Kapitel 34

Eine Halskette so hochwertig von den Materialen, das diese allein beim Verkauf Verdacht schöpfen würde. Ein Objekt, das Clive auf Jelkos Schreibtisch vergaß und nun vor ihm baumelt, weil Prinzessin Lumil ihm dies vorwurfsvoll hinhält.

„Ich bitte inständig um deine Anwesenheit“, betont sie mit erhobenem Zeigefinger.

Noch immer zögert Clive und spricht über seine Bedenken: „Möglicherweise erweist sich ein Besuch als äußerst schwierige Angelegenheit, da ich gesucht werde.“

„Das habe ich begriffen. Daher biete ich dir eine sichere Eskorte an. Vereinbaren wir ein Treffen außerhalb der Königsstadt. In einem Wirtshaus namens Taubenherz. Ein Tag vor dem Erntefest. An jenem Tag befindet sich die gesamte Stadt in den Vorbereitungen vertieft, sodass es mir leicht fällt, mich aus dem Palast rauszuschmuggeln. Ich komme mit engsten Vertrauten, die dir Schutz, Unterkunft und Immunität versprechen werden. Was hältst du von dem Vorschlag?“

Eine Gelegenheit, die er so nicht noch mal erhalten könne. Dennoch muss er weiter pokern.

„Es könnte sein, dass ich nicht allein reise.“

„Verstehe. Eine Begleitperson deiner Wahl sei dir erlaubt mitzubringen.“

Prinzessin Lumiel bleibt wahrlich verbissen. Nur kann er sie schwer beurteilen. Zu wenig weiß er über sie. Etwas, was er ändern mag.

 

„Sag, wie stehst du zu Manabestien, Lumiel?“

Nur kurz hält sie den Atem an und weicht sogar einen Schritt zurück.

„Wie kommst du darauf?“

Ihre Reaktionen lassen ihn daraus schließen, dass sie genug über die Thematik weiß. Wie zu erwarten von der Krone.

„Ich hörte, Manabestien werden in die Königsstadt verschleppt und zu Forschungszwecken versklavt.“

Informationen, die sie zum Schwanken bringen. Halt sucht Lumiel am Fenstersims und schluckt schwer.

„Ist dem so? Bedauerlicherweise habe ich zu wenig Kenntnis über gewisse Objekte in der Königsstadt. In der Tat bin ich in jungen Jahren einer entlaufenden Manabestie begegnet. Ich hielt die seltsame Katze mit für einen Streuner und fand Trost an ihrer Gesellschaft. Selbst wenn ihre Spuren im Boden einbrannten und kleine Funken zurückließen. Sowie kleine Glutnester. Auch ihr Körper war auffällig warm und zwischendurch hustete sie Rauch und spuckte kleine Flammen. Einige Tage liefen wir uns täglich über den Weg und verbrachten Zeit miteinander. Sie wurde zahm und stolz trug ich sie zu meinem Vater. Mit dem Wunsch, sie im Hause aufzunehmen. Doch das arme Ding wurde mir entrissen. Mein Vater schimpfte fürchterlich, doch mein Augenmerk galt mehr der bestialischen Art der Paladine, wie sie meinem Freund brutal in Ketten legten und es fortgeschliffen haben. Ich habe die Katze nie wieder gesehen und erst später erfahren, dass es sich um eine verstorbene Hexe hielt. Um ehrlich zu sein gibt es einige Dinge in der Königsstadt, die ich nicht befürworte. Daher bin ich froh, auf jemanden zu treffen, der mir Informationen liefern kann, um die Suche zu erweitern. Ich sehe das Feuer in deinen Augen. Du planst die Freiheit der Manabestien?“



Ein Nicken genügt für Gewissheit, woraufhin die Prinzessin die Arme verschränkt und verschmitzt grinst.

