Kapitel 36

Der Unglaube und die Enttäuschung geben sich die Hand. Skyla kann nicht anders, als zu starren. Ihr bester Freund–bewusstlos  und vergessen. Sina kauert verängstigt in einer Ecke. Tessa vergrub ihre Gefühle, setzte sich eine Maske auf und stylt sich in aller Ruhe vor einem Spiegel. Naru hingegen wird fröhlich umsorgt von Oma Ulrike. Sinas Furcht spricht für einen bekannten Ausraster der alten Dame. Skyla tritt beunruhigt an Lukas‘ Bettseite und fürchtet, er wurde Opfer ihrer Gewalt.

„Das war nur zu seinem Besten!“, tönt es missbilligend von Oma Ulrike, deren fröhliche Stimmung fortgespült wurde, „er ist stur wie sein Vater! Mir blieb keine andere Wahl, als ihn ihm eins überzubraten, damit wir endlich unsere Ruhe haben.“

Sina tritt an Skyla heran und beugt sich vor. „Deine Oma ist kriminell.“

Skyla nickt zustimmend und seufzt tief.

 

Alles wäre einfacher, wenn Lukas an der geplanten Besprechung teilnehmen könnte. Aber auf sein Erwachen kann sie keine Rücksicht nehmen. Daher wendet sie sich gerade vom Bett ihres Freundes ab, als Dalika sich ihr mit verschränkten Armen in den Weg stellt und mit einer Kopfbewegung Richtung Sina aufmerksam macht. Doch Skyla wird aus dem Verhalten nicht schlau.

„Sprich doch einfach darüber, Dalika.“

Ein kurzes Augenrollen seitens des Nang Tani und schon weist sie daraufhin: „Wie du wünschst, kleine Blume. Das Medium an deiner Seite kann Lukas mit Leichtigkeit wecken. Du willst ihn bei der Besprechung dabei haben, dann bitte sie darum.“

Während Sina überrascht den Blick hebt und sich voller Tatendrang zu Lukas umdreht, kann Skyla nicht anders, als verwirrt zu blinzeln.

„Stand mir das ins Gesicht geschrieben oder was?“

„Bedauerlicherweise haben wir eine sehr schwache Verbindung zueinander, daher kann ich nur ab und zu fühlen, was dich beschäftigt. Um ehrlich zu sein, hab ich ein wenig spekuliert. Zum Glück hast du ein ganz besonders Band zu dem jungen Mann, damit sind deine Emotionen stärker und leichter zu entziffern.“

Damit wird Skyla zum offenen Buch für Dalika. Eine Tatsache, die gemischt Gefühle auslöst. Aber Zeit zum Nachdenken bleibt ihr nicht, denn Sina schiebt laut Panik.

„Nein! Nein! Nein! Bleib besser sitzen! Dein Kreislauf wird sonst zusammensacken!“



Doch Lukas legte schon immer wenig Wert auf die Meinung anderer. Sein Gehör ist auf Durchzug. Skyla sieht das Unglück kommen, als er Sinas Arm von sich wegdrückt und Anstalten macht, aufzustehen.

„HEY! DENK NICHT MAL DRAN, FREUNDCHEN! SITZEN BLEIBEN!“

Damit demonstriert Oma Ulrike ihrem neuen Enkel direkt ihre angsteinflößende Seite, worauf großes Geschrei seitens des Neuzuwachses folgt.

 

Dalika bewegt sich kopfschüttelnd zu dem alten Familienoberhaupt, um ihr Naru zu entnehmen. Tatsächlich scheint Oma Ulrike großes Vertrauen in den Nang Tani zu setzen, denn sie rückt ihren jüngsten Enkel ohne Murren raus, um zu Lukas zu stampfen. Aber Thomas‘ Sohn lässt sich von ihren Zorn nicht beeindrucken und kämpft sich auf die Beine. Er stiert auch noch herausfordernd zurück. Die Luft ist geladen. Skyla wirft sich sofort in die Schussbahn und eilt ans Krankenbett. Genau rechtzeitig, denn seine Beine brechen weg. Mit Sinas Unterstützung hilft Skyla ihm aufs Bett.

„Überanstrenge dich doch nicht“, schimpft Skyla mit ihm.

Aber auch ihr Atem ist verschwendet, Lukas‘ Züge mögen sich etwas entspannt haben und doch hört er nicht auf zu starren.

Damit scheint sich Skyla genauso hilflos wie Sina zu finden, denn die nimmt sich vor: „Ich lasse nach einer Schwester rufen.“

„Nicht nötig!“, brummt Oma Ulrike aus dem Hintergrund.

 

„Uff!“ Skyla fasst sich überfordert an die Stirn und betrachtet das Chaos in dem Krankenzimmer mit Sorge. „Vielleicht beruhigen wir uns alle einfach mal, denn nun liegt es an uns, die nächsten Schritte zu planen. Ich habe große Neuigkeiten und wäre euch wirklich dankbar, wenn ihr mir alle ein offenes Ohr schenkt.“

„Kann ich mir nur kurz einen kräftigen Schluck Kaffee organisieren?“, meldet sich Sina kleinlaut und hebt sogar brav die Hand.

