Fünfzig Pferde in der Nacht (I)
Der Wind vom Meer roch nach Salz und Regen, als Arnaud die Klippen erreichte. Kalt strich die Luft über sein Gesicht und drang durch den nassen Stoff seines Mantels. Seit Stunden hatte es geregnet, nicht stark genug, um einen Reisenden zur Umkehr zu zwingen, dennoch beharrlich genug, um jeden Weg in eine schmutzige, zähe Falle zu verwandeln. Der Schlamm klebte an den Hufen seines Pferdes, und bei jedem Schritt spritzte dunkles Wasser gegen Arnauds Stiefel. Er hielt das Tier, saß einfach nur im Sattel und ließ den Blick über die Küste schweifen. Unter ihm lag La Rochelle. Der Hafen erstreckte sich wie ein dunkler Schatten zwischen Meer und Stadt, schmale Stege ragten ins Wasser hinaus, alte Lagerhäuser standen dicht an dicht, ihre Mauern vom Salz und den Jahren gezeichnet, zwischen den Gebäuden verliefen enge Gassen, die im Regen beinahe schwarz wirkten. Nur wenige Laternen brannten an den Kais. Ihr schwaches, gelbliches Licht spiegelte sich auf den schwarzen Wellen und wurde vom Wind immer wieder auseinandergerissen, mal glitzerte eine Flamme auf der Wasseroberfläche, dann verschwand sie, als hätte das Meer sie verschluckt. Von hier oben wirkte der Hafen beinahe verlassen…
Arnaud legte den Kopf leicht zur Seite und lauschte. Das Meer rauschte unterhalb der Klippen, irgendwo schlug ein loses Tau gegen einen Schiffsmast, ein Fensterladen knarrte im Wind. Doch da war noch etwas, eine Unruhe, keine, die man sehen konnte, eine, die man spürte. Die See war ruhig, gleichwohl vibrierte die Luft vor Spannung. Etwas geschah hier, und zwar genau jetzt.
Arnaud zog den Mantel enger um die Schultern. Seine rechte Hand lag locker auf dem Sattelknauf, die linke ruhte nahe am Schwertgriff. Er war seit Stunden unterwegs. Mehr als einmal hatte er sein Pferd über aufgeweichte Pfade führen müssen. Einmal war das Tier bis zu den Fesseln im Schlamm versunken, ein anderes Mal hatte Arnaud minutenlang im strömenden Regen gestanden, während er nach einem verschwundenen Weg gesucht hatte. Er hätte längst umkehren können, womöglich sogar sollen, doch dann hätte er den Brief seines Onkels nicht befolgt, und Arnaud hatte in seinem Leben gelernt, dass manche Briefe keine Bitte waren, sie waren Befehle. Der Brief hatte nur wenige Worte enthalten: „Komm nach La Rochelle. Allein. Vertraue niemandem.“
Es gab kein Siegel des Ordens, keine Erklärung, keinen Gruß, nicht einmal eine Anrede, nur diese Worte, und darunter ein Zeichen, ein kleines, beinahe unscheinbares Symbol, das Arnaud seit seiner Kindheit kannte. Es war das Zeichen des Gerard de Villiers‘ – seines Onkels. Arnaud hatte es unzählige Male gesehen, auf Dokumenten, die niemals für seine Augen bestimmt gewesen waren, auf einem alten Siegelring, einmal sogar auf einem Stück Pergament, das sein Vater hastig ins Feuer geworfen hatte, als Arnaud noch ein Junge gewesen war. Gerard hatte niemals erklärt, was das Zeichen bedeutete. Er hatte lediglich einmal gesagt: „Wenn du es siehst, frag nicht.“
Damals hatte Arnaud gelacht, heute war ihm nicht nach Lachen zumute.
Er lenkte sein Pferd den schmalen Pfad hinunter, dessen Hufe nur schwer Halt auf dem nassen Boden fanden. Links fiel das Gelände steil ab, rechts ragten dunkle Büsche und niedrige Bäume aus dem Nebel. Mit jedem Schritt wurde der Hafen deutlicher und mit jedem Schritt veränderte sich etwas.
Arnaud vernahm Stimmen. Zuerst waren sie kaum mehr als ein Murmeln, dann erkannte er einzelne Wörter. Es waren kurze Befehle – leise gesprochen und gedämpft. Zwischen den Lagerhäusern bewegten sich Schatten… Männer.
