Die Reise

Der Tag, an dem die lange Reise startete, war der meines höchsten Stresslevels seit meiner Existenz auf Mutter Erde. Schon nach dem Verlassen von meinem Zuhause musste ich feststellen, dass mein Körper auf die extreme Anspannung nicht allzu gut reagierte. Entweder biss ich mir die Unterlippe dauernd blutig, brauchte eine Toilette in der Nähe falls ich mich doch übergeben musste oder ein eiskalter Schauder lief meinen Rücken herunter und beschleunigte meinen Herzschlag um das Zehnfache als ich dachte, ein wichtiges Dokument wie den Reisepass vergessen zu haben. Mein Atem war zittrig, das Lebensorgan hinter meinem Brustkorb hämmerte sich den Weg durch die Knochen und die Haut nach draußen. So fühlte es sich zumindest an, eine Art Schmerz erstreckte sich bis in meine Fingerkuppen und Zehenspitzen. Andauernd musste ich die Augen schließen und tief durchatmen, um wenigstens für wenige Sekunden Ruhe in das Chaos zu bringen. Immer wenn mein Körper anstalten machte, sich zu beruhigen, leitete mein Herz das vorherige Stresslevel wieder ein. Es brachte nichts.

„Alex, geht es dir gut?“ Der skeptische Blick von meinem Vater durch den Rückspiegel verriet mir, dass es keine Frage war, sondern eine indirekte Bemerkung seinerseits. Obwohl ich mich wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch fühlte, zwang ich mir ein Lächeln auf die Lippen „Alles gut, ich fühle mich sicherlich besser, sobald ich im Flugzeug sitze. Die Nervosität, du weißt.“ versuchte ich ihn zu beruhigen, aber seine Augenbraue wanderte nur weiter nach oben „Du hast nicht mal was gegessen. Ich wette mit dir, das ist der Hauptgrund für deinen Zustand? Du siehst aus, als würde dich der Sensenmann gleich holen.”

Genauso fühlte ich mich auch.

Ich winkte ab, um seine Besorgnis von mir fernzuhalten „Du machst dir zu viele Gedanken, glaub mir. Es wird mir nichts helfen, wenn du mir Löcher in den Bauch fragst und an Essen kann ich nun wirklich nicht denken“ ermahnte ich ihn mit erstickter Stimme. Schon alleine der Gedanke daran ließ mir die Galle hochkommen. Ein tonnenschwerer Backstein lag auf meinem Magen und machte mir den Kampf gegen die Übelkeit nur unnötig schwer. Papa beließ es schließlich dabei und ich konzentrierte mich auf meine Atmung, um all diese negativen Emotionen zu unterdrücken. Jeder Meter den wir dem Flughafen näher kamen, legte meinen Versuchen nur noch mehr Steine in den Weg und immer wenn sich das Auto in eine Kurve lehnte, in der die Physik auf mich einwirkte, spürte ich meinen Magensaft in alle Richtungen schwappen wie das Meer in einem heftigen Sturm. Und ich musste mit meinem Schiff sicher durchsegeln, ohne verschlungen zu werden.



Als mein Vater parkte, schluckte ich die Galle wieder herunter, was einen bitteren Nachgeschmack auf meiner Zunge hinterließ, bevor ich merkte, dass meine Eltern schon draußen am Kofferraum standen. Wie ein Zombie tat ich es ihnen gleich, Mama fuhr vor Schreck zusammen als sie mir ins Gesicht blickte „Oh Gott Kind, du bist kreidebleich“ bemerkte sie vorsichtig und scannte jeden Winkel meiner weiß gewordenen Haut und den vermutlich schrecklich müden Augen. Papa streckte den Kopf vom Kofferraum zur Seite, um einen Blick auf mich zu ergattern. Zähneknirschend holte ich den kleinen Koffer und meine Tasche ab „Kein Wort. Verstanden?“ ermahnte ich ihn, eigentlich insgeheim beide, die mich am liebsten wieder nach Hause geschleift hätten, bei meinem Zustand. Konzentriert auf meine Atmung betrachtete ich die aktuelle Zeit und weitete erschrocken die Augen „Das Boarding hat eben begonnen“ murmelte ich entsetzt und drehte mich zu meinen Eltern, die nahe beieinander standen. Papa hatte den Arm um Mamas Schulter gelegt „Ich muss sofort los“, schnell drückte ich beiden einen Kuss auf die Wange, schnappte den Griff des Gepäcks und stürmte los in das große Gebäude. 

Nun setzte ich dem Gewitter in meinem Magen noch einen Hurricane und ein unterirdisches Erdbeben hinzu. Wenn ich mich weiter so hektisch bewegte, dann würde ich mich übergeben, sobald ich zum Stehen kam. Darauf verwette ich alles.

Panisch sah ich mich um nach einem Hinweis wo ich hin musste, da entdeckte ich auf der großen elektronischen Tafel meinen Flug, der ganz oben stand als ‚boarding‘ mit der Abflugzeit und dem Gate. Zum Glück befand es sich nicht zu weit weg. Ich rannte zur Rolltreppe und schleppte meine Sachen in schnellem Schritt nach oben. Dann musste ich nach links und den schmalen Weg nach hinten zum Gate. Zum Glück standen noch sieben Leute vor mir in der Schlange, also gab ich schnell meinen kleinen Koffer ab und stellte mich mit an, den Reisepass und das Flugticket bereits fest in den Händen.

