Noshiko-Kapitel 11
Mein Blick war zwar nach draußen gerichtet, doch ich nahm eigentlich nicht viel wahr. Die Bilder der Umgebung zogen an mir vorbei, während Satoru mich nach Hause fuhr. Schon jetzt vermisste ich Yuri, doch ich würde ihn hoffentlich bald wiedersehen. Ob er mich dann noch wollte? Schon die letzten Stunden plagte mich dieser Gedanke. Es war viel geschehen und er war gestern so seltsam gewesen. Nicht direkt distanziert, aber anders als vorher. Er hatte mich gehalten und gestreichelt, doch es war abwesend geschehen. Als würde er sich um andere Dinge Gedanken machen.
Er hatte mir gesagt, dass er sich um die Dinge kümmern würde, doch ich wusste nicht, was er meinte.
Ging es darum, dass mich jemand entführt hatte? Oder ging es um andere Dinge?
Ich wusste es nicht, weshalb ich mir aktuell den Kopf darüber zerbrach.
„Wie gefällt es Ihnen auf dem Internat?“, fragte Satoru, der sehr neugierig klang. Es war so, als würde er mich hier noch einmal fragen, weil er glaubte, ich hätte vorher gelogen und konnte nun frei sprechen. Irgendwie stimmte es auch. Ich hatte zwar nicht gelogen, hatte aber nicht frei sprechen können.
„Ich habe einen Mann kennengelernt“, sagte ich, wobei ich verträumt klang. Seit meinem Ausbruch wirkten die Tabletten nicht mehr so gut. Ich musste wahrscheinlich mehr davon nehmen. Was an sich nicht gut war.
„Tatsächlich?“, fragte Satoru überrascht und lachte leise. „Kein Wunder, dass Ihr nichts darüber gesagt habt. Eurer Großmutter würde das sicherlich nicht gefallen.“
Ich seufzte. „Ich hab schonmal gesagt, du musst nicht höflich sein, wenn wir allein sind. Und ja: Deshalb habe ich es nicht erzählt, also bitte sag es ihr nicht“, bat ich. Ich vertraute Satoru. Er würde diese Dinge für sich behalten.
„Wer ist es denn?“, fragte er neugierig. Ich sah aus dem Augenwinkel sein Grinsen.
Ich wandte meinen Blick ab. „Er heißt Yuri“, murmelte ich. In der Spiegelung des Fensters konnte ich sehen, dass Satoru kurz zu mir blickte, sich dann jedoch wieder der Straße widmete.
„Du meinst doch nicht Yuri Hashita, oder?“, fragte er, wobei er angespannt klang.
Hashita. Ich glaube, dass war sein Nachname. Wenn ich mich an die erste Stunde mit ihm erinnerte, dann hatte die Lehrerin ihn Lord Hashita genannt.
„Ja, ich denke, dass ist er“, sagte ich und blickte ihn nun wieder an. Warum wirkte er so angespannt?
Neugierig musterte ich den Mann. Er war mittleren Alters und an sich sehr elegant in seinem dunkeln Anzug. Seine schwarzen Haare waren fein geschnitten und adrett gelegt.
Was mich aber störte war die Tatsache, dass er sehr angespannt war.
„Du solltest dich wirklich von ihm fernhalten“, sagte er plötzlich noch immer angespannt. Sogar seine Knöchel traten weiß hervor, weil er das Lenkrad so fest hielt.
Das machte mich unsicher. „Warum?“, fragte ich zögerlich. Wieso reagierte er so? Was war denn so schlimm an ihm?
„Er ist in … Geschäfte verwickelt, die gefährlich für dich werden könnten“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.
Geschäfte? Ich erinnerte mich zurück an den Moment in der Stadt. Als Yuri einen Mann gegen eine Wand gedrückt und mit einem Messer bedroht hatte. Ein Schauer rann mir über den Rücken.
„Was für Geschäfte?“, fragte ich mit belegter Stimme. Mein Mund wurde plötzlich trocken.
Ich konnte erkennen, dass Satoru sich noch mehr versteifte. „Das … darf ich Euch nicht erzählen“, sagte er entschuldigend, weshalb ich meine Augen verengte.
„Hat Großmutter dir den Mund verboten?“, fragte ich, denn im Grunde reagierte er nur so, wenn Großmutter etwas sagte. Ich wunderte mich also kaum, als er nickte.
Mir gab diese Reaktion viele Informationen. Großmutter kannte Yuri oder seine Familie und sie wusste, was er tat. „Wird er gesucht?“, wollte ich wissen, obwohl ich die Antwort kannte. Wenn dem so wäre, würde er nicht auf die Schule gehen.
Satoru schüttelte den Kopf. „Nein. Das nicht, aber seine Geschäfte sind … gefährlich. Vor allem für Euch“, sagte er ernst, bevor er an einer Ampel hielt.
Wir waren unserem Ziel schon recht nah.
„Ich verstehe“, murmelte ich. Es war wohl keine gute Idee von meiner Entführung zu sprechen. Wahrscheinlich wusste meine Großmutter bereits davon. Die Lehrer hatten es immerhin auch mitbekommen.
