Kapitel 32

Der Blick fällt auf die Tätowierung.
Ein Obolus für unsere zukünftige Geschäftspartnerin.
Worte, die im Gedächtnis widerhallen. Die Finger streichen über den rechten Unterarm, dort wo die Münze prangt. Aufgezwungen von einem mysteriösen Gast des Kräutergartens. Beunruhigt hebt sich der Kopf und die Augen erfassen einen Gläubiger von Hades. Gott der Unterwelt. Die Tätowierung im Gesicht mit den Knochensäulen erkennt sie wieder. Ohne Zweifel handelt es sich beim glatzköpfigen Kerl um die Person, die ihr den Obolus aufdrückte. Allein das dreckige Grinsen und die stechenden eisblauen Augen mähen jede Zweifel nieder.
„Du erinnerst dich, wie schön“, flötet der Fremde.
Skyla verflucht sein Dasein und stöhnt frustriert. „Ich dachte, Hades prophezeit, ich suche euch auf.“
Ihr Gegenüber nickt mit einem Blick, der keine Zweifel duldet. Daher fühlt sich Skyla auf den Arm genommen. Sie dreht sich im Kreis und setzt zum Konter an.
„Aber Moment! Ich bin nicht euretwegen hier!“
„Ein Missverständnis. Die Prophezeiung besteht weiterhin. Doch der Tod eines Bruders bringt den Verlauf ins Schwanken. Ich komme mit einem Auftrag.“
Er spricht, als gehöre sie zu seiner Sekte. Ein Irrtum, der sie rasend macht.
„Ein Auftrag? Kein Interesse! Ich habe andere Sorgen!“

Ein Wurf lässt sie zurückschrecken. Eine Pergamentrolle entfaltet sich im Flug und wird von einer Windböe erfasst. Dalika reißt diese aus Skylas Sichtfeld, doch die Skizze weckt die Neugier. Noch ehe Dalika das Papierstück zerstören kann, entwendet Skyla dieses und entfaltet den Steckbrief von Tanja Rose. Die Schriftzüge wirken alt und ausgebleicht, wie die Skizze selbst. Das Pergament fühlt sich rau und sandig an. Instabil, als zerfalle die Struktur. Die Botschaft lässt sie jedoch innehalten.
„Ihr wollt den Leichnam von Tanja Rose.“
Erneut nickt ihr Gegenüber. „Wir wissen von eurer Feindschaft. Den Tod eines Bruders gilt es zu rächen. Der Orden der roten Sonne hat uns den Krieg erklärt. Wir wünschen ihren Untergang. Ein gemeinsames Ziel, wie ich hörte. Viele Brüder gieren nach dem Auftrag, doch ich überzeugte Hades, dass du dich als geeigneter Jäger beweisen würdest. So oder so wird Tanja Rose ihren Tod finden. Entweder durch dich oder meine Brüder. Ich erwarte deine Antwort.“




Unweigerlich fällt Skylas Blick auf Emilie, die sorgenvoll den Atem anhält. Emilie mag den Kopf schütteln, aber es war Tanjas Bruder, der Emilie ans Messer lieferte. Daher steht die Antwort fest.
„Ich willige ein. Ist dir der Standort von Tanja Rose bekannt? Und wo soll ich ihre Leiche abliefern?“

Das Entsetzen weicht aus Emilie. Laut stark. Doch Skyla blendet ihre Freundin aus und konzentriert sich auf Hades‘ Gesandten. Dieser streckt den rechten Arm aus und blickt, als fordere er, es ihm gleichzutun. Skyla rechnet einen Vertragsabschluss per Händedruck. Daher kommt sie der Aufforderung nach, doch kaum hebt sich der Arm, verraucht der glatzköpfige Kerl und materialisiert sich direkt vor ihr. Ohne Kompromiss packt er zu, statt nach ihrer Hand zu greifen, umfasst seine Hand ihre Armbeuge. Seine Fingerspitzen glühen und Skyla steigen Tränen in die Augen, als würde glühend heißes Eisen auf ihr liegen. Sein Blick fesselt, doch der Schmerz lässt die Sicht verschwimmen. Informationen dringen gewaltsam in ihren Kopf. Details über Tanja Rose. Über ihre Wohnungsadressen, ihren Tagesablauf, über die Zustände im Eigenheim. Grundrisse brennen sich in ihr Gedächtnis. Von dem Apartment, wo die Familie Rose wohnt. Gesichter, die Tanja täglich begleiten. Der Chauffeur, die Eltern, ein Privatlehrer und ihr zuständiger Agent, der Kontakt zu der Ritterschaft pflegt und sie sponsert. Kaum schwindet die Flut, fällt der Blick hinab zu dem Obolus, wo darunter Tanjas Name eingebrannt wird. Sowie eine kleine Glocke.
„Hört Tanja Roses Herz aufzuschlagen, erklingt die Todesglocke. Ich werde kommen und die Leiche an mich nehmen. Hades wird sich erkenntlich zeigen. Großzügiger als du annimmst. Du hast freie Entscheidungskraft, wie du die Sache angehst. Auch das Zeitfenster spielt keine Rolle. Tanja Rose muss sterben. Wann und wo liegt bei dir. Der Auftrag hat keine Eile.“
Skyla nickt die Sache erschöpft ab und überreicht ihm die Pergamentrolle.

