57. Lebenslauf

Der Doc wollte, dass ich eine Art Lebenslauf schrieb. Nicht für ihn, meinte er, sondern für mich selbst. So etwas wäre gut, um Ordnung in die eigenen Gedanken zu bringen, behauptete er. Zuerst sträubte ich mich. Zurückblicken, resümieren – das erschien mir seltsam, irgendwie psycho. Schließlich raffte ich mich doch auf. Ich begann allerdings nicht am Anfang, sondern erst mit unserem Umzug nach Schönhagen. Das klappte ganz gut, brachte wider Erwarten sogar Spaß.

Untergebracht war ich in einem Vierbett-Zimmer. Meine Mitpatienten hatten tatsächlich alle versucht, sich das Leben zu nehmen. Einer war aus dem zweiten Stock gesprungen und hatte sich mehrfach den Kiefer gebrochen. Ein anderer hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und war nur entdeckt worden, weil die Nachbarn wegen der lauten Musik die Bullen geholt hatten. Es waren heftige Schicksale. Und sie waren reell, greifbar, anders als bei mir. Ich hatte ja gar nichts gemacht, war im Geisterhaus einfach nur eingepennt. Aus Traurigkeit, Verzweiflung, Überdruss – genau konnte ich es nicht sagen.

Nach einer Woche wurde ich entlassen. Muttern holte mich mit dem Auto ab, es ging direkt nach Neuschönhagen. Ins alte Haus durfte ich nicht zurück. Meine Klamotten waren bereits im Bungalow.

Dort hatte ich das kleinste Zimmer bekommen. Es gab kaum genug Platz für meine Möbel, geschweige denn für Menschen. Ich fühlte mich eingequetscht wie die sprichwörtliche Sardine in ihrer Büchse. Henri dagegen residierte in einer regelrechten Suite. Er hatte schon vor dem Umzug sichergestellt, dass er das große Zimmer bekam, und sich daraufhin eine komplette Wohnzimmergarnitur zugelegt, mit Schrankwand und Sofalandschaft.

In die Schule brauchte ich noch nicht gehen. Stattdessen schickten sie mich in die verlängerten Weihnachtsferien, was mir nur recht sein sollte. Ich nutzte die Zeit, um an meinem Lebenslauf weiterzuarbeiten. In der Klapsmühle war ich nach und nach auf den Geschmack gekommen. Eigentlich hatte ich immer gern geschrieben, aber außer Geschwafel nie viel zustande gebracht. Mir hatte ein interessantes Thema gefehlt, über das man gern schrieb. Nun war da plötzlich eins: ich selbst. Man musste sich gar keine abenteuerlichen Plots aus der Nase leiern, sondern bloß das eigene Leben Revue passieren lassen.



***

Auch die nächste Woche verbrachte ich komplett an meinem Klappschreibtisch. Aber schließlich zog es mich wieder nach draußen. Der Anblick vor der Haustür war deprimierend: Lange Reihen vollkommen identischer Bungalows liefen schnurgerade in die Ferne – es war ein bisschen wie die Nordstadt in flach.

Ich überlegte, im Geisterhaus nach den verschwundenen Medikamenten zu suchen – immerhin hatte der Stoff ein Heidengeld gekostet. Aber schon die Aussicht, mutterseelenallein auf den verlassenen Feldwegen unterwegs zu sein, ob nun zu Fuß oder per Rad, jagte mir einen Angstschauer über den Rücken. Ganz zu schweigen von dem Gedanken, ein weiteres Mal das Geisterhaus betreten zu müssen.

Stattdessen fuhr ich nach Schönhagen – auf dem Radweg entlang der Hauptstraße. Die wenigen vorbeikommenden Autos gaben einem ein Grundgefühl von Sicherheit. Noch immer war es mild und zugleich herbstlich trüb und neblig. Kein Lüftchen regte sich, kein Tropfen fiel. Dass um diese Jahreszeit normalerweise mit ersten Schneefällen zu rechnen war, konnte man sich nur schwer vorstellen.

Als ich in den Ort einfuhr, dämmerte es bereits. Nadelfeine Nebeltropfen pieksten mir ins Gesicht, die Straßenlampen waren von dunstigen Höfen umgeben. Dann fing es sogar an, nach Kuhmist zu riechen, wie im Frühling. Einige Bauern hatten wohl die milde Witterung genutzt, um ihre Felder zu bestellen. Am Bahnhof parkte ich das Rad. Die Fenster des Gebäudes waren alle hell erleuchtet, hinter den Scheiben sah man eine Küche, eine Wohnstube, ein Kinderzimmer – nach der Stilllegung hatte man aus dem alten Bahnhof ein Wohnhaus gemacht.

