Kapitel 30
Schreckhaft weichen die Leute zurück. Naomi übertrifft selbst Mutter Kacies zornigen Blick. Justins unerwiderte Liebe lässt die Hexe in Flammen lodern. Skyla bleibt immer noch der Meinung, Naomi interpretiert zu viel in die Sache hinein. Zwar wirken die Gespräche mit Justin entspannter, aber Skyla würde jetzt nicht behaupten, dass der Kerl Interesse an ihr zeigt. Doch vielleicht mag sie sich irren. So wie mit Lukas. Das gesamte Umfeld sah die wahren Gefühle ihres Kindheitsfreundes und nur Skyla stritt dies ab. Doch der Gedanke an einer Romanze mit Justin wäre ein wahres Grauen für Skyla. Nicht harmonisch und mit zu viel Frust verbunden. Zumal Justin ihr oft ein Rätsel bleibt. Ein stiller Kerl, der nicht über seine Gefühle und Gedanken redet. Ab und zu trifft das leider auch auf Lukas zu. Wenige Momente, wo Skyla aus ihrem besten Freund nicht schlau wird und immer alles hinterfragen muss. Aber Justin sprengt das Maß. Bei ihrem Mentor muss sie ihm wirklich jedes kleine Detail aus der Nase ziehen.
Die Tür zur Damentoilette donnert Naomi gewaltsam auf. Knurrend wie bei einem Wolf schwenkt ihr Blick zu zwei Frauen, die sich vor einer riesigen Spiegelwand auffrischen. Ängstlich wie Hasen erstarren die beiden an der Spiegelfront. Bei einer bricht die Spitze des Lippenstifts sogar weg. Kaum aus der Starre gerüttelt, tritt die Hektik ins Spiel. Als stürme ein Monster den Raum, wird schnell alles zusammengepackt und die Flucht ergriffen. Während Skyla über das helle und edle Design staunt. Die Wände sind mit weißem Marmor gekleidet und selbst auf der Toilette hängen Kronleuchter. Aber auch die riesige Spiegelwand an den Waschbecken wird mit Kristallglühbirnen aufgehellt die in einem weißen Rahmen um den Spiegel eingesetzt worden.
„Leg los, Geist!“, fordert Naomi schroff.
„Warte! Hier?“, meldet sich Skyla erschrocken.
In der Hoffnung, die vielen Toilettenkabinen sind leer. Denn Zeugen können sie am wenigsten gebrauchen. Skyla beobachtet baff, wie sich Naomi auf das Ablagebrett der Waschbecken setzt und sich dort elegant dreht, sodass ihre Füße zuerst in den Spiegel eintauchen. Naomi rollt mit den Augen und drückt sich schwunghaft in den Spiegel, sodass Skyla zurückbleibt. Allein mit ihren zwei Schutzgeistern. Agnar verhielt sich während des gesamten Aufenthaltes zu ruhig, dass er bereits in Vergessenheit geriet. Nun aber tritt er vor und reicht ihr die helfende Hand, um zum Spiegel zu gelangen. Während Dalika mit einem Sprung sicher auf der Ablage landet und ebenfalls ihre Hand ausstreckt. Tatsächlich greift Skyla auf die Hilfe ihrer Schutzgeister zurück und wird von Agnar erneut überrascht, denn als sie sich bereits hochzieht, umfasst der Spinnendämon ihre Taille und hebt sie sicher hoch.
„Danke, ihr beiden.“
In Naomis Schuhen und Kleid fühlt sich Skyla beengt und somit unsicher für Klettertouren. Daher kann sie die Unterstützung ihrer Schutzgeister nur willkommen heißen.
„Ich sichere die Lage hinter dem Spiegel“, beschließt Agnar und mit einem Sprung verschwindet er auch schon durch das Portal.
Ungläubig wischt Skyla über die Oberfläche, wo Berührungen kleine Wellen auslösen. Noch immer fasziniert von dem Spektakel verharrt Skyla an Ort und Stelle und staunt über die Möglichkeiten. Erst als hinter der Tür Stimmen zu ihnen dringen, folgt ihr Sprung. Wie so oft durch Mias Portale überwältigt sie ein Temperaturunterschied. Schwüle Luft schlägt ihr entgegen. Es wird extrem stickig. Der Untergrund wackelt bedrohlich unter ihrem Gewicht und Skyla gerät ins Schwanken. Sie bricht zur Seite weg und ihre Hände verfangen sich an Seilen. Ungläubig blickt Skyla hinab auf ein Wasserbecken und lauscht schrillen Schreien von Tieren. Durch eine große Glaskuppel fällt Mondlicht hinab und präsentiert ihr unzählige subtropische Pflanzen.
