Kapitel 26
Kälte füllt die Lungen. Unangenehm stechend, sodass jeder Atemzug schmerzt. Kälte, die den Körper kontaminiert. Wie ein aggressiver Keim, der sich rasant streut. Die Hexe Jenara fing an jenem grausigen Ort den Tod ein, formte ihn und gab ihm Gestalt. Menschen, die der Hexe schutzlos ausgeliefert waren und nun ihren Garten als Eisskulptur schmücken. Sämtliche Generationen sind betroffen. Selbst Säuglinge. Immer aufs Neue wehren sich die Pferde, voranzuschreiten. Ihr Protest endet, sobald Sina sich den Tieren nähert. Die Fee mag ebenfalls vor Furcht zittern, denn das verraten ihre Augen, die das Elend kaum länger ertragen, und doch spielt sie die Starke. Das Entsetzen steht ihr ins Gesicht geschrieben und zu Clives Überraschung tritt Cuno an ihre Seite, als Sichtschutz. Von allen Anwesenden verzog er bislang keine Miene, sondern läuft zügig voran. Richtung Burg. Stillstand bedeutet Tod. Herzog Lysander warnte seine Verbündeten vor Jenaras Kälte, dementsprechend sind sie mit speziellen Mänteln und Handschuhe ausgestattet. Nur aufgrund dieser Informationen werden sie die Burg erreichen, ohne zu erfrieren.
Bereits an den Treppen zur Festung wurden riesige Feuerschalen aufgestellt, die zwischendurch Wärme spenden. Herzog Lysander scheint vorbereitet zu sein, denn er streute Salz gegen das Eis, sodass die Pferde den speziellen Aufstieg meistern. Zum Glück sind die Stufen sehr flach und tief, so besteht keinerlei Verletzungsgefahr für die Tiere. Ungern wollten sie ihre tierischen Freunde zurücklassen. Bereits an der Zugbrücke nimmt die Kälte ab und der Wachposten macht die Besucher aus. Die plötzliche Unruhe auf Clives Schulter lässt den Alchemisten aufblicken. Der schwarze Vogel verhielt sich seither schläfrig und desinteressiert, doch nun breitet er die Flügel aus und hebt ohne Vorwarnung ab in die Lüfte. Dabei steuert er einen Balkon an und wächst im Flug ein kleines Stück. Noch gut von der eigentlichen Körpergröße entfernt und doch vergleichbar wie ein Falke. Der Gesang klingt so schön wie bei einer Nachtigall und seine verspielte Art wird schwach belächelt. Von einer schmalen Blondine mit Engelslocken und einem unfassbar klaren Blick. Die himmelblauen Augen scheinen zu leuchten, als wären diese magisch. So wie das elegante Kleid, das farblich ihren Augen angepasst wurde. In Ausnahme zu dem rosafarbenen Unterrock, der dadurch zu Geltung kommt, da sich die erste Schicht der fließende Stoff unterhalb der Taille teilt. Ob durch Pailletten oder Magie funkelt die Garderobe der Dame. Trotz Kälte trägt die Fremde ein ärmelloses Kleid. Ganz sanft streicheln ihre Finger zur Begrüßung durch das Federgewand der Manabestier, schließlich fangen ihre eisblauen Augen Clive ein und mustern ihn voller Neugier. Die Hexe strahlt eine distanzierte Aura aus. Anhand ihres Blickes erkennt Clive, wie aufmerksam sie bleibt. Die Haltung wirkt autoritär und frei von Selbstzweifel. Nicht bereit, sich irgendwem zu beugen, sodass sich Clive fragen muss, wie Herzog Lysander sie zur Kooperation überzeugen konnte.
„Die Hexe Jenara!“
Cuno klingt alles andere als erfreut. Seine Hand liegt am Knauf seines Schwertes und zittert stark. Vermutlich durch seinen inneren Konflikt. Noch ehe Clive ihn besänftigen kann, kommt Sina ihm zuvor, als sie ihn sanft beim Namen nennt.
„Kommst du klar?“, erkundigt sie sich bei ihm.
