Kapitel 51 – Vampire

Kapitel 51 – Vampire

 

Aurelie

Weitere Wochen waren ins Land gezogen. Der Schnee hatte wunderschönen Frühlingsblumen Platz gemacht, und der Bau der Brücke rückte voran. Was den gemeinsamen Beischlaf anging, so gaben wir uns einander immer wieder hin, aber auch nicht so häufig, wie es für Vampire sonst üblich wäre. Ich vermutete, wir wollten beide keine Rückschläge mehr erleben. Und so machten wir langsam. Redeten, kuschelten und redeten noch mehr. Ganz besonders berührend fand ich die Gespräche, die Cyrus mit unserem Kind führte und dabei vor mir kniete, den Mund nah an meinem Bauch, sodass es kitzelte.

Beim heutigen Marktgang wollte er mich begleiten. Von seiner Verletzung waren nur noch rote Striemen zu sehen. Mit Elok hatte er sogar bereits wieder begonnen, mit dem Schwert zu üben. Und so hatte ich keinen Vorwand, ihn zu Hause zu lassen. Eigentlich wollte ich das auch nicht. Ich empfand nichts als Stolz, wenn ich neben ihm ging, und mein Gatte Opfer zahlreicher weiblicher Blicke wurde. Obgleich da auch das sanfte, stechende Ziehen der Eifersucht war.

Wir schlenderten durch das Dorf, flüsterten uns leise, süße Worte zu oder sprachen über Probleme der Infrastruktur, die uns auffielen. Beim Fleischstand der Jägersfrau angekommen, begrüßte sie uns herzlich, wobei auch ihre Augen es sich nicht nehmen ließen, meinen Verbundenen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Nalin hatte ein strahlendes Lächeln aufgesetzt. „Ich habe mich schon gefragt, wo er steckt! Bisher haben wir nur die Männer gesehen, die beim Bau der Brücke helfen. Oder die rothaarige Frau, die uns ab und zu Felle bringt.“ Ihr Blick weilte ein wenig zu lange auf meinem Gatten, der sich daraufhin leise räusperte.

„Ich hoffe doch, der Bau der Brücke geht gut voran und meine Cousins helfen fleißig mit?“

„Oh ja! Sie sind wahrlich eine Bereicherung! Und … wie heißt der werte Gemahl?“

Mein Lächeln, mittlerweile eingefroren und hart wie Eis, wurde immer schiefer. „Cyrus heißt er.“

Nalins Blick huschte kurz überrascht zu mir, als hätte sie mich bereits vergessen. Doch bald schon galt ihre Aufmerksamkeit wieder einzig und allein Cyrus. „Dieser Name wird oft in den Ostlanden vergeben, nicht? Kommst ihr von dort?“



Cyrus schmunzelte. „Ja, richtig“, erwiderte er und warf mir einen Seitenblick zu. „Meine Heimat sind die Ostlande.“

Ich seufzte theatralisch. „Da hat er mich im Goldenen Reich gefunden und einfach so beschlossen, dass ich sein Weib würde!“, gab ich dramatisch zurück. „Er ist dreist, musst du wissen! Gleich nach unserer Hochzeit hat er mich geschwängert!“

Nalin lachte leise. „Machen das nicht alle Männer?“ Ihr Blick glitt ungeniert über Cyurs‘ Körper, wobei sie sich leicht über die Lippen leckte. Dann wanderte er zu mir hinüber, zu meinem Bauch, und ihre Stirn runzelte sich. „Man sieht ja immer noch nichts. In welchem Monat bist du denn, Naya?“

Meine Hand fand meinen Bauch, während sich ein versonnenes Lächeln auf meine Lippen stahl. „Ungefähr im neunten Monat, schätze ich.“

„Dritter!“, korrigierte Cyrus mich.

Zu spät. „Im neunten Monat? Das ist unmöglich, Naya! Dann wärst du schon kurz vor deiner Niederkunft!“ Nalin sah zwischen mir und Cyrus hin und her. „Es sei denn …“

„Oh.“ Ich kicherte. „Natürlich hat Cyrus recht. Ich bin noch im ersten Trimester. Ich hab mich nur verplappert.“ Wortwörtlich …

Nalin runzelte die Stirn, zuckte dann aber mit den Schultern. „Nun, dann hast du das Schlimmste ja geschafft. Und auch die Übelkeit ist fort, nicht wahr?“ Sie deutete auf die Auslage. „Möchtest du etwas Bestimmtes? Elok hat gestern wieder Reh gebracht. Ich habe hier noch ein paar sehr schöne Stücke.“