So langsam begann ich, die Welt besser zu verstehen. Großmutter stand zwar an der Spitze, doch unter ihr gab es scheinbar weitere Organisationen, die allein handelten und trotzdem irgendwie mit ihr verbunden waren.
Die Lehrer arbeiteten zwar irgendwie für meine Großmutter, schienen sich aber auch von diesen anderen Organisationen herumschubsen zu lassen. Warum sonst sollten sie vor Yuri so kuschen?
„An sich gefällt es mir auf der Schule aber sehr gut“, wechselte ich das Thema, da ich nicht wollte, dass Satoru weiterhin so angespannt war. Ich würde mich aber trotzdem nicht von Yuri entfernen. Stattdessen wollte ich wissen, was dahintersteckte.
„Das ist sehr gut. Wie sind die Lehrer so?“, fragte er neugierig und ging zum Glück auf meinen Themenwechsel ein. „Kommst du mit dem Stoff gut hinterher?“
„Ich hab ein paar Klassen übersprungen“, meinte ich, als wäre es nicht wichtig und blickte wieder hinaus. Ich konnte nicht verhindern ein wenig nervös zu werden, denn wir kamen dem Schloss meiner Großmutter näher.
„Wirklich? Wieso das?“, fragte er überrascht. „Ich dachte, du würdest die Zeit nutzen und es genießen“, bemerkte er.
Ich seufzte leise. „So war es auch geplant, aber irgendwie lief es anders.“
„Verstehe“, murmelte Satoru und bog in die Einfahrt zum Schloss ein. „Solange es Euch gefällt, sollte alles gut sein“, fügte er hinzu, was mich schmunzeln ließ. Er konnte sich wirklich nicht entscheiden, wie er mich ansprach. Vielleicht war es besser, wenn er höflich blieb, damit er sich vor Großmutter nicht verplapperte.
Schließlich hielt er, stieg aus und öffnete mir die Tür.
Vor den Treppen nach oben erwarteten mich bereits einige Dienstmädchen und -Jungen, welche sofort meinen Koffer holten, bevor mich ein Dienstmädchen fragte, ob ich ein heißes Bad wollte und etwas zu essen. Großmutter war noch in einer Besprechung und hätte erst in einer Stunde Zeit. Etwas, was ich gewohnt war. Darum nickte ich. Es war sicher nicht verkehrt, wenn ich mich vorher etwas entspannte und ausruhte. Gespräche mit Großmutter waren immer sehr anstrengend. Obwohl sie meine Familie war und sich große Mühe gab, war sie doch die Königin dieses Territoriums und oft genug verhielt sie sich auch mir gegenüber so.
Ich ließ mich ins Schloss und in meinen Bereich führen. Im Grunde hatte ich hier alles. Mehrere Zimmer, in denen ich mich frei entfalten konnte und auch Leute, die für mich da waren. Trotzdem fühlte es sich kalt und einsam an. Yuris Fehlen bemerkte ich sehr stark.
Die junge Dienerin mit dem Namen Yoko brachte mich zum Speisesaal, wo bereits ein Festmahl auf mich wartete. Gleichzeitig war ich aber auch ganz allein in dem großen Raum.
Mein Hunger war nicht besonders groß und nahm gerade noch weiter ab. Allerdings hatte ich Yuri versprochen, ordentlich zu essen. Seiner Meinung nach hatte ich zu sehr abgenommen. Magie strengte meinen Körper an und ich verbrauchte meine Kraft sehr schnell, was daran lag, dass mein Körper selbst keine Energie mehr besaß.
Ich seufzte leise, bevor ich begann, einige Dinge zu nehmen. Meine Gedanken waren dabei bei Yuri. Was er wohl gerade tat?
Yoko schenkte mir Saft ein, den ich am liebsten trank, bevor sie sich etwas zurückzog.
Mir fiel das Essen schwer, obwohl die Speisen alle sehr lecker waren. Ich leerte die kleine Schale süß-scharfe Suppe, bevor ich noch die Fleischspieße aß. Dann trank ich den Saft aus und erhob mich. „Ich würde jetzt gern baden gehen“, sagte ich an Yoko gewandt. Diese lächelte, bevor sie nickte.
„Das Wasser ist eingelassen“, sagte sie. Dann führte sie mich zum Bad, obwohl ich wusste, wo es war. Allerdings war es nicht möglich, hier irgendetwas zu tun, ohne beobachtet, ja regelrecht verfolgt zu wurde. Etwas, was ich wirklich hasste.
Als ich schließlich in der Badewanne saß, schloss ich die Augen. Satorus Worte, dass Yuri gefährlich war, gingen mir nicht aus dem Kopf. Ich wollte nicht, dass dem so war, weshalb ich versuchte, das alles zu verdrängen. Hatte ich mich so sehr in diesem Mann geirrt, der mir so ans Herz gewachsen war? Vielleicht hatte Satoru Recht und ich sollte mich von ihm fernhalten.






































Kommentare