06. Absturz

Unter der Zimmerdecke hing dichter, blauer Qualm. Das war ein verdammt guter Spliff gewesen! Hartmann hatte mir das Dope dagelassen, als er Sonntag in die Nordstadt abgehauen war. Ich konnte bloß hoffen, dass der Dunst nicht durchs ganze Haus zog. Klaus wusste mit Sicherheit, wie ein Joint roch.
Aber anscheinend schliefen alle längst. Es war zwei Uhr durch. Draußen sah man nicht mehr das kleinste Fünkchen Licht. Seit Stunden herrschte völlige Stille, selbst das Heulen in den Heizungsrohren hatte mittlerweile aufgehört.
Es fühlte sich schon komisch an, so dazusitzen und zurückzublicken, die Vergangenheit abzuspulen wie einen Film. Früher wäre mir so etwas nie eingefallen, da hatte nur das gezählt, was von vorn kam. Aber nun schien ich einem Geheimnis auf der Spur zu sein, meinem Geheimnis.
Ich durfte den Faden nicht verlieren, musste unbedingt dran bleiben…
***
Der Bunker war also abgefackelt. In der Nordstadt jagten uns die Solterbeck-Leute durch die Straßen, und wen sie erwischten, schlugen sie halbtot. Als wäre das alles nicht genug gewesen, kam es jetzt auch in der Schule zum großen Knall.
Jahrelang hatte ich mich am KBZ immer durchgemogelt. Wozu sich den Arsch aufreißen für eine Penne, die mit mir und meinem Leben nicht das Geringste zu tun hatte? Und Muttern waren meine Zensuren eh wurscht gewesen, von Vaddern ganz zu schweigen. Also hatte ich zugesehen, dass es für die Versetzung so gerade reichte, und mir ansonsten ein ruhiges Leben gemacht.
Dann waren die ganzen Sitzenbleiber in meine Klasse gekommen, der erste Schwung in der Achten, der Rest im letzten Sommer in der Neunten. Seitdem funktionierte mein System nicht mehr, irgendeine innere Alarmglocke hatte den Geist aufgegeben. Ich tat jetzt rein gar nichts mehr für die Schule, machte bloß noch Quatsch, gab den Klassenkasper. Oder ich pennte. Legte den Kopf auf die Tischplatte und träumte was Schönes. Irgendwie musste ich ja den Schlaf nachholen, den ich in der Nacht zuvor versäumt hatte. Weil ich im Bunker oder an der Haustür versackt war, weil ich zu Hause ewig lange vor der Glotze gehockt hatte – irgendeinen Grund gab es immer. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um ein Musterschüler zu werden. Aber die anderen in meiner Chaos-Klasse waren auch nicht besser, weshalb meine miesen Zensuren nicht groß auffielen.
Die Schule ging mir dermaßen am Arsch vorbei, dass ich nach und nach sogar meine Ausstattung verbummelte. Hefte, Schreibzeug, Instrumente wie Zirkel, Geodreieck und Taschenrechner, sogar die Bücher, die ja Schuleigentum waren – alles weg. Am Schluss hatte ich nicht mal mehr eine Tasche. Ich latschte einfach so in die Schule, schaute beim Nachbarn mit ins Buch, lieh mir zur Not von jemandem Zettel und Stift.
Kurz vor den Weihnachtsferien eröffnete mir Herzog, der Klassenlehrer, dass mein Zeugnis katastrophal ausfallen würde. Vier Fünfen und zwei Sechsen – Versetzung im Sommer akut gefährdet. Ich dachte: Reg dich nicht auf, Mann, ist doch nur’n Halbjahreszeugnis, das wird schon wieder. Aber so leicht sollte ich leider nicht davonkommen. Herzog wollte, dass ich nach den Ferien in die Parallelklasse wechselte. Weigerung hätte keinen Zweck, erklärte er, ansonsten würde er persönlich dafür sorgen, dass ich einen Abflug auf die Realschule machte, er wüsste da Mittel und Wege…
Langsam kapierte ich, was abging: Er wollte ein Exempel statuieren. Machte mich allein verantwortlich für das Tohuwabohu in seiner Klasse, obwohl alle ihren Anteil daran hatten. Er ließ mich über die Klinge springen. Trennte mich von den Kumpels, entsorgte mich in die Parallelklasse, von der alle wussten, dass dort bloß Streber und Spießer waren. Verdammter Dreckskerl!
Muttern wurde zum Gespräch einbestellt. Morgens schimpfte sie noch, weil sie deswegen einen wichtigen Termin auf der Arbeit verpasste. Konnte sich gar nicht erklären, was meine Lehrer plötzlich von ihr wollten. Abends war sie sichtlich geschockt. Sie hatte von meinem Absturz nicht die leiseste Ahnung gehabt. Zum ersten Mal erlebte ich, dass sie ausrastete. Sie brüllte rum, fühlte sich von mir beschissen und betrogen, machte richtig Theater. Und das bloß wegen eines dämlichen Zeugnisses!
