Freundschaftsspiel

Vincent ging mit knirschenden Schritten um das Gebäude herum. An der Seite fand er eine verbeulte Metalltür mit einem faustgroßen Vorhängeschloss. Das Schloss hätte Fort Knox zur Ehre gereicht. Die Toilette. Unter der Berührung seines Zeigefingers glühte der Bügel kurz auf, bevor er sich verflüssigte und mitsamt dem Schloss zu Boden fiel. Er riss an der Klinke und musste sich fast übergeben. Bah! Das war die Hölle … Da hatten sich die hiesigen Täuschungsdämonen wirklich Mühe gegeben. Sie betrieben die Tankstelle. Die vollgeschissene Kloschüssel und die Fliegen waren mit einem Wink verschwunden. Keine Spur von der verlorenen Seele. Aus der Ferne ertönte ein weiterer Schmerzensschrei von Frederick. Er trat einen Schritt zurück. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wenn Solomon Fairway noch hier wäre, würde er bei jeder falschen Entscheidung einen grauen Tod sterben. Nicht sein Buchhalter. Um das zu testen, hatte er extra seinen Lakaien mitgenommen. Außerdem spürte er nur die Energie von einer Seele, nicht von zweien. Aber das konnte täuschen. Die einen hatten mehr Kraft als die anderen. Trotzdem. Wenn Fairway es geschafft hatte, aus dieser Ebene zu entkommen, musste er herausfinden, wie. Es war möglich, dass ein höherer Dämon ihn entführt hatte. Oder dass der Chef persönlich hier gewesen war. Allerdings wären die Täuschungsdämonen dann in heller Aufregung. Sie würden sich nicht einfach zurücklehnen, eine ruhige Kugel schieben und sich mit Frederick einen Spaß erlauben.
In diesem Moment schien sich die Luft elektrisch aufzuladen. Wie bei einem herannahenden Gewitter. Der Himmel blieb klar und wolkenlos. Wenn sein Lakai nicht vom Blitz erschlagen werden sollte – woher kam diese Energie? Langsam ging er an der Außenmauer entlang zurück nach vorne zu den Zapfsäulen.
Sein Buchhalter kam mit erhobenen Armen über die Straße auf ihn zugerannt. »Chef! Chef! Ich glaube, hier stimmt was nicht …«
Ein elektrisches Knistern ertönte. Frederick verharrte mit weit aufgerissenen Augen mitten im Schritt. Als hätte jemand die Stopptaste gedrückt. Weiße und blaue Funken hüllten ihn ein und wanderten über seine Glieder. Mit einem Knall war er verschwunden. Zurück blieb eine stecknadelkopfgroße, blendende Mini-Supernova. Sie schwebte einen Moment in der Luft, dann flog sie davon. Ein Gerät sog sie auf. Es erinnerte ihn an eine klobige Laserpistole aus den 1960er-Jahren. Es befand sich in den Händen einer schlanken Frau mit zerzausten roten Haaren. Sie grinste breit und stand in einem dunklen Labor.
Triumphierend reckte sie die Waffe in die Höhe: »Ha! Wir haben ihn! Wenn man … oh.«
Offenbar bemerkte sie erst jetzt, dass Vincent sie anstarrte und mit langen Schritten auf sie zukam. Hatte sie es wirklich gewagt, ihm ausgerechnet eine seiner Seelen zu stehlen? Noch dazu seinen Leiter der AfumaVmuH? Und was sollte das überhaupt sein? Ein Portal? Sie hatte es aus der Welt der Sterblichen in die Hölle geöffnet. Das war mehr als unverschämt. Wenn hier jemand Portale öffnete, dann seine dämonischen Kollegen und er. Und wenn, dann nur, um sterbliche Seelen hierher zu locken. Nicht umgekehrt. Na warte …
Er hob die Hand und entzog der Umgebung einen Teil ihrer Energie. Die drei Täuschungsdämonen an der Tankstelle zerfielen in diesem Moment zu Staub. Ihre Kraft sammelte sich in seiner Faust. Wütend schleuderte er das rohe Plasma auf die Rothaarige. Ihre Reaktion war anders, als er erwartet hatte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus. Aber sie warf sich nicht zur Seite, sodass der Energieball in ihrem Labor explodiert wäre. Stattdessen riss sie ihre Waffe nach vorne. Erneut ertönte das elektrische Knistern. Das glühende Plasma wurde auf ähnliche Weise komprimiert und aufgesaugt wie Frederick zuvor. Zurück blieb nichts als leere Luft und beißender Ozongestank.