„Ein Tropenhaus“, platzt die Erkenntnis aus ihr.
Kaum ausgesprochen sieht sie einen kleinen Affen in den Bäumen. Kaum landet Dalika neben ihr, schließt sich das Portal und der Untergrund gerät erneut in Bewegung.
„Bravo!“ Naomis Stimme trieft vor Sarkasmus. „Musstest du wirklich den Zoo wählen, Geist? Wo sollen wir so schnell einen Spiegel finden?“
Skyla schluckt schwer, denn die Antwort liegt direkt vor ihrer Nase. Nur besteht die Frage, was alles in dem Gewässer unter ihnen schlummert.
Krokodile?
Ihr Besuch bleibt nicht unbemerkt. Die Affen reagieren auf sie mit lautem Geschrei. Unruhe, die Nachtwächter zu ihnen locken kann.
„Welch schöner Ort“, schwärmt Dalika und will sich von der Brücke entfernen.
Doch für Erkundungen bleibt keine Zeit, daher greift Skyla zu und hält ihren Schutzgeist zurück.
„Ich besuche gerne ein anderes Mal mit dir ein Tropenhaus, Dalika. Doch nun müssen wir fort.“
„Klingt, als hättest du einen Plan!“, erkennt Naomi.
Noch immer mit bissigem Ton.
Skyla mag ihre waghalsige Idee gerne zur Sprache bringen, doch ihr Blick verdüstert sich, als sie ein kleines Äffchen auf Dalikas Schulter ausmacht. Umgarnt von Dalikas Streicheleinheiten und honigsüßen Worten.
„Der Affe bleibt hier!“
Oskarreif! Streng wie Mama Kacie!
Zu viele Züge hat Skyla von ihrer Mutter. Eine Erkenntnis, die dem Herzen einen schmerzhaften Stich versetzt. Doch Dalika kann wie sie rebellisch sein.
„Aber sie doch mal, der Kleine hier hat mich gern.“
So wie das Tier sich auf den Rücken in ihren Armen kuschelt, sich den Bauch kraulen lässt und sich liebevoll an den Nang Tani anschmiegt, zeigt, dass sich zwei Seelen gefunden haben. Doch das plötzliche Verschwinden eines Affen wird Wellen schlagen. Zumal der Kleine sicherlich noch mehr Chaos in ihr Leben bringt. Wie im Ausbildungsbetrieb muss Skyla durchgreifen und die Spielverderberin spielen. Gar nichts so leicht, denn das Tier wehrt sich mit Händen und Füßen. Ihn aus Dalikas Armen zu reißen erweist sich als wahrer Kampf und Blamage. Kaum geschafft, lässt der Kleine den Frust an ihr aus. Er trommelt wild mit den Fäusten gegen sie und zerrt an den Haaren. Ein Bild, das Naomi kaum erträgt und das Tier nur kurz am Kopf berührt.
„Schlaf!“, fordert sie streng.
Ein Leuchten und der Geist des Affen bricht weg. Völlig perplex starrt Skyla hinab, um von Naomi nun aufgefordert zu werden, den Plan mitzuteilen.
Die Hoffnung trägt Skyla lange in ihrem Herzen, dass auch nur irgendeiner ihr die dumme Idee mit dem Sprung ins Wasser ausredet. Doch Naomi betitelt den Einfall sogar als genial. Selbst, als Skyla kleinlaut hinzufügt, dass dort unten Krokodile auf sie warten könnten. Eine Aussicht auf Gefahr, die Naomis Laune bessert. Sicherlich doch nur, weil die böse Hexe hofft, Skyla würde mit einem Happs aus ihrem Leben verschwinden. Eine Vermutung, die sie besser für sich behält. Denn eine gutgelaunte Naomi ist eine gute Naomi. Ertragbar. Keine Sklaventreiberin. Keine Psychopatin. Daher betet Skyla für einen sicheren Übergang durch das nächste Spiegelportal. Ohne Affen!
Das ganze Schauspiel beobachtete Nadine still und heimlich. Zu gern wüsste Skyla, was in ihrem Kopf vor sich geht. Um das Kind besser kennen zu lernen, hinterfragt sie die Wahl.
„Sag mal, Nadine, was verbindest du mit dem Zoo?“
Überwältigt von der Frage starrt die Angesprochene sie einen Moment lang an, bevor sie zögerlich gesteht: „Zeit mit meinem Vater. Selten hatte er frei. Er brachte mich hierher. Dort, wo er Mama kennen gelernt hatte. Ein alberner Streich von seinem Freund, der dafür sorgte, dass er in Mamas Arme stolperte.“
Das Herz mag sich gerade an der Geschichte wärmen, als Naomi einen Würgelaut von sich gibt.
