Kapitel 14

Der Schnee beginnt unter den Schuhen zu knirschen, während dicke Flocken vom Himmel fallen und die Sicht erschweren. In nur wenigen Tagen schlug das Wetter rapide um und mit dem Frost kam eine bitterliche Kälte. Wohin Skyla sieht, funkelt der Schnee im Licht der Sonne. Für den Spinnendämon Agnar ist die akute Wetterlage ein Grauen. Die Gefahr besteht, dass der Dämon draußen erfriert und somit wäre Skyla allein auf Kai angewiesen. In einem kleinen Zeitfenster spielte die fiese Plüschwatte auf Spion, während ein Besuch bei Oma Ulrike erfolgte und damit folgte eine Standpauke vom Feinsten. Ihr ältestes Familienmitglied nahm kein Blatt vor dem Mund und stauchte Skyla in der Anwesenheit von Lukas zusammen. Bedeckt halten ist die neue Devise. Gar nicht so leicht mit der Wut im Bauch. Aber die schallende Ohrfeige in Form von der fiesen Wahrheit hat die Enkelin gebraucht. Lukas soll in Zukunft die nächsten Schritte planen. Skyla sei es verboten. Noch viel schlimmer trifft Skyla die Aufforderung, dass er ihre Oma anrufen soll, falls ihre Enkelin nicht zu stoppen sei. Ein Joker in Lukas Händen, den Skyla mit Ehrfurcht betrachtet.

Noch ehe der vereinbarte Treffpunkt erreicht wird, trifft ein Knäuel Kälte Skyla mitten ins Gesicht. Das eisige Geschoss zerbricht und der ganze Pulverschnee fällt an ihr hinab. Das kalte Zeug findet sogar einen Weg hinter ihrem Schal und läuft ihr über den Brustkorb, von wo es schmilzt. Skyla schüttelt sich erschrocken und bekommt den überraschten Ausdruck von Lukas zu Gesicht. Die Spuren auf seinen Handschuhen verraten ihn. Seinen Glückstreffer muss er erst einmal verdauen. Für seine Freundin hingegen zeigt sich noch immer, wie weit ihre Pechsträhne reicht, wenn Lukas als schlechter Schütze mal das Ziel trifft.
„Entschuldige, Skyla“, bringt er ungläubig hervor. „Ich wollte dich nicht im Gesicht treffen.“
Grimmig beugt sie sich hinab und formt den ersten Schneeball. „Ich hoffe, du bist auf das Echo vorbereitet.“
„Ähm…“ Er klingt sich nicht sicher und hält bereits Ausschau nach einer Fluchtroute. „Warte! Ich…“
Keine Chance!
Anders als bei ihm sind es keine Glückstreffer. Ihr Schneeball trifft zuerst seinen Brustkorb. Dort, wo sein Herz schlägt. In Windeseile ist die nächste Ladung geformt und selbst als er sich in Bewegung setzt, trifft es ihn an der Wange. Sein erschrockener Gesichtsausdruck entlockt ihr einen amüsierten Laut. Trotz der Rückschläge steckt ihre nun gute Laune ihn an und er lässt sich auf eine Schneeballschlacht ein.



Welch Nostalgie!
Skyla erinnert sich mitten im Gefecht an die vielen Schlachten im Schnee, die sie als Kind mit Lukas immer führte. Ein vertrauter Baustein ihres Fundaments aus Erinnerungen. Wie in den vergangenen Zeiten fällt es ihr nicht schwer, ihren Freund in die Enge zu treiben. Ihm fehlt einfach die Ausdauer. Lukas einzuholen ist keine Kunst, aber ihr Freund weiß die Hindernisse einzusetzen. Nur an seinem Zeitmanagement muss er dringend arbeiten. So hilfreich die vielen Schutzschilde auch sein mögen, erreicht er seine Deckung zu langsam. Am Ende lässt sich nur schwer erkennen, dass er eigentlich einen schwarzen Mantel trägt. An ihm klebt so viel Pulverschnee, dass Skyla meinen könne, er versucht, sich einen Tarnvorteil zu ergattern. Sie eilt ihrem Freund zur Hilfe, als er die Hände kapitulierend hochhebt. Kaum klopft sie einen Teil von dem Mantel fort, besitzt Lukas den Mut, sie fest zu umarmen. Nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid!
Der finstere Blick seitens Skylas lässt seine Mundwinkel auffällig zucken. Lukas kann von Glück sprechen, dass sie ihn so gern hat. Daher spielt sie die gute Freundin und befreit ihn weiter von dem Schnee.

