Kapitel 26

Kaum erzittert das Gebäude, blickt Skyla in beunruhigte Gesichter. Masons Kopf schaltet zuerst und erteilt Befehle: „Ein Portal schnell!“
Mia fasst sich ungläubig an den Kopf: „Auf die Gefahr hin, den Feind zu unserem Versteck zu führen?“
„Nein! Der Jordangraben! Nicht hinterfragen, sondern schalten! Schnell! Brauchst du eine Erinnerung an den Ort, dann sieh mir in die Augen und bediene dich!“, fordert Mason streng.
„Tue es, Mia!“
Milans Aufforderung lässt seine Partnerin tatsächlich handeln und eins ihrer beeindruckenden Portale entsteht in greifbarer Nähe. Noch im Entstehungsprozess stürmt Mason mit seiner Feuerfee durch die magische Pforte, während Naomi ihnen den Rücken deckt und Blitze zu Kugeln formt. Diese werden kompromisslos auf die auflauernden Feinde geworfen.

Die Verbindung zu Agnar scheint gekappt, denn die Weit- und Wärmesicht einer Spinne wirkt fort. Die Welt wird auf einen Schlag bunter. Milan zögert und blickt zurück zu Skyla, als wolle er, dass sie zuerst durch das Portal schreitet. Doch aus Sorge, er breche ihr jeden Moment zusammen, schiebt Skyla ihn gewaltsam fort und stößt ihn durch das Portal. Fern vom Feind und somit in Sicherheit.
„Naomi! Los jetzt! Verschwinden wir!“, drängt Skyla.
Die Hexe dreht sich auf dem Absatz herum. Nur kurz halten beide Damen Blickkontakt, als plötzlich der Boden unter ihnen wegbricht und eine Druckwelle alle Anwesenden erfasst. Skylas Körper wird hinauf gerissen und nur kurz erfasst Skyla den riesigen Feuerball unter ihr, der sie überrollen wird, wäre da nicht ein Wurzelgeflecht, das rasant abnormal wächst und sich schützend um Skyla legt. Das Bewusstsein bricht weg und erwachen tut Skyla in völliger Dunkelheit. Der Kopf befindet sich weich gebettet. Umschmeichelt vom Duft der Tempelblume und von Rosen. Die Augenlider brauchen mehrere Anläufe, um sich zu heben. Skyla kämpft für jede Bewegung. Der Körper fühlt sich schwer und taub an. Nach und nach durchbrechen kleine Lichtelemente die Finsternis.

Skyla findet sich auf einen überwucherten Boden aus dicken Wurzeln wieder. Zwischen all dem dicken Geflecht erblühen duftende Rosen und kleine Tempelbäume mit leuchtenden Blüten. Tageslicht bahnt sich einen Weg durch einzelne Ritzen in der grünen Wand, die sich selbst über den Kopf wie ein Zelt spannt. Eine Hand streichelt ganz sanft über den Kopf.




„Bleib noch etwas liegen und lass mich deine Verletzungen heilen, Skyla.“
Die Stimme klingt nach Emilie. Daher hebt sie den Kopf. Ihre Vermutung bestätigt sich. Ihre Freundin lächelt ihr sanft entgegen. Sie kniet am Boden und ihr Schoß wurde zu Skylas Kopfkissen.

Schritte nähern sich aus dem Hintergrund. Kaum schwenkt der Kopf rüber zur Geräuschquelle erblickt Skyla im Hintergrund ihren Spinnendämon, der am Boden kniet. Mit gesenktem Kopf und müden Blick.
„Agnar rettete die Fee mit den Portalen“, berichtet Dalika, die neben ihnen in die Hocke geht.
Mia?
Was muss Milan in Sorge sein, von seiner Partnerin getrennt zu sein. Hoffentlich geht es der kleinen Fee gut.
„Was ist aus Naomi geworden?“
Dalikas Blick verdüstert sich. „Deine Sorge hat das Hexenbiest nicht verdient, aber Agnar hielt ihre Rettung ebenfalls für sinnvoll. Ein Hexenbiest würde laut ihm deine Überlebenschancen steigern.“
Wie Skyla ihren kleinen Dämon doch unterschätzte. Von Anfang an hegte sie Zweifel gegen den Spinnendämon, aber er beweist immer aufs Neue seinen Wert.
Was für ein Glücksgriff Kai doch mit ihm machte!