Ab sofort würden andere Saiten aufgezogen, verkündete sie unheilvoll. Sie wollte jetzt täglich meine Hausaufgaben kontrollieren. Die verbummelten Schulbücher musste ich vom Taschengeld bezahlen. Und jeden Abend sollte um Punkt zehn Uhr Zapfenstreich sein, damit ich genug Schlaf bekam. Zehn Uhr! War ich ein kleiner Junge, oder was?
Stinksauer rannte ich in mein Zimmer und schloss die Tür ab. Muttern baute sich draußen auf und wollte, dass ich aufmachte, sonst würde sie die Bullen rufen. Ich brüllte zurück: „Lass mich in Ruhe!“. Es wurde eine Art Belagerungszustand. Wir gifteten uns dermaßen an, dass Henri zu flennen anfing – das hatte er zuletzt als Kind gemacht.
Erst nach und nach dämmerte mir, dass ich eine ziemliche Dummheit begangen hatte. All die Jahre war ich nicht sitzengeblieben, hatte auch sonst in der Schule keine Probleme gemacht. Als Gegenleistung hatte Muttern mich in Ruhe gelassen. Dieser Deal war nun gebrochen, und prompt hatte ich sie am Hals. Schöner Mist!
Schließlich passierte auch noch die Sache mit Vaddern…
Der Idiot hatte sich wieder mal die Birne zugesoffen und dazu noch irgendwelche Pillen eingeworfen. Mitten in der Nacht klirrte und schepperte es plötzlich aus Richtung Wohnzimmer, dann folgte ein dumpfer Schlag, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen. Kurz darauf fing Muttern an zu schreien, „Arzt“, „Polizei“ und so weiter. So hatte ich sie noch nie gehört. Henri und ich stürmten ins Wohnzimmer: Vaddern lag am Boden, mit verdrehten Gliedern, brabbelnd, sabbernd. Sein Hemd war zerrissen, auf seiner Brust prangten blutige Schnitte. Hatte der Typ etwa versucht, sich umzubringen?
Muttern stand schlotternd da und war zu keiner Handlung mehr fähig. Henri grinste nur blöd, als er die Wunden und das Blut entdeckte – auf so was fuhr er ab, der Sadist. Also musste ich zum Telefon greifen. Aber wen rief man in so einem Fall eigentlich an, die Polizei oder eher die Feuerwehr? Schließlich wählte ich einfach „110“. Die Bullen blieben ganz cool und meinten, sie würden einen Krankenwagen schicken.
In dieser Nacht herrschte draußen mal wieder totales Schneechaos. Die Männer in den weißen Kitteln wären beinahe nicht durchgekommen. Als sie Vaddern auf der Trage an mir vorbeischleppten, sah ich, dass die Schnitte auf seiner Brust nur oberflächliche Kratzer waren. Nicht mal einen anständigen Selbstmord hatte er hingekriegt, dieser Loser!
Mir war nicht klar gewesen, dass es schon so schlimm um ihn stand. Im Laufe der Jahre hatte ich gelernt, Vaddern möglichst nicht zu sehen und zu hören. Verständigung mit ihm war schlicht unmöglich, bei seinem Alk-Konsum. Und immer lief er rum wie ein Stück Dreck: stinkende Klamotten, fettige Haare, unrasiert. Dass sie ihn auf der Arbeit nicht längst rausgeschmissen hatten, grenzte an ein Wunder. Auf seinen Job warteten doch tausend andere.
Bald wurde er aus der Notaufnahme in eine Entzugsklinik verlegt. Muttern meinte, dort könne er von ihr aus bleiben, bis er Schimmel angesetzt hatte. Ich verstand ihre Wut. Jahrelang hatte sie sein nächtliches Geheul ertragen. Hatte ihn aus der „Schwarzen Hand“ abgeholt, wenn er nicht mehr laufen konnte, hatte seine vollgepissten Klamotten gewechselt. Zum Dank hatte er regelmäßig einen Gutteil Teil seines Lohns versoffen. Der Typ war für sie die reine Hölle gewesen.
Hartmann meinte, in der Entzugsklinik würde Vaddern so manchen Bekannten treffen. Wahrscheinlich war das gar nicht so falsch. Viele aus der Nordstadt landeten dort, Männer, Frauen, Kinder. Ich nahm mir immer wieder vor, ihn zu besuchen. Man kann den Kerl doch nicht einfach auf den Müllhaufen werfen, dachte ich. Vielleicht ließ sich ja, wenn er endlich trocken war, vernünftig mit ihm quatschen. Aber dann fuhr ich doch nie hin. Seit dem Zusammenbruch hatte ich Vaddern nicht mehr wiedergesehen. Und dabei würde es nun wohl auch bleiben.