»Uh, yeah!«, schrie sie und stieß ein irres Lachen aus. »Gib mir mehr davon, Baby! Komm schon!«
Was bei den Hörnern …? Er blieb mitten im Schritt stehen. Er war unschlüssig, ob er sie direkt angreifen sollte. Die war vollkommen durchgeknallt und hatte die geballte Energie von drei niederen Dämonen aufgesaugt. Die Spitze ihrer Laserpistole schwenkte in seine Richtung. Darauf wollte er sich nicht einlassen und warf sich mit einer Schulterrolle zur Seite. Dort, wo er vor einer Sekunde noch gestanden hatte, glühte die Luft und nahm die Form einer … Ratte? … an. Gleichzeitig sah er in der Ferne hinter dem Portal pechschwarze Fäden purer Finsternis. Sie fraßen sich durch Wüste und Himmel. Die persönliche Hölle, die für Solomon Fairway geschaffen worden war, löste sich auf. Sie war ihres eigentlichen Daseinszweckes beraubt. In wenigen Sekunden würde es hier buchstäblich nichts mehr geben – ihn eingeschlossen. Die Irre hatte davon nichts mitbekommen. Sehr schön. Wie konnte er sie lange genug ablenken?
»Hey!«, rief er ihr zu, trat zurück und behielt die Spitze ihrer Pistole im Auge. »Willst du dich nicht wenigstens vorstellen, bevor du hier sinnlos herumballerst?«
Sie starrte ihn mit gerunzelter Stirn an. Aber sie hielt die Waffe gesenkt. »Ich ballere nicht, ich sauge. Und das ist alles andere als sinnlos, sondern dient der Wissenschaft.«
Sehr schön. Sie gehörte offenbar in die Kategorie arrogante Wissenschaftlerin und war längst nicht so abgebrüht, wie sie vorgab. Ein erfahrener Killer hätte niemals auf seine Provokation reagiert und direkt geschossen.
»Auch gut. Ich bin übrigens Vincent und mit wem habe ich das Vergnügen?« Während er versuchte, das Gespräch am Laufen zu halten, zogen die Fäden bereits durch den Himmel über ihm. Sie näherten sich von hinten dem Portal wie gefräßige Würmer. Sie fraßen die Restenergie dieser Ebene auf.
»Ich …« Ihr Kopf zuckte nach oben. Sie erkannte die Schwärze, die sich ausbreitete. »Was zur …?«
»Genau die«, sagte er augenzwinkernd und ließ sich durch den Boden in einen der tieferen Höllenringe fallen. Das geschah kurz bevor einer der Fäden die Stelle auslöschte, an der er gestanden hatte.
⌁⋅⌁
Mit einem dumpfen Aufprall landete er kauernd in einem betonierten Gang. Ein unbedarfter Beobachter hätte es für einen Bunker halten können. Aber er wusste es besser. Aus der Ferne drang das Echo einer johlenden Menge zu ihm. Er stand auf und strich sich den Mantel glatt. Auf dem Weg zur nächsten Abzweigung in Richtung der Geräusche ließ er noch einmal alles Revue passieren.
Die Seele von Solomon Fairway war aus seiner privaten Hölle verschwunden. Dort sollte er seine Fehlentscheidungen wieder und wieder durchleben. Offenbar war sie von dieser verrückten Wissenschaftlerin »aufgesaugt« worden. Deren Namen kannte er nicht. Frederick war kurzzeitig an die Stelle von Fairway getreten und hatte die Rolle des Gepeinigten übernommen. Auch sein Lakai war der Frau zum Opfer gefallen. Das nahm er ihr persönlich übel. Ihm eine schuldige Seele zu stehlen, war eine Sache. Ihm seinen fähigsten Diener zu rauben, etwas ganz anderes. Und dann hatte sie auch noch die dunkle Energie von drei niederen Dämonen einfach so eingefangen. Wer weiß, was passiert wäre, wenn sie ihn erwischt hätte? Hätte er ihrer Waffe widerstehen können? Vielleicht. Aber wenn er in den vielen Tausend Jahren seiner Herrschaft eines gelernt hatte, dann das: Heimtücke war immer die bessere Wahl als ein Frontalangriff.
Und was bei den Hörnern Luzifers wollte sie mit der Energie in der Welt der Sterblichen anfangen? Außerdem war sie für die Zerstörung eines Teils der Hölle verantwortlich. Er hatte nicht die geringste Ahnung, ob ihre Tat weitere Folgen haben würde. Sollte er mit seinem Vorgesetzten darüber sprechen? Eher nicht. Der würde es ihm sonst persönlich übel nehmen, dass er mit einer einfachen Frau nicht fertig geworden war. Nein, er musste das Problem selbst lösen. Aber ihm fehlte die zündende Idee, wie.