Schwermütig stemmt sich Skyla auf und bemerkt das schwache Leuchten um Emilies Hände. Doch statt diese Beobachtung zu hinterfrage, möchte Skyla lieber eine andere Sache in Erfahrung bringen.
„Wo sind wir hier? Was ist das alles?“
„Ein Schutzkokon“, antwortet Dalika, „Schon einmal griff ich in deinem Beisein darauf zurück. Gegen das Hexenbiest. Erinnert du dich?“
Der Kampf gegen Naomi, als Segone die beiden gegeneinander antreten ließ! Naomi entfachte einen mächtigen Zauber, der Skyla sicherlich ausgelöscht hätte, doch Dalikas Schutz konnte dies verhindern. Nur war der Kokon zu jener Zeit kleiner. Vielleicht, weil er nur für zwei Personen gedacht war. Diesmal schützt Dalika viel mehr Leute. Daher macht sich Skyla auf die Suche nach der weißhaarigen Hexe, die tatsächlich nahe Agnar am Boden liegt. Bewusstlos, wie es scheint. Als Skyla sich schwankend auf die Beine hievt, packt Emilie tatkräftig zu und hilft ihr auf. Nicht bereit, Skyla loszulassen.
„Dein Trommelfell war beschädigt“, berichtet Emilie mit ernster Miene, „Ich habe mich um den Schaden gekümmert.“
Skyla fasst sich an den Kopf und kann kaum glauben, was sie hört. „Du bist nicht mal eine Stunde in Dalikas Gesellschaft und schon kannst du solche Wunder vollbringen?“




Statt sich zu erklären, nickt Emilie stolz.
„Gut, dann lass uns zu der weißhaarigen Dame. Siehst du sie dir an?“
„Verschwendete Güte!“, brummt Dalika.
Doch Skyla hält ihr vor Augen. „Noch befinden wir uns im feindlichen Territorium. Wäre gut, wenn Naomi das Team stärkt.“
„Du kannst ihr nicht trauen!“, folgt Dalikas Widerspruch.
Frech zwinkert Skyla ihr zu. „Das ist okay, schließlich wacht ihr über mich.“

Kaum umrundet Emilie den weißen Teufel, funkeln ihre Augen.
„Welch schöne Frau.“
Skyla muss sich Naomis strahlende Schönheit eingestehen. Selbst bewusstlos strahlt die Hexe Anmut und Eleganz aus.
„Vorsicht bissig“, warnt Skyla ihre Freundin stattdessen.
Doch ihre Aussage wird belächelt. Voller Tatendrang setzt sich Emilie zu Naomi auf den Boden und streckt ihre Hände über der Hexe aus. Zuerst umgibt ein schwaches Leuchten Emilies Finger, doch die Handschuhe aus Licht gewinnen an Leuchtkraft. Da sich nicht viel bei Emilie tut, setzt sich Skyla zu Agnar.
„Alles gut?“, spricht sie ihn an.
Ihr Schutzgeist erwacht zögerlich und hebt mit leerem Blick den Kopf.
„Du bist wach“, stellt er fest.
Sie nickt und macht nun Mia aus. Milans Fee schlummert weich auf einer geöffneten Rose.
„Welch Ironie.“ Agnar lächelt matt, als er ihrem Blick folgt. „Zum Anbeißen. Eine gute Mahlzeit. Würde ich noch im Körper der kleinen Spinne stecken. Nun aber gehört sie nicht mehr zu meinem Beuteschema. Die gemeinsame Zeit mit euch hat mich verändert.“
Aus Freude über seine Redseligkeit und Offenheit legt sie ihm die Hand auf die Schulter und lächelt ihm zu.
„Du kannst stolz auf dich sein, Agnar. Auf dich ist Verlass und du bist stärker geworden. Ich bin froh, dich an meiner Seite zu haben.“
Der Angesprochene verdeckt kurz darauf sein halbes Gesicht und bevorzugt das Schweigen. Skyla bleibt überzeugt, dass er Freude über das Lob empfindet. Aber auch Scham.

Nicht bereit, Wurzeln zu schlagen, erhebt sich Skyla. Die Hand ertastet die dicken Reben. Zwischen den Lücken lässt sich die Welt außerhalb des Kokons nicht erkennen. Dalika leistet ihr Gesellschaft und erstattet Bericht.
„Zum Wohle der Patienten befindet sich ein Lärmschutz um den Kern. Eine magische Membran. Geschützt durch eine härte Pflanzenschicht. Denn wir werden angegriffen. Mit hartem Geschoß. Die Siegeschancen stehen schlecht, kleine Blume. Ich rate zur Flucht.“