Als ich an der Reihe war und mich beim Warten fast auf den hellen Flur übergeben musste, musterte mich die Stewardess eindringlich, während ich ihr die Unterlagen reichte „Geht es Ihnen gut? Sie sehen krank aus.” Hippelig biss ich mir auf die Unterlippe „Jaja alles gut, ist mein erster Flug und ich bin äußerst emotional. Darf ich jetzt bitte an Board? Ich kippe gleich um.“ bat ich sie leicht verzweifelt und spürte, wie meine Sicht sich mehr drehte als sie eigentlich sollte. Unsicher scannte sie mein Gesicht nochmal, um nach einer potentiellen Lüge zu suchen, dann gab sie mir meinen Pass zurück und nickte. Nervös umgriff ich den Stoff meiner Tasche fester. Jeder Schritt in den weißen Riesen fühlte sich an, wie ein näherkommen an den Höhleneingang. Meine Kehle schnürte mir die Luft ab, jeder einzelne Schritt drohte mich mehr ersticken zu lassen. Als würde man sich der Mondoberfläche nähern und immer weniger Sauerstoff zur Verfügung haben. Auf dem Teppich des Fliegers angekommen, zogen sofort verschiedene Gerüche durch meine Nase. Eine Mischung aus neuen Autositzen, Schweiß und verschiedenem Essen. Leicht angewidert verzog ich das Gesicht, einige der Aromen brannten die Schleimhäute meiner Nase weg.



Wie unter Strom quetschte ich mich durch die Reihen der Menschen und bekam immer mal wieder einen Ellenbogen ab, stolperte über einen Fuß oder wurde von einem in den Gang schnellenden Hinterteil fast weggestoßen. Die Passagiere verstauten ihre Handgepäcke in den Fächern über den Sitzen, machten ihre Plätze flugtauglich oder kümmerten sich um Kinder jeden alters welche unruhig durch den Fußraum und die Gänge wuselten oder an den Lehnen rüttelten. Relativ weit hinten, nah den Toiletten, fand ich meinen Platz am Fenster in einer noch leeren Reihe. Es beruhigte mich zu wissen, dass ich keine nervenden Sitznachbarn haben werde. 

Prüfend glich ich nochmal mein Ticket mit der Sitznummer ab oder eher den Sitznummern. Mir fiel beim zweiten Blick auf, dass sowohl der Mittelplatz als auch der am Gang auf meinen Namen reserviert waren. Vorher fiel mir das nicht wirklich auf, ich war zu aufgewühlt, um klar denken zu können. Nach einer kurzen Minute schmiss ich meine Tasche auf den mittleren Sitz und ließ mich am Fenster nieder. Zuerst nahm ich mein Handy in die Hand und überprüfte die neu eingeflogenen Nachrichten zuerst von Thomas, dann von meinen Eltern.

Hallo Alex, hoffentlich haben dich deine Eltern gut abgeliefert und das Flugzeug ist nicht allzu voll. Eigentlich ist diese Strecke immer ganz angenehm zu reisen. Mach dir nicht zu viele Gedanken und schreib mir eine halbe Stunde, bevor du landest. Ich hole dich dann ab und bringe dich gleich in dein neues Domizil für die nächste Zeit. Gute Reise!

Mein Kopf schoss nach oben, als ich hörte, wie eine Flugbegleiterin schnaufend die schwere Tür schloss. Eine neue Welle der intensiven Emotionen machte sich bereit, um mich gnadenlos zu überrollen. Im Versuch mich zu beruhigen, schloss ich die Lider kurz „Alles gut. Ich überstehe das“. Mein Zuspruch war vergeblich, ich musste alles was nun noch kam aushalten, ob ich wollte oder nicht. Als nächstes hörte man ein kurzes Rauschen, dann hallte die Stimme einer weiteren Stewardess durch den Innenraum des Fliegers „Herzlich Willkommen liebe Gäste auf unserem Flug von Nürnberg nach Moskau. Bitte setzen Sie sich und legen Sie die vorgesehenen Gurte ein, meine Kollegin im zweiten Gang zeigt Ihnen, wie es geht“ sie deutete mit den Augen auf eine schwarzhaarige Frau im eleganten Anzug mit einem knielangen Rock. Ihre Frisur war wie die der anderen Frauen makellos, ebenso wie das dezente Make-up und das strahlende Lächeln, was sie alle auf den Lippen trugen. Sie hatte einen der Anschnallgurte in der Hand und gestikulierte zusammen mit der Stimme ihrer Kollegin, die die Bewegungen durch Worte erklärte. „Wenn der Flieger in der Luft ist, dürfen Sie sich frei im Flugzeug bewegen. Die erwartete Flugdauer beträgt viereinhalb Stunden. Bei Fragen oder Anliegen stehen wir Ihnen zur Verfügung. Ihr Pilot ist heute Claude Desmond Unterberg. Das gesamte Team wünscht Ihnen einen angenehmen Flug“, beendete sie die Ansprache und steckte das Board-Telefon zurück in seine vorgesehene Halterung. Es ertönte eine weitere elektronische Stimme, diesmal eine männliche „Guten Tag, hier spricht Ihr Pilot. Wir haben eben Starterlaubnis erhalten. Oben kann es zu Turbulenzen kommen, aber Sie können mir vertrauen, ich liefere Sie wohlbehalten ab“ scherzte er, aber mir war nicht zum Lachen zumute. Die dumpfen Geräusche der Absätze auf dem Teppich wichen dem Starten der Turbinen. Kleine Männchen mit gelben Westen dirigierten das Flugzeug langsam auf die Startbahn und dann ging es los. Es rollte immer schneller über die Bahn, das Dröhnen hörte sich unerträglich laut an, dann durchfuhr mich ein Ruck und wir entfernten uns langsam von der Startbahn nach oben in den Himmel. Die Welt wurde immer kleiner, die Geräusche hörten sich plötzlich gedämpft, wie durch Watte an und ich musste andauernd schlucken für den Druckausgleich. Binnen Minuten, die sich jedoch wie Stunden anfühlen, legte sich das Ruckeln, ebenso wie die dröhnenden Geräusche. Plötzlich fühlte ich Befreiung. Schnell atmend öffnete ich erst ein Auge, dann das andere. Aus dem Fenster sah man nicht allzu viel, mehr Wolken als das Festland und die Umgebung wurde so schnell nicht klarer. Ich konnte nur erahnen, dass wir noch weiter höher stiegen.