Oma Ulrike schnappt nach ihrer großen Wundertasche, worin ihr halber Haushalt aufbewahrt wird. Skyla reißt vor Entsetzen den Mund auf, als die alte Dame eine Schnapsflasche hervorzieht.

„Hier, Kind, das wird deine Nerven beruhigen.“

Sina zögert jedoch und blickt kritisch auf die Tasche. „Sie haben nicht zufällig einen zarten Rosé in Ihrer Tasche?“

Die Augen der alten Dame verengen sich. Schnaufend schraubt sie den Deckel der Flasche auf, um diesen penetrant zu Sina hinzuhalten. Ganz langsam greift diese zu und überprüft die Flasche auf das Etikett.



„Richtig antik“, nuschelt sie unsicher und setzt eilig zum Trinken an, als sich die Augen ihres Gegenübers verdüstern.

 

Der Inhalt zwingt Sina mit dem ersten Schluck auf die Knie. Sie verzieht das Gesicht und wendet sich hustend ab. Zur Erheiterung der alten Dame. Oma Ulrike lacht leise und nimmt ihr die Flasche aus der Hand, um in wenigen Zügen den halben Inhalt zu verdrücken. Beunruhigt stößt sich Skyla vom Krankenbett ab.

„Geht es wieder, Sina?“

Die Foodbloggerin nickt zwar, hustet sich dennoch die Seele aus dem Leib. Bei dem bleichen Teint lässt sich es sich schwer beurteilen und doch fürchtet Skyla, das andere Medium ist blasser geworden.

„Soll ich dich ins Badezimmer begleiten?“, bietet sie daher an, aber Sina schüttelt den Kopf.

„Oma, reich mal!“ Tessa ist wie ausgewechselt. Ihre Abneigung gegenüber Alkohol scheint einfach vergessen zu sein. Kompromisslos schnappt sich die Prinzessin den Schnaps und gönnt sich ebenfalls etwas davon. Dennoch steckt sie das Zeug besser wie Sina weg. „Danke, hab ich gebraucht.“

Anerkennend nickt Oma Ulrike. „Das ist meine Enkelin.“

Damit zaubert sie Tessa ein ehrliches Grinsen auf die Lippen.

„Tödliches Zeug!“, keucht Sina und nimmt erschöpft neben Lukas auf dem Bett Platz.

 

Skyla weicht instinktiv zurück, als Oma Ulrike ihr nun die Flasche hinhält. Eine Reaktion, die Tessa lauthals zum Lachen bringt.

„Der kleine Rebell der Familie lässt die Finger von Omas guten alten Tropfen! Welch Ironie!“

Skyla bleckt die Zähne. „Hey! Nur weil ich mir die Haare gefärbt habe, heißt das nicht, dass mir jeden Tag die Kante gebe! Ich trinke selten! Mehr auf Partys!“

„Vergiss die Drogen nicht, Skyla.“ Tessas Augen glühen böse. „Leugne es besser nicht!“

Skyla schmeckt Galle. Erneut wird ihr solch eine Gemeinheit unterstellt. Alles ohne Beweislage.

„Es waren nie Drogen im Spiel!“

Doch Tessa schenkt ihr natürlich keinen Glauben. Theatralisch macht sie einen Knicks. Mit solch einer Überlegenheit, die Skyla um die Beherrschung ringen lässt.

„Wie sonst erklären wir dein durchgedrehtes Verhalten?“

Die Hand wird zur Faust geballt. So feste, dass sich die Knöchel färben.

 



„Was musst du blind sein!“ Lukas lallt und doch lassen seine Worte Skyla hellhörig werden. „Auch ich glaubte, Skyla nahm Drogen, aber ich irrte mich gewaltig. Wohl oder übel wirst du schon bald selbst begreifen, dass diese These kaum noch Gewicht hat. Aber ein Blick in deine Augen und ich bin mir sicher, kein Gespräch der Welt wird dich vom Gegenteil überzeugen. Du musst erst mit eigenen Augen sehen, in was für eine Welt deine Cousine wandelt.“

Doch Tessa schüttelt abwehrend den Kopf. „Kein Interesse.“

Nun belächelt Lukas ihre Naivität. „Als hättest du eine Wahl.“

Das Stichwort für Oma Ulrike. Die alte Dame schleift einen Stuhl lautstark über dem Boden, um gegenüber von Skyla Platz zu nehmen.

„Rede, Skyla! Die Bühne gehört dir und wage es dich, mit schlechten Neuigkeiten zu kommen!“

Ein kleine Aufforderung und die Last auf Skyla Schultern steigt. Ein tiefer Atemzug später und ihr Blick gleitet durch die Runde. Dalikas Gesang bewirkt Wunder. Naru schläft tief und fest, womit ein jeder ihr nun gut folgen kann. Daher wird es Zeit, über die Zukunft zu sprechen. Über das, was Thomas ins Rollen gebracht hat und was die Geisterjäger ihr zu bieten haben. Ein Gespräch von großer Wichtigkeit, dass Tessa mit Unterbrechungen stören mag. Aber Oma Ulrike setzt zum Glück schnell einen Riegel davor. Somit kann sich Skyla voll und ganz auf die Details konzentrieren.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare