Mirja-Kapitel 4
~Mirja~
Ich beobachtete, wie die hohen, spitzen Eisberge langsam in der Ferne verschwanden.
Wir hatten Eryskarn durch den breiten Eisbogen verlassen und das Schloss war schon lange nicht mehr zu sehen.
Es fühlte sich befreiend an, die Eismassen, die mein ganzes Leben umgaben, hinter mir zu lassen.
Sie waren nicht dazu da, einzusperren, sondern zu beschützen. Darum war der Eisbogen, der den offiziellen Eingang zur Stadt bildete, für viele auch ein hoffnungsvolles Zeichen, wenn er in der Ferne auftauchte.
Ich hingegen spürte eine innere Spannung von mir abfallen, als er endlich hinter dem Horizont verschwand.
Das sanfte Schleifen des Schlitten, das kaum zu hören war, verstummte.
Ein Lächeln umspielte meine Lippen.
»Warum hältst du an?«, hörte ich den Anführer unserer Gruppe fragen. Nicht aggressiv, sondern eher verwirrt.
»Wirst du gleich sehen«, erwiderte Xander gut gelaunt. So war er anderen gegenüber normalerweise nicht, weshalb ich davon ausging, dass sie sich kannten.
Ich hörte, wie Xander in den Schnee sprang und dann knirschte es, bevor er die Tür öffnete.
Sofort sprang ich hinaus, was dafür sorgte, dass Cayne zu mir eilte. »Stimmt etwas nicht?«, fragte er, wobei ich glaubte, dass er aufrichtig besorgt war.
»Nein. Aber ich werde nicht die ganze Reise in dem Schlitten verspringen«, erklärte ich und stapfte durch den Schnee.
Eigentlich hatte ich zuerst geplant, als Wolf mit ihnen zu reisen, doch Vater hatte sich dagegen ausgesprochen. Das gehörte sich nicht und das wusste ich. Nur konnte ich nicht lange in dem Schlitten bleiben. Darum hatte sich Vater überreden lassen, einen besonderen Eistiger einzuspannen.
Ich trat auf das große Tier zu, das sofort seinen Kopf neigte.
»Hallo Azrel«, flüsterte ich und fuhr ihm über die Schnauze.
Hinter mir erklang ein leises Stöhnen. Ich brauchte nur einen kurzen Blick, um herauszufinden, dass es von Arvid kam. Seine Reaktion brachte mich zum Lächeln.
»Ihr könnt nicht einfach aus dem Schlitten. Es ist kalt und gefährlich«, bemerkte Cayne, der allerdings auffordernd zu Xander blickte. Dieser zuckte lediglich die Schultern.
Ich ignorierte die beiden und schwang mich auf Azrel.
»Lady«, protestierte Cayne, doch Arivd unterbrach ihn.
»Da du nicht im Anwesen gedient hast, wirst du es nicht wissen, aber die Lady ist schon als Kind mit dem Tiger durch die Flure gerannt und sogar auf die Dächer geklettert. Es gibt keinen Ort, an dem sie sicherer ist«, bemerkte Arvid mit einer Stimme, die ich nicht ganz einschätzen konnte.
Aber da er so lieb war, es Cayne zu erklären, sparte ich mir meine Worte. Stattdessen nickte ich Xander zu, der sich sofort wieder auf den Kutschbock niederließ.
»Wir können weiter«, sagte er entschieden.
Ich lauschte, doch ich hörte keine weiteren Wiederworte. Dabei hatte ich fest damit gerechnet. Es war aber gut, dass niemand Xander wegen seines Standes ignorierte. Immerhin war er derjenige, der die Aufgabe hatte, sich um mich zu kümmern.
»Sollte Euch kalt werden, meldet Euch«, bemerkte Cayne, der neben mir herlief, während ich mich an das weiche Fell meines Tigers schmiegte.
»Mir war noch nie kalt«, erwiderte ich, ohne groß darüber nachzudenken.
Ich war ein Werwolf, doch das hieß nicht automatisch, dass ich nicht frieren konnte. Trotzdem machte mir der Schnee nichts. Ich kannte es nicht anders und brauchte auch keine dicken Mäntel.
Cayne runzelte nachdenklich die Stirn und blickte zu Xander. Da sich dieser in meinem Rücken befand, konnte ich nicht sehen, wie dieser reagierte.
Cayne räusperte sich schließlich. »Dann sollten wir jetzt weiter«, sagte er, als hätte er es einfach so akzeptiert.
