Mirja-Kapitel 16

~Mirja~
»Wir werden angegriffen!«, Xanders panischer Schrei riss mich aus meinem Schlaf.
Ich schreckte auf und sah mich panisch um.
Um mich herum herrschte Chaos. Cayne war derjenige, der direkt neben mir am Feuer wachte und jetzt zu seiner Waffe griff.
Amirak und Darion sprangen auf und zuckten sofort ihre Waffen, obwohl sie gerade noch geschlafen hatten. Sie waren gut eingespielt, das sah ich genau, doch das sorgte nicht dafür, dass ich mich sicher fühlte.
Meine Angst galt nicht mir, sondern Xander. Warum bewegte sich von ihnen niemand? Warum ging niemand nach Xander sehen? Was, wenn er Hilfe brauchte?
»Xander«, keuchte ich und wollte losrennen, auch wenn es gefährlich war, doch Cayne hielt mich zurück.
»Das ist gefährlich«, sagte er und hielt meinen Arm vorsichtig fest.
Ich spürte den Drang, zu Xander zu rennen, doch ich wusste, dass er recht hatte. Es war gefährlich. Ich war keine Kämpferin und würde Xander am Ende noch im Weg stehen.
»Was ist da los?«, fragte ich, doch Cayne konnte mir diese Frage nicht beantworten. Stattdessen schickte er Amirak los.
In dem Moment kam Xander um die Ecke einer kaputten Wand gestolpert.
Er hielt sich eine lange Wunde an seiner Brust, während er sich schwer an der Wand abstützte.
»Xander«, rief ich und riss mich von Cayne los, ohne daran zu denken, dass uns vielleicht immer noch Gefahr drohte.
Ich konnte nur Xander sehen, den ich sofort stützte, als ich bei ihm ankam.
Die Panik, die mich füllte, drohte meine Brust zu zerschmettern.
Sein schwerer Atem, sein Zittern, sein schweres Abstützen auf mich, waren alles Zeichen dafür, wie schlecht es ihm ging. »Du brauchst Hilfe«, bemerkte ich das Offensichtliche.
Langsam brachte ich ihn zum Lager und hoffte, dass einer der Anwesenden medzinische Hilfe leisten konnte. Ich wusste nur das, was ich aus den Büchern gelernt hatte, würde aber alles tun, um Xander zu helfen.
Vorsichtig ließ er sich nieder. »Was ist passiert?«, fragte Cayne. Von ihm wusste ich, dass er keine medizinische Hilfe leisten konnte. Dafür war Arvid zuständig, doch wo war er?
»Ich war nur kurz Pinkeln«, brachte Xander keuchend hervor, während ich ihm half, sich hinzulegen. »Arvid … wurde angegriffen.«




Sofort schickte Cayne die beiden anderen los. »Sucht ihn!«
»Ruhig jetzt«, sagte ich, während ich die Reste seines Oberteils aus der Wunde zog und versuchte, zu sehen, wie schlimm es war.
Diese Spuren … als hätte ein Tier mit langen Krallen sie hinterlassen. Das waren definitiv keine Werwolfspuren und auch keine Rakshasa.
War das … das Wesen aus den Kellern?
Nein, das konnte nicht sein. Es war doch so ruhig gewesen. Fast froh, dass wir es befreit hatten. Warum griff es dann an?
Meine Hände bewegten sich zögerlich über Xanders Körper. Ich brauchte Tücher und Wasser. Hier war jedoch nicht der richtige Ort. »Cayne. Kannst du mir helfen, ihn in den Schlitten zu bringen?« Kälte war nicht gut, wenn ich die Wunde versorgen wollte, auch wenn es vermutlich gegen die Schmerzen half.
Cayne blickte von der Ruine zu uns und dann zurück, bevor er nickte. »Dort seid Ihr sicher.«
Darum ging es mir zwar nicht, aber anders würde ich ihn wohl nicht dazu bringen können, mir zu helfen.
Während er Xander hochhob, öffnete ich die Türen und legte die Sitzbänke um, damit Xander darauf gut liegen konnte.
Cayne legte ihn in den Schlitten, ließ mich einsteigen und schloss dann die Tür.
Draußen hörte dich wildes Rufen, doch ich hörte nicht hin. Stattdessen gab ich mir die größte Mühe damit, Xanders Wunden zu versorgen.
Werwölfe hatten eine besondere Selbstheilung, doch bei Xander setzte sie nicht ein.
Lag das daran, dass er nur ein Omega war und sein Wolf nicht so ausgeprägt, dass er ihn heilte?
Je mehr Zeit verging und je weniger ich tun, außer die Wunde reinigen und verbinden, konnte, desto unruhiger wurde ich.
Xanders Atem wurde ruhiger und er schloss die Augen. Auch seine Gesichtszüge entspannten sich, doch so ganz schaffte ich es nicht, ähnliche Ruhe zu verspüren.
»Du musst hierbleiben und dich ausruhen«, sagte ich, bevor ich langsam die Tür des Schlittens öffnete.
Xander streckte seine Hand aus, um meinen Arm zu ergreifen, doch er schaffte es nicht. So schwach war er. Ich ertrug den Anblick nicht.
Stattdessen verließ ich den Schlitten, um mich umzusehen.
Es war niemand da, um mich zu beschützen.
Da der Schlitten magische Runen zur Abwehr hatte, war das nicht nötig, doch trotzdem ungewöhnlich.




