Kapitel 68 – Taufe
Kapitel 68 – Taufe
Aurelie
Seit drei Tagen hatte ich mein kleines, nur durch einen Vorhang abgeschottetes Zimmer nicht mehr verlassen. Der Grund war einfach. Ich blutete. Und ich wollte nicht, dass er es mitbekam. Bestimmt roch der ganze Harem schon danach, aber ich versuchte mir dennoch einzureden, das täte er nicht. Denn es ging den König nun einmal nichts an.
Der Vorhang öffnete sich und zeigte Lyssas schmale Gestalt. Sie sagte nichts, sondern betrat lediglich das Zimmer und legte mir ein Tablett mit einfachem Mahl und einer viertel Tasse Blut aufs Bett. Mütterlich legte sie ihre Hand auf meine Stirn und seufzte. „Du solltest dir zumindest selbst Befriedigung verschaffen, Nayara. Normale Vampire werden nur ganz wuschig im Kopf, wenn wir uns zu wenig in die Freuden des Lebens stürzen, aber du läufst heiß.“
„Ich brauche deinen Rat nicht, Lyssa“, entgegnete ich schroffer als eigentlich gewollt. „Aber danke. Und danke für das Essen“, fügte ich leise, beschämt hinzu. „Es tut mir leid. Ich bin nicht ich selbst dieser Tage.“
Lyssa nickte beschwichtigend und verließ mich wieder. Es stimmte, denn ich war nicht mehr ich selbst. Das wusste sie, wir hatten darüber geredet und beschlossen, dass sie es bitte einfach nicht an sich heranlassen sollte. Aber es wurde auch nicht besser. Nicht, seitdem ich entdeckt hatte, was hinter diesen verfluchten Träumen steckte. Wobei es mittlerweile nicht mehr nur Träume waren. Es war die scheußliche, zum Brechen geschaffene, Wirklichkeit.
Jeden Abend kam er her und vergnügte sich. Tagein. Tagaus. Mir war die Lust vergangen, mich zu befriedigen. Auch wenn mein Körper es von mir verlangte, so wollte ich dieser Lust nicht nachgeben. Nicht, seit ich wusste, woher sie stammte. Dann wurde ich eben ein bisschen heißer. Es störte keinen. Und das Bett würde schon nicht in Flammen aufgehen. Nur meine Seele. Diese verbrannte mit jedem Tag ein bisschen mehr. Mit jeder Frau, die er sich in meinem Beisein nahm.
Auch dieser Tag verging langsam und eintönig. Ich hörte die Vampirinnen Spielchen spielen, reden, essen, dann folgte die tägliche Runde der Beschwerden. Mit klarer Vorliebe: Über mich. Nicht schön genug, nicht freundlich genug, isst zu viel, trinkt ihnen ihr Blut weg, lenkt den König von ihnen ab …
Ich konnte nur so viel sagen: Er hatte seit Tagen nicht mehr nach mir gesehen. Seit er mich hier wieder eingesperrt hatte.
Lyssa war bei diesen Gesprächen stets still. Manchmal zog sie sich auch zurück und gesellte sich die Zeit zu mir. Heute jedoch nicht.
Wieder vernahm ich das verhasste Geräusch, welches das Türschloss stets verlautete. Zu früh! Es war noch mitten am Tag! Warum war er schon da? Schritte näherten sich. Und die Stimme von Fenna erklang.
„Wo wollt Ihr hin, Majestät? Wir können …“
„Heute nicht!“, unterbrach der König sie und zog kurz danach den Vorhang zu meinem Kämmerchen zurück. Er stutzte, als er mich im Bett sah. Kurz darauf öffnete er leicht seinen Mund und offenbarte mir seine langen Fangzähne. „Warum liegst du im Bett?“
„Darum“, nuschelte ich und deutete mit einem Blick auf seine Fänge. „Ich bin auch die letzten Tage nicht aufgestanden, aber das bemerkst du ja nicht mal“, hauchte ich erschöpft.
„Bist du verletzt? Hast du dich selbst verletzt?“ Er näherte sich mir. „Wir hatten eine Abmachung!“ Ohne auf meine Antwort zu warten, griff er nach der Decke und riss sie mir vom Körper. Zwar trug ich unter dem Nachthemd ein Höschen mit Leinen drin, die das Blut aufsaugten, aber der Geruch verbreitete sich augenblicklich mit einer Intensität im Raum.