„Mutter?“, rief eine aufgeregte Stimme hinter uns, sodass Cyrus und ich gleichermaßen den Kopf drehten. „Mutter, ich habe … Oh, ich sehe, du hast Kundschaft? Euch kenne ich ja noch gar nicht. Aber auch kein Wunder, es kommen ja immer mehr und mehr, sodass wir schon wieder Leute wieder wegschicken müssen, nicht?“

„Andrana, habe Anstand und stell dich vor“, rügte die Jägerfrau mit gefurchter Stirn. Und die Tochter stellte sich vor. Nur blieb ihr Blick unverhohlen und ungebrochen auf derart laszive Art an meinem Verbundenen hängen, dass mir fast die Fänge herausglitten.

„Guten Tag, ich bin Cyrus, das ist meine Frau Naya“, übernahm Cyrus unseren Teil der Vorstellung.

„Cyrus“, hauchte die junge Frau und biss sich kurz darauf auf ihre Unterlippe. Ihr Blick wanderte wieder über den Körper meines Gemahls.



Selbst Nalin bemerkte das und schlug ihrer Tochter mit einem Holzlöffel gegen den Oberarm. „Er ist verheiratet, Andra! Und du solltest dich auch endlich mal nach einem gescheiten Mann umsehen!“

„Jaja, Mutter, das tue ich schon noch. Hier ist nur keiner …“

„Und doch schlägt ein Herz unter dem Euren“, merkte ich verschlagen an. „Meine Glückwünsche.“ Plötzlich spürte ich, wie Cyrus die Luft anhielt und seine Hand, die locker an meiner Hüfte gelegen hatte, mich etwas enger zu ihm zog.

„W…Was?“, stammelte Andrana und sah mich entgeistert an. „Meine Blutung kommt in den nächsten Tagen! Was redest du da?“

Nalin, deren Augen sich bei meinen Worten geweitet hatten, öffnete sprachlos den Mund. Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Sprache wiederfand. „Ein Herz schlägt…aber…wie?“

Und da begriff ich. Zu Cyrus gewandt flüsterte ich: „Menschen hören das nicht, oder?“ Das hätte ich wissen müssen. Nur hatte mich die Eifersucht unter Kontrolle gehabt!

„Richtig. Menschen haben kein so gutes Gehör“, flüsterte er ebenso leise zurück.

Ob Nalin uns gehört hatte oder mittlerweile einfach die richtigen Schlüsse zog, wusste ich nicht. Aber die Jägersfrau schnappte nach Luft. „Ihr seid Vampire!“ Es klang nicht anklagend. Oder ängstlich. Eher wie eine nüchterne Feststellung.

„Es jetzt noch zu leugnen, bringt wohl nichts …“, seufzte ich.

„Seid ihr Adlige aus dem Osten? Oder dem Goldenen Reich?“ Nalin wirkte distanzierter, kühler als zuvor.

„Moment … Soll das heißen, ich bin … schwanger?!“ Andrana atmete hektisch, fluchte ungehalten und rannte davon.

Wortlos sah ich ihr nach. Dann stieß ich zischend die Luft aus meinen Lungen. „Nalin, du musst uns nicht förmlich ansprechen. Nicht ohne Grund haben wir uns als Menschen ausgegeben. Oder es zumindest versucht … Ich bin sehr isoliert aufgewachsen und weiß nicht besonders viel über die normale Lebensweise von Menschen. Deshalb wollte ich sie auch so gern kennenlernen. Einfach ein normales Leben führen, weißt du?“

Die Frau musterte mich etwas länger, dann sah sie zu Cyrus. „Wir bekommen keinen Ärger?“ Ihr Herzschlag beschleunigte sich leicht.

„Nein. Naya und ich sind keine Verbrecher, Volksverräter oder etwas in die Richtung. Wir haben nur Freunde besucht.“



Nalins Herzschlag beruhigte sich nur mäßig. Mehrmals befeuchtete sie ihre Lippen, bevor sie schließlich zu mir sah. „Ich weiß nicht viel über Vampire. Aber … ein gewisser Respekt bleibt natürlich.“

„Das verstehen wir“, beteuerte ich. „Aber ich bin immer noch die junge Frau, die hier jede Woche einkaufen kommt und seit mehreren Monaten mit dir befreundet ist. Nur, dass meine Schwangerschaft drei Jahre geht, anstelle von … äh …“ Fragend sah ich zu Cyrus auf. Wie konnte ich dergleichen nicht wissen? Ich wusste nur, dass wir unsere Kinder deutlich länger austrugen. Oh, Götter, was war ich für eine Königin, wenn ich selbst sowas nicht wusste?