„Vielleicht könnten wir uns zusammen tun. Noch bleibt genug Zeit, dass ich Nachforschungen betreibe. Wir könnten uns regelmäßig in der Astralwelt treffen und uns austauschen. Wenn du magst, dann zeige dir mein Reich. Ein Ort, der dich und die anderen Reisenden willkommen heißt. Es gibt aber nur eine Bedingung.“

Clive ahnt bereits den Preis. „Meinen Namen?“

Ihre Augen funkeln anerkennend. „Gut erfasst. Dir meine Identität zu offenbaren birgt gewaltige Risiken. Wohl oder übel muss ich dir vertrauen. Ich brauche eine Absicherung. Lass mich in Erfahrung bringen, mit wem ich es hier zu tun habe.“

Ungern. Und doch kann er ihren Standpunkt nachvollziehen.

 

„Clive. Absolvent in der Heilkunde. Ein Alchemist auf Reisen, der sich eigentlich auf die Gesundheit seiner Patienten konzentrieren wurde. Aber aus irgendeinem Grund bin ich vom Pfad abgekommen und treibe ins Ungewisse.“

„Freut mich, Clive. Nun, wo ich deinen Namen kenne, können wir auf Augenhöhe sprechen.“

Die Prinzessin stößt sich von dem Fenstersims ab und steuert die Flügeltüren an, die sie kurz schließt. Die Griffe hält sie eisern umklammert und mit einem tiefen Atemzug öffnet sie den Durchgang, der sich mit einem Mal verändert und einen Blick auf eine gewaltige Terrasse offenbart. Gestützt durch weiße Marmorsäulen und geschmückt mit Blumenbeeten, wohin das Auge blickt, selbst auf dem Geländer liegt ein dichter Blütenteppich. Der Ausblick auf eine riesige Stadt angrenzend am Meer und durchzogen von einem Fluss, der für den Transport von Gütern und Personen genutzt wird. Eine Stadt ebenfalls geschmückt mit zahlreichen Blumenanlagen und weißen Fassaden.

„Willkommen in Sakunda, der Königsstadt. Komm, ich führe dich auf meinem Balkon, dort kann ich dir Tee und Gebäck servieren.“

Auffordernd winkt sie ihn heran und kaum tritt sie über die Türschwelle verändert sich ihre Garderobe. Winde ziehen heran und Blüten umkreisen ihre Gestalt. Tausendröschen, wenn sich Clive nicht irrt. Kaum beginnen diese zu leuchten, verwandelt sich der Strudel in ein blaues Kleid, das funkelt und glitzert. Ein Designerstück, das sich an die Prinzessin anschmiegt. Kurz darauf beugt sich eine Liliane hinab und reicht Lumiel ein prachtvolles Diadem. Geschmückt mit Diamantensplittern. Geübt setzt sich die Prinzessin ihre Krone auf und nimmt erschöpft Platz an einem kleinen Bistrotisch.



 

Ein Blick zurück und die Prinzessin kichert erheitert, denn Clive verbleibt eisern an der Türschwelle und zögert. Ihm muss das Staunen ins Gesicht geschrieben sein, denn Lumiel lächelt entzückt.

„Komm schon, Clive. Setz dich schon zu mir.“

„Sina?“

Bewusst wählt er ein Flüstern. Es war lange still. Hoffentlich wurde die Leitung nicht blockiert. Clive fühlt sich auf Sina angewiesen, aber ihre Trommelschläge vermisst er schon eine Weile. Da keine Antwort folgt, meldet sich der Zorn. Tatsächlich tritt er ein, um die Prinzessin zu konfrontieren.

„Bitte sei ehrlich, Lumiel! Ich habe den Kontakt zu meiner Partnerin verloren. Trägst du daran schuld?“

„Unser Gespräch soll vertraulich geführt werden“, antwortet Lumiel zu ruhig für ihn. Zu sorglos.

„Ich bin auf meine Partnerin angewiesen, um heimzukehren!“

Seinen Zorn belächelt sie und winkt ihm stattdessen zu. „Ich kann dich sicher erwachen lassen.“

Blindes Vertrauen gegenüber einer Fremden. Clive will nicht erneut aufgrund seiner naiven Denkweise tief fallen. Daher nimmt er mit einer Bitte ihr gegenüber Platz.