Cuno zischt und nickt zögerlich. Seine Hand entfernt sich vom Schwert und er setzt den Weg eisern voran. Somit fallen die beiden Alchemisten zurück, denn Caspian scheint neben Sorge auch große Neugier zu empfinden. Besonders in jenem Moment, wo die Manabestier erwachte und sich aktiver zeigt.
„Scheint, als wolle er bei der Hexe verbleiben“, grübelt Caspian laut.
Das Tier genießt einen freien Willen. Clive will es zu nichts zwingen und findet sich daher schnell mit dieser Entscheidung ab. Vielleicht gibt es eine Verbindung zu Jenara und der Manabestier. Bei Gelegenheit will Clive das Gespräch zu ihr suchen, auch wenn sich dies als schwieriges und vorsichtiges Unterfangen beweisen wird, denn Cuno steht mit ihr auf Kriegsfuß und wird sicherlich Distanz zu der Hexe fordern. Dann wäre da noch die Vernarrtheit von Herzog Lysander. Wenn möglich will Clive seine Gunst nicht verlieren, weil eine unbegründete Eifersucht ins Spiel geraten könne.
Überspielte Nervosität zeichnet sich in Lazarus‘ Verhaltensmuster ab, als dieser Clive einfängt und mit einem verzweifelten Lachen seine Ahnung ausspricht: „Lysander wird sauer sein oder?“
„Garantiert.“
Clive wählt die Wahrheit. Zumal Lazarus diese schätzt und trotz schlechter Nachricht keine kalten Füße bekommt. Stattdessen seufzt der Riese entkräftet und beginnt leise zu nuscheln.
„Das wird wieder eine lange Standpauke.“
„Willkommen!“, hören sie den vertrauten Ruf, als habe Lazarus den Teufel beschworen.
Herzog Lysander verlässt die sicheren Mauern und empfängt sie persönlich. Noch lächelt er seinen Gästen zu, bis er seinen Bruder ausmacht und sein Blick zu einer einzigen Anklage wird. Etwas, das dafür sorgt, dass sich Lazarus verlegen am Kopf kratzt und entschuldigend die Hand hebt.
„Hallo, Bruder.“
Seine Stimme hat an Kraft und Selbstvertrauen verloren. Lysanders Schritte beben vor Zorn, als er zu ihm stampft und ihn am Kragen packt.
„Ah, das verlorene Schaf kehrt heim! Mein närrischer Bruder, dessen Impulsivität meine sichersten Gerüste ins Wanken bringt! Ein Mann mit so viel Muskeln, aber so wenig Verstand! Ein hirnloser Bastard…“
Die Schimpfparade wird immer kreativer und obwohl Lazarus mehr Stärke und Größe besitzt, wird er ganz klein bei einem Wutanfall seines Bruders. Hilfesuchend dreht er sich sogar zu Clive, doch in Familienangelegenheiten, besonders im Kreise des Adels, haben Alchemisten sich besser rauszuhalten.
Kaum gefangen räuspert sich Herzog Lysander und nimmt vor den Toren der Burg eine anmutige Haltung ein. Verbündete grüßt er noch immer mit dem größten Respekt, beweist sich zeitgleich als Silberzunge und aufmerksamer Kerl. Aus seinem Munde klingt ihr Treffen historisch und von großem Belang. Wie ein großer Kongress. Ein neues Gesicht wie Caspian springt dem Herzog sofort ins Auge und all die vielen Fragen zum neuen Besucher, dienen sicherlich zum Schutz und zur Beurteilung. Die Pferde bekommen einem bequemen Platz in einem großen Stall und Sina trennt sich schwer von ihren tierischen Begleitern. Die Fee verabschiedet sich von jedem einzelnen Reittier, spricht ihm Dank und Mut aus. Sie gibt sogar das Versprechen, öfter bei Gelegenheit nach ihnen zu sehen. Ein jedes Pferd scheint Sina ins Herz geschlossen zu haben, manche verbeugen sich sogar vor der Fee und andere stupsen sie spielerisch Zum Glück lässt sich im Innenhof die Kälte durch die vielen Feuerstellen besser ertragen, aber auch in den Gemäuern herrschen angenehme Temperaturen. Auf den Weg durch den großen Saal berichtet Lysander vom Aufbau der Burg und der Geschichte. Eine kleine Stadt bekannt für den Abbau von Edelsteinen und talentierten Juwelieren. So interessant die Thematik auch bleibt, bleibt Cuno ein Beobachter nicht verborgen. Aus der Distanz lungert die Hexe Jenara. Halb versteckt hinter einer Säule und in Begleitung des schwarzen Vogels. Etwas an ihrem Blick veränderte sich. Clive meint reine Neugier zu erkennen. Ähnlich wie bei ihm, als er endlich etwas fand, dass sein Interesse weckte.
