Der schwarze Freitag (III)

In den Stallungen herrschte beinahe völlige Dunkelheit. lediglich ein schmaler Streifen des grauen Morgens drang durch die schmalen Lüftungsschlitze unter dem Dachfirst und zeichnete blasse Linien auf den gestampften Lehmboden. Es roch nach Heu, Leder und warmem Pferdeschweiß. Die Tiere spürten die Unruhe lange bevor ein Mensch sie begriff. Sie scharrten mit den Hufen, schnaubten nervös und warfen die Köpfe zurück, als lauschten sie den Stimmen draußen.
Arnaud blieb einen Herzschlag lang reglos stehen. Sein Atem ging hastig. Das Pochen seines Herzens schien lauter zu sein als jedes Geräusch ringsum. Von draußen drangen gedämpfte Rufe herein, das Scheppern von Waffen und das dumpfe Poltern schwerer Stiefel auf dem Pflaster des Innenhofs… Sie kamen näher. Mit zitternden Fingern löste er das Halfter seines schwarzen Rappen. Das Tier hob den Kopf, erkannte seinen Herrn und stieß ein leises Schnauben aus. Arnaud legte beruhigend die Hand an seinen Hals.
»Still, mein Freund«, flüsterte er.
Der Hengst schien seine Stimme zu erkennen, er wurde ruhiger, doch seine Ohren blieben aufmerksam nach hinten gerichtet.
Plötzlich erschütterte ein gewaltiger Schlag das Gebäude. Die Seitentür der Stallungen sprang auf, Splitter flogen durch den Raum, Eisenbeschläge kreischten über Holz. Sie hatten den Nebeneingang gefunden. Arnaud spürte, wie jede Sekunde kostbarer wurde. An Aufsitzen war nicht zu denken. Das Hufklappern würde die Soldaten unmittelbar auf ihn aufmerksam machen. Er führte das Pferd am Zügel durch den hintersten Teil der Stallungen. Zwischen Futterkammer und Sattelraum befand sich eine schmale Tür. Sie führte in eine enge Gasse zwischen den Mauern der Komturei und den Werkstätten der Fassmacher. Mit einem Ruck öffnete er den schweren Riegel. Kalte Morgenluft schlug ihm entgegen. Über den Dächern begann der Himmel langsam heller zu werden. Ein fahles Blau verdrängte das Schwarz der Nacht, doch die Sonne war noch nicht aufgegangen.
Paris ahnte nichts. Die meisten Bewohner schliefen noch, andere entzündeten gerade ihre Feuerstellen oder bereiteten Brot für den Verkauf vor. Für sie war dieser Freitag ein Morgen wie jeder andere. Sie konnten nicht wissen, dass sich in diesem Augenblick das Schicksal eines der mächtigsten Ritterorden der Christenheit entschied.




Arnaud führte das Pferd einige Häuser weit durch die schmale Gasse. Erst als die Mauern der Komturei außer Sicht waren, schwang er sich in den Sattel. Kaum hatten die Hufe das Kopfsteinpflaster berührt, erklangen weitere Glocken, nicht das ruhige Läuten zum Morgengebet, dieses Geläut war unruhiger. Es pflanzte sich von Kirche zu Kirche fort wie eine Welle, die über die Stadt rollte, dazwischen waren Hörner, Rufe und Befehle zu vernehmen. Etwas war definitiv aus dem Gleichgewicht geraten.
Arnaud gab seinem Pferd die Fersen. Der Rappe setzte sich in Bewegung, zunächst im Trab, dann schneller. Er kannte die Straßen der Stadt gut. Seit Jahren war er zwischen den Häusern unterwegs gewesen – als Begleiter hochrangiger Brüder, bei Botengängen oder Einkäufen für die Komturei, doch niemals war ihm Paris derart fremd erschienen. In den engen Gassen öffneten sich Türen. Ein Bäcker trat mit mehligem Gesicht vor sein Haus und blickte verwundert auf den vorbeijagenden Reiter. Eine Marktfrau schob einen Karren voller Kohlköpfe über das Pflaster und blieb erschrocken stehen. Ein Bettelmönch bekreuzigte sich, als wenige Augenblicke später eine Abteilung königlicher Soldaten hinter einer Straßenecke verschwand.
»Was geschieht hier?«, rief jemand.
»Hat England angegriffen?«
»Ist ein Feuer ausgebrochen?«
Niemand erhielt eine Antwort.
An der Ecke der Rue Saint-Denis zügelte Arnaud sein Pferd. Er lauschte. Keine Verfolger… noch nicht. Dafür näherten sich von einer Seitenstraße zwei Reiter. Beide trugen die weißen Mäntel des Ordens, einer von ihnen hatte den roten Kreuzrock unter einem dunklen Reisemantel verborgen.
Es waren Bruder Étienne und Bruder Raoul. Ihre Gesichter waren aschfahl. An Raouls Stirn war Blut zu erkennen, das inzwischen getrocknet war.
Sie hielten neben Arnaud. Einen Moment lang sagte keiner ein Wort, jeder suchte im Blick des anderen nach einer Erklärung. Schließlich schüttelte Étienne langsam den Kopf.
»Unsere Komturei?«
Arnaud antwortete ebenso knapp.
»Gefallen.«
Raoul schloss für einen Augenblick die Augen.
»Es ist überall dasselbe.«
Überall… nicht nur Paris, nicht nur ihr Haus. Der Schlag galt dem gesamten Orden.
Gemeinsam ritten sie weiter – ohne Befehle, ohne Plan, allein verbunden durch das Wissen, dass sie Gejagte waren.




