03. Jahn-Siedlung

Wir durchquerten tatsächlich den engen, dunklen Fußgängertunnel, der unter der Autobahn durchführte. Wieder im Freien fühlten wir uns wie Entdeckungsreisende, die unbekanntes Land betraten. Es begann ein Gewerbegebiet mit Zweckbauten und Fabrikhallen, das sich endlos hinzog. Wir hatten Wochenende, und die Straßen waren wie ausgestorben. Es ging über alte, verwitterte Schienenstränge, vorbei an Autofriedhöfen, wo die Wracks einsam vor sich hin rosteten. Unser Ziel wollte und wollte nicht auftauchen. Missmut machte sich breit; die ersten Leute schlugen vor, das Ganze sein zu lassen und lieber umzukehren, damit man nicht zu spät zum Abendbrot käme.
Irgendwann wurden Wohnblöcke sichtbar, graue, eintönige Altbauten. Der Anblick dieser massigen, hoch aufragenden Kästen hatte etwas Einschüchterndes, Bedrohliches. Je näher wir herankamen, desto verwahrloster wirkten die Häuser. Man sah an vielen Stellen den Putz von den Wänden abblättern, oft waren die Fensterscheiben blind von Schmutz. Viele Ausländer sollten in diesem Viertel wohnen, dazu Punks und allerhand wildes Volk. Eine fremde Welt, die wir bislang höchstens aus den Fernsehnachrichten kannten, wenn von Demonstrationen berichtet wurde. Dort wollten wir uns also hineinwagen…
Die ersten Straßenzüge begannen, und ihr Anblick widersprach all meinen Erwartungen: nirgends herumliegender Hausrat oder Sperrmüll, keine Horden von Punkern und anderen Wilden, die über uns herfielen. Stattdessen, soweit das Auge reichte, Kinder. Kinder, die mitten auf der Straße Fußball spielten. Kinder, die auf einem Spielplatz unbeaufsichtigt im Sand buddelten. Kinder, die in Horden um die Ecken rannten. Herumtollende, schreiende, tobende Kinder. Sie achteten nicht darauf, ob ihr Ball gegen parkende Autos sprang, es interessierte sie nicht, dass sie sich beim Spielen schmutzig machten. Die Straßen waren regelrecht okkupiert von ihnen. Durch ihre schiere Masse hatten die Kinder den Autoverkehr einfach verdrängt.
Ab und zu öffneten sich in den grauen Mietskasernen an verschiedenen Stellen Fenster. Frauenköpfe, oft mit einem Tuch bedeckt, schoben sich heraus, warfen prüfende Blicke nach unten und verschwanden wieder, wenn alles in Ordnung war. Manchmal wurden Anordnungen erteilt, Streithähne mit knappen Worten getrennt oder weinende Kinder getröstet. Nie kam wegen ein paar Tränen eine Mutter von oben auf die Straße herab. Zur Not schritten ein paar Jugendliche ein, die auf einem nahe gelegenen Schulgelände Basketball spielten, wahrscheinlich die großen Geschwister. Ansonsten blieben all diese Kinder sich selbst überlassen. Niemand schrieb ihnen vor, was sie als nächstes machen sollten, niemand kontrollierte und lenkte ihr Tun.
In mir war plötzlich alle Angst wie fortgeblasen. Ich stand nur noch da und betrachtete fasziniert das bunte Treiben. Fast hätte ich vergessen, mit den anderen zurückzufahren.
Noch Tage später ließ mich der Anblick nicht los. Ich entschloss mich, die Fahrt auf eigene Faust zu wiederholen. Als ich zum zweiten Mal den Tunnel durchquerte, diesmal ganz auf mich gestellt, war mir wieder sehr beklommen zumute. Aber jetzt kannte ich die Strecke und wusste, dass sie lang war.
Die Jahn-Siedlung war wieder so faszinierend, so aufregend wie beim ersten Mal. Von nun an fuhr ich regelmäßig hin, postierte mich mit meinem Rad an einem unauffälligen Fleck und beobachtete heimlich das Geschehen in den Straßen.
