DBdD-Kapitel 64

Unruhig betrat Zunae den Innenhof, in dem sie sich mit Arcas treffen wollte. Es wurde Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen. Er sollte sich keine Hoffnungen mehr machen. Sie konnte ihn nicht heiraten. Nicht einmal, wenn sie wollte. Ihre Aufgabe hatte Vorrang und dafür brauchte sie die Position der Königin. Eine, die Arcas ihr nicht geben konnte.
Außerdem hatte sie eine kleine Schwäche für Yelir entwickelt. Ob es wirklich Gefühle waren, konnte sie schwer sagen. Sie mochte ihn und ertappte sich immer wieder dabei, ihn zu vermissen, wenn er nicht da war, doch sie wollte diese Gefühle nicht an sich heranlassen. Das wäre besser für sie beide. Ihre Beziehung sollte rein politisch sein und auch bleiben. Zumindest wünschte sich das Zunae. Gefühle würden es am Ende für Yelir nur noch schwerer machen.
Als sie den Innenhof betrat, entdeckte sie Arcas. Er hatte ein kleines Feuer gemacht und den Schnee weggeräumt. Auch war die Bank, auf der er saß, mit Kissen und Decken vorbereitet. Als würde er alles dafür tun, dass sie sich wohlfühlte.
Zunae fühlte sich sofort schuldig. Er hatte sich so viel Mühe für sie gegeben. Hätte sie den Grund ihres Treffens deutlicher machen sollen?
Als Arcas Zunae erkannte, erstrahlte er und kam direkt auf sie zu, um sie zu begrüßen. »Ich habe von deinem Unfall gehört«, sagte er besorgt und musterte sie eingängig. »Yelir wollte mich nicht zu dir lassen. Wie geht es dir?«, fragte er besorgt. An ihrem Körper erkannte er keine Anzeichen darauf, was geschehen war, doch ihr Blick, der distanziert und vorsichtig war, zeigte ihm, dass es ihr nicht gut ging.
»Ich …«, setzte Zunae an. Yelir hatte ihre seltsame Vision als Unfall deklariert. Zumindest allen anderen gegenüber. »Ich denke, es geht mir wieder gut«, sagte sie, weil sie nicht wollte, dass Arcas Zweifel daran hatte, dass es sich wirklich um einen Unfall handelte.
»Das ist schön zu hören«, sagte Arcas, der noch immer lächelte und Zunae deutete, sich mit ihm zu setzen. Er wirkte nicht, als würde er sich Sorgen darum machen, dass sie ihn ablehnte. Wieso war er so selbst sicher?
»Ich wollte mir dir reden«, sagte Zunae zögerlich, ohne sich zu ihm zu setzen.
Das ließ Arcas innehalten und er drehte sich wieder zu ihr um. Sein Lächeln verrutschte dabei keinen Millimeter. »Über deine Entscheidung?«, fragte er, wobei sein Auge funkelte. Das andere, weiß, durch das die markante Narbe ging, blickte sie leer und kalt an. Etwas, das Zunae schon die ganze Zeit versuchte, zu ignorieren. Jetzt aber, wo er sie so direkt anstarrte, ließ es ihr einen kalten Schauer über den Rücken wandern.