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Die nächsten Stunden fühlten sich an wie ein Fiebertraum. Meine Sinne bekamen alles nur in Zeitlupe oder überhaupt gar nicht mit. Keine Aktivität konnte den Sturm in mir besänftigen, es fühlte sich surreal an, obwohl meine Gefühle waschecht waren. Die Bewegungen des Flugpersonals spielten sich super langsam ab. Ungewöhnlich oft kam während des Fluges eine schwarzhaarige, sehr junge Stewardess an meinen Plätzen vorbei und bot mir immer wieder aufs Neue Getränke oder Snacks an. Ich lehnte jedes Mal aufs neue höflich ab, aber sie hatte weiterhin ein Auge auf mich. Nach der Hälfte der Zeit kam sie nochmal und blieb im Gang neben mir stehen. Ich sah sie an, während sie sich etwas nach vorne lehnte und die Hände vorm Körper verschränkte „Ist bei Ihnen alles okay?“. Ihre Stimme drang gedämpft zu mir durch, als würde ich sie im Traum hören. Kurz irrten ihre Worte nur leer durch das Labyrinth meiner Gedanken, ehe sich eine Reaktion bei mir zeigte. Langsam nickte ich „Mir geht’s gut“, versicherte ich ihr mit bleichem Gesicht und steifer Miene. Meine Stimme klang gebrochen und so leise, dass ich Angst hatte, sie würde es nicht hören. „Sie sehen aber noch blasser aus als beim Start. Möchten Sie was trinken? Wir haben noch gut zwei Stunden Flugzeit“, erinnerte sie mich daran, wie nah ich meinem Ziel schon war oder eher, wie nahe ich dem vernichtenden Schlund kam. „Wann passieren wir die Grenze?“ fragte ich wie hypnotisiert und starrte einfach auf den Schönheitsfleck in ihrem Gesicht unterhalb ihres linken Auges „Entschuldigung?“.

„Wann überfliegen wir die Grenze nach Russland?“ formulierte ich meine Frage genauer. Die junge Frau schob die Augenbrauen zusammen, als würde sie auf den Sinn hinter meiner Frage warten. „Also-„ sie warf einen schnellen Blick auf den Monitor am anderen Ende des Ganges, dann wieder zu mir „Jede Minute, wir könnten sie auch bereits überflogen haben. Wann genau kann ich nicht sagen, das kommt darauf an, welche Route das Flugzeug nimmt-„ sie hielt inne, als ich sie weiter leer anstarrte. Mein Blick schien sie zu verunsichern, denn sie begann zu stottern „A-aber wir haben eine Flug Map auf den kleinen Monitoren“ sie zeigte auf den vor mir, in dessen schwarzen Bildschirm ich mich spiegelte „Dort sind alle Flüge weltweit drinnen und Sie können nach diesem hier filtern, er wird Ihnen dann per Life Standort angezeigt“ bot sie an. Dankend nickte ich. 



Natürlich war es nicht mein Plan, so unhöflich oder angsteinflößend rüberkommen, aber hier war ich wirklich nicht ich selbst. „Dankeschön“ zwang ich mir noch über die Lippen und versuchte einen wärmeren Ton einzulegen. Die Dame neigte den Kopf und verließ mich dann, während meine Finger suchend über den Bildschirm glitten und die besagte App suchten. Als ich sie fand und öffnete, suchte ich die Nummer meines Fliegers heraus. Ein paar Minuten später, in denen mich der Ladebalken in den Wahnsinn trieb, weil er langsamer voran kam als alle Schnecken weltweit zusammen, wurde mir ein Flugzeug gelb markiert, welches sich langsam bewegte und einer blauen Route folgte. Mit Daumen und Zeigefinger zoomte ich etwas mehr nach draußen und es bewahrheitete sich. Wir befanden uns ungefähr über Mszislau, einer Grenzstadt von Weißrussland mit knapp 12.000 Einwohnern. Mit jeder Minute, die verging und jedem Meter den wir voran schritten, kamen wir der Grenze näher und ließen die Stadt immer weiter hinter uns. Mein Magen verkrampfte sich, der stechende Schmerz zog blitzschnell durch meinen Körper und mündete im Kopf über dem rechten Auge: „Wann ist dieser Albtraum endlich vorbei?“ murmelte ich, um meine Gedanken etwas abzulenken.

Den Rest des Fluges schlief ich. Vermutlich zog die Anspannung jeden Tropfen Energie aus mir heraus. Nur die Landung war das Ereignis, was mich doch hochschrecken ließ. Nicht der Moment, in dem das Flugzeug absank, sondern der, indem die Räder auf die Landebahn trafen und ein unangenehmes Ruckeln durch alle Sitzreihen schickte. Mit rasendem Herzen krallte ich mich in den Sitz und sah mich hektisch um. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn, als eine elektronische Stimme all meine Fragen beantwortete, die wie ein wilder Bienenschwarm in meinen Gedanken umher flogen. „Wir haben unser Reiseziel erreicht, den Moskauer Flughafen um 15:22 Uhr. Bitte bleiben Sie sitzen, bis die Tür freigegeben wird“, verkündete eine weitere Flugbegleiterin. Panisch schluckend, nahm ich mein Handy hervor und glich die Zeit zu Hause mit der aktuellen ab „Eine Stunde vor, stimmt..das hab ich ganz vergessen“ murmelte ich und wischte mit dem Handrücken über die nasse Stirn. In den Reihen des Flugzeugs lockerte sich die Stimmung langsam. Leute packten ihre Sachen zusammen, sprachen miteinander oder änderten ihre aktuelle Sitzposition. Kinder hingen gespannt an den Fenstern und schauten zu, wie die bunten Männchen draußen das Flugzeug langsam zum Gate dirigierten. Es fühlte sich so lang an, mir wurde plötzlich extrem warm und meine Lunge sehnte sich nach frischer Luft, meine Haut nach Sonnenstrahlen. Nervös rutschte ich auf dem Sitz hin und her, stand quasi schon in den Startlöchern, um aus diesem luftabschnürenden Gefängnis zu fliehen, raus in die Freiheit. 