Je näher sie dem nördlichen Stadttor kamen, desto mehr Menschen begegneten ihnen. Fuhrwerke stauten sich, Bauern warteten mit ihren Waren auf Einlass, Kaufleute diskutierten lautstark mit den Torwachen. An diesem Morgen kontrollierten nicht nur die üblichen Stadtgardisten den Verkehr. Zwischen ihnen befanden sich königliche Beamte in dunklen Mänteln. Sie hielten versiegelte Pergamentrollen in den Händen. Vor einer kleinen Menschenmenge entrollte einer von ihnen das königliche Schreiben.
Mit lauter Stimme begann er vorzulesen. Arnaud konnte nur einzelne Worte verstehen.
»… im Namen Seiner Majestät …«
»… Verhaftung aller Brüder des Tempels …«
»… Ketzerei … Gotteslästerung …«
»… unverzüglich …«
Ein Murmeln ging durch die Menge. Einige Menschen blickten entsetzt, andere machten das Kreuzzeichen, der eine oder andere nickte sogar zustimmend.
Die Gerüchte hatten längst ihren Weg durch Frankreich gefunden, nun wurden sie zur Wahrheit erklärt, nicht durch Beweise, alleinig durch das königliche Siegel. Arnaud verspürte einen kalten Stich. Dies war keine improvisierte Aktion. Während der Orden noch seinen täglichen Geschäften nachgegangen war, hatte sich das Netz bereits unmerklich zusammengezogen. Erst jetzt wurde ihm die ganze Tragweite bewusst. Man hatte nicht nur den Tempel überrascht, man hatte ein ganzes Königreich gleichzeitig Bewegung gesetzt. Keine Boten hätten das in wenigen Stunden erreichen können. Die Befehle mussten längst in allen Städten bereitgelegen haben – versiegelt, versteckt, wartend auf denselben Morgen, wartend auf denselben Glockenschlag.
Sie passierten das Stadttor, ehe jemand sie erkannte. Erst mehrere hundert Schritte außerhalb der Mauern ließ Arnaud sein Pferd langsamer werden. Vor ihnen lagen die herbstlichen Felder der Île-de-France. Nebelschwaden zogen über abgeerntete Äcker, Krähen erhoben sich krächzend aus den kahlen Bäumen, als die Reiter vorbeikamen. Hinter ihnen ragten die Türme von Paris in den bleigrauen Himmel. Über der Stadt stiegen inzwischen mehrere Rauchsäulen auf.
Sie hielten auf einer kleinen Anhöhe an. Von dort aus konnte Arnaud noch einmal zurückblicken. Paris erwachte, doch die Stadt, die er sein Zuhause genannt hatte, war nicht mehr dieselbe.




»Das war kein Zorn Gottes«, murmelte Bruder Raoul mit heiserer Stimme.
Arnaud antwortete erst nach einer langen Pause.
»Nein.«
Sein Blick ruhte auf den Mauern der Stadt.
»Der Zorn Gottes kommt nicht mit versiegelten Listen.«
Die beiden anderen sahen ihn schweigend an. In seinem Kopf begannen sich die einzelnen Ereignisse zusammenzufügen… die Gerüchte der vergangenen Monate, die Predigten gegen den Reichtum des Ordens, die wachsenden Geldnöte des Königs, der Streit zwischen Krone und Papst… und nun diese perfekte Vorbereitung. Jemand hatte Informationen geliefert, nicht irgendein Verräter, jemand mit Zugang zu den Archiven, zu den Namen, zu den Komtureien, möglicherweise sogar zu den Reisewegen der höchsten Würdenträger.
Ein kalter Verdacht legte sich über seine Gedanken. Listen entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen langsam, geschrieben von ruhigen Händen, geprüft von klugen Köpfe und verborgen hinter höfischem Schweigen.
»Wohin jetzt?«, fragte Étienne leise.
Arnaud wandte sich vom Anblick der Stadt ab. Seine Entscheidung fiel rasch.
»Nach Westen.«
»Zu wem?«
»Zu meinem Onkel.«
Gerhard de Villiers war Präzeptor von Frankreich und einer der angesehensten Männer des Ordens, wenn überhaupt noch jemand den Überblick über die Ereignisse besaß, dann er. Vielleicht hatte er ja eine Warnung erhalten und bereits einen Plan. Oder vielleicht… Arnaud verdrängte den Gedanken. Er wollte nicht darüber nachdenken, dass selbst ein Mann wie Gerhard in Gefahr sein könnte.
Sie trieben ihre Pferde an. Hinter ihnen versank Paris langsam im Dunst des Morgens, vor ihnen lagen ungewisse Straßen, verlassene Klöster, königliche Patrouillen und die Frage, wem sie überhaupt noch vertrauen konnten. Mit jedem Hufschlag wurde Arnaud klarer, dass sein bisheriges Leben in den Mauern der Komturei zu Ende gegangen war. Der Orden war nicht überfallen worden, er war ausgeliefert worden, und irgendwo in den Hallen der Macht – zwischen Krone, Kirche und jenen Männern, die im Verborgenen die Fäden zogen – musste es jemanden geben, der diesen Tag seit langer Zeit geplant hatte.
Der 13. Oktober 1307 hatte gerade erst begonnen, aber die Dunkelheit, die über den Tempel hereingebrochen war, würde weit über die Mauern von Paris hinausreichen.





 

 

 

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