„Könntest du die Verbindung wieder herstellen?“

„Ich könnte.“ Sie klingt schnippisch. Beunruhigend schlecht gelaunt. „Aber ich fordere Vertrauen. Daher bringe ich dich zurück.“

Eine jede Hexe bewies sich bislang engstirnig und stur. Ein Verhalten, womit der Alchemist nur schwer umgehen kann. Daher vergräbt er seinen schweren Kopf in seinen Händen und verflucht die Launen des Schicksals.

 

„Aus deinem Verhalten schließe ich, dass du unerfahren mit der Astralreise bist. Angewiesen auf Hilfe und Führung“, kombiniert Lumiel.

„In der Tat“, bestätigt Clive seufzend, als er sich aufrichtet.

„Meditation ist der Schlüssel zum Erfolg und eine wichtige Eigenschaft für weitere Treffen.“ Sie greift hinüber und legt ihm erneut die Kette in die Hände, da er diese bislang nicht an sich annahm. „Daher fordere ich, dass du dich fortan selbstständig an der Astralreise übst. Jeden Tag. Ziel ist mein Versteck. Sobald du hier auftauchst, werde ich davon in Kenntnis gesetzt und dich ordentlich empfangen und dich für deinen Erfolg feiern.“

„Jeden Tag?“ Clive seufzt erschüttert. „Weißt du nicht, dass Alchemisten viel beschäftigte Leute sind?“



„Jeden Tag, Clive“, fordert sie streng und blendet seinen Einwurf einfach aus.

„Unmöglich. Nicht für mein kommendes Vorhaben. Ich kann nichts versprechen.“

Ihr vom Angriff auf die Hexenjäger zu berichten wäre töricht. Daher umschreibt er die Problematik großzügig.

Lumiel lächelt böse und wirft ihm nun an den Kopf: „Widerworte erhalte ich nicht oft. Abgesehen von meinem Vater. Du bist der Erste, der so mit einer Prinzessin spricht.“

„Ist dem so? Aber noch sehe ich dich nicht als Prinzessin an. Nicht in der Astralwelt.“

Ihre Forderung, die ihm zum Vorteil wurde, und die er zu seinen Gunsten immer wieder ausspielen wird.

Sie lacht erheitert. „Wohl wahr. Ich vergaß.“

 

Ein genauerer Blick auf die Prinzessin und Clive erkennt eine weitere Chance.

„Sag, Lumiel, ist Graf Bylom in Sakunda eingetroffen?“

Ein Wink und feinstes Porzellangeschirr mit Blumenmuster fliegt herbei. Darunter eine volle Kanne Tee. Ein Gegenstand, dem Leben eingehaucht wird, schließlich befüllt diese die Tassen von allein. Lumiel bedient sich an einen Gebäckständer und ergattert sich feinstes Gebäck.

„Graf Bylom“, wiederholt sie ihn, „Der Name fiel aus dem Munde meines Vaters. Leider kann ich wenig damit anfangen. Ich fürchte, du sprichst von einem Grafen, der im Namen der Krone ein Gebiet verwaltet, das weit von der Königsstadt liegt. Wieso fragst du, Clive?“

„Graf Bylom ist mir ein guter Freund, den ich in Sicherheit wissen mag. Ihn und seine Tochter. Seine Stadt fiel durch die Hexe Jenara.“

„Bedauerlich. Jenara lässt sich kaum bremsen. Mein Vater erhöhte die Belohnung für ihren Kopf, doch die Hexenjäger scheitern an dieser Jagd. Jenara scheint mächtig zu sein.“

Eine schwierige Thematik, zu der er sich nicht äußern mag.

„Ich nehme deine Einladung zur Feierlichkeit an, wenn du mir Sicherheit für den Grafen und seine Tochter versprechen kannst.“

Ein Wagnis. Eine dreiste Forderung. Die Prinzessin lächelt ihm interessiert entgegen und ihr Starren fühlt sich an, als breche sie seinen Geist gewaltsam.