Ungefähr zehn Minuten später, dockte die Schleuse an und die Reisenden durften nach draußen. Eine Stewardess öffnete die Tür und zwei weitere bedankten sich bei jedem Kunden dafür, dass sie diese Airline wählten. Diese Frauen hatten meinen Respekt, sie flogen so oft ohne irgendwelche Ängste und trugen immer ein sanftmütiges Lächeln auf den Lippen, egal wie unfreundlich die Gäste zu sein schien. Sowas erfordert einen perfekten Personenwechsel, ein perfektes Wechseln der Maske zum professionellen. Als ich an der Reihe war, schwitzten meine Hände mehr als zuvor. Trotzdem schenkte ich den Damen ein Lächeln – die mich alle verstört oder besorgt ansahen – , als ich den Flieger verließ und im Gebäude ankam. Reklamen auf Russisch überall. Durchsagen, die erst in der Landessprache und dann in Englisch wiederholt wurden. Menschen, die hauptsächlich von hier kamen, strömten durch die Gänge der offenen Halle. Einige mit Koffern oder Karten um den Hals blitzen ab und zu zwischen den anderen auf, aber eine Sprache hörte ich nicht, und zwar meine.

Als ich auf meinen kleinen Koffer wartete, warf ich nochmals einen Blick auf die Zeit und hoffte insgeheim, dass Thomas schon hier war. Dann musste ich mich wenigstens nicht vollkommen zum Obst machen und hier herumirren wie ein ahnungsloses Baby. Ich schrieb ihm vor meinem kurzen Nickerchen, wann wir landen würden, diese App auf dem Bildschirm war zwar etwas großzügig, aber so viel Verspätung hatten wir nicht. Mit meinem Gepäckstück wurde ich durch eine spezielle Warteschlange für ausländische Menschen zu Grenzpolizisten gebracht. Sie überprüften meine Sachen, den Inhalt des Koffers, meine Papiere und die Gültigkeit des Visum. Ich bekam nach Abschluss der Kontrollen einen Stempel in meinen Reisepass und wurde entlassen. Die Kommunikation mit dem jungen Mann, der nicht sonderlich viel älter war als ich, war nicht so kompliziert wie zuerst angenommen. Er sprach gutes englisch und gab dabei sein Bestes, den herausstechenden Akzent zu unterdrücken. 

Ich nutzte die Rolltreppe, um nach unten zu gelangen. Schon auf halbem Wege bemerkte ich einen sich schnell bewegenden Schatten im Augenwinkel. Ich suchte nach der Quelle und entdeckte einen strahlenden Thomas zwischen den Leuten stehen, der auf sich aufmerksam machte. Leicht peinlich berührt, stieg mir das Blut in den Kopf und ich hielt die Hand zur Abschirmung über meine Augen. Am Fuße der Rolltreppe angekommen, zog ich mit einem Klappern den Koffer runter auf die Fließen und stieß fast mit ihm zusammen, wenn ich seine Schuhe in meinem Blickfeld nicht bemerkt hätte. Abrupt blieb ich stehen und hob den Blick „Hallo Alex!“ begrüßte er mich etwas sehr enthusiastisch, aber er änderte schnell die freudige Miene zu einer besorgten. Nach einer Lösung suchend scannte er mein Gesicht „Alles okay? Du hast all deine Gesichtsfarbe verloren“, fragte er und legte eine Hand auf meiner Schulter ab. Plötzlich fühlte es sich an, als hätte jemand einen Stapel Ziegelsteine auf meine Schulter gelegt. Ein kühler Schauer durchzog meinen Körper und die Umgebung färbte sich langsam schwarz. Unbewusst gaben meine Knie nach und ich kippte nach vorne. Hätte Thomas da nicht gestanden und mich aufgefangen, hätte ich zusätzlich an diesem beschissenen Tag den Fliesenboden geküsst. „Langsam, ohje-„ sein Atem entfernte sich von meinem Scheitel. Er schien sich nach etwas umzusehen „Komm, wir holen dir erstmal Wasser und du musst dich setzen“. Ohne etwas zu sagen, ließ ich einfach die Augen geschlossen. Thomas nahm meinen Koffer in eine Hand und schob den anderen unter meine, damit er mich beim Laufen stützen konnte. Zusammen gingen wir langsam in ein Flughafen-Café, dort setzte er mich an einen freien Tisch, stellte meine Sachen ab und lief vor zum Tresen. Ich blieb zurück und vergrub das Gesicht in den Händen. Erst als der Schwindel etwas nachließ, schob ich einen Finger beiseite und gewährte mir freie Sicht auf Thomas seinen Rücken, der neben Wasser noch etwas zu Essen bei dem Mitarbeiter bestellte. Nach wenigen Minuten kam er zurück mit einer Wasserflasche und einem belegten Brötchen, bei dem Anblick nahm ich zum ersten Mal meine trockene Kehle und den knurrenden Magen wahr.