„Gib mir das zurück!“, knurrte ich wütend. „Mir ist nicht nach Streiten, ich will schlafen!“ Plötzlich wurden meine Augen von Tränen geflutet. „Geh und vergnügt Euch! Lasst mich in Ruhe!“, schniefte ich und zog laut die Nase hoch.
Sein Blick wurde dunkel, jedoch wandte er sich leicht ab. „Wir müssen mit Lelier reden. Über seine Zukunft und darüber, ob sein Sohn ohne Vater aufwächst. Komm mit.“
„Dann geht raus und ich kleide mich an!“, schrie ich ihm schniefend entgegen, was sich für jeden anderen völlig hirnverbrannt anhören musste. Aber meine Emotionen waren völlig außer Kontrolle. Und sein ständiges Vergnügen mit den anderen Frauen brachte mein wankelmütiges Gemüt nicht zur Besserung. Alles war schlecht. Alles war bescheiden, sodass ich nichts anderes sehen wollte als das schwarze Innere meiner Augenlider!
Mein Gemahl verließ den kleinen Raum und zog den Vorhang wieder zu. „Beeil dich bitte.“
Ich wischte mir die Nässe von den Wangen und setzte mich auf. Ich fühlte mich so schmutzig. Ich sonderte Blut ab und es fühlte sich einfach nur ekelhaft an. Mit einem stummen Seufzer stellte ich fest, dass ich nur das schöne, grüne Kleid hier hatte. Für einen Besuch im Kerker aber hätte ich Hose und Hemd bevorzugt. So schnell es nun mal ging, streifte ich mir das Kleid über, band die Seiten zu und schlüpfte durch den Vorhang.
Ich sparte es mir, mit meinen Augen nach meinem Gemahl zu suchen und steuerte direkt das Badeabteil an. Dort wusch ich mir mit kaltem Wasser das Gesicht. Als meine demotivierte Trägheit noch immer nicht wich, holte ich aus und klatschte mir meine Handfläche voller Wucht auf die rechte Wange. Ich keuchte auf, schüttelte den Kopf und blinzelte einige Male. Ein Blick in den Spiegel zeigte leicht gerötete Haut an der Stelle, an der meine Hand die Haut meiner Wange getroffen hatte. Andererseits war mein Gesicht vom Weinen sowieso schon rot angelaufen und würde einige Minuten brauchen, sich zu beruhigen.
Der Vorhang wurde ruckartig zur Seite gezogen. Davor stehen bleibend verlangte mein Gatte, nachdem er kurz den Blick durch das kleine Badeabteil schweifen liess: „Komm jetzt.“
„Ja, Majestät.“
Er ging voran und ich folgte. Wir verließen den Harem. Ich konzentrierte mich nicht darauf, wohin wir gingen. Entsprechend überrascht war ich, als ich plötzlich ins Freie trat und mich die angenehme Nachmittagsluft umgab. Die Sonne linste schwach durch die Wolken. Augenblicklich blieb ich stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Wie viele Tage waren vergangen? Wie lange war ich dieses Mal eingesperrt gewesen? Ich schüttelte die Gedanken ab und sog gierig die frische Luft in meine Lungen.
„Komm, setzen wir uns einen Moment.“ Er ging voraus. „Ich habe mit Herzog Lelier zweimal gesprochen und ihm die Bedingungen seiner Freilassung erklärt. Er hat sofort zugestimmt.“ An einer steinernen Bank angekommen, setzte er sich hin. Dabei streckte er die Beine aus und überschlug sie an seinen Füßen. „Ich will ihn mit dir konfrontieren. Und deine Meinung dazu hören. Immerhin war es deine Entführung. Du wärst dort beinahe gestorben. Sein Hass galt dir.“
Mit einigem Abstand setzte ich mich ebenfalls. „Ich habe ihn nie als hasserfüllt wahrgenommen. Eher zielgerichtet. Nur hat er eben eine andere Meinung. Oder hatte. Was weiß ich.“
„Es ist dennoch keine Entscheidung, die ich ohne dich fällen werde. Er muss uns beiden als König und Königin seinen Respekt entgegenbringen. Tut er es nicht, ist sein Leben verwirkt.“
„Wieso?“, platzte es da plötzlich aus mir heraus, den Blick auf die Büsche vor mir gerichtet. „Wie soll ich Respekt vom Volk erwarten, wenn mein eigener Verbundener keinen vor mir hat?“
„Würde es mir an Respekt dir gegenüber mangeln, würde ich dich in den Kerker sperren, dir Nahrung einflößen und mich täglich an dir vergreifen. Mir könnte es auch egal sein, wer dich sonst noch alles nimmt. Ich könnte sogar kontrollieren, wer dich besteigt. Von einem Grigoroi kannst du nicht schwanger werden.“ Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er sich halb zu mir drehte. „Ich versuche auch für dich eine respektvolle und annehmbare Lösung unserer derzeitigen Situation zu finden. Du könntest es durchaus schlechter haben.“
Da hatten wir unterschiedliche Meinungen, dachte ich, sprach es aber nicht aus. Er würde dagegenhalten, hatte er doch offensichtlich vergessen, dass er seine Drohung bereits wahrgemacht hatte. Auf die Grigoroi käme es auch nicht mehr an. Er selbst richtete mit seinem Verhalten mehr Schaden an, als es hundert seiner Grigoroi könnten. Schaden an unserer Verbindung, an unserer Beziehung zueinander. Aber er sah es nicht. Oder vielleicht wollte er schlichtweg nicht sehen, was er uns antat. Mir antat.