Inzwischen war er an der Kreuzung angekommen und bog ab. Der Lärm der Menge wurde ohrenbetäubend. Vor ihm zeichnete sich ein helles Rechteck ab. Es führte zur Tribüne. Rechts war eine Imbissbude in die Wand eingelassen. Die Beleuchtung flackerte und gab den Blick auf verschimmelte Bratwürste und halb gefüllte Bierbecher mit Zigarettenstummeln frei. Hinter der Theke stand ein pickeliges Teenagermädchen in einer speckigen, rot-weißen Imbissuniform.
Sie blickte ihn verzweifelt an und fragte mit flacher Stimme: »Möchten Sie eine knusprige Wurst oder ein kühles Bier, Sir?«
Gab es ein schlimmeres Schicksal, als bis in alle Ewigkeit in dieser Bude zu hocken und nie etwas zu verkaufen? Die Verkäuferin kannte er nicht. Sicher lag ihre Akte irgendwo in den endlosen Regalen seiner Beamten. Was immer sie getan hatte, sie war zu Recht hier. Wie alle anderen Seelen auch.
Wortlos ging er an ihr vorbei und trat hinaus in die Helligkeit. Auf den Rängen saßen Zehntausende rot-weiß gekleidete Fußballfans. Sie feuerten ihre Mannschaft frenetisch an. Nur um im nächsten Moment kollektiv aufzustöhnen, zu schimpfen, zu weinen und sich frustriert gegenseitig mit Fäusten zu schlagen. Hier würden ihre Helden niemals einen Sieg erringen und jedes Spiel verlieren. Das galt, egal wie gut ihr Verein in der Oberwelt gewesen war. Auf dem Rasen fand ein Angriff auf das gegnerische Tor statt. Ein bulliger Kerl grätschte in die Knöchel des Stürmers, obwohl dieser gar nicht den Ball hatte. Das Knacken und Splittern der Knochen war bis zu ihm zu hören. Blut spritzte, Buhrufe ertönten. Das Spiel war nichts für Weicheier. Die Mannschaften würden sich noch in tausend Jahren die Beine brechen. Jeder bekam, was er verdiente. Dieser Höllenkreis war nicht seine Erfindung. Aber er musste zugeben, dass es eine effiziente Konstruktion war. Viele gepeinigte Seelen auf engstem Raum. Spieler und Zuschauer stachelten sich gegenseitig an und quälten sich.
Allerdings war er nicht zum Vergnügen hier oder um sich zu bilden. Er wollte sich Rat holen. Und wer war dazu besser geeignet als sein ärgster Feind? So etwas wie Freunde gab es in der Unterwelt nicht. Aber immerhin hatten sie eine gemeinsame Vergangenheit. Verfeindet zu sein verband einen. Alle paar Hundert Jahre standen sie sich auf dem Schlachtfeld gegenüber und hetzten ihre Seelen und die niederen Dämonen aufeinander. Mal gewann er, mal verlor sein Gegner. So war das eben. Eigentlich war es eher ein sportlicher Wettkampf – oder? Zumindest hoffte er, dass sein Widersacher das auch so sah. Der hochgewachsene Unhold stand mitten auf dem Spielfeld. Er hatte gebogene Ziegenhörner, eine Stierschnauze und einen menschlichen Körper. Der hätte selbst Arnold Schwarzenegger in jungen Jahren erblassen lassen. Eine blutverschmierte, schwarz-weiß gestreifte Schiedsrichteruniform sollte ihm den Anschein von Fairness verleihen.
Vincent ging langsam die Treppe zwischen den Zuschauern hinunter. Fliegende Getränkebecher verfehlten ihn ebenso wie alle Feuerzeuge, Messer und Wurfsterne. Die Menge schleuderte sie ihm unter Gejohle entgegen. Inzwischen hatte der Dämon seine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt und stoppte das Spiel mit einem schrillen Pfiff aus einer überdimensionalen Trillerpfeife. Einigen der umstehenden Spieler lief bei dem brutalen Ton das Blut aus den Ohren. Sie fielen zu Boden und krümmten sich auf dem Rasen.
»Uturok, altes Haus, wie geht es dir?«, begrüßte ihn Vincent mit ausgebreiteten Armen. Er war an der Bande am Spielfeldrand angekommen.
Sein dämonischer Rivale starrte ihn mit blutunterlaufenen Augen an und schrie mit donnernder Stimme: »Schnappt ihn euch!«





































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