Skylas Blick schwenkt zu Mia. „Milans Fee macht nicht den Anschein, uns aus der Patsche zu helfen.“
Kaum streckt Dalika die Hand aus, löst sich aus der Dunkelheit Nadines Gestalt und hängt sich an den Nang Tani.
„Die Spiegeldimension?“, rät Skyla.
Dalika nickt und legt ihre Strategie offen: „Mit Umwegen. Aufgrund der fortgeschrittenen Technik rate ich zu Sprüngen. Statt den Feind zu unserem Versteck zu lotsen, verwirren wir ihn. Sie mögen das Übernatürliche fürchten und doch werden sie sicherlich Freiwillige finden, die sie in unbekannte Welten werfen. Nur ein Spalt reicht, um dem Feind Zugriff auf unseren Durchgang zu gewähren. Nadine mag Erfahrungen mit der Spiegeldimension aufweisen und doch wollen wir jeden noch so kleinen Nachteil berücksichtigen.“

Zu vertrauen fällt Skyla jedoch schwer. Nadine mag an ihrer Seite stehen und doch brachte sie diese naive Denkweise in große Schwierigkeiten.
Als könnte Nadine ihre Gedanken lesen, hebt sie entwaffnend ihre Hände und versichert: „Es wird keinen Hinterhalt mehr geben. Ich habe daraus gelernt.“
Worte, denen Skyla vertrauen sollte. Schließlich wollte Skyla durch den Sprung in die Vergangenheit auch Nadine retten und ihr eine Zukunft ermöglichen. Doch es betrifft sie nicht mehr allein. Ihre Entscheidung wird das Überleben aller Anwesenden sichern oder ihren Untergang heraufbeschwören. Der Moment der Wahrheit lässt Übelkeit in ihr aufwallen und der Magen meldet sich schmerzhaft.
Skyla fordert daher: „Gebt mir bitte kurz etwas Bedenkzeit.“
Vielleicht geschieht ein Wunder und Mia erwacht. Unbewusst steuert sie Emilie an, was ihr Kopf erst auf dem halben Wege registriert, sowie die schlängelnden Bewegungen im Hintergrund. Alarmarmiert bleibt sie stehen und starrt in die dunkelste Ecke des Kokons.
„Dalika, du hast anscheinend noch etwas eingefangen“, gibt sie Bescheid.
„Der zweite Schutzgeist von dem Straßenköter.“
Kaum ausgesprochen, folgt ein schweres Schnaufen aus dem Hintergrund und Funken werden ausgepustet.
„Boru?“, ruft Skyla den Drachen mit gesundem Respekt.
Tatsächlich öffnen sich seine golden Augen, die aus der Dunkelheit herausstechen und sie fixieren. Skyla nähert sich dem Tier und überwindet sich, diesen über die Stirn zu streicheln. Der Panzer mag glatt wie Metall sein, aber fühlt sich auffällig warm an. Skyla meint Frust in den Augen des Schutzgeistes zu sehen. Ein Verdacht, der sich bestärkt, als das Tier die Wangen aufbläst.




„Hey, alles wird gut. Wir bringen Mia und dich zurück zu Milan.“
Beschwichtigend streichelt sie ihn erneut. Diesmal am Hals entlang und Boru legt tatsächlich seinen Kopf auf ihre Schulter, als bräuchte er die Kuscheleinheit, um neue Kraft zu finden.

Der rührselige Moment wird durch einen Aufschrei unterbrochen. Skyla fährt erschrocken herum und findet Emilie auf den Rücken liegend, bedroht durch einen Dolch. Die Klinge sticht Skyla sofort durch den hellleuchtenden Mantel aus Magie ins Auge. Blitze hüpfen um die Waffe und surren bedrohlich, während Naomi sich über Emilie beugt und die Zähne bleckt.
„Runter von ihr, Naomi! Emilie wollte dir nur helfen!“
„Ah, eine der Zielpersonen.“ Naomi mag den Arm mit dem Dolch zurücknehmen und doch bleibt sie eisern auf Emilie sitzen und scannt diese verdächtig lange ab. „Eine mutierte Seele, wie ich sehe. Dem Kern zu urteilen Typ Fee. Zu groß. Zu düster. Zu mächtig.“
Der Kopf schwenkt rüber und Naomi lächelt breit, als sie Dalika ausmacht.
„Ah, der Nang Tani. Hast den Geist an dich gebunden und mutieren lassen, nehme ich richtig an?“
Verwirrt hinterfragt Skyla: „Das kannst du alles ausmachen, wenn du Emilie ansiehst?“
Naomi schnalzt abwertend mit der Zunge. „Du weißt zu wenig vom Weißen Teufel! Obwohl du doch meinen Arbeitsbereich gesehen hast! Als Pathologe und Expertin dunkler Magie fallen mir solche Dinge besonders auf. Doch die Frage lautet wohl eher, warum mich die Zielperson betatscht?“
Statt sich zu fürchten, hängt Emilie seither wie gebannt an Naomis Lippen und lächelt verdächtig. Als habe sie nur auf ihre Chance gewartet, erklärt sie sich: „Ich habe doch nur die Schäden behoben, die dein Körper durch die Druckwelle erlitt.“
Naomis Blick gleitet von ihr und erkundet die Umgebung. Skyla nutzt den Moment der Stille, um zu Emilie zu gelangen, denn sie fordert die Hexe schroff auf: „Runter mit dir, Naomi!“