Arnaud verlangsamte das Tempo weiter, sein Blick wanderte über den Hof, der sich hinter einem der alten Lagerhäuser öffnete. Er legte automatisch die Hand an den Griff seines Schwertes, nicht, weil er einen Angriff erwartete, alleinig, weil er gelernt hatte, dass ein Mann des Ordens niemals ohne Vorsicht in einen unbekannten Hof ritt.
Dann hörte er es. Es war ein dumpfes, regelmäßiges Geräusch: Stampfen. Arnaud hielt inne. Ein Pferd wieherte leise. Diesem folgten weitere. Er hob den Kopf. Es waren Dutzende. Er zählte sie automatisch, eine Gewohnheit aus den Jahren im Orden. Zwanzig. Dreißig. Vierzig. Irgendwann verlor er den Überblick. Als er den Hof des alten Salzhändlers erreichte, hatte er aufgehört zu zählen. Es mussten etwa fünfzig sein. Große Schlachtrösser mit breiten Brustkörben und kräftigen Beinen, schnelle Reisepferde, deren Fell im schwachen Licht glänzte, kleinere, ausdauernde Tiere, offenbar für lange Strecken gezüchtet. Einige trugen bereits Sättel, andere Packtaschen an den Flanken, auf weiteren lagen zusammengerollte Decken. und es waren lederne Bündel befestigt.
Arnaud erkannte Waffen: Schwerter, Äxte, Lanzen. Einige von ihnen waren in Stoff gewickelt, damit sie beim Transport kein Geräusch verursachten. Die Tiere waren gesattelt und bereit, als stünde ein Feldzug bevor. Doch niemand sprach laut. Kein Banner wehte, keine Rüstung klirrte, kein Priester sprach ein Gebet, es gab keine Fanfaren und auch keine Trommeln – nur das Schnauben der Pferde, das Knarren von Holz und die gedämpften Stimmen der Männer. Alles geschah im Flüsterton.
Arnaud stieg vom Pferd. Sofort kam ein junger Bruder auf ihn zu. Er war kaum älter als zwanzig, sein Gesicht schmal und blass, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, er sah aus wie ein Mann, der seit Tagen nicht richtig geschlafen hatte.
„Bruder Arnaud.“
Arnaud nickte.
„Du kennst mich?“
„Man hat mir gesagt, dass Ihr kommt.“
„Wer?“
Der junge Mann zögerte.
„Bruder Gerard.“
Arnaud bemerkte das Zögern.
„Wie lange seid ihr schon hier?“
Der junge Mann nahm die Zügel.
„Seit gestern.“
„Und wann brecht ihr auf?“
Der Bruder blickte kurz über seine Schulter.
„Das weiß niemand.“
Arnaud sah ihn fragend an.
„Niemand?“
Der junge Mann senkte die Stimme.
„Wir warten auf das Zeichen.“
Arnaud wollte gerade weiterfragen, als hinter ihm eine Stimme ertönte.
„Arnaud.“
Diese Stimme traf ihn wie ein Schlag aus der Vergangenheit. Er drehte sich um. Ein hochgewachsener Mann trat aus dem Schatten des Lagerhauses, sein grauer Mantel war schlicht und vom Regen dunkel geworden, mit keinerlei Schmuck, keinem Wappen und auch keinem sichtbaren Zeichen eines Ranges versehen, doch die aufrechte Haltung verriet ihn sofort: Gerard de Villiers. Arnaud hatte ihn seit fast drei Jahren nicht gesehen.
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Arnaud hatte sich diesen Augenblick oft vorgestellt. Er hatte sich ausgemalt, Gerard würde alt geworden sein, und manchmal hatte er geglaubt, ihn nicht mehr lebend wiederzusehen. Niemals hatte er erwartet, dass sein Onkel einfach vor ihm stehen würde. Sein Gesicht war schmaler geworden, die einst dunklen Haare waren an den Schläfen nun beinahe vollständig grau, unter den Augen lagen tiefe Schatten, und um den Mund hatten sich Linien eingegraben, die Arnaud früher nicht gekannt hatte.
Arnaud trat auf ihn zu.
„Ihr lebt.“
Gerards Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln.
„Zu meinem eigenen Erstaunen.“
Arnaud blieb vor ihm stehen.