Die Hoffnung verharrt, er verabschiede sich langsam. Doch stattdessen beugt er sich an ihr Ohr. Dabei steigt ihr eine süße Fruchtigkeit in die Nase. Kombiniert mit mysteriöser Würze. Ein intensiver Kirschduft, der auf Patchouli trifft.
„Als Zeichen meiner Gunst nenne ich dir meinen Namen, kleines Medium. Denn ich bin überzeugt, unsere Schicksale sind verwoben. Nur die wenigsten Leute wissen, dass ich Evandro heiße.“




Ihr Kopf schaltet sich aus und so wiederholt sie seinen Namen, als müsse sie sich ihn gut einprägen. Evandro nickt zufrieden und tritt von ihr fern. Ein Ruf aus dem Hintergrund lässt Skyla erwachen. Eine Stimme, die ihren Herzschlag verdoppelt. Dem Ruf folgend macht sie Milan tatsächlich in ihrer Nähe aus. Er keucht und wirkt ausgelaugt, als sei er gesprintet. Milan befindet sich nicht allein unterwegs. Die Wiedervereinigung mit seinen Schutzgeistern scheint erfolgt zu sein, denn Boru und Mia verharren eisern an seiner Seite. Doch statt Erleichterung steht Milan der Unglaube im Gesicht. Evandro beugt zum Gruß sein Haupt, schließlich wendet er sich wieder Skyla zu.
„Gehe mit Hades‘ Schutz und Vertrauen. Mögest du Gerechtigkeit walten, Skyla.“
Kaum zu Ende gesprochen verraucht seine Gestalt.

Wie zu Stein erstarrt verharrt Milan im Hintergrund, daher legt Skyla die Distanz mit klopfendem Herzen zurück. Sie lächelt vor Dankbarkeit, denn Milan geht es gut und er wirkt unbeschadet. Doch auch wenn sich Milan aus der Starre löst, konfrontiert er sie mit einem Blick voller Misstrauen.
„Wer war das? Ein Dämon?“
„Kein Dämon.“ Skyla kann ihm den Gedanken aber auch nicht bei all dem vielen Rauch verdenken. „Er dient Hades. Gott der Unterwelt.“
Augenblicklich fällt Milans Blick hinab auf ihren Unterarm, während Mia in schallendes Gelächter ausbricht. Die Farbe weicht Milan aus dem Gesicht. Nun überwindet er eilig die Distanz, um sich den betroffenen Arm zu schnappen und über die Tätowierung zu streichen. Kaum macht er den Namen ausfindig, zischt er die Luft durch die Zähne.
„Ein Mordauftrag“, erkennt er.
„Tanja Rose. Meine persönliche Erzfeindin. Ihrem Bruder verdanke ich Emilies Tod.“
„Und das hat dich nicht zu grämen“, mischt sich Emilie ein.
Ihre Erscheinung lässt Milan aufblicken. Ungläubig blinzelt er, bevor die Hände sich in seinen Haaren verankern.
„Nein! Nein! Nein! Was hast du getan, Skyla?“
Er nimmt freiwillig Abstand. Kopfschüttelnd und mit einem Blick voller Enttäuschung, der ihr Herz schwer fühlen lässt.
„Ich kann das erklären“, will Skyla beginnen.
Doch er kehrt ihr den Rücken und gibt ihr das Gefühl, sie zu verlassen. Denn erst einige Meter entfernt bleibt er stehen und dreht sich mit eisiger Miene zu ihr um.




„Wir erlösen Geister! Es war dein Job, sie zu läutern! Deine Entscheidung trägt schwerwiegende Konsequenzen! Der Zahn der Zeit wird Emilie formen! Ihr die Schönheit nehmen! Äußerlich wie auch innerlich!“

