Kapitel 3 – Joleens Grab

Als wäre sein Entschluss der Schlüssel zur Ruhe, gelingt es Jubin, Kraft für den anstehenden Tag zu tanken. In der Nacht folgen keine weiteren Störungen, sodass die beiden Geschwister pünktlich und ohne Schwierigkeiten aus ihren Betten kommen. Zwar körperlich anwesend nimmt Jubin am Schulalltag teil, gedanklich bereitet er sich jedoch auf den Grabbesuch vor. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich die Zeit im Schulgebäude unnötig in die Länge zieht. Ähnlich wie klebriger Kaugummi. Aber heute wirken die sechs Schulstunden endlos. Umso dankbarer ist Jubin, den Schulhof nach der letzten Stunde hinter sich zu lassen.

 

Sein Rucksack geschultert, die Buslinie gecheckt und schon begibt er sich ohne Umwege zum Friedhof. Als seelische Stütze hat er seine geliebte Schwester zu Joleens Beerdigung begleitet, sodass ihm der Weg bekannt ist. Vorbei an gepflegten Gräbern im kühlen Schatten der Bäume folgt Jubin dem Pfad zu seinem gewünschten Ziel. Dieser Sommer ist ungewöhnlich heiß und die Wetterprognosen deuten eine Dürreperiode an. Etwas, das den Leuten hörbar Sorge bereitet, denn wo er auch ist, kommt dieses Thema immer zur Sprache. Selbst sein Vater beschwert sich über die Hitze und wünscht sich eine Abkühlung durch den Regen. Die Luft auf dem Friedhof wirkt frischer als zwischen den engen Häusern der Stadt. Fröhliches Vogelgezwitscher erreicht seine Ohren. Der Ort wirkt friedlich und doch fürchtet sich Jubin vor dem, was kommen mag. Dabei gibt es in seinen Augen keinen Grund zu bangen. Es handelt sich hier um einen einfachen Grabbesuch und doch schlägt ihm das Herz bis zum Hals. Seine Hände fangen an, vor Nervosität zu schwitzen. Seine Schritte werden unbemerkt langsamer.

 

Mit bleichem Gesicht nähert er sich Joleens Ruhestätte und was er dort zu sehen bekommt, lässt ihn staunen. Rund um den Grabstein verwelken nicht nur die Pflanzen, sondern auch das Gras. Das Verdorrte bildet einen dunklen, großen Kreis und zieht zwei Nachbargräber in Mitleidenschaft. Das tote Kunstwerk bildet einen starken Kontrast zu den hübsch gepflegten Gräbern und der saftgrünen Wiese, die trotz der Hitze gut bewässert wurde. Die Temperaturen um das Grab sind trotz des heißen Sommers kalt wie in einer Kühltruhe.



 

Bislang hält Jubin Abstand von dem ausgetrockneten Boden, dabei befürchtet er, näher an das Grab herantreten zu müssen. Die Luft vor Joleens Ruhestätte ist elektrisch geladen und allein an der Grenze zwischen zweier Welten zu stehen, weckt all seine Fluchtinstinkte. Würde Jubin nicht dagegen steuern, dann hätte sich sein Körper schnell davon gemacht. Aber damit wäre das Problem nicht gelöst. Also schluckt Jubin den Kloß im Hals hinunter, holt tief Luft und tritt in den Kreis. Nur ein einziger Schritt und seine Nackenhaare stellen sich auf. Die Kälte kriecht wie ein Schwarm hungriger Insekten unter die Kleidung und beißt sich bis zu den Knochen durch. Wie Raubtiere an frischem Aas labt sich der Frost an seiner Körperwärme.

 

Zitternd setzt Jubin einen Fuß vor den Nächsten. Er sehnt sich nach Sonnenlicht und Wärme. Vor dem glänzenden Stein flackert ein elektrisches Grablicht pausenlos, ob bei Tag oder Nacht. Der rötliche Behälter ist abgesehen von dem glänzenden Stein auch schon das einzige Anschauliche, denn die Blumensträuße haben ihre besten Tage hinter sich. Am Grabstein angekommen blickt er hinab auf die Innenschrift:

 

Joleen Tiger

2000-2015

Deine Schritte sind verstummt.

Doch die Spuren deines Lebens bleiben.

 

Joleens Eltern haben sich geirrt, ihre Schritte sind noch nicht verstummt. Sie ist hier und von Zorn zerfressen.

 

Ein kurzer Blick zur Linken und zur Rechten. Die Luft scheint rein, niemand befindet sich in Jubins Nähe. Seine Zähne klappern in der Kälte, als er das Wort an Lyras verstorbene Freundin widmet: „Joleen? Kannst du mich hören?“

Sein Blick schweift umher. Nach einigen Minuten der Geduld wiederholt er ihren Namen erneut. Diesmal lauter. Fast verzweifelt. Daraufhin wiegt ein starker Windzug die umliegenden Bäume. Jubins blaugraue Augen blicken von den Tannen hinab zu Boden. Er lauscht leisen Schritten und macht große Augen, als sich Fußspuren im Dreck abzeichnen. Turnschuhe. Der Abdruck deutet auf einen Frauenschuh hin. Klein und zierlich. Wie Joleens Füße. Das kann kein Zufall sein.