„Man sagte, Ihr wäret tot.“
„Man sagt vieles.“
„Ich habe nach Euch gesucht.“
„Das weiß ich.“
Arnaud runzelte die Stirn.
„Woher?“
Gerard antwortete nicht sofort, stattdessen kam er näher und umarmte seinen Neffen kurz. Es war keine Umarmung von Verwandten, die sich nach langer Zeit wiedersahen, es war eine, die Männer austauschen, die wussten, dass ihre gemeinsame Zeit möglicherweise knapp bemessen war. Als sie sich voneinander lösten, sah Gerard ihn ernst an.
„Bist du verfolgt worden?“
„Ich denke nicht, ich habe die beiden Brüder, mit denen ich Paris verlassen habe, vor einigen Tagen in der Nacht irgendwo zurückgelassen.“
„Das war nicht meine Frage.“
Arnaud schwieg einen Moment.
„Ich habe niemanden gesehen.“
„Das war ebenfalls nicht meine Frage.“
„Ich weiß es nicht.“
„Gut.“
Arnaud runzelte die Stirn.
„Gut?“
„Wenn du behauptet hättest, du wärst sicher, hätte ich dir nicht geglaubt.“
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Arnauds Gesicht.
„Ihr habt Euch nicht verändert.“
„Doch. Ich bin nur besser darin geworden, es zu verbergen.“
„Was geschieht hier?“
Gerard antwortete nicht.
Arnaud sah zu den Männern, den Pferden und den Kisten.
„Die Verhaftungen?“
Gerhard nickte.
„In ganz Frankreich. Gleichzeitig.“
Die Worte waren ruhig gesprochen, doch ihre Wirkung war verheerend.
Arnaud hatte die Gerüchte bereits gehört, auf den Straßen, in Gasthäusern, von Händlern, die kaum wagten, laut über den Orden zu sprechen. Aber Gerüchte waren etwas anderes als Gewissheit.
„Wie viele?“
„Fast alle.“
Ein Windstoß fuhr durch den Hof, die Pferde wurden unruhig. Eines schlug mit dem Vorderhuf gegen die Pflastersteine.
Die Brüder des Templerordens arbeiteten schweigend, einige sattelten Pferde, andere schleppten Kisten zu den Schiffen und wieder andere überprüften Waffen, Wasserfässer und Proviant. Niemand von ihnen sah aus wie jemand, der glaubte, morgen noch sicher zu sein.
„Was ist mit den Komtureien?“
„Gefallen.“
„Paris?“
„Besetzt.“
„Chartres?“
„Durchsucht.“
„Reims?“
Gerard schwieg.
Arnaud verstand.
„Und die Brüder?“
Gerard antwortete nicht, sein Schweigen genügte.
Arnaud wandte den Blick ab. Er hatte Männer gekannt, die inzwischen möglicherweise tot waren, Männer, mit denen er gegessen, trainiert und gekämpft hatte, Brüder, deren Namen er nie vergessen würde. Und irgendwo in diesem Moment wurden ihre Türen aufgebrochen.
„Wie konnte Philipp das zur gleichen Zeit tun?“
Gerard ging langsam durch den Hof.
„Er musste nicht alles selbst wissen.“
„Wer dann?“
„Ein König braucht keine tausend Augen, er braucht nur genug Männer, die für ihn sehen.“
„Spione.“
„Spione, Verräter, Beamte. Menschen, die Angst haben, Menschen, die Geld brauchen, Menschen, die glauben, dass der Orden ohnehin untergehen wird.“
„Und manche werden geglaubt haben, sie würden dadurch ihr Leben retten.“
Gerard nickte zustimmend.
„Die Angst ist oft der beste Verräter.“
Arnaud blickte zum Hafen.
„Und La Rochelle?“
Gerard deutete auf die Schiffe.
„La Rochelle ist der wichtigste Hafen, den der Orden noch besitzt.“
Arnaud sah auf die dunklen Schiffe.
„Dann ist es unser letzter Zufluchtsort?“
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
Gerard blieb stehen.
„Es ist der letzte Ort, den der König noch nicht vollständig kontrolliert.“
Arnaud betrachtete ihn.
„Noch nicht.“
„Genau.“



































































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