Kapitel 27
Thymian bewährte sich in der Heilkunde gegen Keuchhusten und gehört zu Clives Standardausrüstung. Der Thymiantee ist bereits aufgesetzt, einsam und allein wurde die Tochter des Pferdebauern ihrem Elend ausgesetzt. Versteckt in ihrem Heim. Felines Freundin leidet am hartnäckigen Keuchhusten. In einem hochansteckenden Stadium. Wie durch ein Wunder blieb die Wirtstochter bislang verschont. Denn laut Feline, schaut sie jeden Tag nach ihrer Freundin Katharina und versorgt die Erkrankte soweit es geht. Katharinas Bruder und ihre Eltern sind noch fort, so kann sich Clive unbesorgt um seine Patientin kümmern. Sicherlich würden Katharinas Eltern seinen Besuch nicht gut heißen.
Die Diagnose erfolgte, nun liegt es daran, Katharinas Angehörige den Weg der Bekämpfung zu schildern. Clive vertagt das klärende Gespräch im Hintergrund. An der Küchenzeile, wo der Thymiantee zieht. Er legt der Wirtstochter weiteren Thymian neben die Kochstelle.
„Morgens und abends sollte sie den Tee trinken. Besser wäre es, wenn sie dreimal am Tag darauf zurückgreifen würde, aber ich weiß, dass dir dafür die Zeit fehlt. Du musst auf Abstand bleiben, sie ist hochansteckend. Es wäre auch ratsam, wenn ihre Eltern und ihr Bruder vom Tee mittrinken. Nur zur Sicherheit. Der Tee kann mit Honig gesüßt werden.“
Feline nickt traurig, die krampfhaften Hustenanfälle ihrer Freundin gehen nicht spurlos an ihr vorbei.
„Und sonst kann man nichts für sie machen? Manchmal ist sie ganz rot oder blau im Gesicht …es ist furchtbar. Fast, als würde sie ersticken.“
Ihm bereits bekannte Symptome. In der Praxis wurde er selbst Zeuge davon. Eine schwere Herausforderung für alle Anwesenden.
„Sie braucht viel Ruhe und Flüssigkeit. Auch wenn ihr nicht nach speisen ist, sollte sie versuchen, etwas zu sich zu nehmen. Ihr Körper braucht die Energie. Regelmäßig Lüften reduziert die Ansteckungsrate. Inhalieren mit heißem Dampf kann Linderung versprechen. Einfach einen Topf mit heißem Wasser nehmen und den Dampf mit einem Tuch über dem Kopf einfangen. Ansonsten rate ich zur Bettruhe, wenn dann nur kurze Sparziergänge.“
Feline wirkt sichtbar erschöpft und doch lauscht sie aufmerksam seinen Worten.
„Das kriege ich hin“, versichert sie ihm.
Berührt von dem Band ihrer Freundschaft schenkt er ihr ein aufmunterndes Lächeln und einen Ratschlag. „Ich lege euch ans Herz, die Kälte nicht zu unterschätzen. Gerade im Winter steigt die Rate mit Keuchhusten.“
Ein Blick zum Ausgang und Clive muss feststellen, dass die ungesunde Blässe in Cunos Gesicht nicht verflogen ist. Der Paladin weigert sich, einzutreten und fürchtet sich davor, angesteckt zu werden. Immer wenn Katharina anfängt zu husten, steht ihm die Panik ins Gesicht geschrieben. Er ist auch der Erste, der dem Haus Lebewohl sag. Sina hingegen geduldet sich, bis Clive seinen Koffer geschlossen hat. Schließlich verlassen sie gemeinsam das Haus. Schon in der nächsten Stunde müsste die Sonne untergehen. Ein Blick an den Horizont und der Alchemist hat das Gefühl, zwischen dem Feuerball und dem Boden fehlen nur wenige Meter.
Rebecca hielt draußen Wache und blickt nun zu ihnen.
„Alles gut?“, spricht sie Cuno an.
„Nein, ich hoffe, ich habe mich nicht angesteckt.“
„Die hustet ja auch ganz schön“, ist selbst Rebecca aufgefallen.
„Katharina ist mager“, bemerkte Sina und ihre Worte richten sich an Clive.
Der Alchemist sieht zu ihr und nickt, bevor er ihr berichtet: „Die Erkrankten haben oft keinen Hunger und verlieren Gewicht. Das kann gefährlich werden.“
„Ich wusste gar nicht, dass Thymian solch eine Wirkung hat. Ich arbeite viel mit dem Kraut. Ich hätte nie daran gedacht, dass es so eine heilende Wirkung entfalten kann“, gesteht Sina ihm.
Erneut kommt Clive auf den Genuss solch einer Unterhaltung. Ein Blick in ihr großen Augen offenbart ehrliche Neugier. Sina saugt solch ein Wissen wie ein Schwamm auf. In ihr steckt unheimlich viel Potenzial.
„Nur die wenigsten Leute wissen wirklich, was die Kräuter noch alles leisten können.“
Ihr Weg führt über den Hof des Pferdebauern. Vorbei an einem Brunnen und an den sauber gehaltenen Ställen. Dabei wird Clive das Gefühl nicht los, aus der Ferne beobachtet zu werden. Doch Rebecca wirkt zu sorglos. Zu locker. Clive vertraut auf ihre Instinkte und wirkt daher beruhigt, dass sie sich lieber im Gespräch mit Cuno verliert. Die beiden Freunde planen schließlich, im Wirtshaus Karten zu spielen.