Ich spürte die Belustigung in ihm, noch bevor er auflachte. „Neun Monate, Liebes. Wie Nalin schon sagte, du wärst als Mensch kurz vor der Niederkunft und dein Bauch wäre so dick, dass du deine Füße nicht mehr sehen könntest.“

„Ha ha, du freust dich doch nur darauf, dass ich dann auf deine Hilfe angewiesen bin.“ Spielerisch stieß ich ihm meinen Ellenbogen in den Bauch. „Und das ein ganzes Jahr lang! Das klingt nach einem Albtraum!“ Mein Schwerttraining, das Herumschleichen in den Gängen, die Ratssitzungen … Vermutlich könnte ich dann noch nicht einmal mehr sitzen.

„Ich helfe gerne dabei, dir deine Schuhe anzuziehen“, entgegnete Cyrus grinsend.

„Ich möchte euch nicht stören, aber …“ Nalin stockte unsicher und seufzte tief.

„Was? Entschuldige. Was ist los? Wenn du dir Sorgen um unsere Ernährung machst, musst du das nicht. Wir vergreifen uns nicht an Menschen“, erklärte ich schnell.

Nalin schüttelte jedoch den Kopf und seufzte tief. „Ist meine Tochter wirklich schwanger? Das … Sie ist nicht verheiratet. Niemand wird sie jetzt noch heiraten wollen …“ Ihre Schultern sanken herab. „Am besten heiratet sie diese Woche noch … Dann wird er denken, es sei sein Kind …“

Stimmt. Menschen waren darauf versessen, jungfräulich zu heiraten. „Kann sie denn nicht den Vater des Kindes heiraten? Gibt es nicht jemanden, der um sie wirbt?“ Würden wir uns als die zu erkennen geben, die wir waren, könnten wir die Hochzeit einfach befehlen. Aber ich wollte mich nicht dermaßen in das Leben dieser Menschen einmischen. Das Mädchen hatte sich selbst in diese Lage gebracht. Wissend um die Konsequenzen.



„Wer der Vater ist, weiß wohl nur Andra …“ Nalin seufzte tief und deutete auf die Auslage. „Ich möchte nicht unhöflich sein … aber braucht ihr etwas?“

„Diese Frage sollte ich eher dir stellen. Du siehst blass aus. Geh ruhig zu deiner Tochter. Wir bleiben hier und passen auf, dass nichts gestohlen wird.“

„Aber die Preise …“ Nalin winkte ab. „Ach, egal! Ich bin so schnell wie möglich wieder da!“ Sie nahm noch die Schürze ab, reichte sie mir und eilte los.

Cyrus blickte ihr nachdenklich hinterher. „Soll ich auch nach der Tochter suchen? Oder soll ich dir Gesellschaft leisten?“

„Du kannst die Einkäufe erledigen.“ Schnell zählte ich ihm auf, was ich für die nächste Woche bräuchte – dann war er weg. Zugegeben, auf mein Drängen hin, denn nun wurde mein Blick dunkel. Beinahe hätte ich ihm eine Warnung ausgesprochen, er solle sich gefälligst vom weiblichen Volk fernhalten. Diese Eifersucht in mir machte mich selbst ganz wahnsinnig. Sie war es gewesen, die für den Ausbruch meiner Kräfte im Harem gesorgt hatte. Sie und die Entrüstung über die Worte dieser … Vampirinnen.

Ich stieß ein Seufzen aus. Wie es Lyss wohl ging? Und Gilead? Ich hatte es Cyrus noch nicht gebeichtet. Er musste davon ausgehen, dass es ein Unfall gewesen war. Was gewissermaßen ja auch stimmte …, nur hatte dieser Unfall auf Eifersucht basiert.

 

Zwei Tage später, als ich zusammen mit Irina gerade dabei war, vor der Hütte Wäsche zu waschen, kam Amaro auf seinem Pferd herbei geritten. Er hatte die neueste Beute ins Dorf gebracht.