„Du siehst besser aus“, gab er nach einer Weile von sich. „Komm, ich bin gespannt, wie Lelier auf dich reagiert.“
Als wir die Türen zum Kerker hinter uns gebracht hatten, in das stinkende Gemäuer getreten waren und nun vor der Zelle standen, ergriff ich, ohne auf Erlaubnis zu warten, das Wort. „Euer Sohn ist eine Augenweide, Herzog Lelier. Ich gratuliere.“
Der Herzog sank auf ein Knie, als wir in sein Sichtfeld traten. Als ich über seinen Sohn sprach, zitterte sein Körper leicht. „Ich danke Euch, Majestät“, erwiderte er leise und hielt seinen Blick gesenkt.
An meinen Gatten gerichtet, fragte ich: „Habt Ihr es ihm schon gesagt?“
„Er kennt die Bedingungen und er hat sie akzeptiert. Zweimal.“ Die Stimme meines Gemahls klang ernst und distanziert, während sein Blick auf dem Herzog ruhte.
„Ich werde auch ein drittes Mal den Bedingungen zustimmen, Majestäten.“ Der Herzog hob seinen Kopf und sah zu mir auf. In seinem Blick lag Trauer, aber auch Hoffnung.
Ich lächelte sanft. „Ihr habt es gespürt, als Euer Sohn zur Welt kam, nicht?“
„Ja, ich …“ Der Herzog unterbrach sich und rieb mit einer Hand über sein Gesicht. „Meine Frau musste alles alleine durchstehen und ich war nicht da, um ihr zu helfen.“ Obwohl er sich über das Gesicht wischte, tropfte eine Träne von seinem Kinn.
Ich wollte gerade etwas sagen, als der Herzog auch das andere Knie neigte, seinen Oberkörper nach vorn beugte und seine Stirn auf den kalten, dreckigen Boden presste. Die Position, die Sklaven einnehmen mussten, um ihrem Herrn Respekt zu zollen. „Ich würde ungeschehen machen, was geschehen ist, Majestät. Ich bedaure zutiefst, dass es so weit gekommen ist! Mein Hass hat mich blind gemacht. Und ich übersah dabei völlig, dass Ihr zum Zeitpunkt seines Auslösers noch nicht einmal geboren wart. Ihr tragt zwar das Blut Eurer Vorfahren in Euch, aber das ist die einzige Gemeinsamkeit, die Ihr mit ihnen habt.“
Die Geste und seine Worte berührten mich. Hass machte blind, ja. Es veränderte einen. Dinge, die ich trotz meines jungen Alters leider schon wusste. Und ich wusste, dass dieser Mann aufrichtig sprach. Aufgrund dessen wandte ich mich an Cyrus: „Wäre es nicht an der Zeit, ihn rauszulassen?“
Mein Gemahl nickte sah zu dem Herzog, der seine Stirn noch immer in auf den schmutzigen Boden drückte. „Habt Ihr entschieden, welcher gemeinnützigen Arbeit Ihr nachgehen wollt, Herzog?“
„Ja.“ Er hob den Kopf. „Nun, wo ich Vater bin, möchte ich ein Frauenhaus errichten und es leiten. Es soll den Menschen vom Land helfen, die der Sklaverei entkommen wollen. In der Stadt müssten sie sich prostituieren, um zu überleben. Sie sollen sich in einer sicheren Umgebung um ihre Kinder kümmern können.“
Ruhig erklärte ich: „Erhebt Euch, Lelier. Diese Haltung gebührt Euch nicht, auch wenn Ihr Fehler begangen habt. Ihr seid immer noch ein Herzog. Ich zürne Euch nicht, in keiner Weise. Wir haben beschlossen, Euer Leben zu verschonen. Gleichsam wie Ihr mir eine Chance auf Leben gegeben habt, in jenem Moment, als Ihr mir Eure Ader reichtet.“ Ich wandte mich ab, griff nach den Schlüsseln und steckte sie ins Schloss. Mittlerweile hatte der Herzog dicke Tränen weinend im Gesicht. Auf Knien sitzend, sah er zu mir auf. „Des Weiteren ist Euer Vorschlag angenommen. Eure Idee ist ehrenwert und dem Land, das wir erschaffen wollen, eine willkommene Hilfestellung.“ Ich drehte den Schlüssel im Schloss und öffnete. „Und jetzt solltet Ihr Euch waschen und neu einkleiden.“
Hätte ich das mit dem König absprechen müssen? Vielleicht. Aber ich hatte ihn eingesperrt, also sperrte ich ihm auch wieder auf. Ausserdem waren diese Zellen selbst unter der Würde einer krankheitsverbreitenden Ratte. Der Mann hatte Fehler gemacht, aber er gehörte nicht hier her.
