25. Zwei Welten

Sie schaute mir in die Augen, ganz tief. Und ich ließ es zu, wich nicht aus. Für einen Moment war es, als könne sie in mein tiefstes Inneres schauen und alles sehen… aber dann wurde es doch zu viel und ich senkte unwillkürlich den Blick.

Er kam nicht weit, blieb an ihren Unterarmen hängen. Die Ärmel der Bluse waren hochgekrempelt, die Haut war mittlerweile ziemlich braun, wohl von der Arbeit im Freien. Wie unendlich ich mich danach sehnte, sie genau dort zu berühren! Ganz langsam streckte ich meine Hand aus… Als mein Zeigefinger ihren Arm erreichte, zuckte ich zusammen – ich war mir sicher, zu weit gegangen zu sein. Aber sie blieb still, ließ es geschehen. Langsam bewegte ich meinen Finger über ihren Unterarm. Ihre Haut war unfassbar weich. Die Haare hatten sich leicht aufgestellt, aber man spürte sie fast nicht. Ich erreichte ihre Hand. Sie drehte sie, öffnete sie. Ich fuhr mit dem Finger über die Handfläche. Sie war wärmer als der Arm, und etwas feucht.

An den Fingerspitzen machte ich halt. Ihre Hand übernahm nun meine Bewegung, ging selbst auf die Reise. Sie strich über meinen Handrücken, meinen Unterarm. Es kribbelte so stark, dass ich es kaum aushielt. Dennoch rührte ich mich nicht. Ich war in eine Art Schockstarre verfallen.

Dann war ich wieder an der Reihe. Ich wurde jetzt wagemutiger, traute mich, ihren Mund zu berühren. Vorsichtig strich ich mit dem Zeigefinger über die Unterlippe und über die Knicke an ihren Mundwinkeln. Spürte den zarten Flaum an der Oberlippe, den warmen Luftzug ihres Atems. Schließlich berührte ich ihr Haar, ließ die Strähnen durch meine Finger gleiten, völlig hingerissen von der Weichheit, dem leuchtenden Blond.

Mittlerweile saß ich fast auf der Kante des Sessels, und auch sie war auf dem Bett ganz nach vorn gerückt. Ich konnte ihren Duft wahrnehmen, irgendeine Seife oder ein Parfüm. Wir schienen Ewigkeiten dort zu sitzen, in geradezu andächtiger Erstarrung, uns betastend und befühlend, als wollten wir über unsere Hände miteinander vertraut werden. „Endlich!“, dachte ich immer wieder.

Irgendwann zog sich die Spannung etwas zurück, und wir fanden unsere Sprache wieder. Maren erzählte, wie heftig im Dorf anfangs über uns geklatscht worden war. Mutter geschieden! Kinder verwahrlost! Dann dieser tätowierte Kerl aus Neuschönhagen! Ich war ziemlich baff, welches Aufsehen ein simpler Einzug hier anscheinend erregte. In der Nordstadt interessierte es niemanden, wenn irgendwo die Mieter wechselten. Meistens bekam man es gar nicht mit.



Es klopfte leise, Muttern steckte ihren Kopf zur Tür herein. „Hallo, ihr beiden.“ Sie blickte zu Maren, zu mir, dann wieder zu Maren. „Ich wollte bloß fragen, ob ihr vielleicht Tee möchtet?“

Nanu, seit wann kochte Muttern Tee, wenn ich Besuch hatte? War sie etwa neugierig? Ich schaute Maren fragend an. Sie nickte. „Okay“, meinte ich.

Muttern zog den Kopf wieder ein und schloss die Tür. Kurze Zeit später kam sie zurück, ein Tablett vor sich hertragend mit Kanne, Bechern und Zuckertopf. Vorsichtig stellte sie es auf dem Tisch ab. „Danke“, sagten Maren und ich brav im Chor.