Herzog Lysander folgt ihrem Blick und seine Laune hellt auf. Seine Vernarrtheit der Hexe gegenüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Seine blauen Augen leuchten wie Sterne und das verträumte Lächeln präsentierte er bislang kein einziges Mal. Auffordernd streckt er den Arm zu Jenara aus, während seine andere Hand theatralisch auf dem Herzen liegt.
„Du beehrst uns, Jenara. Welch eine Freude. Komm doch zu uns. Ich würde dir gerne ein paar Freunde vorstellen.“
Freunde – klingt sehr weit hergeholt. Besonders nach dem Vertrauensbruch. Aber Herzog Lysander überspielt seine Fehlentscheidung einfach. Tatsächlich folgt Jenara seinem Ruf. Zuerst scheu wie ein Reh, aber kaum aus dem Versteck getreten, strafft sie die Schultern und läuft anmutig wie eine Königin. Mit gehobenen Haupt und durchgestreckten Rücken. Mit einem Blick voller Entschlossenheit, der unglücklicherweise noch immer auf Clive ruht. Und zum großen Ärgernis steuert sie ihn auch noch an. Auch Cuno erkennt dies und zieht seine stolze Klinge, die er auf die Hexe richtet und die Zähne bleckt.
„Auf Abstand! Dieser Mann steht unter dem Schutz von Graf Bylom. Ein ehrvoller Mann, dessen Reich du kürzlich vernichtet hast!“
Sina staunt laut und wirft ihren unpassenden Kommentar dazwischen: „Oh seht mal. Unser neuer gefiederter Freund muss sich von uns losgelöst haben und befindet sich nun an der Seite dieser Frau! Wie gemein! Mich beachtet er nicht, aber sie schon!“
Was muss Sina von Cunos Zorn abgelenkt worden sein, als sie Jenara auf der Zugbrücke ausmachten. Somit hört Clive heraus, dass ihr der Moment entging, als sich die Manabestier von ihnen entfernte.
Jenara tritt furchtlos an Cunos Schwert heran und stiert dem Paladin entgegen.
„Waffen sind nutzlos. Damit wirst du mir nicht schaden können. Willst du es heraufbeschwören, dass ich dein Schwert zerstöre?“
Eine Warnung, die Cuno ernst nimmt. Doch kaum steckt seine Waffe am Hüftgürtel, ballt er die Faust mit einer Warnung: „Ich schlage zur Not auch zu, Hexe!“
Herzog Lysander eilt herbei und schiebt sich zwischen die beiden. Mit erhobenen Händen und gefasster Stimme beginnt er die Situation zu entschärfen. Tatsächlich schenkt Cuno ihm Gehör, anders als Jenara, die am Herzog vorbei schreitet. Selenruhig, als habe sie nichts zu befürchten. Und ausgerechnet nun tritt sie ganz nah an Clive heran. Nähe, die den Geist unruhig werden lässt. Clive fürchtet ihre Magie und hält den Atem an. Als ihre Hände über seine Brust wandern, versteift sich sein Körper, denn er fürchtet, Opfer ihrer Macht zu werden. Die Hände ruhen am Ende auf seinem Herz, das laut und furchterfüllt schlägt. Doch je mehr Sekunden verstreichen, desto mehr Zeit wird seinen Nerven gegönnt, sich zu beruhigen. Fehlendes Vertrauen, was ihn beschämt. Dabei will er sich für Hexen einsetzen und sollte lernen, ihnen aufgeschlossener zu begegnen. Weniger angsterfüllt.