Thomas stellte beides vor mir ab und ließ sich dann gegenüber auf dem Stuhl nieder „Hast du überhaupt etwas gegessen nach dem Start in Nürnberg?“, ertappt schüttelte ich den Kopf und ließ die Hände sinken. Zitternd griff ich nach dem Wasser und trank fast die Hälfte leer in einem Zug. Mein Gegenüber beobachtete mich dabei „Meine Güte Mädchen, dein Vater bringt mich um, wenn dir hier etwas passiert. Egal wie nervös du warst, du hättest trotzdem wenigstens trinken müssen“ ermahnte er mich ernst „Weißt du was manche Leute hier machen mit einer wehrlosen jungen Frau?“ fuhr er die Lektüre fort „Unaussprechliche Dinge. Gehe deshalb nicht unbedingt ohne Begleitung raus, am besten mit jemand Einheimischen oder einer männlichen Person“. Plötzlich sah ich anstatt von ihm meine Mutter, die mich vollkommen ausschimpfte, über eine Sache, die vollkommen normal war. Es wäre jedem so gegangen und alle reagieren gleich in ähnlichen Situationen. Genervt drehte ich den Kopf zur Seite und ließ ihn weiterreden, während ich an meinem Brötchen knabberte. Langsam kehrten meine Sinne zurück, die Gespräche und das rege Treiben um uns herum drang nun direkt zu mir durch und ich nahm zum ersten Mal richtig die Menschen um mich herum wahr. Die Geräusche, Gerüche und das Wetter draußen. Wie die Sonne den Raum erhellte, die unterschiedlichen Reisenden und Einheimischen, welche ein- und ausgingen. So schnell wie meine Empfindungen zurückkamen, spürte ich ebenfalls Augen auf mir, sie brannten sich in meine Wange und ich suchte verwirrt nach der Quelle, da traf mein Blick auf wunderschöne blaugraue Augen, die im Sonnenlicht wie Gletschereis schimmerten. Schwarzes glattes Haar fiel direkt über seine buschigen und perfekt getrimmten Augenbrauen. Sein Nasenrücken war schlank, seine Stirn lag in leichten Falten. Der definierte Kiefer stand unter Spannung und die Muskeln zuckten leicht. Seine rosigen Lippen waren aufeinander gepresst, sie mussten wunderschön voll aussehen im entspannten Zustand. Die Piercings in seinem rechten Ohr blitzen im Sonnenlicht. Alles in allem war er ein atemberaubend schöner Mann mit strengem Blick, der mich in seinen Bann zog. Überrascht von seiner Aufmerksamkeit weitete ich die Augen und ließ den Mund leicht offen stehen, welcher sofort von seinen Blicken attackiert wurde.



„Alex, hallo, hörst du mir zu!“ eine Hand fuchtelte durch mein Blickfeld. Irritiert sah ich zu Thomas , der mich kritisch und erwartungsvoll begutachtete. Ich warf nochmal einen kurzen Blick auf den Mann. Er stand gerade auf, drehte uns den Rücken zu und verließ das Café durch eine zweite Tür. Schnell löste ich mich von seinem athletischen Körper mit den breiten Schultern und räusperte mich “Ehrlich gesagt, nein”, nervös lachte ich. Thomas seufzte „Hast du einen Geist gesehen?“.

Nein, ein Engel auf Erden.

„Nein, ich habe nur geträumt, Entschuldigung. Mir geht’s übrigens schon besser, wir können gehen“, schob ich das Thema hektisch aus dem Raum und stand auf. „Sicher?“ Thomas hob skeptisch eine Augenbraue. Ich nickte und biss ein weiteres Stück vom Brötchen ab „Ja, danke für die Sorge und natürlich auch die Verpflegung. Ich gebe dir das Geld baldmöglich zurück“, versicherte ich ihm, aber er winkte nur ab „Quatsch, lass stecken“. Er stand auf, nahm meinen Koffer und verließ das Café. Ich blieb noch kurz stehen und sah erneut zu dem nun leeren Platz, da schossen vertraute Worte durch meinen Kopf.

Komm zu mir..

Schnell schüttelte ich den Gedanken ab und folgte Thomas zügig. Wir liefen gemeinsam aus dem Gebäude und über den Parkplatz zu seinem Auto. Ein matt-schwarzer Mercedes stand zwischen einem Honda und Range Rover „Du kannst schon mal einsteigen, ich packe deine Sachen ein“. Meine Aufmerksamkeit schwang kurz vom Wagen zu Thomas, ehe seine Worte auch in meinen Gedanken ankamen und verarbeitet werden konnten. „Ich kann das auch alleine“ unterbrach ich ihn in seiner Bewegung den Koffer anheben zu wollen und legte meine Fingerspitzen an die Außenhülle, kurz trafen sich unsere Augen und ich konnte die Frage, welche er stellen wollte, von seinem Gesicht ablesen. Schnell hob ich den Zeigefinger um einen Sprechversuch seinerseits zu unterbinden „Mir geht es gut genug. Ich werde schon nicht umfallen vor lauter Anstrengung“. Thomas musterte noch kurz kritisch mein Gesicht, ehe er Distanz aufbaute. Ich zog den Koffer hinter das Auto und suchte das Heck nach einer Öffnungsmöglichkeit ab. Überall fuhr meine Hand entlang, über die Scheibe, Scheibenwischer, die Folie und den Mercedes Stern. Fragend stemmte ich eine Hand in die Hüfte und bemerkte Thomas neben mir, der sich ein Lachen verkniff, indem er eine Hand vor den Mund hielt. Seine Augen konnten das Lächeln jedoch nicht verbergen „Was ist so lustig? Wo kann man den Kofferraum denn aufmachen?“ verlangte ich zu erfahren „Also…so gar nicht“ er kam zwei Schritte zu mir und streckte seinen Fuß nach vorne aus, sodass er unter der Heckstoßstange verschwand. Mit einem piepen entriegelte sich plötzlich die Klappe und fuhr langsam nach oben. Entgeistert folgte ich der mechanischen Bewegung bis sie stehenblieb. „Tada“ führte mir Thomas diese Funktion so vor, als wäre es durch seine mysteriöse Magie geschehen. Mit einem schelmischen Grinsen und einem gewissen Stolz in seinen Augen sah er mich an „Du kannst jetzt weitermachen“ erinnerte er mich schließlich an mein Vorhaben. Kopfschüttelnd hob ich den Koffer auf die Antirutschmatte „Seit wann hast du so ein Auto? Die müssen doch verdammt teuer sein“ erkundigte ich mich leicht schwer atmend ehe ich mich wieder aufrichtete und den Fuß an dieselbe Position wieder hielt wie Thomas eben. Schon fuhr die Heckklappe wieder nach unten und verriegelte sich. „Wahnsinn“ murmelte ich beeindruckt. Thomas lachte „Erzähl ich dir, lass uns erstmal los, sonst kommen wir noch zu spät“ verkürzte er das Gespräch und stieg auf der Fahrerseite ein. Ich warf noch einen letzten Blick auf das Auto und erkannte nun auch das Kennzeichen „a798ap177rus“, las ich es für mich laut vor, aber kaum hörbar für andere. Ich stellte fest, wie groß der Unterschied zu europäischen Kennzeichen war und es kam mir so surreal vor. Jeden Meter, den ich ging, gab es weitere Anzeichen, wo ich mich befand. Sei es Menschen, Werbetafeln, Autokennzeichen oder einfach die Umgebung. Trotzdem wollte es mein Körper immer noch nicht wahrhaben, obwohl mein Kopf längst Bescheid wusste. Mit einem leicht gelähmten Gefühl setzte ich mich nun auf den Beifahrersitz. Sobald ich die Tür schloss, startete Thomas den Motor „Das Auto gehört nur inoffiziell mir. Es ist ein Firmenwagen, der aber auf mich geschrieben ist. Also nur zur Hälfte mir gehört“, umschrieb es Thomas während er ausparkte. Kurz nachdem irgendwas auf dem mittleren Display angezeigt wurde, setzte Radiomusik ein. Russisch, so wie alles andere hier. Die Sprache, das Radio, die Lieder und der Sender. Unglaublich, dass Thomas etwas verstand. „Verstehe, ist dann ein ähnliches Konzept wie bei unseren Großfirmen“ fügte ich noch hinzu. Thomas stimmte mir zu „Genau, mit dem Unterschied, dass ich – genauso wie andere alte Hasen – das Privileg hatte, mir das Auto vollkommen frei auszusuchen. Mittlerweile bereue ich die matte Farbe etwas. Hier fahren die Leute nicht so geordnet wie bei dir. Zum Glück hatte ich bis jetzt nur einen Kratzer davongetragen, der schnell wieder entfernt werden konnte, aber man muss ein bisschen mehr aufpassen“, gestand er. Meine Augen folgten der vorbeiziehenden Umgebung, als wir den Parkplatz verließen und auf die Hauptstraße abbogen. „Bekommt man den Führerschein hier günstiger?“ fragte ich. Thomas gab mir sofort Recht mit einem begeisterten Ton „Oh ja, deutlich günstiger und weniger anspruchsvoll“. Verblüfft nickte ich langsam „Holst du mich morgen auch?“ sprang ich über zu einem anderen Thema. Er schüttelte den Kopf „Nein, ein Chauffeur holt dich gegen um neun ab und bringt dich zur Firma“ sagte er, dabei spürte ich seinen Blick auf mir, als wir offiziell den inneren Ring der Stadt durchquerten „Beeindruckend was? Da ist Berlin nichts dagegen“, stellte er lachend fest und ich musste ihm gedanklich Recht geben. Ich dachte immer, unsere Hauptstadt ist groß und chaotisch, aber die Situation hier überstieg alles.