»Ja, ich habe lange darüber nachgedacht«, sagte sie. Es war überraschend schwer, Worte hervorzubringen. »Aber … ich denke … wir beide passen nicht gut zusammen«, sagte sie, wobei sie ihn nicht ansehen konnte.
Erst, als sie die Worte hervorgebracht hatte, sah sie wieder auf.
Arcas hielt seine Hand vor seinen Mund. Darum ein weißes Pulver, das er ihr mit einem Hauch entgegenbließ.
Verwirrt und überrascht stolpert Zunae zurück, schnappte aber nach Luft und atmete hustend ein, was Arcas ihr in einer Geste noch einmal entgegenwarf.
»Was soll das?«, stieß Zunae hervor, die spürte, wie ihre Beine weich wurden.
»Das funktioniert ja wirklich«, bemerkte Arcas überrascht, als Zunae zu Boden ging und sich benommen den Kopf hielt. Ihr Körper fühlte sich müde an und ihr Kopf wie benebelt. Als hätte sie zu viele Tabletten genommen.
Arcas hockte sich zu ihr und griff nach ihrem Kinn, damit Zunae ihn ansehen musste. Diese versuchte sich ihm zu entziehen, doch es gelang ihr nicht. Als hätte sie sämtliche Kraft verlassen.
»Ich wusste von deiner Entscheidung, noch bevor du es wusstes«, sagte er mit einem Lächeln, das traurig, aber trotzdem kalt war. »Seitdem du hier bist, lasse ich dich überwachen. Ich kenne all deine Geheimnisse«, flüsterte er und strich ihr sanft über die Wange. »Wärst du nicht so stur und hättest meinen Antrag einfach angenommen, hätte ich diesen Weg nicht betreiten müssen.«
»Was …«, krächzte Zunae, als sie bemerkte, dass ihre Stimme versagte.
Arcas lachte leise. »Es wundert mich, dass deine Visionen dich nicht gewarnt haben. Aber ich habe auch nicht vor, dich zu töten«, flüsterte er an ihre Lippen, achtete jedoch darauf, sie nicht zu berühren. Er wollte nicht riskieren ebenfalls das Pulver zu sehr einzuatmen. Es hatte zwar fast keine Wirkung bei ihm, aber trotzdem wollte er nicht unvorsichig sein.
Zunae, die spürte, wie ihr Blick verschwamm, versuchte sich einen Reim daraus zu machen, was er gesagt hatte.
Sie ahnte jedoch nicht, dass er ihr gesamtes Zimmer mit magischen Steinen versehen und sie so kontrolliert hatte, seitdem sie einen Schritt in diese Burg gesetzt hatte.
Hier geschah nichts, ohne, dass Arcas etwas davon bemerkte. »Mit deiner Hilfe wird es mir endlich möglich sein, Yelir zu besiegen und seinen Platz einzunehmen. Dann wirst du mich heiraten müssen«, trällerte er, begeistert von seiner Idee.




Es spielte keine Rolle vor ihn, was sie wollte. Er wollte nur ihre Fähigkeiten und hatte sich entschieden, dass sie dazu nicht unbedingt frei sein musste. Anders als sein Halbbruder war er nicht abgeneigt von der Idee, sie zu seiner Sklavin zu machen, die jeden seiner Wünsche erfüllte.
Seine Mutter hatte vollkommen recht damit, dass sie gefährlich war und diese Gefahr sollte in die richtige Richtung gelenkt werden.
»Ich werde dich nicht heiraten«, stieß Zunae hervor, die nicht ganz verstand, was um sie herum geschah.
Das Puder, das Arcas aus ihren Tabletten gegen ihre Visionen gewonnen hatte, war so stark, dass es sie völlig aus de Konzept brachte. Hatte Aidina gewusst, dass es eine solche Wirkung haben könnte oder hatte Arcas ihre Tabletten nur als Grundlage benutzt?
Und was würde er jetzt mit ihr machen?
All diese Fragen gingen Zunae durch den Kopf, als sie langsam das Bewusstsein verlor.
Bevor sie zu Boden fallen konnte, fing Arcas sie auf. Im Moment brauchte er sie unverletzt, um zu testen, ob das Artefakt, dass seine Mutter ihm gegeben hatte, wirklich funktionierte.
Als seiner Tasche holte er ein rosafarbenes Halsband, das in der Mitte ein Herz aus Metall mit einem Schloss hatte. Es sah süß aus, auch wenn keine Frau der Nordlande etwas so peinliches außerhalb der privaten Räume tragen würde.
Darüber machte sich Arcas jedoch keine Gedanken, als er es Zunae umlegte.
Das Gegenstück dazu war ein einfaches, schwarzes Armband, das ein kleines, fast unscheinbares Herz mit einem Schlüssel aufwies.

