09. Eine Art Radtour

Als ich aufwachte, lag ich in Hartmanns Zimmer auf dem Gästebett. Hinter dem Vorhang leuchtete Sonnenschein; man hatte den Eindruck, es wäre schon Mittag. Aber die Uhr zeigte gerade mal halb neun. Aus Hartmanns Ecke kam regelmäßiges Schnarchen, auch vom Flur war kein Geräusch zu hören. Außer mir schien hier alles noch friedlich zu schlummern.
Nach einer durchzechten Nacht früher aufzuwachen als Hartmann hatte ich noch nie erlebt. Wir waren erst gegen vier zurückgekommen, aber ich fühlte mich so frisch wie nach zehn Stunden Schlaf. Und trotz der diversen Biere hatte ich anscheinend keinen Kater. Vorsichtig stand ich auf: Tatsächlich kein Schwindel, keine Übelkeit.
Ich ging zum Fenster, zog den Vorhang ein Stück zurück: Die Sonne stand genau zwischen den beiden Hochhäusern gegenüber, lange Schatten lagen auf der Edeka-Wiese. Nirgends sah man Menschen, weder auf der Wiese noch auf den Wegen ringsherum. Auch der große Spielplatz am Ende des Blocks, eigentlich ein zentraler Treffpunkt, war komplett leer.
Da kam es wieder, dieses Gefühl von Hoffnung, von Leichtigkeit, wie an jenem besonderen Morgen vor Weihnachten. Nein, es hatte schon gestern abend angefangen, mit dieser komischen Wärme. Seitdem trug es mich und war jetzt noch stärker geworden. Irgendwie hing es mit der Helligkeit zusammen, dem friedlichen Bild da draußen, dem leeren Spielplatz, der weiten, taubesetzten Wiese.
Normalerweise packte ich mich wieder hin, wenn ich so früh wach wurde. Gammelte rum, wartete, dass der Schlaf wiederkam, was er meistens tat. Aber heute hatte das keinen Zweck, so munter, wie ich war. Also stand ich auf und duschte. Als ich ins Zimmer zurückkam, saß Hartmann auf dem Bett und starrte auf den geschlossenen Vorhang.
„Ziemlich geiles Wetter.“ Er kratzte sich am Hinterkopf.
Ich nickte und rubbelte weiter mein Haar trocken.
„Sag mal, fahren Klaus und deine Mutter heute auch nach Schönhagen?“
„Glaub schon.“
„Was ist eigentlich mit euren Rädern?“
„Räder?“ Ich kapierte nicht, worauf er hinauswollte.
„Eure Fahrräder – sind die schon weg?“
Gute Frage. Ich hatte mein Rad seit Jahren nicht angerührt. Aber das es bereits abtransportiert worden wäre ins Haus, davon hatte ich nichts mitbekommen. „Denke mal, die Mühlen stehen noch drüben im Keller und rosten vor sich hin“, meinte ich.
„Lust auf ne Radtour?“ Er grinste mich an.
Radtour? Was sollte das jetzt? So was hatten wir noch nie gemacht. Nur sehr langsam kapierte ich, worauf er hinaus wollte. Aber ich konnte oder wollte es noch nicht recht glauben…
„Wir bringen eure Räder nach Schönhagen!“, platzte es aus ihm heraus. „Ich nehm Henris. Was meinst du?“ Er guckte mich mit diesem typischen Hartmann-Blick an, der nichts als Zustimmung erlaubte.
„Wie weit ist denn das?“ Ich versuchte, ruhig zu bleiben, mir den Schock nicht gleich anmerken zu lassen.
„Ungefähr 60 Kilometer.“
60 Kilometer Rad fahren? Übers Land, durch die Wildnis? Und er sagte das so lässig, als sollte es mal eben in die Jahn-Siedlung und zurück gehen – hatte er noch alle Tassen im Schrank?
„Was ist los, Mann?“ Er wurde ungeduldig. „Lass uns das machen, okay?“
Ich fand die Idee eigentlich komplett idiotisch. Wir hatten beide keine Kondition. Was, wenn wir irgendwo in der Pampa schlappmachten? Aber Hartmanns Begeisterung war irgendwie auf mich übergesprungen. Warum eigentlich nicht?, dachte ich plötzlich.
Draußen mochte man im ersten Moment fast nicht glauben, wie mild es war. Die Eiseskälte, die monatelang wie mit Rasierklingen durch die dicksten Winterklamotten geschnitten hatte, war nur noch ein böser Traum. Über uns leuchtete ein weiter, blass-blauer Himmel, man hörte Kindergeschrei, Vogelgezwitscher. Dazu dieser Geruch nach feuchter Erde, wachsenden Pflanzen, beginnendem Leben. Plötzlich war Frühling, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – einen Moment lang fühlte ich mich wie betäubt.