Ich latschte zu Fuß weiter, wollte mich im Dunkeln ein bisschen durch die Gegend treiben lassen. Auf der Bahnhofstraße sah man kurz vor der Tankstelle einen Typen aus dem Aubrook kommen. Er blickte kurz in meine Richtung, ging dann in die andere davon – und blieb abrupt wieder stehen. Langsam drehte er sich zu mir.

Es war Jürgen.

Mein erster Gedanke war: weglaufen, so schnell wie möglich, einfach in der Dunkelheit verschwinden – aber er hatte mich ja längst entdeckt. Verdammt: Tausendmal war ich hier entlanggelaufen, ohne jemandem aus der Clique zu begegnen. Jetzt passte ich ein einziges Mal nicht auf – und prompt stand da dieser Kerl!



Meine Schritte wurden unsicher. Ich begann leicht zu schwanken, die Knie zitterten mir vor Aufregung – es war, als ob mir etwas Unangenehmes bevorstände, eine Prüfung oder eine Klopperei. Jürgen blickte mich unverwandt an. Sein Gesicht zeigte das altbekannte Vertreterlächeln.

„Dich hat man ja ewig nicht gesehen“, rief er, als wir einander schließlich gegenüberstanden. Er schien sich richtig zu freuen.

„Wo kommst du denn her?“, brachte ich nur heraus. Ein dicker Kloß im Hals machte das Reden auf einmal sehr schwierig.

„Gehen wir ’n Stück zusammen?“ Er hatte meine Frage anscheinend gar nicht gehört.

Wir liefen nebeneinander her. Die Stimmung war beklommen, krampfhaft versuchten wir ein Gespräch in Gang zu kriegen. Jürgen erzählte von der Feuerwehr, ich von der Penne. Ein bisschen erinnerte es an den letzten Besuch von Hartmann und Piet im Frühjhr. Ich erklärte Jürgen groß und breit das Kurssystem, das ich selbst kaum kapierte, schwafelte über die Pauker, meine Fächer, und tat die ganze Zeit, als liefe alles bestens im altehrwürdigen Wilhelm-Gymnasium – dabei stand ich dort ganz oben auf der Abschussliste.

Jürgen hatte der Schule mittlerweile den Rücken gekehrt, machte seit dem Sommer eine Ausbildung zum Industriekaufmann, beim Großmarkt in Hoheneck. „Ist ’ne gute Sache“, behauptete er. „Man hat einen geregelten Tag, macht sich nicht tot und liegt den Eltern nicht mehr auf der Tasche.“

„Ich würde auch gern endlich mein eigenes Geld verdienen“, erzählte ich.

„Such dir doch ’ne Lehrstelle. Momentan bin ich gerade im Vertrieb, bei Herrn Sühring. Soll ich ein gutes Wort für dich einlegen?“

„Nee, lass mal“, antwortete ich eilig. Trotzdem: Wie komisch es war, diesen Namen zu hören, nach so langer Zeit…

Wir bogen in den Achterkamp, kamen in die Brentanostraße. Ich berichtete, dass wir mittlerweile in Neuschönhagen wohnten, nicht mehr nebenan, in der Eichendorffstraße.

„Weiß ich doch.“ Er wirkte leicht verwundert.

Dann standen wir vor seiner Tür. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich ihm auf den Weg durch die Gärten gefolgt war. Als wollte ich noch mit ihm reingehen…

Oben in Jürgens Zimmer sah man das Deckenlicht brennen. Hatte er vergessen, es auszumachen? Aber die rote Lampe auf der Fensterbank war dunkel.



„Was treiben denn die anderen so?“, fragte ich vorsichtig.

Er blickte mich einen Moment stirnrunzelnd an: „Tja, das kann ich dir auch nicht so genau sagen. Silke und ich sind jetzt meistens für uns. Dass Kristina und Bernd nicht mehr zusammen sind, hast du gehört?“

Ich schüttelte den Kopf. Woher sollte ich das gehört haben?

Nun erkannte ich leichte Ungläubigkeit in seiner Miene. Und endlich verstand ich: Neuigkeiten wie eine geplatzte Beziehung oder auch unser Umzug verbreiteten sich in der kleinen, übersichtlichen Welt von Schönhagen natürlich wie Lauffeuer. Nichts davon mitzubekommen war eigentlich unmöglich.

„Kristina und ihre verdammte Fremdgeherei“, knurrte Jürgen wütend. „Bernd hat ihre Eskapaden ja lange mitgemacht. Wobei Silke fast noch mehr darunter gelitten hat, sie liebt und bewundert ihre Schwester ja abgöttisch. Bekam jedes Mal einen regelrechten Nervenzusammenbruch, wenn Kristina mal wieder irgendwas am Laufen hatte. Aber die hat sich null um Silke geschert. So eine egoistische Ziege, mit der bin ich fertig, das glaub mir aber!“ Er hatte sich völlig in Rage geredet; das Ganze nahm ihn noch immer sichtlich mit.