Nur ein paar Flure weiter huschte Chiaki durch die Schatten, als er spürte, wie sich die Verbindung, die er seit einigen Jahren sehr genoss, seltsam anfühlte. Zunaes Magie, die in ihn floss und ihn stärkte, war plötzlich nur noch so gering, dass er es kaum mehr wahrnehmen konnte.
Panik befiel ihn und ohne groß nachzudenken, tauchte er in den Schatten ein, um bei Yelir aufzutauchen.
Dieser war gerade dabei, sich anzukleiden, als er die Gegenwart des Katers spürte und sich umwandte. Den Arm gerade durch den einen Ärmel der ledernen Weste gesteckt.
»Nae«, rief Chiaki so aufgebracht, dass er nicht sehr viel mehr sagen musste, um Yelir zu informieren.
Beim ersten Mal hatte er nicht sofort verstanden, wen der Kater damit meinte, doch mittlerweile konnte er ihn Zunae zuordnen und war sich sicher, dass Nae eine Art Kosename sein musste.




»Was ist passiert? Bring mich zu ihr«, forderte Yelir aufgebracht, der sofort zu Chiaki lief. Dieser hielt auf die Tür zu, obwohl er am liebsten in den Schatten verschwunden und bei Zunaes letztem Standpunkt aufgetaucht wäre. Allerdings konnte er ohne ihre Magie und in seinem aktuellen Zustand nichts tun, um ihr zu helfen. Wenn sie also in Gefahr war, dann war es besser, Yelir dabei zu haben.
»Ihre Magie ist anders«, erklärte Chiaki, während er Yelir durch die Gänge führte.
Dieser merkte sofort, in welche Richtung es ging.
Vor wenigen Stunden hatte er eine Aufforderung von Arcas bekommen, ihn in einem Innenhof zum Duell zu treffen. Eigentlich hatte Yelir ablehnen wollen, da Arcas seine Chance bereits vertan hatte. Aber wie es schien, hatte er eine Möglichkeit gefunden, ihn doch dazu zu zwingen.
In Yelir stieg Wut auf und er ballte beim Laufen die Hand zur Faust. Wenn er Zunae etwas getan hatte, würde Yelir sich nicht zurückhalten.
Als er schließlich in den Innenhof kam, blieb er abrupt stehen.
Arcas saß auf einer Bank. Vor ihm kniete Zunae im Schnee und hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt, während er sanft durch ihre Haare strich.
Yelir entging das zittern Zunaes nicht, doch sie bewegte sich nicht. Sah nicht einmal auf. Ihr Blick ging auf den Boden und wirkte leer.
Yelir stockte der Atem. »Was hast du getan?«, fragte er atemlos. Wie war es Arcas gelungen, Zunae in eine solche Position zu zwingen? Er war doch überhaupt nicht stark genug dafür.
Arcas lachte leise und erhob sich, wobei er Zunae von sich schob. Diese reagierte nicht und blieb einfach sitzen, während sie weiterhin leer zu Boden blickte. »Ich dachte, du könntest einen kleinen Anreiz gebrauchen, um mit mir zu kämpfen«, erklärte er gut gelaunt und tätschelte Zunaes Kopf, als wäre sie sein Haustier.
Chiaki fauchte aufgebracht. »Bist du dir bewusst, was du aufgibst, wenn du dieses Artefakt benutzt, Mensch?«, fragte er, als er das Halsband um Zunaes Hals erblickte. Er spürte die Macht, die davon ausging und erkannte Zunaes Magie an Arcas.
Dieser lachte lediglich. »Dein kleines Haustier hat aber ein ziemlich loses Mundwerk. Wo hast du den denn aufgegabelt?«, fragte er überheblich. Dieses Mal würde er auf keinen Fall verlieren.



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