„Wir sollten uns gleich aufwärmen“, rät er ihr sanft.
Zustimmend nickt sie. „Unbedingt! Ich kann es mir nicht leisten, jetzt krank zu werden! David würde mich in der Luft zerreißen.“
„Dann lass dich gleich von mir einladen. Wir suchen ein nettes Café auf. Dort wärmst du dich an einem heißen Getränk und gönnst dir eine kleine Stärkung.“
Es klingt verlockend, doch Skyla erinnert sich stattdessen an den Grund für ihr Hiersein. Pflichtbewusst, wie sie ist, wirft sie einen Blick auf die Uhr und bekommt einen Schrecken. Es mögen nur ein paar Minuten sein und doch quält sie das schlechte Gewissen. Selbst wenn es nur um Kai geht. Lukas seufzt laut, da er seine Freundin gut kennt. Eine halbe Drehung und sie stürmt voran.

Aus der Ferne kosten einige Kinder das Schneewetter aus. Schlitten wurden aus den staubigen Lagerorten rausgeholt. Andere bauen bereits an ihren Kunstwerken. Vom Schneemann, Iglu bis hin zu einem Schloss ist alles dabei. Der Park ist groß und belebt. Ihr Ziel hingegen bleibt eine Baustelle. Je länger Kai in ihren Diensten steht, desto besser spürt sie seine Anwesenheit. Eine dämonische und dunkle Präsenz, die sich genauso abschreckend anfühlt wie sein widerlicher Charakter. Wenn Skyla sich konzentriert, dann hört sie sogar seinen Herzschlag. Dennoch ist vorsichtig geboten. Die Gefahr durch den Ritterorden besteht weiterhin. Forschend gleitet ihr Blick umher. Es lässt sich niemand anderes außer Lukas ausfindig machen. Ihr Freund befindet sich noch ein gutes Stück von ihr entfernt. Mal davon abgesehen, wie unsportlich er ist, hat ihn die Schneeballschlacht ausgepowert. Sein Gesicht ist auffällig bleich, sodass die Sorge besteht, sein Kreiskreislauf bricht gleich zusammen. Auch wenn es Skyla schwerfällt, geduldet sie sich, bis ihr bester Freund sie erreicht hat.




„Er steckt hier irgendwo, das kann ich spüren.“
„Spüren?“ Lukas klingt beunruhigt. „Wie dar ich mir das vorstellen?“
„Seine böse Aura. Fühlst du das nicht?“
Die Atmosphäre wird um eine Betonröhre erdrückender. Es ist, als verliere das Tageslicht seine Kraft an diesem Ort.
„Was weißt du über dieses Bündnis, dass du mit deinen Dämonen geschlossen hast?“, interessiert es Lukas.
„Zu wenig“, gesteht sie sich im Nachhinein ein und hört ihn hinter sich laut aufatmen.
Ja, ich handele unbedacht! Ich weiß!
Darauf konzentriert den Bären ausfindig zu machen, wandert Skyla von einer Betonröhre zur Nächsten. Bis ihr der Geruch von Rauch und Schwefel in die Nase steigt und das Knistern ihre Aufmerksamkeit weckt. Neugierig lugt sie in die goldene Mitte des Röhrenstapels und bekommt einen ungewöhnlichen Anblick zu sehen. Es ist nicht das kleine Feuer, das sich ihr Schutzgeist entfacht hat, sondern der Lichterball in der Größe eines Apfels verschlägt ihr den Atem. Das leuchtende Objekt befindet sich aufgespießt an einem spitzen Knochen und wird über den Flammen geröstet. Kais Blick ist dabei monströs. Teuflisch und schadensfroh.

Erschrocken nennt Skyla ihn beim Namen, als der Lichterball in seinen Mund verschwindet. Überrascht dreht der Dämon seinen Kopf zu ihr und hebt fragend die Augenbraue.
„Ah, meine Boshaftigkeit. Das seid Ihr ja. Ich habe Euch erwartet. Setzt Euch doch bitte. Ein kuschelig warmes Plätzchen nur für Euch. Marshmallows habe ich auch dabei, wenn Ihr wollt.“
„Marshmallow“, wiederholt Skyla ungläubig. „Lügner! Was futterst du da?“
Der Bär entblößt seine spitzen Zähne, als er unheilvoll zu grinsen beginnt.
„Oh“, freut er sich. „Ihr habt ein gutes Auge. Wollt Ihr eine Seele speisen? Ich habe hier eine, die Euer Interesse wecken könne. Die eines Mitgliedes des Ordens, der Euch so viel Schwierigkeiten bereitet.“
Skyla glaubt, sich verhört zu haben. Ein Blick zur Seite zeigt, dass Lukas genauso schockiert wirkt wie sie selbst.