Drüben war niemand. Wahrscheinlich hatten sie sich längst nach Schönhagen aufgemacht. „Auch egal“, meinte Hartmann. „Los, guck mal nach den Rädern. Die werden Augen machen, wenn wir plötzlich da draußen aufkreuzen.“
Wie schon geahnt standen die Räder alle noch im Keller. Ich schleppte Henris und meins die Außentreppe hoch und schloss beide am nächsten Laternenpfahl fest. Als ich wieder nach oben in die Wohnung kam, duftete es nach Kaffee und Aufbackbrötchen – Hartmann hatte in der Zwischenzeit Frühstück gemacht. Wir setzten uns an den Küchentisch und fingen an zu futtern.
Irgendwann entstand auf seinem Gesicht ein sehr breites Grinsen. „Würdest du echt bis Schönhagen fahren?“, fragte er, und man hörte den leisen Anflug von Spott in seiner Stimme.
„Das war doch deine Idee“, meinte ich perplex.
Hartmanns Grinsen wurde noch breiter. Ich schüttelte den Kopf, verstand gar nix mehr. Nur sehr langsam dämmerte mir, dass sein Vorschlag nie ernst gemeint war. Er hatte mich aufs Glatteis führen, austesten wollen, wann bei mir endlich der Groschen fiel.
„Mann, du bist vielleicht ’n Trottel!“ Er gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf. „Hast du echt geglaubt, ich will da mit dem Rad hinfahren?“
„Ist auch völlig bekloppt, das Ganze“, murmelte ich bedröppelt. Gleichzeitig war ich erleichtert. 60 Kilometer – was für ein Wahnsinn! Das hätte ein schönes Debakel gegeben…
Nach dem Frühstück gingen wir wieder nach unten.
„Was jetzt?“, fragte ich.
„Lass uns ’n bisschen rumfahren“, schlug Hartmann vor.
Eigentlich keine schlechte Idee, wo die Räder eh schon draußen waren. Mein Stahlross schnurrte wie eine Eins, obwohl es so lange im Keller gestanden hatte. Das Teil war Henris Werk: Er betrieb einen schwunghaften Handel mit Fahrrädern aus dem Sperrmüll, von Schrottplätzen oder sonst woher, die er aufmotzte und wieder verkaufte. Mir hatte er einen Sonderpreis gemacht.
Kurze Zeit später standen wir auf der Fußgängerbrücke zwischen Nordstadt und Jahn-Siedlung. Unter uns verlief die Stadtautobahn; der Verkehr brauste und toste endlos.
„Da geht ’s nach Schönhagen!“, brüllte Hartmann gegen den Krach an. „Über den Kanal, dann ab in die Walachei. Bis Eckhorst, dann kommt ne Bundesstraße.“
Wie oft ich schon hier gestanden und auf die lärmende Schneise runtergeguckt hatte… sie war immer dagewesen, gehörte zur Nordstadt wie das Einkaufszentrum, das KBZ und alles andere. Aber wenn man dort entlangfuhr, dann nur ins Zentrum zum Shoppen. Dass es auch die Gegenrichtung gab, aus der Stadt raus in einen ganz anderen Ort, darüber hatte ich mir nie ernsthaft Gedanken gemacht. Das Autobahnstück von der Nordstadt Richtung Kanalbrücke und weiter war eigentlich die ganze Zeit ein Fremdkörper gewesen, eine Art exterritoriale Zone inmitten des vertrauten Gebietes.
Überhaupt – wie eng der Umkreis war, auf dem sich bei uns alles abspielte! Man kannte das eigene Viertel plus die benachbarten Stadtteile, zum Beispiel die Jahn-Siedlung. Und man wusste vielleicht noch, welche Bus- und Bahnlinien es gab und wohin sie fuhren. Aber das war ’s auch schon. Jenseits dieser Grenzen fing schnell die weiße Landkarte an.
Und was außerhalb der Stadt kam, hätte ich erst recht nicht sagen können. Die Stadt verlassen, aufs Land fahren – der Gedanke fühlte sich fremd an, sinnlos. Wozu sollte das gut sein?