„Habt vielen Dank, Majestät“, hauchte er ergriffen und räusperte sich, um seiner Stimme mehr Festigkeit zu geben. „Seine Majestät sagte, Ihr würdet die Patentante meines Sohnes werden wollen. Habt Ihr einen Vorschlag für einen Namen?“
Wollen? Ich warf dem König neben mir einen giftigen Blick zu. „Ich empfände es als Ehre, ja“, säuselte ich und wandte mich wieder dem Herzog zu, ein Lächeln aufgesetzt. „Ich habe ihn Eurer Gemahlin bereits vorgeschlagen … Avino … sollte er Euch gefallen. Besprecht das aber in Ruhe mit Eurem Weib. Die Annahme meines Vorschlags hat nichts mit Euren Auflagen zu tun.“
Der Herzog nickte knapp. „Wann darf ich zu ihr?“, fragte er leise.
„Wir brechen in zwei Stunden auf, dann sind wir am späten Abend dort“, erklärte Cyrus. „Die Taufe ist für morgen früh angesetzt. So habt Ihr noch Zeit, um mit Eurer Gattin zu reden.“
Herzog Lelier seufzte leise. „Danke.“
„Folgt uns.“
Wir brachten den Herzog zu einem Gästezimmer, wo er sich frisch machen und umziehen konnte. Wir selbst taten es ihm gleich. Irina packte mir erneut eine Truhe, dann ging es in die Kutsche.
Die Fahrt verging meinem Gefühl nach wie in Zeitlupe. Wir sprachen die ganze Zeit kein Wort – und auf der Rückfahrt war es dasselbe. Die Wiedervereinigung des Herzogpaars war herzerwärmend, und die Blicke der Herzogin daraufhin schon deutlich freundlicher gewesen. Und auch wenn es ihr im ersten Moment sichtlich missfiel, mich als Patentante ihres kleinen Sohns zu haben, so sah sie am nächsten Tag – vermutlich nach reichlich gut Zureden ihres Gatten – ein, dass es nicht zwingend schlecht sein musste, die Königin als Patin zu haben. Doch natürlich gab es auch Nachteile, und die hätte sie mir zweifellos vorgeworfen – hätte sie die Gelegenheit dazu bekommen. Es konnte durchaus Gefahr bergen, mit dem Königshaus in derart engem Kontakt zu stehen.
Der König hatte mich nicht ein einziges Mal aus den Augen gelassen. Und das, ungeachtet dessen ich ihn gebeten hatte, mich für einen Moment mit der Herzogin allein zu lassen, denn ich hätte ihr wirklich gern ihre Sorgen genommen. Oder sie zumindest gemindert. Doch dazu sollte es nicht kommen.
Die Taufe selbst hatte in einem Tempel, eine Stunde mit der Kutsche vom Anwesen des Herzogs und der Herzogin entfernt, stattgefunden. Ein Tempel, den Göttern gewidmet. Und doch war ihre Nähe an keinem Ort auf dieser Welt so stark spürbar, wie beim Heiligen See in den Tiefen des Berges, auf dem das Schloss erbaut worden war.
Ich hatte das Kind in meinen Armen gehalten, erneut, und doch hatte es sich angefühlt, als wäre es das erste Mal. So klein, so zart, dass man Angst hatte, es zu zerbrechen. In weiße, edle Stoffe gehüllt, hatte es in meinen Armen gelegen, dieses Mal jedoch nicht so ruhig, wie das letzte Mal.