In den Weihnachtsferien bekam ich Grippe, total heftig. Ich schob es aufs Herumlaufen in Regen, Schnee und Kälte, auf den Winter, der härter war als alle, die ich bisher erlebt hatte. Aber ich ahnte, dass mehr dahintersteckte als bloß das Wetter…
Meine Welt war erschüttert. Erst das mit der Solterbeck-Gang und dem Bunker, dann der Knall in der Schule, schließlich Vadderns Absturz. Nichts funktionierte mehr, alles zerbröckelte mir unter den Händen. Das schlimmste aber war: Ich hatte das Gefühl, völlig allein zu sein, von Gott und der Welt abgeschnitten.
Tatsächlich war in dieser Zeit tagsüber nie jemand zu Hause. Muttern arbeitete wie eh und je. Sie musste vor den Feiertagen wohl ordentlich was wegschaffen und interessierte sich nicht dafür, ob jemand krank oder gesund war. Henri war ebenfalls von morgens bis abends unterwegs. Und so dämmerte ich einsam vor mich hin, bei 40 Fieber. Im Fall der Fälle hätte mir keiner geholfen, ich wäre einfach jämmerlich verreckt.
Ich begann zu phantasieren, Dinge zu sehen, die gar nicht da waren: Bilder von tückischen Sümpfen, giftigen Nebeln, die über den Boden waberten, mich verfolgten. Ich kam fast nicht mehr vorwärts, versank mit jedem Schritt tiefer im Morast. Die Nebel fanden und packten mich. Es ging abwärts, immer tiefer, unerbittlich, unaufhaltsam…
***
Dann kam dieser besondere Morgen, kurz vor Weihnachten. Ich hatte geschlafen wie ein Toter und spürte gleich nach dem Aufwachen, dass es mir besser ging. Das Fieber war gesunken, die Gliederschmerzen hatten nachgelassen, auch das Husten tat nicht mehr so weh.
Aber da war noch etwas anderes. Eine Art Kraft, die mir von irgendwoher zufloss. Hoffnung, fast Freude. Die Angst, die bis zuletzt immer stärker, immer mächtiger geworden war, schien plötzlich zurückgedrängt. Woher das neue Gefühl kam, konnte ich nicht sagen, doch ich hatte eine seltsame Ahnung, dass sich in meinem Leben bald etwas ändern würde.
Geschirrklappern war zu hören. Komisch, ich wusste sofort, dass dieses Geräusch mich geweckt hatte. Wahrscheinlich weil es nicht hierher gehörte. Es klang, als würde jemand den Tisch decken. Aber das konnte nicht sein. Tisch decken, zusammen essen – wo gab es das? Bei uns jedenfalls nicht. Und auch bei niemand sonst, den ich kannte. Sicher träumte ich noch.
Henri steckte seinen Kopf zur Tür herein: „Frühstück!“, sagte er knapp und verschwand wieder. Frühstück? War der Wahnsinn komplett? Drehte ich endgültig durch? Sogar Kaffeegeruch meinte ich jetzt wahrzunehmen. Dabei hatte ich derben Schnupfen und konnte gar nichts riechen.
Trotzdem – nun war ich neugierig geworden. Ich stand auf, zog mir einen Pulli über und ging in den Flur. Aus Richtung der Küche sah ich einen hellen, warmen Lichtschein, Radiomusik war zu hören. Und mein Schnupfen musste vorbei sein, denn es roch definitiv nach Kaffee.
Als ich in die Küche kam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: Da war der gedeckte Tisch, die Kaffeemaschine lief. In einem Topf auf dem Herd sprudelte Wasser mit Frühstückseiern vor sich hin, im Toaster steckten zwei Scheiben. Auf der Fensterbank brannte sogar eine einsame Kerze – wo hatte Henri die ausgebuddelt?
Er und Muttern saßen bereits am Tisch. Kaffee wurde mir eingeschenkt, ein goldbraunes, noch dampfendes Toast landete auf meinem Teller. Dann frühstückten wir gemeinsam. Redeten, tratschten, erzählten uns sogar Witze. Ich hustete vor Lachen, hustete mich regelrecht frei, keuchte den letzten Rest Erkältung aus mir heraus. Mehrmals überlegte ich ernsthaft, mich zu kneifen, um ganz sicher zu gehen, dass ich nicht mehr schlief. Es war wie Weihnachten. Oder noch besser.
Und die gute Stimmung blieb. Vadderns Abgang ließ uns regelrecht aufatmen, nach und nach wurde uns klar, wie sehr wir alle unter diesem Typen gelitten hatten. Die Atmosphäre schien sich komplett zu wandeln, auf einmal spürte man etwas wie Zusammenhalt, Gemeinsamkeit.


































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