Innerlich wusste Skyla, dass Milan kein Verständnis zeigen wird, das bewiesen seine Reaktionen zu den Bewohnern der Geisterwelt. Er duldet seine Beute nicht. Selbst, wenn der Kern hell leuchtet. Doch ihre Schlagfertigkeit steht ihr in diesem Punkt nicht zur Verfügung. Alles, was sie zum Kontern nehmen würde, wäre nichts weiter als Ausreden. Daher senkt sie schuldbewusst den Kopf und will seinen Zorn über sich ergehen lassen. Nur vergisst sie für einen Moment ihre Freundin, die heraneilt und sich mit offenen Armen in die Schussbahn wirft.
„HALT!“, brüllt Emilie. Ihr Haar weht elegant durch den Sprint. „Wenn du mit jemanden schimpfen willst, dann mit mir! Ich habe mich geweigert, meinen Bruder der Dunkelheit zu überlassen! Ich habe mich aufgedrängt und mit fiesen Karten gespielt! Ich allein trage die Verantwortung für meinen Entschluss und nicht Skyla!“
Milan belächelt den Einwurf und bewirft auch Emilie mit einem finsteren Blick. „Wahrlich eine dumme Entscheidung, Emilie! Damit schadest du deinem Bruder mehr! Du hättest dem Licht folgen müssen! Aber ich kann dir noch helfen! Du bist erst kürzlich verstorben, daher werde ich dich läutern lassen!“
Doch Emilie überkreuzt ihre Arme und macht kehrt, um sich an Skylas Arm zu werfen.
„Unterstehe dich! Ich bin mit Skyla im Vertrag und nicht mehr länger ein Geist, sondern ein Nang Tani! Niemand wird mich von Skyla trennen!“
Die Botschaft lässt sich nur schwer verdauen. Ganz steif wie eine Maschine dreht Milan seinen Kopf und nennt Skyla bissig beim Namen. Würde Emilie keinen Halt geben, sehe sich Skyla schon am Boden. Milans Zorn trifft sie härter als gedacht.

„Glückwunsch, Skyla! Du erschaffst wahrlich Monster! Siehst du nicht, dass ich für dich kämpfe, dass ich versuche, an dich zu glauben, aber du machst es mir schwer! Dich umgibt so viel Dunkelheit und obwohl ich dich für stark hielt, knickst du beim Sirenengesang ein! Leider muss ich Naomi Recht geben, denn du bist eine tickende Zeitbombe! All meine Warnungen blendest du aus und meine Worte erreichen dich nicht! Du verkehrst mit dunklen Mächten! Mit dem Totengott Hades! Sorry, aber ich bin nun raus! Diesen Pfad unterstütze ich nicht!“




Worte wie Faustschläge, die sie selbst mit Emilie als Stütze sie zu Fall bringen. Skylas Beine versagen und sie fällt auf den Hintern. Nur kurz blickt Emilie hinab und Skyla sieht den Kurzschluss in den Augen ihrer Freundin. Ein Funke, der das System umprogrammiert. Emilies lieblicher Ausdruck schwindet und wie eine Furie nähert sie sich Milan, um ihn ohne nach Atem zu ringen zu beschimpfen. Sie drängt ihn in die Ecke und sticht immer wieder mit dem Finger auf ihn ein. Auch Dalika kommt zur Unterstützung und wird Milan gegenüber laut.

Unterstützung, die das Herz rühren sollte, doch dieses bleibt schwer und wird taub. Ein Kloß bildet sich im Hals und das Atmen fällt schwer. Der Kopf fällt hinab, woraufhin sich jemand aufgefordert fühlt, diesen zu heben. Agnar kniet vor ihr und hält ihr Gesicht gefangen. Statt sich wie ein Dämon an ihrem Leid zu erfahren, starrt er sie resigniert an.
„Meine Mutter hatte viele solcher Tiefpunkte“, berichtet er ihr nach einer gefühlten Ewigkeit, „Aber sie schaffte es immer wieder zurück auf die Beine, weil ich nicht zuließ, dass sie sich aufgab. Ich sah oft, wie Männer meiner Mutter das Herz brachen, ich sah das Leid, aber sie kam über jene gescheiterte Beziehung hinweg. Das erfordert Zeit, aber du stehst die Sache nicht allein durch. Okay?“
Unter Tränen nickt Skyla, nicht in der Lage zu antworten. Agnar mag zögern und doch überwindet er sich, sie zu umarmen. Eine lieb gemeinte Geste, nur ekelt sich vor den neuen Spinnenbeinen und hegt ein klein wenig Respekt vor seiner monsterhaften Gestalt. Der Geruch von Schwefel haftet an ihm und sein Körper fühlt sich kalt an. Nicht lebendig. Sondern tot. Doch tief in ihm steckt noch der kleine Junge, der ums Überleben kämpfte. Allein. Ohne viel Wärme. Er sorgt sich, obwohl ihm doch so viel Unrecht widerfahren ist. Die Reise durch seine Vergangenheit macht es ein wenig leichter, seinen Trostversuch zu genießen. Auch wenn er einen Punkt ansprach, der ihr Angst bereitet, denn Agnar spricht von einem Beziehungsbruch. Milans Reaktionen sprechen dafür und doch kam es so noch nicht zur Sprache. Auch wenn Skyla fürchtet, dass Milan verdeutlicht hat, Schluss zu machen. Damit würde sie ihn erneut verlieren.




Kann sie wirklich noch einmal eine solche Zeit voll von Herzschmerz überstehen?
Diesmal mit einem gravierenden Unterschied, denn sie werden täglich aufeinander treffen.
Wird er sie nun auch bissig wie all die Hexen behandeln, die er verließ?
Ein fürchterlicher Gedanke, den sie kaum erträgt, aber der zur Realität werden kann.

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