Wenn ich ehrlich war, hatte ich mit wesentlich mehr Widerstand gerechnet. Immerhin war es gefährlicher als in dem Schlitten. Dass aber weder der Anführer noch die restlichen Wachen etwas dazu sagten, sondern wir uns einfach wieder normal in Bewegung setzten, beruhigte mich. Dann würde das definitiv unsere Reise nicht verzögern.
Ob wir wohl mit dem Schlitten überhaupt an unser Ziel kamen? Marathril war nicht unbedingt dafür bekannt, eine leichte Umgebung zu sein.
Ich blickte zurück zu Xander, der ruhig hinter mir den Schlitten steuerte und sich nicht durch mich beunruhigen ließ.
Er war der einzige hier, der wusste, dass mein Leben nicht ganz so sehr im Schloss stattgefunden hatte, wie Mutter und vor allem Vater sich gewünscht hatten.
Seine Künste mich in eine andere Frau zu verwandeln, waren nicht von dieser Welt. Manchmal hatte ich mich im Spiegel selbst nicht wiedererkannt.
Diese Momente waren jedoch viel zu selten gewesen und trotzdem hatten sie mir einen Blick auf die Welt gegeben, der mich jetzt beruhigte.
Ich verstand meine Position und Aufgabe, doch das hieß nicht, dass es außer diesen nichts mehr gab, das ich sein wollte.
»Lasst uns eine Pause einlegen«, rief Cayne plötzlich.
Ich runzelte die Stirn, denn meiner Meinung nach waren wir noch nicht weit gekommen, doch als ich zu ihm blickte, erkannte ich die Erschöpfung der anderen. Sie mussten durch den Schnee stapfen, was an ihren Kräften zehrte. Warum hatte Vater ihnen keine Eistiger mitgegeben? Oder zumindest Eisbären. Auf ihnen hätten sie sich wesentlich leichter bewegen können. Oder hätte das dafür gesorgt, dass der Schlitten nicht gut vorangekommen wäre?
Ich wusste es nicht, doch es frustrierte mich etwas.
So waren wir langsamer als mir lieb war.
Trotzdem zeigte ich nicht, dass ich weiter wollte. Stattdessen schwang ich mich von Azrel und streckte mich leicht.
Erst dabei fiel mir auf, dass wir eine der vielen Wegpunkte erreicht hatten.
Hier standen mehrere kleine Iglus, die uns vor den Schnee schützen würden. Man könnte hier auch gut die Nacht verbringen.
»Denkst du, der Wind entwickelt sich zu einem Schneesturm?«, erklang die tiefe Stimme eines Mannes, den ich noch nicht kannte.
Er hatte ähnlich breite Schultern wie die anderen, doch die Muskeln an seinen Oberarmen waren trotz Kleidung gut zu erkennen.
»Ich will auf Nummer sichergehen. Außerdem werden wir die zweite Position nicht erreichen, bevor die Nacht über uns hereinbricht.«
Ich verstand Cayne nicht so ganz. Es wurde zwar schnell dunkel, doch war es nicht viel zu zeitig?
Obwohl ein Schneesturm natürlich schwierig wäre. Er würde unsere Reise gefährden und am Ende vielleicht sogar Opfer fordern. Darum entschied ich, seiner Einschätzung zu vertrauen. Er war solche Reisen immerhin gewohnt.
Also schlugen wir hier unser Lager auf.
Der Schlitten wurde in der Nähe der Iglus befestigt, während Xander mich zu dem größten Iglu brachte.
Er ließ mich zwar eintreten, begann dann aber erst, es herzurichten.
Durch die ganzen Runen, die in das Eis eingraviert waren, war es kaum staubig. Trotzdem schüttelte er die Kissen, Teppiche und Decken aus, bevor er sie mir so legte, dass ich gemütlich vor dem Feuer liegen könnte.
Dieses war in der Mitte eingelassen und ebenfalls durch Runen geschützt.
Wie alt dieses Iglu wohl war? Es gab in der Nordhauch-Tundra viele vergessene Orte. Ich hatte ihn Büchern davon gelesen, dass früher jeder Ort durch Runenmagie geschützt war. Heute war diese Magie jedoch fast vergessen.
Vater hatte einmal erzählt, dass die Bewohner der Aethelhain-Inseln noch ein paar wenige dieser Runen beherrschten.
Meine Finger wanderten über die Gravierungen im Eis, während Xander das Feuer entfachte und das Iglu in eine angenehme Wärme hüllte.
Kälte machte mir zwar nichts aus, doch ich genoss auch Wärme sehr.