Ich folgte den Stimmen und entdecke meine Wachen. Sie standen um etwas herum, das einen metallischen Geruch absonderte.
Blut.
»Was war das nur für ein Wesen?«, fragte Amirak unruhig.
»Verfolgt es uns?«, wollte Darion unschlüssig.
Sofort schob ich mich an Cayne vorbei und entdeckt Arvid.
Er war noch schlimmer zugerichtet als Vorin.
Mein Blick wanderte über die Wunden und bevor Cayne mich davon abhalten konnte, hockte ich mich zu der Leiche.
Ich nutzte meine Finger, um die Länge der Spuren und Tiefe zu kontrollieren. Ich ging sogar so weit, daran zu riechen.
Da war nichts Modriges, nur etwas leiht Süßliches. »Kein Rakshasa«, entschied ich Murmeln, während ich alles durchging, was ich darüber gelesen hatte, wie man herausfand, welches Tier die Beute gerissen hatte.
Dass es sich hier nicht um ein Reh oder ähnliches handelte, sondern einer von uns war, beendete ich so gut es ging aus.
»Zu tief und zu lang für Wolfsklauen. Zu kräftig für die Eistiger.« Sie wären nicht in der Lage, einen Werwolf derart zu entstellen. Dazu war unsere natürliche Abwehr zu stark.
»Lady«, murmelte Cayne unschlüssig, hielt mich aber nicht davon ab, Arvid weiter zu untersuchen.
Ich entdeckte Blutspuren an seinen fingern, die vermutlich von einem Angriff kamen. »Es ging schnell, aber er konnte sich wehren. Zumindest am Anfang.«
Langsam zog ich meine nun blutigen Finger zurück. Er war noch nicht lange tot, denn das Blut war trotz der Kälte noch nicht gefroren, und leicht warm. »Ich würde sagen, dass der Angriff gezielt stattfand. Er war keine Beute, die als Nahrung gedacht war.« Dazu fehlten die Fressspuren. »Oder das Wesen wurde gestört, bevor es anfangen konnte.«
Aber wenn es Arvid so leicht hatte töten können, wie hatte Xander es dann überlebt, wenn er es gestört hatte?
Hatte es ihn vielleicht absichtlich entkommen lassen? Aber warum? Wollte es nur sein Territorium verteidigen?
»Wir werden die Gegend nach dem Angreifer absuchen«, entschied Cayne, als ich mich wieder erhob.
»Das ist keine gute Idee. Wenn er Arvid derart schnell umbringen konnte … wird keiner von euch gegen ihn ankommen.«
Es war eine Tatsache, die ausgesprochen werden musste.
Erst Vorin und jetzt Arvid. Wenn es der gleiche Angreifer war, dann nahm er sich gezielt diejenigen vor, die allein waren.




Panik erfasste mich und sofort wirbelte ich herum.
Xander war allein!
Aber er war in der Kutsche!
»Wir sollten uns nicht trennen und so schnell wie möglich von hier verschwinden«, entschied ich, was dafür sorgte, dass Cayne mich nachdenklich musterte.
Zuerst glaubte ich, dass er mir widersprechen wollte, was verständlich wäre, da er der Anführer war, doch er nickte schließlich. »Ich halte das für eine gute Idee. Lasst uns Arvid begraben.«
Ich schloss für einen Moment die Augen, als die Gefühle mich jetzt doch überschwemmten.
Seinen Namen zu hören, löste Kummer in mir aus.
Ich musste an die Tage im Schloss denken. Als er mir geholfen hatte, mit meinem Eistiger zurechtzukommen, oder als er mir heimlich Essen aus der Küche geholt hatte.
Wir waren nie sonderlich eng gewesen und doch war er irgendwie immer um mich.
»Ich ziehe mich in die Kutsche zurück«, sagte ich matt und auf einmal müde und erschöpft.
Würde die ganze Reise so weiter gehen? Würde ich am Ende zusehen, wie sie alle starben?
Dabei hätte es nie so gefährlich werden sollen.

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