Aus nächster Nähe nimmt Clive die vertraute Schwefelnote wahr. Jedoch nicht so penetrant wie bei Luela. Jenaras Augen nehmen ihn in Beschlag, zwingen ihn zu Blickkontakt. Es fühlt sich an, als prüfe sie ihn. Etwas, das Cuno unterbrechen mag, doch der Paladin donnert fluchend gegen eine gebogene Wand. Eine Kuppel aus Eismagie, die Clive von dem Rest der Gruppe abschirmt, und unbeschadet von dem Zusammenstoß bleibt. Nur die Manabestier darf an der Überprüfung teilnehmen und wechselt erneut den Besitzer, denn der schwarze Vogel springt auf seine Schulter und stupst ihn frech an. Sicherlich seine verspielte Art, ihn zu begrüßen. Der Blick der Hexe verliert an Härte. Ihre Mundwinkel zucken verdächtig und die Augen glänzen, bevor die ersten stummen Tränen sich einen Weg hinab bahnen.
„Welch seltener Anblick. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in meinem Leben auf eine Sonne treffe. Es ist mir eine wahre Freude, Clive. Du magst von mir gehört haben und doch will ich mich dir vorstellen.“ Wie eine Adelige legt sie eine einwandfreie Begrüßung durch einen Knicks hin und senkt ihr Haupt wie vor einem König. Damit schätzte Clive sie falsch ein, denn sie machte bislang den Eindruck, als beuge sie sich niemanden. „Mein Name lautet Jenara und ich stehe dir zu Diensten.“
Die Wangen fangen Feuer und die Sorge um Lysanders Laune steigt. Beunruhigt greift er hinab und sorgt bei ihr für einen sicheren Stand.
„Deine Loyalität sollte Herzog Lysander gelten“, flüstert er ihr entgegen, als sie mit einem Ausdruck der Verwirrung hinaufschaut.
Jenaras Lächeln schwindet und Misstrauen spiegelt sich in ihren Augen wieder. „Irrtum. Ich bin nur neugierig, ob er seinen Traum verwirklicht. Doch ich misstraue diesem Mann. So wie du es tut.“
Ehrlichkeit, die ihnen den Kopf kosten kann. Ehrlichkeit, die zu laut verkündet wird. Denn ein Blick zu Herzog Lysander zeigt seinen Missmut. Ihm steht ins Gesicht geschrieben, dass er die Nähe der beiden nicht gutheißen kann. Völlig steif und mit glühendem Blick stiert er hinüber. Wie eine Warnung. Da Clive seine Vernarrtheit fürchtet, entfernt er sich freiwillig wenige Schritte von Jenara, bis er gegen die Kuppel aus Eis trifft und der Kältenebel ihn in Beschlag nimmt.
Die mit Mühe und Not aufgebaute Distanz legt Jenara sofort zurück, denn sie klammert sich an Clives Arm, wie eine vernarrte Ehefrau. Eine Vertrautheit zu einer Fremden, die Clive nicht gutheißen kann. Doch jeder Versuch, sich zu lösen, scheitert. Ihr Lächeln wirkt provozierend. Einfach zu glücklich für ihren ersten Eindruck. Vielleicht ein gefährliches Spiel, was sie mit dem Herzog führt. Clive fühlt sich benutzt für ihre Zwecke und zu Herzog Lysanders Ärgernis. Ein energieraubendes Ereignis. Doch zum Glück bleibt Cuno nicht untätig, gewaltsam reißt er Jenara von Clive los und drängt sie schimpfend in den Hintergrund. Tadel, der die Hexe aufmüpfig werden lässt, doch kaum mischt sich Lysander ein, wirkt Jenara schnell besänftigt und einsichtig. Sie hält den versprochenen Abstand ein. Bevor eine angekündigte Besprechung der Lage und ihrer Zukunft im Arbeitszimmer erfolgt, quartiert Lysander seine Besucher ein. Er vergibt ihnen Zimmer und lässt die Gruppe für einige Stunden ankommen. Zeit, die Clive braucht, um sich zu sammeln und um die Begegnung mit Jenara zu verarbeiten.































































Kommentare