 

Ein Geräusch lässt ihn aufschrecken. Es hört sich an, als würde eine Axt in einen Baum gedonnert werden. Baumrinde splittert von einer naheliegenden Eiche. Statt einer Kerbe findet Jubin dort einen Handabdruck wieder. Mit großem Unbehagen steht er an Ort und Stelle. Am liebsten würde er einfach davonlaufen.



Ob Joleen mir überhaupt zuhören wird, wenn sie so wütend ist?

 

Seine nächsten Worte kosten ihn Mut.

„Hör zu, dein Tod hat uns alle schrecklich mitgenommen und du bist wütend, das verstehe ich. Mika ist ein Idiot, anders kennen wir ihn doch nicht.“

Ein mildes Lächeln huscht über seine Lippen.

„Auf seine dummen Sprüche sollte niemand viel Wert legen und Maxim war einfach eifersüchtig. Kannst du es ihm verübeln?“

Die Stelle am Handabdruck beult sich mit Krach tiefer in den Baum. Das Holz gibt einfach unter dem starken Kraftaufwand nach. Damit beschleunigt sich Jubins Herzschlag.

„Okay. Okay.“ Er pausiert verängstigt. „Ich habe ja verstanden, du bist auf ihn nicht gut zu sprechen. Entschuldige. Nur vergiss nicht, dass dein Tod ein Unfall war!“

 

Die Schritte kommen näher und Jubin meint einen Atem nah an seiner Wange zu spüren. Als würde sie neben ihm stehen. Entschlossen dreht er seinen Kopf in ihre Richtung.

„Es war kein Mord! Sondern ein Unfall! Und das weißt du! Du kannst uns nicht die Schuld dafür geben! Also was willst du verdammt? Warum bist du überhaupt in unserem Haus? Wie ist das überhaupt möglich?“

Ein Kratzen weckt seine Aufmerksamkeit. Verwundert hält er Ausschau nach der Geräuschquelle. Als sich Jubin entfernen möchte, schnappt etwas nach ihm und reißt ihn zurück an die Stelle, wo er stand. Beunruhigt blickt er auf den blutigen Handabdruck auf seinem Handgelenk. Der Gestank nach Eisen steigt in seine Nase und lässt ihn würgen. Sein Herz hämmert nun heftiger gegen seinen Brustkorb, dabei handelt es sich nicht um sein Blut.

 

Mit dem roten Handabdruck hätte sich Jubin anfreunden können, aber nicht mit der Botschaft vor seinen Füßen. Denn unten auf dem Boden, wurde mit einem Stock eine Nachricht in die staubige Erde gekritzelt:

 

Lyra

 

Der Name seiner Schwester. Joleen gibt sich immer noch nicht geschlagen. Ihr bereits totes Herz ruft immer noch nach seiner Schwester. Seine Angst wird auf die Ersatzbank gedrängt, nun tritt die Wut hervor. Seine Zornesader schwillt an, sein Kopf färbt sich purpurrot.

Mit bebender Stimme und angespannten Kiefer, warnt er die Tote: „Bleib meiner Schwester fern! Lass deine toten und kalten Finger von ihr! Sie gehört unter den Lebenden und dabei wird es auch bleiben! Ich lasse nicht zu, dass ihr etwas passiert! Hast du verstanden?“



 

Joleens Antwort kommt anders als erwartet. Ein kräftiger Stoß befördert Jubin aus dem verdorbenen Kreis und lässt ihn auf das gegenüberliegende Grab plumpsen. Mit einem schmerzerfüllten Laut blickt er auf und nimmt für nur einen kurzen Moment Joleens schemenhafte Gestalt war. Ihre Silhouette leuchtet in einem weißen Licht, sodass ihm ihre totenbleiche Haut ins Auge springt. Der wutverzerrte Ausdruck in ihrem Gesicht erinnert mehr an eine Bestie, die Blut geleckt hat. Ihr wallendes, rabenschwarzes Haar trägt sie zur Abwechslung offen und ihre sonst von Liebe erfüllten Augen sind nun kalt und dunkel. Lyra würde ihre Freundin nicht wiedererkennen, selbst Jubin muss genauer hinsehen. Ihre Erscheinung präsentiert sich von Sekunde zu Sekunde verzehrter, bis zu dem Moment, als sie plötzlich verschwindet.

Zurück bleibt ein hämisches Lachen und ihr Geflüster: „Du hast schon immer geglaubt zu wissen, was für deine Schwester gut ist! Aber was will Lyra eigentlich? Bist du in der Lage ihre eigenen Wünsche zu akzeptieren?“

 

Jubin kämpft sich hinauf, dieses Erlebnis ging nicht spurlos an ihm vorbei. Wut und Angst führen einen ständigen Kampf. Am Ende mischt sich noch die Verzweiflung ein.

Was habe ich mir nur erhofft?

Dieses Gespräch hat noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Sein Verstand war von seinen Gefühlen geblendet und nun bereut er den Ausgang. Kaum steht er auf den Beinen, klopft er sich den Dreck von der Kleidung. Sein Blick fällt erneut auf Joleens Grab, woraufhin sich die Sorge um die Zukunft verstärkt.

Wie kann ich meine Schwester vor Joleens Erscheinung nur schützen?

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