„Einverstanden. Ich werde Ausschau nach Graf Bylom halten. Wenn er tatsächlich ein guter Freund ist, hoffe ich, mehr von ihm über dich zu erfahren.“



Ein entscheidendes Detail, das er nicht berücksichtigt hatte. So hofft Clive, dass sich Kasimir zurückhält. Doch der Graf bewies sich als geselliger Typ und Clive fürchtet, dass die Prinzessin ihn schon bald besser kennt, als er sich selbst.

 

Kaum nimmt die Windstärke zu, fällt die Temperatur drastisch. Graue Wolken vertreiben den strahlenden Sonnenschein. Sowohl Prinzessin Lumiel, aber auch Clive, befinden sich in Alarmbereitschaft.

„Droht Gefahr?“, hinterfragt er beunruhigt.

„Möglich, sei wachsam, Clive. Ich beschütze…“

Der Rest bleibt ihr im Hals stecken. Ihre Augen weiten sich vor Schreck und plötzlich fühlt Clive eine fröstelnde Umarmung. Zwei Arme schnappen von hinten zu und der Eindringling lehnt sich gegen Clives Rücken. Eisige Kälte klammert an den Alchemisten.

„Gefunden!“

Ähnlich wie Luelas dunkle Stimme, klingt auch Jenara bedrohlich. Clive muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Jenara jenen Ort aufsuchte. Allein in Lumiels Augen spiegelt sich Herzog Lysanders wahnsinnige Hexe wieder. Jenara kam nicht allein. Selene dreht ihre Runden um den gedeckten Tisch, um schließlich auf Clives Schulter zu landen. Zur Begrüßung drückt die Manabestie ihren Kopf gegen seine Wange und zwitschert aufgeregt.

„Eine Weißhexe“, stellt Jenara freudig fest und löst sich von Clive.

Beunruhigt erhebt er sich und spielt die schützende Mauer.

„Du bist hier unerwünscht, Jenara!“, schimpft er mit ihr.

Die Angesprochene öffnet empört den Mund und starrt ungläubig, bevor sie ihm an den Kopf wirft: „Ich bin hier, um dich zurückzuholen, bevor du verloren gehst. Du bist deinen Freunden abhandengekommen. Welch glücklicher Zufall, dass ich mich in der Nähe befand, um ihnen meine Hilfe anzubieten.“

„Glücklicher Zufall? Ich bezweifle es!“, kontert er erbost.

Jenaras Lachen klingt dunkel und wahnsinnig. Kaum streckt sie ihre Hand nach ihm aus, weicht er instinktiv zurück. Enttäuschung blickt ihm entgegen. Vielleicht sogar Zorn und doch sinkt ihr Arm nicht hinab.

„Wird Zeit, dass du heimkehrst, mein Lieber. Du musst Schlaf tanken, denn morgen wird ein langer Tag.“

Doch er weigert sich und schüttelt warnend den Kopf. Nicht, bevor er der Prinzessin eine vernünftige Erklärung liefern konnte.



 

Sein Trotz wird belächelt. Ein dunkler Schatten nimmt Jenaras Gesicht in Beschlag. Mit eiligen Schritten überwindet sie sämtliche Distanz. Erneut mag sie nach ihm greifen, doch ihre Hand schlägt er warnend von sich. Ein Verhalten, das ihren Mund zu einem unheimlichen Sichelmond formt.

„Du bist undankbar, Clive!“, schimpft sie mit ihm in einem widerlich süßen Ton, den er nicht gutheißen kann.

„Und ich habe nicht um deine Hilfe gebeten!“, kontert er bissig.

„Clive!“ Lumiel klingt beruhigt. „Dein Geist gleicht einer stürmischen See. Damit bringst du uns alle in Gefahr!“

Ein Warnung, die er auch von Sina erhielt. Daher übt er sich darin, die Flamme des Zorns zu ersticken. Seine Wut auf Jenara mag gerad verfliegen, als sich die Eishexe plötzlich bei ihm beschwert: „Sieh an, der Fuchs kennt deinen Namen. Ein gefährliches Spiel! Weißt du denn nicht, dass Namen mächtig sind und du diesen in jener Welt wie einen kostbaren Schatz hüten solltest?“

Erneut streckt sie ihre gierigen Hände nach ihm aus, woraufhin er mahnend den Finger hebt.