Sämtliche Anspannung will gerade von Clive weichen, als ihn ein Schreckensfund erstarren lässt. Vor einem schmalen Durchgang zwischen einer Scheune und den Pferdeställen entdeckt er im Gras Blut- und Schleifspuren. Sina wird gerade von Rebecca angesprochen, sodass keiner seiner Gefährten mitbekommt, dass der Alchemist nicht Schritt hält und die Spuren näher betrachtet. Ohne Zweifel kam es hier zum Kampf. Ein Verbrechen liegt vor, womit dieser Fall in Cunos Zuständigkeitsbereich fällt. Ein Blick hinauf und Clive mag den Paladin über seinen Fund informieren, da legen sich kalte Finger von hinten um ihn. Vor Schreck lässt Clive glatt seinen Koffer fallen, während ihm der Mund zugehalten wird.
Eine Klinge blitzt hervor und mit angehaltenem Atem beobachtet der Alchemist, wie ein Messer in seinen Brustkorb gestochen wird. Eine brennend heiße Spur hinterlässt die Waffe. Vor Schmerzen beißt Clive die Zähne zusammen, sein Herz schlägt ihn bereits bis zum Hals. Die Klinge bohrt sich durch sein Fleisch und wird von Clives Brustkorb gebremst. Nun kann Clive nur hoffen, dass kein Organ beschädigt wurde. Das Glühen der Klinge beunruhigt ihn jedoch, die Gestalt hinter ihm setzt sich mit ihm in Bewegung. Sie ignoriert, dass jede Bewegung mit dem Fremdkörper in seiner Brust fürchterlich schmerzt. Hinter einem großen Gebüsch kommen sie zum Halt, wo sein Entführer die Klinge mit einem Ruck aus ihm reißt. Noch während das Blut aus der Wunde quillt, hat Clive das Gefühl langsam zu schrumpfen.
Kaum gibt der Täter den Mund frei, versucht Clive zu schreien. Allein, um seine Freunde zu warnen. Aber kein Wort dringt aus seiner Kehle, als er seine Hände erblickt, versteht er die Welt nicht mehr. Der Alchemist kann genau beobachten, wie sich die Struktur seiner Hände verändert. Wie Knochen und Fleisch zu Stroh werden und noch immer verliert er an Größe. Seine Brille gleitet ihm von der Nase und fällt in den Dreck.
Ein Blick zur Seite und der Schrecken ist groß, denn über ihn beugt sich ein Teufel. Ein bekanntes Gesicht, das finster auf ihn herab starrt. Im Gegensatz zu den letzten Stunden wirkt die Blumenverkäuferin wie ein Riese auf den Alchemisten. Ihr eisiger Blick bohrt sich wie ein Pfeil durch ihn hindurch. Mit nur einer schnellen Bewegung lässt die Fremde das Messer verschwinden. Ein schwarzer Kapuzenumhang verdeckt einen Teil ihrer Gestalt. Neben dem Umhang fällt ihm nun der Gürtel mit allerlei Gegenständen auf, der sich um ihre Taille wie eine Schlange schmiegt. Allerhand Kräuter, Flaschen und Werkzeuge befinden sich dort.
Die Blumenverkäuferin schnappt nach ihm und hebt Clive mit einer Leichtigkeit in die Höhe, ihre Hand ist nur um wenige Zentimeter kleiner als er. Sie kann ihn einfach an ihren Gürtel binden, von wo er den starken Duft von Verwesung, feuchter Erde und Schwefel wahrnimmt. Ohne Erfolg versucht der Alchemist zu sprechen, ihm liegen eine Menge Fragen auf der Zunge. So wie die Wunde auf seiner Brust verstummt, so auch er. Sein Körper taub. In aller Hilflosigkeit kann er nur zu sehen, wie die Blumenverkäuferin ihn fortträgt. Die Sicht ohne Brille getrübt, denn die Kurzsichtigkeit lässt die ferne Umgebung verschwommen wirken. Sein Körper verändert. Die Finger fort. Die Arme bestehend aus Strohhalmen. Am Ende zugeschnürt. Dort, wo die Hände sein sollten. Wie bei einer Strohpuppe.
Meisterhaft huscht seine Entführerin von einem Versteck ins Nächste. Gnadenlos wird Clive herumgewirbelt, donnert immer wieder gegen ihren kalten Leib. Als die Blumenverkäuferin geduckt an einem Mauerstück zum Halt kommt, bekommt sie Gesellschaft. Eine Stimme, an die sich Clive erinnert.
„Luela, nimm mich mit“, wird die Hexe aufgefordert.
„Dann schnell, Amon! Klettere auf meine Schulter“, fordert sie den kleinen Kater gehetzt auf.
Schleichend verlässt die Hexe mit dem Kater das Dorf. Tiefer in den Wald. Hoch hinauf zu einer Hütte. Thronend auf einem Hügel. Fern von dem kleinen Dorf. Clive fühlt sich schlagartig unwohler, als sie in eine dichte Finsternis abtauchen. Das einzige Licht in der Hütte dringt durch die offene Tür und neben dieser befinden sich anscheinend die Besitzer des Hauses. Blanke Knochen blicken ihm entgegen. Größe und Struktur von einem Erwachsenen. Kaum fällt die Tür knarrend zu, verschlingt die Dunkelheit die Besucher vollständig. Zurück bleibt pure Hoffnungslosigkeit.































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