„Amaro?“ Ich erhob mich und wischte mir die Hände am dreckigen Rock ab. „Was sagen die Leute über uns im Dorf? Weiß man, dass wir Vampire sind?“

„Ja, da reden mittlerweile alle drüber und sie sind froh, dass wir hier außerhalb in der Hütte wohnen.“ Er lächelte flüchtig. „Sie denken zum Glück, wir alle wären Vampire. Aber irgendwann werden sie merken, dass wir vier nie essen.“ Was hieß da Glück? Nalin hätte wirklich Stillschweigen bewahren können. Aber vielleicht war es auch ihre Tochter gewesen. Klar war auf jeden Fall, dass von nun an alle wieder kuschen würden, kaum betraten wir den Platz. Und der Gedanke stimmte mich traurig. „Im Übrigen soll Andrana heiraten. Nalin lädt Euch und Cyrus zur Hochzeit ein.“



Meine Augenbrauen schnellten hoch. „Sie hat also wirklich …“ Ach du liebes Bisschen. „Danke, für die Nachricht. Wann ist die Hochzeit?“

„In zwei Tagen schon. Sie beginnt bei Sonnenuntergang. Aber Nalin lässt Euch abholen.“

„Uns abholen? Aber wir haben doch unsere Pferde?“

„Ich glaube nicht, dass der Weg weit ist. Die Feier ist im Haus des Bräutigams.“ Amaro zuckte mit den Schultern. „So kurzfristig wird es schwer, ein Geschenk aufzutreiben. Aber Nalin sagte, sie erwarten nichts.“

„Wäre trotzdem schön …“, murmelte ich überlegend und grunzte dann undamenhaft. „Wir können ja schlecht sagen, sie sollen die Anwesenheit ihrer Herrscher als Geschenk annehmen.“ Bei dem Gedanken allein schon musste ich laut losprusten. „Nein, schlimm genug, dass sie wissen, dass wir Vampire sind! Wen genau sie beherbergen, müssen sie wirklich nicht erfahren.“ Ich drehte mich um, begegnete Irinas belustigtem Blick und verschwand hinter dem Häuschen, wo Cyrus irgendwo Bäume fällte.

„Cy?“ Ich näherte mich langsam aber sicher den regelmäßigen, dumpfen Schlägen. „Bist du hier?“, rief ich, während ich mir die Hände erneut an der zweckmäßigen Schürze abwischte.

Ein Baum wackelte heftig, aber die Schläge hörten auf. Wenig später kam Cyrus auf mich zu. Er hatte sein Oberteil ausgezogen und seine nackte Brust glänzte vor Schweiß. „Was gibt es?“ Selbst sein Atem ging ein wenig schwerer. Kein Wunder bei der riesigen Axt.

Mein Blick blieb an seiner Brust kleben. Mein Mund war wie ausgetrocknet. „Äh …“

„Ja?“ Er grinste breit, kam auf mich zu und spannte dabei bewusst seine Brust- und Bauchmuskeln an.

„Da…“ Ich schluckte. Meine Beine schienen plötzlich alles andere als zuverlässig, so wie sie unter der Last meines Gewichts bebten. „Du …“ Götter, wenn das so weiterging, landeten wir im Bett. Es fehlte nur noch der Sabber und die Demütigung wäre perfekt. Und sein Ego im Himmel.

Cyrus lachte leise. „Na komm, dreh dich um und sag mir, warum du hier bist.“

Ich tat exakt, was er gesagt hatte. Ich drehte mich um und beeilte mich zu sagen: „Wir sind bei der Hochzeit von Nalins Tochter eingeladen. Du weißt schon, der ungebundenen Schwangeren. Gut, ich geh dann wieder…“

„Was schenken wir?“, raunte er mir leise ins Ohr. Gleichzeitig schlangen sich seine Arme von hinten um mich. Seine Hände legte er besitzergreifend auf meinen Bauch. „Wir haben noch Gold, Silber und Schmuck.“



Sein Geruch umhüllte mich gleich einer Wolke. Schweiß, Moschus, Wald, Regen und dann diese ganz persönliche Note Cyrus. Ein leises, sehnsüchtiges Seufzen ausstoßend, lehnte ich mich an seine verschwitzte Brust und legte meine Hände auf seine. „Solange es nichts mit dem königlichen Siegel darauf ist …“ Meine Worte wurden mit Voranschreiten des Satzes immer undeutlicher. Ich hatte begonnen, meinen Kopf zu ihm umzudrehen, atmete tief seinen Geruch ein und spürte, wie sich meine Leibesmitte vorfreudig zusammenzog. Die Augen hatte ich längst geschlossen. Und ehe ich mich versah, stand ich ihm zugewandt, das Gesicht in seine Halsbeuge gedrückt, wo ich mit meiner Zunge das Salz von seiner Haut aufleckte, während meine Hände fahrig seinen Körper erkundeten.

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