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Während der restlichen Autofahrt passierte nicht allzu viel. Hauptsächlich klebte ich am Fenster wie ein Kind, das zum ersten Mal in den Urlaub ging. Alle meine vorherigen Sorgen lösten sich mit jedem Meter immer weiter in Luft auf. Der Stress verließ meinen Körper und das sanfte Summen des Motors rüttelte jeden Rest an Zweifel aus mir heraus, den ich bis jetzt noch hatte. Ich merkte nicht mal, wie Thomas das Auto sanft abbremste, den Blinker nach links aktivierte und wir eine Auffahrt hinauf fuhren. „Alex, Augen nach vorn, wir sind am Hotel“ führte er mich sanft aus der Trance hinaus und ich schüttelte leicht den Kopf, ehe meine Kinnlade beim Anblick meiner Unterkunft erneut den Weg auf den Boden suchte. Eine weiße Fassade, die im Sonnenlicht zu glitzern schien, bestand vermutlich aus Sandstein und ummantelte das gesamte Gebäude. Hohe Fenster, wovon alle von Innen aus von Vorhängen bedeckt waren für Privatsphäre, erhoben sich zahlreich aus der Fassade und trugen eine Menge Sonnenlicht hinein. Ein dunkles Dach bildete mit den Pflanzen rund um das Gebäude einen guten Kontrast. Ich schnappte nach Luft, Thomas lachte „Willkommen, du kannst gleich weiter staunen, wir müssen zur Anmeldung“ forderte er mich indirekt auf, das Fahrzeug zu verlassen, also wendete ich den Blick ab und stieß die Tür auf. Im selben Moment hörte ich die Hydraulik der Kofferraumtür und in meinem Augenwinkel verschwand die Sonne langsam hinter einem Schatten. „Danke nochmal für deine Mühe Thomas“ brachte ich endlich den Satz hervor, der schon längst hätte fallen sollen und schlug die Beifahrertür zu. Thomas winkte ab, als ich zu ihm stieß und steckte den Kopf in den Kofferraum, um mir meine Tasche zu reichen „Kein Ding, hier nimm“. Mit einem Nicken nahm ich es ihm ab, dabei sackte meine Hand überraschend schnell nach unten wegen dem Gewicht und ich ließ den Henkel fast los. Ganz vergessen, wie viel ich eingepackt hatte. Einiges von dem Inhalt war sicherlich nicht lebensnotwendig, aber sicher ist sicher. 