Langsam zog ich meinen Mantel aus. Wenn der Schnee, der daran klebengeblieben war, schmolz, würde es den Stoff durchweichen. Darum hängte ich ihn so auf, dass er in der Nacht in Ruhe trocknen konnte.
»So, fertig«, sagte Xander, der sich über das Gesicht fuhr.
Als ich aufblickte, erkannte ich die Dreckstreifen, die nun seine Wangen zierten.
Ich stieß ein leises Kichern aus, das dafür sorgte, dass Xander sich erneut über das Gesicht wischte. Er machte es jedoch nur schlimmer, weshalb ich immer weiter lachte.
Schließlich fluchte er leise und stapfte hinaus. Vermutlich, um sich zu säubern.
Ich ließ mich auf die Kissen und Decken fallen, bevor sich mich etwas streckte. Das lange Reiten hatte tatsächlich seine Spuren hinterlassen, auch wenn ich das nur ungern zugeben würde. Meine Beine würden morgen schmerzen und ich überlegte schon jetzt, ob ich nicht doch im Schlitten bleiben sollte.
Der Vorhang des Iglus wurde zur Seite geschoben und ließ mich aufsehen.
Ich erwartete Xander, weshalb mich der Mann mit den beiden Schüsseln in der Hand und dem breiten Lächeln im Gesicht, überraschte.
»Ich bringe Euch Euer Abendessen«, sagte er.
Für einen Moment musste ich nachdenken, wer er war.
Vorin. Er war Koch im Anwesen, aber auch Krieger.
»Danke«, sagte ich lächelnd, als ich die beiden Schalen entgegennahm.
Vorin sah sich überrascht um und runzelte dann die Stirn. »Ist Xander nicht bei Euch?«, fragte er. Für ihn musste die zweite Schüssel sein.
»Er kommt sicher gleich wieder«, erwiderte ich und stellte die Schüssel auf einen kleinen Hocker.
Sie beide dampften, doch eine davon war mit reichlich Fleisch gefüllt. Es war nicht schwer zu erkennen, dass diese für mich war. Eine Geste, die mich schief lächeln ließ.
Bis auf Xander wusste niemand, dass ich Fleisch nicht gern aß. Immerhin war das für einen Werwolf wirklich ungewöhnlich.
Vorin zuckte leicht die Schultern. »Lasst es Euch schmecken. Dann bekommt er eben kaltes Essen.«
Ich versuchte meine Frustration über diese Worte nicht zu zeigen. Vorin wusste nicht, dass ich auf Xander warten würde.
»Danke. Es riecht wirklich lecker«, bemerkte ich und zog den Duft der Suppe ein. Dass darin auch große Stücke Gemüse schwammen, gefiel mir gut.
Vorin strahlte mich verzückt an, als wäre das genau die Reaktion, die er erwartet hatte.
Dann zog er sich zurück und ließ mich allein.
Nur wenig später kehrte Xander zurück. Seine schwarzen Haare waren zerzaust und an den Spitzen nass, als hätte er diese gewaschen und nicht ganz getrocknet.
War er denn verrückt? Vielleicht machte mir die Kälte nichts aus, aber sich auf dieser Reise wirklich mehr als nur leicht zu waschen, könnte Krankheiten verursachen, die wir nicht gebrauchen konnten.
Ich verzog die Lippen und reichte ihm dann die Suppe mit den vielen Fleischstückchen. »Hier, iss, damit dir wieder warm wird«, sagte ich, während er sich zu mir in die Kissen fallen ließ.
Als er die Schüssel entgegennahm, streiften seine kalten Finger meine, doch ich zuckte nicht. Stattdessen fischte ich mit dem Löffel das Fleisch aus meiner Schüssel heraus und gab es ihm.
Bevor er jedoch aß, stibitzte er sich selbst ein Stück Fleisch aus meiner Schüssel und kaute es genüsslich. »Pass nur auf, dass das die anderen nicht sehen«, bemerkte er mit einem Grinsen. »Sonst denken sie, ich klaue dir dein Essen.«
Ich verzog meine Lippen. »Ich mag das nun mal nicht«, brummte ich und suchte mir eine eine Karotte, die ich genüsslich verspeiste. Die Suppe war gut gewürzt und schön warm.
»Wärst du nicht so wählerisch, hättest du vielleicht den gewünschten Wachstumsschub«, bemerkte er neckend.
Als ich aufsah, erkannte ich, dass sein Blick direkt auf meine Brust ging.
»Du …«, knurrte ich, griff nach einem Kissen und warf es auf ihn.
Xander lachte und wich geschickt aus, ohne sich viel zu bewegen.