„Mann, und du hast vorhin echt nichts gemerkt!“ Hartmann boxte mich in die Seite. Ging das schon wieder los? Wahrscheinlich würde er mich noch in drei Jahren damit aufziehen. Aber es stimmte ja, ich hatte nichts gerafft, mich immer weiter mitziehen lassen…
Wie mochte es da draußen wohl sein? Was hätte einen erwartet? Und wie musste man eigentlich fahren, um per Rad in dieses Schönhagen zu kommen? Ging das überhaupt? Gab es außer der Autobahn noch eine andere Strecke? „Über den Kanal, dann ab in die Walachei“ hatte Hartmann gesagt… die alte, historische Brücke fiel mir ein: Sie lag ein Stück außerhalb der Nordstadt, ihr gewaltiger Stahlbogen spannte sich in 40 Metern Höhe übers Wasser. Als Pökse waren wir oft dort oben gewesen. Wir hatten immer die Treppe direkt am Ufer benutzt, aber es gab natürlich auch eine Auffahrt, für die Bundesstraße und die Bahnstrecke, die aber längst außer Betrieb war. Und ich meinte mich zu erinnern, dass dort ein Radweg war.
„Lass uns mal zur alten Brücke fahren“, schlug ich vor.
„Okay“, meinte Hartmann bloß. Er schien sich nicht zu wundern über die Idee.
Wir mussten ein gutes Stück radeln, bis endlich die Auffahrt zwischen den Hochhäusern auftauchte: ein langsam ansteigender Wall, mit Gras und Sträuchern bewachsen. Je näher wir herankamen, desto mächtiger türmte er sich vor uns auf. Ob ich so eine Steigung schaffen würde, bei meiner miesen Kondition?
Ich hatte mich richtig erinnert: Die Straße hatte tatsächlich einen Radweg, und er war sogar noch einigermaßen in Schuss. Was nun? Wirklich da hochfahren? Oder mich lieber rausreden, irgendwas anderes vorschlagen? Nein, es war zu spät. Wenn ich jetzt einen Rückzieher machte, stand ich vor Hartmann richtig doof da. Es ging also los. Ich machte mich innerlich auf die Hölle gefasst – aber komisch: Es war ganz leicht, ich spürte so gut wie keinen Widerstand. Irgendwann kapierte ich, dass wir starken Rückenwind hatten, der uns regelrecht hochschob. In kürzester Zeit kamen wir oben an, und ich war kein Stück aus der Puste – kaum zu fassen!
Am Übergang von der Rampe zur eigentlichen Brücke gab es eine Art Balkon zum Runtergucken. Er war aus Backsteinen gemauert und erinnerte ein bisschen an die Zinne eines alten Burgturms. Wir setzten uns auf die Brüstung, ließen wie früher die Beine in die Tiefe baumeln, steckten uns eine Kippe an. Es war ziemlich still hier oben; friedlich rosteten die alten Bahngleise vor sich hin, auch Fahrzeuge kamen bloß selten vorbei. Der Verkehr strömte fast komplett über die besagte Autobahnbrücke. Man konnte sie in einigen Kilometern Entfernung sehen: Wie Lakritzstangen lagen die beiden Fahrbahnen auf turmhohen Betonpfeilern, vier an der Zahl, je zwei auf jeder Kanalseite. Hinter dem gewaltigen Konstrukt befand sich das Kraftwerk, ein weißer Klotz mit schlankem Kamin, aus dem weißer Rauch quoll. Eine surrende Hochspannungsleitung kam von dort heran. Sie überquerte die Autobahn und unsere Brücke, dann machte sie einen abrupten Schwenk zum Stadtgebiet.
Gerade hatten wir die erste Zigarette geraucht, da sahen wir einen riesigen Pott unter der Autobahnbrücke durchtauchen und auf uns zu schwimmen. Er schien viel zu hoch für die alte Stahlbrücke, jeden Moment erwarteten wir, dass es krachte. Aber nichts passierte. Lautlos verschwand der Kahn unter uns, kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein und zog gemächlich weiter Richtung Schleuse. Am Heck hing eine Flagge schlaff herab, es musste die finnische sein.
Die Nordstadt mit ihrer Front aus Hochhäusern wirkte von hier wie ein einziges, zusammenhängendes Gebäude: endlose Fensterreihen, die das Sonnenlicht fast brutal reflektierten, Balkone wie Bienenwaben, dazwischen überall grauer Beton. Es erinnerte an eine Festung, eine gewaltige Bastion, aus der die Weißen Riesen wie Wachtürme herausragten – sie waren mit ihrem mehr als 30 Etagen die höchsten Gebäude des Viertels. Am Fuß dieser Trutzburg verlief die Bahnlinie, dahinter begann das Schienengelände, unser altes Revier. Es zog sich bis zum Kanal hinab und ließ an ein Niemandsland denken, einen vorgelagerten Todesstreifen. Schwärme von Krähen und Möwen kreisten dort an verschiedenen Stellen herum, manchmal erkannte man inmitten des Dickichts die Felsen der gesprengten Bunker.




















































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