nur noch schlimmer machen.“ Sachte platzierte er einen Kuss hinter meinem Ohr.
Ich schnaubte. Mit Kitzeln könnte er mir diese Gedanken auch nicht aus dem Kopf schlagen. Viel schöner wäre es, er wäre bereit, darüber zu sprechen, aber das kam offenbar nicht infrage. Männer und ihr Hang, schwierigen Gesprächen aus dem Weg zu gehen.
Die Straße um uns herum war leer. Die Spuren einer Kutsche, die sich im feuchten, wassergetränkten Boden abbildeten und denen wir bisher gefolgt waren, waren hier tiefer. Sie mussten eine Rast eingelegt haben. Weitergefahren war die Kutsche deutlich leichter.
Mein Blick huschte zum Wald. „Hier müssen sie rein gegangen sein. Aber sie haben vergessen, die Spuren unkenntlich zu machen.“ Wir waren weit genug von der Stadt entfernt. Ein Lagerfeuer würde man nicht sehen. Je nachdem, wie es ihnen ging, sollten wir dennoch zur Sicherheit gleich weiterreisen. Diesmal zu Fuß. Eine Konfrontation mit den Verrätern konnten wir nicht gebrauchen, solange die Ratsmitglieder geschwächt waren.
Cyrus stieg vom Pferd und half mir anschließend herunter. Er musterte mich skeptisch, dann zuckten seine Mundwinkel verräterisch. „Ich sehe schon, ich habe den schlimmsten Fehler begangen, den ein Mann machen kann.“ Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich zu ihm hoch. „Oh oh…“ Cyrus schluckte. „Ein weiteres Wort und ich bin tot.“ Erneut schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht und ließ mich die Augen verdrehen. Schnell wurde er jedoch ernst und drehte sich suchend um. „Ich verwische die Spuren und du gehst mit dem Pferd schon mal in Richtung Wald. Wir nehmen es mit.“
Leise seufzend tat ich, wie geheißen. Wieso konnte er mich denn nicht einfach in den Arm nehmen? Wollte ich das überhaupt? Ja, nein, irgendwie … Hatte ich wieder eine von meinen Stimmungsschwankungen? Anklagend sah ich auf meinen Bauch hinunter. Während ich mit dem Pferd im Wald verschwand und den Spuren unserer Freunde folgte, murmelte ich leise: „Du machst mir das Leben jetzt schon zur Hölle, Kleines. Wieso denn die ganzen Stimmungsschwankungen, hm?“ Und ungeachtet dessen, dass es eine Anklage war, fand sich in meiner Stimme nichts als Liebe.




























































Kommentare