Es ist die Kälte, die Skyla dazu verleitet, sich klein zu machen und in die Betonröhre näher an die Feuerstelle zu rutschen. Auch Lukas nimmt Platz. Wenn auch am Rand, von wo er die Umgebung im Auge behält. Somit nimmt er ihr eine ihrer Sorgen ab und sie kann sich in aller Ruhe über ihren Dämon ärgern. Genervt fährt sie sich durch das blaue Haar und reimt sich die Worte zusammen. Gleichzeitig kämpft sie damit, nicht zu schimpfen, denn sie kennt sich zu gut. Sie wird sich sonst zu sehr hineinsteigern und gegen ihren Zorn verlieren. Die Gefahr besteht, dass sie aufgrund ihrer Lautstärke auffliegen. Daher reißt sie sich widerwillig zusammen und konzentriert sich auf den Plan.




„Höre ich daraus, dass sich unser Verdacht bestätigt und Janik Teil des Ritterordens ist?“
Kai bläst genervt die Wangen auf. Daraufhin folgt ein Geständnis: „Die Anlage der Tempelritter ist gut gesichert. Mächtige Runen halten das Böse von dort fern. Ich möchte die Gelegenheit ergreifen und Euch warnen. Euersgleichen wird die Hauptanlagen ebenfalls nicht betreten können. Nur Menschen sei es vermocht, unversehrt die Tore zu passieren. Das gilt nur für die wichtigen Gebäude. Die neuen Anlagen und die Nebengebäude hingegen waren schnell durchforstet. Ich glaube, dass nur die ältesten Mitglieder von den Runen wissen. Aber ihr Interesse galt sicherlich anderen Dingen und so werden die Schutzzauber in naher Zukunft Geschichte sein, sobald der Verfall die betroffenen Gebäude vernichtet. Aber um auf Eure Frage zurückzukommen kann ich versichern, dass Janik und Tanja Rose Zutritt in die geheimen Hallen haben. Sollten sie keine Mitglieder sein, was ich stark bezweifele, dann machen sie gemeinsame Sache mit den Tempelrittern.“
Schuldig.
Ein Gedanke, der Skylas Hoffnung aufkeimen lässt. Janik und Tanja können sich nicht mehr aus der Sache winden. Diese Botschaft beschwört Freudentränen hervor und ein ehrliches Lächeln.
„Danke, Kai.“
Ihre Worte kommen von Herzen und wecken Lukas‘ Neugier. Kaum sieht er seine Kindheitsfreundin, hält ihn nichts zurück und er lehnt sich weiter nach hinten, um sie in seine Arme zu ziehen und feste zu drücken.
„Siehst du? Auch ich kann dir mal nützlich sein“, haucht er ihr die Worte ins Ohr und lehnt seinen Kopf an ihren.
Skyla nickt und genießt die Nähe zu Lukas. Ihre angespannten Muskeln lockern sich und nun liegt sie erschöpft in seinen Armen. Diese Botschaft wird ihr eine ruhige Nacht verschaffen. Endlich zeigt sich, dass sie ihrem Gefühl vertrauen konnte.

Hoffnungsvoll löst sie sich wenig später von Lukas und es folgt ihre nächste Herzensfrage: „Und Emilie?“
Diesmal jedoch schüttelt Kai entschuldigend den Kopf.
„Keine Spur von ihr. Janik Rose vermeidet es, über sie zu sprechen. Außer Emilies Brüder sind in seiner Nähe. Aber da spielt er den Unwissenden.“
„Er ist vorsichtig. Das sollten wir auch sein“, äußert sich Lukas dazu.




Skyla nickt zustimmend und atmet tief durch. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Noch gibt sie ihre Freundin nicht auf.
„Weißt du, Lukas. Ich würde gerne auf dein Angebot zurückkommen. Lass uns ein Café aufsuchen.“
Damit bereitet sie ihm mehr Freude als sich selbst. Lukas strahlt glücklich und nickt ungeduldig.
„Wunderbar. Ich kenne einen guten Laden in der Nähe.“
„Die Marshmallow sind aber auch lecker“, wirft Kai ein und winkt mit seiner Bärenpfote, um auf sich aufmerksam zu machen.
Aber Skyla schüttelt sich bei dem Gedanken, mit einem Dämon zu speisen. Nur wegen seiner guten Arbeit sieht sie über die arme Seele hinweg und fordert nun in einem Ton, der keine Widerrede duldet: „Kai, mach dich klein als Anhänger und befestige dich an meine Tasche. Die Spionage endet vorerst.“
Schulterzuckend packt ihr Schutzgeist zusammen und doch sieht sie ihm die Enttäuschung an, da sie seine Mahlzeit ablehnte. Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

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