Thomas ließ die Heckklappe wieder runter und verriegelte das Auto, dann schlug er mir zweimal sanft auf die Schulter und nickte in Richtung der Drehtür, welche den Eingang darstellen sollte „Auf geht’s“. Ich setzte mich einen halben Meter nach ihm in Bewegung und wir näherten uns meiner Bleibe. Die Sonne stand noch hoch, trotz dass es schon fast halb sechs war und blendete mich in der oberen Hälfte der eindrucksvollen Stufen, die ich deswegen nur schwer erkennen konnte, selbst als ich die Augen zusammen kniff, um etwas Schatten zu erzeugen. Aber das äußere Erscheinungsbild war nichts im Gegensatz zum Inneren. Als wir die Drehtür passierten, blieb mir wortwörtlich die Luft weg. Links und rechts neben dem Eingang begrüßten  uns zwei fein im Anzug gekleidete Männer auf Russisch. Ein langer roter Teppich erstreckte sich von unserem Standpunkt aus bis zur großen Treppe gegenüber. Er legte sich die Stufen nach oben bis zu den drei Fahrstühlen und wurde von goldenen, schmalen Leisten an beiden Seiten festgehalten. Die Treppe darunter war heller Stein mit einigen dunklen Rissen, wo ich nicht sagen konnte, ob sie dazu gehörten oder nicht. Thomas schob mich sanft zwei Schritte nach vorne „Ich weiß es ist ein ungewöhnlicher Anblick, aber wir müssen weitergehen“ holte er mich zurück in die Realität und ich löste meine Augen von der eindrucksvollen Umgebung „Du hast Recht, ich kann sie mir auch später noch anschauen“ stimmte ich ihm zu und er lächelte mich an. Wir gingen gemeinsam zur Rezeption, aber Thomas übernahm das Reden, da ich die Sprache nicht beherrschte und bevor ich mich zum Affen machte, um auf Englisch mit Händen und Füßen zu artikulieren, überließ ich es lieber ihm. Solange er redete, nutzte ich die Gelegenheit und sah mich weiter um. Überall schimmerte es in hellen Farben, Hotelpersonal eilte über den Boden, der jeden Schritt durch den großen Raum hallen ließ. In einem abgegrenzten Bereich mit gemütlichen Sesseln und kleinen Tischen mit einer Bar saßen bereits Gäste und unterhielten sich angeregt in mehr als nur einer Sprache. Deutsch konnte ich aber nicht heraushören, es schien wohl ein seltenes Phänomen zu sein, jemanden aus dem Zentrum Europas hierzu zu haben. 



Die Pflanzen überall, welche in voller Blüte standen oder in saftigen grün, rundeten das gemütliche und offene Ambiente ab, aber trotzdem fühlte ich mich hier falsch. Es umgab mich reiner Luxus und Prunk, aber sowas war ich einfach nicht gewöhnt und normalisieren möchte ich es erst Recht nicht. Aus Unwohlsein rückte ich näher an Thomas heran mit dem Plan mich zu verstecken, aber die roten zerzausten Haare, meine Jogginghose und die dreckigen Schuhe fielen auf wie ein Flamingo unter Schwänen. Mein Gehirn konnte nicht anders als zu denken, dass mich jeder hier in diesem Raum indirekt oder direkt verurteilt. Schamesröte stieg mir in den Kopf und ich versuchte mit meiner freien Hand irgendwie das Gesicht von den Augen hier zu verstecken.

Thomas tippte mir sanft auf die Schulter, um mich aus meiner Paranoia herauszuholen. Auch wenn er versuchte, so vorsichtig wie möglich zu sein, zuckte ich erschrocken zusammen. Mein Herz machte einen Sprung nach vorne und ließ dabei fast meinen Körper zurück. Kurz darauf breitete sich ein Tinnitus auf meinen Ohren aus und ich verzog das Gesicht, bevor meine Augen auf die meines Gegenübers trafen “Geht es dir gut? Musst du dich nochmal hinsetzen?” deutete er meine Reaktion als eine neue Panikattacke, aber ich holte tief Luft und setzte ein Lächeln auf “Nein nein, mir geht es gut” versicherte ich ihm, aber so wirklich abkaufen tat er die Worte nicht. Misstrauisch fuhren seine Augen meine Gesichtskonturen nach und er runzelte die Stirn, aber dann nickte er zu meiner Erleichterung nur “Gut, ich glaube dir”.

Tust du nicht und das wissen wir beide…

Er hielt mir eine Karte entgegen, die er zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt hatte. Meine Vermutung lag bei der Schlüsselkarte für meine Bleibe. Hauptsächlich zierte sie einen königsblauen Untergrund, darauf stand in geschwungener goldener Schrift der Name des Hotels und noch Kleingedrucktes in Russisch, was ich natürlich nicht lesen konnte. Meine Vermutung dafür fällt auf das Motto, unter welchem dieser buchstäbliche Palast steht, aber keine Ahnung wie er lautet. “Du musst in den fünften Stock fahren, das Zimmer 466 ist deins. Es ist alles ausgeschildert, also brauchst du keine Angst haben, dich zu verlaufen“, versicherte er mir mit einer lockeren Armbewegung und einem sanften Lächeln. Nickend nahm ich ihm die Karte ab, dabei berührten meine Fingerkuppen kurz seine rauen Hände. “Danke für deine Unterstützung” voller Respekt neigte ich den Kopf kurz. Thomas fuhr mit seinen Augen wild durch die Umgebung, als wüsste er nicht, wohin er schauen sollte. Dabei befeuchtete er leicht die Unterlippe mit der Zunge und schlug die Handflächen sanft aber bestimmt gegen seine Hüften, was einen dumpfen Ton erzeugte “Kein Problem, dann mache ich mich auch auf den Weg und lass dir deine Ruhe”. Zum ersten Mal zeigte er mir seine Zähne mit einem breiten Grinsen, es war ansteckend, ich musste ihm diese Freude automatisch wiedergeben. Damit drehte er sich um und verließ das Hotel schnell. Seine Schritte hallten durch den Raum mit den hohen Decken und blieben noch eine Weile in meinen Gedanken, dann atmete ich tief durch, griff nach meiner Tasche und stieg den roten Teppich nach oben zu den Fahrstühlen. Dabei fühlte ich mich wie eine Prominente, aber eine, die sich durch Lügen und Intrigen in die Show-Szene geschmuggelt hat, denn wenn ich ehrlich bin, gehöre ich nicht an so einen Ort.