Erneut wurde es geweiht, dieses Mal vor aller Augen. Es wurde nicht nur den Göttern, sondern auch der ganzen Großfamilie und Freunden vorgestellt. Und, wo der König bei den anderen Gästen gesessen hatte – man hätte die Gesichter neben ihm porträtieren müssen – und der Taufe zugesehen hatte, stand ich vorn und gab dem Kind einen Kuss, wie ich es vor wenigen Tagen schon getan hatte. Nur dieses Mal mit einer direkten Bindung zu ihm. Auch wenn ich wahrlich hoffte, betete, dass es nie so weit käme und man das Kind in meine Obhut übergehen müsste.
„Nayara?“
Ich schreckte auf. „Hm?“
„Ich habe dich gewählt“, erklärte Ines ungeduldig.
„Ach ja …“, murmelte ich. Wieder ein Spiel im Harem. Sie nannten es Wort oder Tat. Ein scheinbar sehr beliebtes Spiel hier. Man wählte zwischen den beiden Optionen. Wollte man eine Wahrheit preisgeben – was immer es auch sein möge – oder doch lieber eine Tat vollziehen – wonach es dem Fragenden auch gerade zu Gemüte stand. Doch wurde meist die Tat gewählt, da sich die Vampirinnen gegenseitig bereits in- und auswendig kannten.
„Wort“, entschied ich jedoch. Denn sämtliche Tätigkeiten, die hier vorgeschlagen wurden, hatten etwas mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten zu tun. Und darauf hatte ich keine Lust. Es fiel mir schon schwer genug, den Frauen hier nicht einfach allesamt die Köpfe abzureißen, denn sie schliefen mit meinem Gemahl! Meine Fänge flutschten heraus. Schnell hielt ich mir die Hand vor den Mund. „Verzeihung“, nuschelte ich.
„Hm …“, machte Ines und legte nachdenklich ihre Hand an ihr Kinn, die Finger darum gespreizt. „Hast du schon mit einem anderen Mann, abseits des Königs, geschlafen?“ Wieso interessierte sich Ines immer und ich meinte immer nur für dergleichen?
„Ja“, gestand ich, führte es aber nicht weiter aus, wie es sich die Damen zweifellos wünschten. „Aralie …“ Ich konnte diese Frau bis auf den Tod nicht ausstehen. Aber wir wollten uns hier ja alle gegenseitig am Leben lassen …
„Tat“, kam es sofort.
Genial, dachte ich. Dann also Tat. „Hm … äh, renn zweimal im Kreis um uns herum.“
Aralie sah mich an, als hätte ich ihr gesagt, sie müsste für drei Wochen den Abortputzdienst übernehmen. Dann stand sie schnaubend auf und legte die Strecke in Vampirgeschwindigkeit zurück. Tatsächlich trug sie danach ein Lächeln auf den Lippen. „Ich habe mich schon Jahrhunderte nicht mehr so bewegt“, sagte sie strahlend. Das Spiel ging weiter.
Wieder kam ich an die Reihe. Dieses Mal war Tarischa die Übeltäterin. Eine falsche Schlange – sie hätte hervorragend an den Hof gepasst. In meiner Anwesenheit war sie freundlich und korrekt, kaum drehte ich ihr den Rücken zu, war ich hässlich, stumpfsinnig, und alles, was ihr sonst noch Beleidigendes in den Sinn kam.
„Und?“, wollte sie wissen.
„Wort“, wählte ich erneut, woraufhin sie leise seufzte.
„Nun, immerhin bist du noch interessant … Hm, wie wäre es mit … Hast du schon einmal jemanden getötet, wenn ja, wen und wie viele.“ Ich blieb stumm. „Und?“, drängte sie.
„Das sind drei Fragen“, stellte ich unnötigerweise fest.
„Nein, eine. Sie hängt zusammen. Wenn die Antwort nein ist, hast du die Frage mit einem Wort beantwortet.“
Ihre Auffassung vom Zählen war mir fremd. „Das beantworte ich nicht.“
Fenna sprang hoch. „Dann hast du die nächste Woche Abortdienst!“ Breit grinsend setzte sie sich wieder hin. Ich nickte lediglich, während sich auf den Gesichtern der Lästertanten ein hinterlistiges Grinsen breit machte. Bestimmt dachten sie, das wäre eine Beleidigung für mich. Oder es würde mich beschämen. Natürlich war es nicht die Arbeit einer Königin, aber es war auch nicht so, als hätte ich hier Besseres zu tun.

































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