„Fass mich nicht an, Jenara!“

Doch die Eishexe lacht höhnisch über seine Warnung und drängt sich ihm auf. Clive stößt gegen eine Säule und Jenaras Finger wandern bereits über das Hemd. Doch bevor diese zupacken können, tritt Lumiel heran.

„Auf Abstand, Jenara!“

„Nimm meinen Namen nicht in den Mund, als würden wir uns kennen!“, giftet die Angesprochene.

Eine Gelegenheit, um Jenaras Fängen zu entkommen. Clive eilt in den Hintergrund. Nur bietet der Balkon wenig Versteck- und Ausweichmöglichkeiten. Über das Geländer zu springen wäre keine Option, denn dort erwartet ihn nur eine schwindelerregende Höhe. Zumal er ungern die Prinzessin allein der Gefahr aussetzen will.

 

Die Halskette auf dem Bistrotisch springt Clive ins Auge. Eilig schnappt er sich diese und will die Situation entschärfen.

„Ich fürchte, der Abschied rückt näher. Aber ich halte mein Versprechen und hoffe, dass auf dein Wort ebenfalls Verlass ist.“

Lumiel blickt verunsichert auf. „Sicher, Clive? Du scheinst Jenara nicht zu vertrauen. Sollte sie dir drohen oder schaden, kann ich dir helfen.“

Hilfe über die Jenara lauthals lacht, aber die Clives Herz berührt.



„Ich mag kein Risiko eingehen. Ich fürchte mich davor, was Jenara mit dir machen könne. Sorge dich nicht um mich. Deine Sicherheit hat nun Vorrang.“

Der Widerspruch liegt Lumiel auf den Lippen, doch Jenara tritt majestätisch an Clive heran und klammert sich an seine Schulter, um dort ihren Kopf abzulegen.

„Gib auf, kleiner Fuchs. Dieser Mann kommt nun mit mir“, verkündet die Eishexe freudig.

„Clive!“ Lumiel klingt verunsichert. „Bist du dir sicher?“

Er nickt und hebt die Halskette an, um sie an ihr Versprechen zu erinnern.

„Ich danke für die Einladung.“

Die Prinzessin lächelt milde und verabschiedet sich mit einem ehrvollen Knicks. „Du bist jederzeit willkommen. Taubenherz, bitte merke dir den Namen gut.“

Abwertend schnalzt Jenara mit der Zunge, um Clive ohne Vorwarnung umzureißen. Ihre Finger haben sich am Hemd festgekrallt und obwohl ihm eine üble Vorahnung im Kopf schwebt, überfordert ihn Jenaras aufdringlicher Kuss. Einen, der ihn anwidert und ihm das Gefühl gibt, weiterhin benutzt zu werden. Wie ein Werkzeug, an dem sie schon bald keinen Gefallen mehr findet. Seine Hände wollen die Eishexe gerade auf Abstand drücken, da schmeißt Jenara ihn nieder zu Boden. Statt von dem Steinboden aufgefangen zu werden, fällt er hindurch und trifft auf Widerstand. Wie bei Wasser. Nur kurz sieht er Jenaras böses Grinsen vor sich, als plötzlich erneut zwei Arme nach ihm greifen und ihn von Hinten hinauf auf die Beine reißen. Hoch in ein dunkles Zimmer, spärlich beleuchtet.

 

Er keucht laut und füllt seine Lungen gierig mit Luft, als habe man ihn vor dem Ertrinken gerettet. Kaum fühlt sich Clive auf den Beinen sicher, lösen sich die Arme um seinen Brustkorb. Eine Person umrundet ihn. Nur kurz erblickt er in Sinas Antlitz. Die Fee lässt ihren Blick besorgt über ihn gleiten, bevor sie ihm mit einer Umarmung überwältigt. Sie schnieft laut.