Ich spähte ins Dunkel auf der anderen Seite des Weges: Das Haus der Rönnfelds war nur schwach auszumachen, hinter keinem der Fenster brannte Licht. Nebenan erahnte man die Terrasse der Stützers; das zugehörige Haus war ebenfalls komplett dunkel.

Allmählich gewöhnte meine Augen sich an die Lichtverhältnisse. Ich konnte nun unser altes Haus erkennen, ganz hinten an der Ecke. Sah den Efeu auf dem Dach, erinnerte mich, wie wir ihn vor ewigen Zeiten geschnitten hatten. Darunter lag das Fenster meines alten Zimmers. Und auf einmal spürte ich heftiges Heimweh…

„Bernd ist bloß noch mit den Leuten vom Motorradclub zusammen“, erzählte Jürgen weiter. „Und in der Alten Mühle ist eh seit langem Totentanz.“

Das klang alles so vollkommen anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Und was war mit Maren? Warum erwähnte er sie nicht?

„Wie sieht’s aus?“, fragte er. „Hast du Bock, morgen zum Abendbrot vorbeizukommen? Meine Eltern sind gerade im Urlaub, ich hab sturmfreie Bude.“

Wie leicht das war: Eben mal kurz auf der Straße getroffen, und schon war eine Verabredung fällig. Und dafür hatte ich so lange gebraucht? Wie hatte ich es überhaupt geschafft, sämtlichen Leuten die ganze Zeit aus dem Weg zu gehen? Eigentlich war das eine logistische Meisterleistung, so nah, wie sie alle noch bis vor kurzem gewesen waren…



„Dann können wir mal wieder ausführlicher quatschen.“ Jürgen wartete noch auf meine Antwort.

Vorsichtig nickte ich. „Aber ich muss anschließend vielleicht noch woanders hin“, kündigte ich vage an. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, ein Hintertürchen, um mich verdünnisieren zu können, falls es zu anstrengend wurde.

Wieder betrachtete er mich mit forschendem Blick. „Na, für ein Gläschen mit Ole und mir wird’s sicher noch reichen. Er wollte gegen neun auch rüberkommen.“

Ole wohnte in der Kleiststraße, im Reihenhausblock hinter den Garagen. Ich kannte ihn aus der Alten Mühle. Ein etwas nerviger Typ, laberte gern und viel, machte immer auf cool. Komisch, dass Jürgen sich ausgerechnet mit dem traf.

„Ja, mal sehen.“ Der Gedanke, gleich mit zwei Leuten dort sitzen und quatschen zu müssen, behagte mir überhaupt nicht. Das ging alles viel zu schnell, fast wie im Zeitraffer.

Und es gab ein weiteres Problem: meine Aufmachung. Der Pisspott-Haarschnitt, mein Nasenfahrrad von Brille. Außerdem besaß ich nur noch Scheißklamotten. Um nicht aufzufallen, nicht gesehen zu werden, waren sie ideal. Aber zu einem Treffen konnte ich in diesem Aufzug definitiv nicht gehen.

Licht flammte nun bei Jürgen im Flur auf, jemand kam die Treppe herab. Dann öffnete sich die Haustür – und Silke stand vor uns.

„Ach, hier bist du“, sagte sie mit vorwurfsvoller Stimme zu Jürgen. „Ich warte schon die ganze Zeit.“

„Guck mal, wen ich unterwegs getroffen habe.“ Er trat zur Seite, schob mich nach vorn.

Sie hatte sich sehr verändert. Ihre Wimpern waren mit Tusche nachgezogen, ihr Mund glänzte rot vom Lippenstift. Sie trug modische, fast schicke Klamotten, die sie reif und erwachsen aussehen ließen. Ein schwacher Duft von Parfüm wehte mir entgegen. Sie sah toll aus, wie jemand vom Film.

Im ersten Moment schien sie mich nicht zu erkennen, betrachtete mich nur ratlos von oben bis unten. Aber dann hellte sich ihre Miene zaghaft auf. „Na so was, hallo!“, sagte sie leise. In ihrem Tonfall mischten sich Überraschung und Freude.

Ich stand dort, als müsse ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mädchen sprechen. „Hi“, presste ich aus mir heraus und versuchte zu lächeln. Wir schauten uns an, suchten nach Worten. Schließlich wurde es zu viel, abrupt drehte ich mich weg. „Ich will los“, sagte ich an Jürgen gewandt, „wir sehen uns.“



Dann ging ich schnell zur Straße zurück.

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