Oben im fünften Stockwerk angekommen, musste ich mich nach dem Verlassen des Personentransports nochmal umdrehen. Gold und Mahagoni Holz schmückten den Fahrstuhl aus. Große Spiegel an allen drei Wänden ließen den schmalen Raum geräumiger und größer erscheinen. Metallene Knöpfe mit insgesamt 15 leuchtenden Farben zählten die Stockwerke auf und direkt über den Türen zeigte eine Digitalanzeige die aktuelle Ebene an. Voller Respekt vor all dem Prunk hielt ich mich nicht mal an Geländerstangen fest und balancierte den schnellen Start und abrupten Stopp einfach aus. Schließlich orientierte ich mich an den Beschilderungen und fand mein Zimmer schnell, hielt die Schlüsselkarte über die Türklinke an einen schwarzen Sensor und mit einem sanften Klick entriegelte die Tür, sodass ich sie aufstoßen konnte. Innen wartete auf mich der nächste Schock. Ich rechnete mit den typischen sterilen Zimmern, die einem nicht ganz das wohlige Gefühl vermittelten, stattdessen tat ich zwei Schritte auf einen angenehm braunen Teppich, in dem meine Schuhe wenige Millimeter einsanken. Direkt rechts neben dem Eingang, gegenüber eines in die Wand eingelassenen Ganzkörperspiegel neben einer offenen Garderobe, befand sich das Badezimmer. Zumindest vermutete ich das stark, denn nirgendwo anders in dem großen Raum bot sich der Platz dafür. Ich bewegte mich vorsichtig zum Ende des Ganges, mit jedem Schritt eröffnete sich mir mehr des restlichen Zimmers. Ein großes Ehebett mit beigefarbenen Laken, braunen Deko-Kissen und einer verdammten Kuscheldecke aus Tierfell zierte das Bett. Entsetzt ließ ich meine Tasche fallen, eilte zum Fußende des Bettes und streckte die Arme nach dem Fell aus. Meine Finger glitten durch die einzelnen Haare, dabei fiel mir ein Stein vom Herzen. Erleichtert ließ ich den Kopf zwischen die Arme fallen und stützte mich an der Kante ab “Nur Kunstfell…Gott sei Dank”. Letztendlich musste ich wegen meiner Panik lachen, es schien mir lächerlich geglaubt zu haben, hier liegt ein echter Bär auf meinem Bett. 

Ich sah mich im restlichen Zimmer um. Zwei große Nachtschränke zierten die Bettkanten links und rechts mit antik wirkenden, hohen Lampen die braune Franzen am Ende der Shirme hatten. Es erinnerte mich stark an die Wohnung meiner Oma. Es entspricht nicht genau meinem idealen Einrichtungsstil, aber zum Glück ist es nicht für immer  meine Bleibe. Hinter braunen und beigefarbenen Vorhängen versteckten sich zwei große, bodentiefe Fenster, die die gesamte Wandseite ersetzen. Der Ausblick ließ mir den Mund offen stehen, ich konnte über die gesamte Stadt hinweg sehen. Kein einziges Gebäude konnte sich vor meinen Augen verstecken, die Sonne stand genau in der Mitte des Gesamtbildes halb über den Häusern und tauchte die Umgebung in einen warmen orangen Ton. Der Himmel war klar und zeigte schon seine wenigen hellsten Sterne, die sich bereit machten, die Lichtgebung der Sonne abzulösen und die Nacht zu erhellen. Mein Kopf war leer beim Anblick und ich genoss einfach den Moment, ließ die Sonnenstrahlen über meine Haut tanzen. Ich nahm die Wärme voll auf, bis in jeden Winkel meines Körpers fühlte ich sie, die Kraft und Anmut der Sonne.



Gegenüber von meinem Bett stand ein großer Flachbildfernseher auf einer Kommode, daneben ein Schreibtisch mit einer Menge Stauraum, Elektrogeräten wie einem Drucker und dieselbe Lampe im alten Design, um genügend Licht zu spenden. Der Stuhl erinnerte an einen Sessel oder Make-up Stuhl. Er sah gemütlich aber modern aus und alle Möbel bestanden aus demselben Holz, der Geruch war neu und frisch, als stünde ich in einem Möbelhaus. Das sanfte Geräusch der Klimaanlage ließ keinen Platz für erdrückende Stille.

Final erleichtert und glücklich zog ich die Vorhänge wieder zu, stellte meine Tasche um auf den Schreibtisch und begutachtete noch das Badezimmer, welches im Gegensatz zur restlichen Innenausstattung nach Modernität schrie. Ein großer beleuchteter Spiegel hing direkt über einem mit Fließen versehenen Sims der eine Ablage für diverse Badezimmerartikel darstellte. Gleich darunter befand sich ein Waschbecken aus weißem Portzelan, daneben eine schwebende Toilette und eine wahnsinnig große Dusche mit einem Duschkopf der fallenden Regen simulierte. Alles war mit LED beleuchtet und einfach erneut atemberaubend. Für meine Eltern machte ich ein Selfie vor dem Spiegel und schickte ihn in unsere Familiengruppe mit der Bildunterschrift:

Hallo Mama und Papa, ich bin da. Thomas hat mir super geholfen, aber ich gehe jetzt schlafen (Ich bin so unglaublich müde, als hätte ich 3 Wochen nicht geschlafen) und wünsche euch eine gute Nacht. Drückt mir die Daumen für morgen!

Absenden und fertig. Nun bestanden meine Aufgaben noch darin, die Badetasche auszuräumen und mich bettfertig zu machen. Der Tag heute ließ mich durch so viele Turbulenzen gehen, dass ich nun merkte, wie sehr es an meinen Kräften zehrte. Zum ersten Mal nach Stunden komme ich wirklich und wahrhaftig zur Ruhe. Lange machte ich die Nacht nicht mehr zum Tag, ging duschen, Zähne putzen, mich umziehen und kuschelte mich tief in die Bettdecke und Kissen ein. Es fühlte sich an, als hätte ich mich auf Wolken niedergelassen, ein wohliges Seufzen verließ meinen Mund, ehe ich den Weg in das Reich der Träume antrat.

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