„Welch ein Glück! Ich dachte, ich hätte dich verloren. Aufgrund meines Versagens.“

„Ein Grünschnabel wie du dürfte solch ein Ritual gar nicht leiten!“, giftet die vertraute Stimme von Jenara aus dem Hintergrund.

Ihre Anwesenheit lässt Clive kurz aufatmen, denn somit sollte die Prinzessin Lumiel hoffentlich sicher sein. Dennoch kann er ihre Worte nicht gutheißen.



„Hör nicht hin, Sina. Du trägst keine Schuld an der Sache. Du warst machtlos und hast dir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich danke dir für die Gelegenheit, denn somit konnte ich Jelko eine Botschaft zurücklassen.“

„Pah! Ermutige diese närrische Fee doch nicht!“, murrt die Eishexe.

Sein Blick hingegen fixiert das Amulett in seinen Händen. Lumiels Geschenk ließ sich tatsächlich mitnehmen, somit kann Clive eine freudige Botschaft an Cuno verkünden.

 

Cuno!

Sorgenvoll huscht der Blick umher.

„Wo ist Cuno, Sina?“

„Ich bin hier, mein Freund.“ Tatsächlich verweilt der Paladin an seiner Seite und klopft ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Willkommen zurück.“

Mit Clives Lächeln scheint er wenig anfangen zu können, schließlich hebt er fragend die Augenbraue.

Doch statt mit den Informationen rauszurücken, hinterfragt Clive: „Hattest du Erfolg?“

Cuno nickt knapp, mit glühendem Blick fixiert er jedoch Jenara an.

„Reden wir später drüber.“

Beleidigt tritt Jenara zu den Toren. „Hab verstanden! Ich war nur Mittel zum Zweck! Gern geschehen!“

Sina erhebt sich eilig und ruft die Eishexe, um sich tief zu verbeugen.

„Ich danke dir, Jenara. Ich stehe tief in deiner Schuld, denn ich hätte mir nie verzeihen können, wenn Clive verloren gegangen wäre. Ich dachte wirklich, die wenigen Male hätten gereicht, damit ich ihn sicher zurückbringen könne.“

Jenara zischt verärgert und haut mit den Fakten heraus: „Mich habt ihr gar nicht gebraucht. Auch so wäre der Alchemist sicher zurückgekehrt.“

„Was soll das heißen?“, spricht die Verwirrung aus Sina.

„Klärt das mal unter euch, denn ich bin ja hier nicht erwünscht“, reagiert Jenara schnippisch.

„Das ist nicht wahr“, kontert Sina empört.

Doch Cuno und Clive sind einer Meinung, wie sich zeigt. Denn die Bestätigung folgt synchron: „Gut erkannt.“

Jenara verharrt böse grinsend an der Tür und dreht sich noch einmal um. Ihre Worte gelten bedauerlicherweise Clive: „Deine Ignoranz schreckt mich nicht ab, Alchemist. Ganz im Gegenteil. Dein Verhalten spornt mich umso weiter an. Ich mag etwas erbost sein, wie du über mich redest, aber ich blicke freudig auf unsere gemeinsamen Erinnerungen zurück. Auf das du mich noch lange unterhalten wirst.“



Nicht bereit, auf eine Antwort abzuwarten, verlässt sie das Gemach.

 

„Die wird zu einem richtigen Problem“, erkennt Cuno, „ihre Besessenheit sprengt alle Erwartungen. Wäre sie nicht so wichtig für den Plan, würde ich zur schnellstmögliche Beseitigung raten.“

„Unmöglich“, kontert Clive, „Ich sehe ebenfalls in Jenara ein großes Ärgernis, doch für unsere Manabestie ist diese Frau wie eine Mutter. Hoffen wir mal, dass Selene ihr Heilung bringt.“

„Wunschdenken, Clive!“, behauptet Cuno. „Aber reden wir nicht über Jenara. Lass uns unsere Idee umsetzen. Berichten wir uns doch gegenseitig von unseren Erfahrungen.“

Freudig blickt Clive auf. „Unbedingt!“

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