„Ein Kokon des Schutzes. Mächtig genug, um dich vor einer Atomwaffe zu schützen. Du hast dir wahrlich einen starken Nang Tani angelacht. Eine Kampfmaschine. Sie kämpft wie eine Amazone und beherrscht die Verteidigung. Während die Zielperson mehr eine passive Position einnimmt. Heilung und Informationsbeschaffung.“




Skyla belächelt Naomis Verschwörungstheorie. „Informationsbeschaffung? Wohl kaum.“
„Du bist wahrlich mehr der hirnlose Kämpfer statt Stratege oder?“, schimpft Naomi mit ihr. „Deine Freundin mag süß lächeln, doch sie hat eine scharfe Beobachtungsgabe und ein gutes analytisches Verständnis.“
Wie gern würde Skyla zum Konter ausholen, denn solche Anschuldigungen mag sie nicht auf sich beruhen lassen. Doch Naomis Erwachen kommt gelegen. Somit steigen die Chancen zur Flucht. Daher konfrontiert sie die Hexe mit den Fakten.
„Unsere Sicherheit wird nicht lange gewährleistet sein. Der Feind arbeitet daran, den Kokon zu knacken.“
„Ich weiß!“, brummt Naomi schlecht gelaunt, „Ihre Maschinen sind laut und schrill. Das erschwert das Denken!“
Kurz horcht Skyla in die Stille. Von feindlicher Aktivität lässt sich jedoch nichts vernehmen. Doch statt Naomis Behauptung zu hinterfragen und anzuzweifeln, fährt sie fort.
„Wir haben Mia und Boru bei uns. Aber Mia ist bewusstlos. Daher überlegen wir, durch die Spiegeldimension zurück zu gelangen.“
Naomi nickt einsichtig und erhebt sich mit dem Blick auf Nadine. Ihr Lächeln wird teuflisch und verschreckt das Kind, denn Nadine sucht sofort Schutz hinter Dalika.

Der Dolch verraucht in Naomis Händen und die ersten Schritte folgen Richtung Nadine. Ein Verhalten, das Skyla nicht befürwortet und sich daher in den Weg stellt.
„Du machst ihr Angst!“
Eine Tatsache, die eigentlich nicht ausgesprochen werden muss und doch hält Skyla ihr dieses Detail vor Augen. Naomi hebt freudig die Hände, wo im Zwischenraum Funken entstehen und Energie knistert.
„Hattest du mich nicht bezüglich dieses Kindes um Hilfe gebeten? Dann lass mich doch einen Blick auf meine neue Patientin werfen.“
Alles wäre einfacher, wenn Naomi nicht so diabolisch dreinblicken würde. Wie Justin fehlt der Hexe das Feingefühl.
„Skyla!“, meldet sich Agnar erschrocken.
Ihr Spinnendämon springt auf und formt einen Ball aus Spinnenseide in seinen Händen. Während er stocksteif und in Angriffshaltung vor der Kokonwand steht. Auch Boru setzt sich in Bewegung und gleitet zu ihm. Grund für ihr Verhalten ist ein spitzer Gegenstand, der durch die Kokonwand schneidet.

„Nadine, ich vertraue auf deinen Plan. Daher öffne das Portal! Schnell!“, trifft Skyla eine Entscheidung und eilt zu Mia, um die Fee samt Blüte aufzusammeln. Kaum erhebt sich Skyla vom Boden, beobachtet sie, wie zwei Hände in den Spalt gleiten und die Öffnung gewaltsam vergrößern.




„Boru! Rechts von dir!“, ruft Naomi fordernd.
Der Drache gehorcht und dreht seinen Kopf, während der Rachen wie ein Ofen bedrohlich leuchtet.
Skyla keucht, als sie einen Ritter im Kokon ausmacht. Dieser näherte sich lautlos und war dabei, sich auf sie zu stürzen, doch Boru speit seine Flammen, während Agnar sein Knäuel loswirft. Kaum trifft seine Spinnenseide die Hände am Spalt, erstarren diese in einem klebrigen Netz. Agnars Fäden erstrecken sich so weit, dass das Loch im Kokon geflickt wird. Doch wenn bereits ein Feind unter ihnen weilt, muss es noch eine Öffnung geben. Unheilvoll schaut sich Skyla um und befürchtet, dass noch mehr Feinde im Kokon lauern. Hoffentlich irrt sie sich und Nadine schafft sie rechtzeitig raus.

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