Mitzumachen traute ich mich nicht. Insgeheim spürte ich, dass dies nicht meine Welt war. Die grauen, verwahrlosten Mietskasernen erdrückten mich, und die Gerüche nach Essen und überquellenden Müllcontainern, die an warmen Tagen durch die Straßenschluchten zogen, stießen mich ab. Auch fand ich die vielen dunkelhaarigen, oft in fremden Sprachen miteinander redenden Kinder unheimlich. Dennoch stellte sich durch mein Zuschauen ein unbestimmtes Gefühl von Zugehörigkeit und Teilhabe ein. Das genügte mir.
Irgendwann wurden die Kinder natürlich auf den stillen, brav angezogenen Jungen aufmerksam, der da mit seinem Rad hinter den Büschen stand und guckte. Einige kamen angelaufen und riefen mir irgendwas zu. Zuerst dachte ich, sie wollten mich auffordern, mitzumachen, nicht abseits zu stehen. Dann verstand ich ihre Worte: „Hau ab“, „was willst du hier“, „Scheiß Streber“. Inzwischen waren auch die großen Jungen vom Sportplatz angelaufenen gekommen. Einer baute sich vor mir auf, packte mich an den Jackenaufschlägen und zog mich ohne jegliche Anstrengung in die Höhe. Das Rad fiel mit lautem Scheppern zu Boden. Der Typ fragte in die Menge, ob er mir den Pimmel abschneiden sollte. Ich sah den Bartflaum unter seiner Nase, die Goldkette um den Hals. Alles johlte und schrie zustimmend. „Du hast gehört“, sagte er zu mir, „Strafe muss sein.“ Mit einer Hand zerrte er mich in ein nahes Gebüsch. In der anderen hielt er plötzlich ein geöffnetes Klappmesser. „Pimmel ab und du darfst weiterfahren.“ grinste er. Beim Anblick des Messers bekam ich Panik und fing an zu heulen. Das Geschrei der Kinder verstärkte sich noch. „Pimmel ab, Pimmel ab!“ grölten sie.
Da ließ mich der Anführer los. „Also gut“, sagte er, „ich hab heute meinen großzügigen Tag. Aber du haust jetzt ab und lässt dich hier nie wieder blicken, verstanden?“ Ich nickte eilig und stolperte zu meinem Fahrrad. Von hinten hagelte es Tritte in den Hintern.
Als ich losfahren wollte, waren die Räder blockiert. Erst jetzt sah ich, dass im Vorderrad eine Acht war. Alles lachte. Ich stieg ab, hängte mir das Rad über die Schulter. Ein Bein wurde mir gestellt, ich schlug samt Fahrrad zu Boden, zerriss mir dabei die Jacke. Das Lachen schwoll an, wurde zu hysterischem Kreischen. Ich rappelte mich hoch, schulterte erneut das Rad und rannte weiter. Diesmal ließen sie mich fort. Aber noch lange verfolgten sie mich, ertönte das höhnische Geschrei in meinem Rücken.
Endlich erreichte ich den Tunnel. Auf der anderen Seite war außer dem Autobahnlärm nichts mehr zu hören. Ich hatte ihr Gebiet offenbar verlassen.
Mit der Erleichterung kam die Scham. Ein Gefühl tiefer Erniedrigung durchflutete mich. Zugleich ärgerte ich mich über meine eigene Dummheit. Obwohl ich insgeheim das Unheil längst hatte kommen sehen, war ich immer wieder in die Jahn-Siedlung gefahren. Ich hatte dieser seltsamen Sehnsucht nachgegeben, die doch nicht gestillt werden konnte. Und nun war es passiert.
Trotz aller Verletztheit und Wut war da auch Traurigkeit. Ich durfte nicht mehr wiederkommen. Die schöne, unheimliche Welt der Jahn-Siedlung war mir von nun an verschlossen.
Ob es wegen des kaputten Rades und der zerrissenen Jacke zu Hause Ärger gab, weiß ich heute nicht mehr.
***
Die S-Bahn hält am Botanischen Garten. Viele Wanderer und Radfahrer verlassen hier den Zug, aber genauso viele steigen neu ein. Es wird kaum leerer, auch die Zahl der abgestellten Räder in den Gängen nimmt nicht ab.