„Das Portal, Geist!“, unterbricht die Hexe das Gespräch.
Als ärgere sich das kleine Mädchen, sich ihnen geöffnet zu haben, dreht sie mit säuerlicher Miene den Kopf weg. Daher lächelt Skyla stolz und spricht ihr Mut zu: „Du warst sicherlich gerne hier mit deinem Vater.“
Nadine nickt, geht aber nicht mehr drauf ein. Ein Fingerschnippen und das Leuchten unter ihnen sorgt für Aufmerksamkeit. Ohne zu zögern, zieht sich Naomi über die Seile und springt hinab auf den leuchtenden Kreis auf der Wasseroberfläche. Dalika macht es der Hexe gleich. Wie befürchtet nähern sich Krokodile dem Geschehen. Natürlich erst, wo alle sicher durch das Portal gelangt sind. Alle außer Skyla.
Und Agnar! Erneut blendet Skyla ihren Dämon aus. Zu still verharrt er im Hintergrund.
„Brauchst du Hilfe?“, hinterfragt er während des Starrens.
„Bei meinem Pech werde ich von den Krokodilen gefressen!“, spricht sie stattdessen ihre Sorge aus.
Agnar blickt hinab und schlägt als Lösung vor: „Meine Fäden können ihre Mäuler zubinden.“
„Ist ein Anfang.“
„Dann bitte jetzt! So viele Tore an nur einem Tag machen mich müde!“, beschwert sich Nadine und fasst sich an den Kopf, „ich fürchte, mehr Durchgänge werde ich heute nicht öffnen können.“
„Ist okay“, versichert Skyla, „damit hast du uns schon einen großen Gefallen getan.“
Ungeduldig greift Agnar zu und wirft Skyla über die Schulter. Noch ehe ein Wortwechsel stattfindet, sammelt sich unmenschlich viel Kraft in seinen Beinen und der Sprung in die Höhe lässt Skyla erstarren. Die Sicherheitsvorkehrung an der Brücke wird mit Leichtigkeit übergegangen und der Fall hinab drückt sämtliche Luft aus den Lungen. Skylas Augen fixieren die Krokodile an, sodass sie die klebrigen Maulkörbe aus Spinnenseide zu sehen bekommt. Die Tiere verhalten sich unruhig und winden sich. Gewaltsam versuchen sie, die Mäuler aufzureißen, doch Agnars Fäden sind belastbar und dehnbar. Zu beschäftigt sind die Krokodile mit dem Maulkorb. Daher kommt es zu keinen Komplikationen und Agnar durchbricht mit Skyla das nächste Spiegelportal.
Durch seine Sprungkraft zischt er im Nu durch die trübe Welt hinter den Spiegeln und durchbricht mit Leichtigkeit den Zwischendurchgang. Hinter der Spiegelwand landen Dämon und Medium in einer großen Lobby. Der Duft von frischem Popcorn steigt in die Nase und unter den vielen Lichterquellen springen Skyla einige Bildschirme ins Auge, die das Kinoprogramm auflisten. Auch wenn viele Horrorfilme noch bis spät in die Nacht ausgestrahlt werden, lässt sich erkennen, dass sämtliche Kinobesucher von dannen gezogen sind. Das Foyer wirkt verlassen. Nur die LED-Beleuchtung und die Displays geben Hinweise, dass Mitarbeiter sich auf den Feierabend vorbereiten.
Auf einer Couch macht Skyla die Hexe aus. Naomi sitzt geduldig auf der Polsterung und trommelt mit den Fingern auf der Lehne. Während Dalika die Umgebung neugierig begutachtet.
„Dein Nang Tani verhält sich wie ein Tourist“, beschwert sich Naomi.
„Du vergisst, ich stamme aus Thailand. All das ist neu für mich“, erklärt sich Dalika und lächelt lieblich, als sie Nadine ausmacht, „Erzähle mir doch von dem Ort, Kindchen.“
„Agnar!“ Skyla stößt gefrustet die Luft durch die Zähne, „Das war dreist! Warne mich bitte beim nächsten Mal vor, wenn du mich einfach packst!“
Doch ihr Spinnendämon schenkt ihr kein Gehör und sieht sich stattdessen einfach um.
„Hier sind noch Menschen im Gebäude“, verkündet er.
„Welch ein Wunder!“, brummt Naomi. „Wird Zeit, dass wir Mia wecken. Schnellstmöglich, wenn es geht!“




























































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