Weiter geht es. Die Anwesen entlang der Strecke werden immer ausgedehnter, scheinen langsam zu einem einzigen, großen Park zusammenzuwachsen. Und die Häuser darin ähneln zusehends verwunschenen Schlössern…
***
Als es bei uns mit den Mädchen losging, entwickelte ich zum ersten Mal etwas wie Ehrgeiz. Ich hatte bereits viel gehört über „Liebe“, im Fernsehen, von Bekannten oder sonst woher. Dieses Thema, das spürte ich, ging mich an, hier konnte ich möglicherweise das finden, wonach ich schon die ganze Zeit suchte. Und so biss ich die Zähne zusammen, überwand meine Schüchternheit und suchte mir Freundinnen, meistens aus der Schule. Sobald die Formalitäten geregelt waren, wir also miteinander „gingen“, probierte ich hastig alles aus, wovon meine diversen Quellen berichteten. Es war, als habe ein Supermarkt der Lüste seine Pforten geöffnet, in dem man alles bekommen konnte.
Aber schon bald merkte ich, dass es nicht funktionierte. Irgendetwas fehlte – wie immer. Ich tauschte mich mit den anderen Jungen aus, lautstark und zugleich verkrampft, und erfuhr indirekt, dass es ihnen nicht viel anders ging als mir. Vielleicht ist die Richtige noch nicht dabei gewesen, dachte ich, vielleicht muss ich nur warten, bis es endlich klappt. Ich wartete vergeblich. Liebe – etwas so Großes, Intensives verirrte sich nicht in unsere durchorganisierte, sterile Umgebung.
Schließlich hatte ich genug mit dem anderen Geschlecht herumexperimentiert, um mir sicher zu sein, dass es die Mühe nicht wert war. Ich schloss dieses Kapitel – endgültig, wie mir damals schien.
Auch wenn ich es nicht zugeben wollte: Ich war enttäuscht. Wieder hatte ich mich von einer Sehnsucht leiten lassen, die im wahren Leben nicht gestillt werden konnte. Wieder war ich einer Illusion aufgesessen.
Von nun an wollte ich nur noch meine eigenen Wege gehen. Ich begann mich dem strikten Wochenschema zu entziehen, nahm nicht mehr an den Schul-AG’s teil, hing Lateinstunde und Musikunterricht an den Nagel. All diese Dinge hatten nie zu mir gehört, waren von Leuten arrangiert worden, die mich nach irgendeinem Bild formen wollten. Einem Bild, dem ich nicht entsprach, das musste die Welt einfach akzeptieren.
Stattdessen unternahm ich jetzt oft Radfahrten und Wanderungen ins Umland. Je besser ich die Gegend kennen lernte, desto länger dehnte ich meine Touren aus. Bald entdeckte ich den Elm, ein nahe gelegenes Landschaftsschutzgebiet, in dem das Grün endlos ist. Ich stellte das Rad ab und wanderte durch die Einsamkeit. Es konnte Stunden dauern, ehe ich einer Menschenseele begegnete. Die Natur zog mich magisch an. In ihrer Stille und Tiefe glaubte ich mich selbst wiederzuerkennen.
Zum achtzehnten Geburtstag bekam ich ein Auto und fuhr nun bis in den Harz und den Solling. Ich verbrachte ganze Wochenenden dort, wanderte tagsüber und schlug zur Nacht irgendwo in der Wildnis mein Zelt auf. Manchmal nahm ich nicht mal Proviant mit, ernährte mich von dem, was ich fand: Pilze, Nüsse, Beeren. Es war ein Spiel, eine Mischung aus Askese und Survivaltraining. Würde ich mit dem auskommen, was die Natur mir gab? Würde ich standhaft bleiben, wenn sie mich leer ausgehen ließ, den Hunger aushalten und nicht geschlagen nach Hause zurückfahren? Meistens schaffte ich es. Und fühlte mich hinterher wieder ein Stück abgehärteter, gestählter.




































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