Während wir Tee tranken, redeten wir weiter, über alles, was uns in den Sinn kam: die Clique, die Arbeit auf Gut Neudorf, die Sommerferien, die nicht mehr allzu fern waren. Zum ersten Mal sprachen wir mehr als nur das Nötigste miteinander. Ich genoss es sehr, auch wenn es sich manchmal noch ziemlich fremd anfühlte.

Und immer wieder kehrte unvermittelt diese Faszination zurück, wie ein Sog. Schlagartig verstummten wir, rückten zueinander, und begannen von Neuem, uns zu berühren und zu streicheln.

Bald saß ich neben ihr auf dem Bett. Ich wagte es endlich, mich zu ihr zu beugen, ganz langsam, immer weiter, bis unsere Lippen sich berührten. War das ein erster, vorsichtiger Kuss gewesen? Ich küsste sie auf die Wange, dann auf die Stirn. Sie hatte die Augen geschlossen. Es sah unbeschreiblich schön aus.

‘Weshalb ich?’, fragte ich mich immer wieder. ‘Weshalb lässt sie das alles zu, ausgerechnet bei mir?’ Nahm sie etwas an mir wahr, für das ich selbst keinen Sinn besaß?

„Mensch, schon nach acht!“, meinte sie irgendwann, die Augen erschrocken auf den Wecker geheftet. „Das gibt Ärger!“ Sie sprang hoch, eilte zur Tür.

Verdammt, ich hätte aufpassen müssen – wenn sie jetzt Probleme bekam, war das meine Schuld! „Ich komm mit!“, rief ich. Wir wetzten die Treppe runter, schnappten uns die Jacken, die nebeneinander an der Garderobe hingen. Draußen hatten sich die Straßenlaternen gerade eingeschaltet. Es dämmerte bereits; der Himmel war noch immer wolkenverhangen und grau.

Hand in Hand liefen wir zur Brentanostraße. An der Stelle mit den hohen Hecken, wo niemand hingucken konnte, stoppten wir und umarmten uns, drückten immer fester, bis es wehtat. Erst als uns allmählich die Luft knapp wurde, ließen wir los.



„Sehen wir uns morgen?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf, ihr Blick war fast entschuldigend. „Morgen fahr ich mit meiner Mutter nach Eckhorst ins Krankenhaus, zu meiner Oma. Wir kommen erst abends zurück. Aber Freitagnachmittag klappt es.“

Mist, ich hätte sie gern so schnell wie möglich wiedergesehen. Irgendwie schaffte ich es, meine Enttäuschung runterzuschlucken. „Am Telefonkasten, um fünf?“, fragte ich. Sie nickte. Als das Haus der Sührings vor uns auftauchte, ging sie allein weiter.

„Auf dass du nicht so viel Ärger bekommst“, sagte ich leise. Noch immer hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht auf die Zeit geachtet hatte.

„Ich denk an dich“, antwortete sie im Rückwärtsgehen. Ihre Augen leuchteten. Selbst im Dämmerlicht glaubte ich ihre grüne Farbe zu erkennen. Ich wollte etwas erwidern, brachte aber nichts heraus – es hatte mir glatt die Sprache verschlagen.

Sie warf mir einen Handkuss zu, drehte sich um, schloss die Tür auf. Noch einmal winkte sie, dann ging sie ins Haus.

Den Rest des Abends verbrachte ich wie im Rausch. Immer wieder rief ich mir die letzten Stunden ins Gedächtnis zurück, konnte kaum glauben, dass alles sich hier zugetragen hatte, in diesem Zimmer. Selbst als ich längst im Bett lag, glaubte ich noch ihre Hände auf meiner Haut zu spüren. Überall wo sie mich berührt hatten, schien es zu kribbeln. Als hätten sich dort die Poren geöffnet und wollten sich jetzt gar nicht wieder schließen.

Ich glitt in eine Art Halbschlaf, aus dem ich immer wieder ruckartig aufwachte, manchmal erschrocken, weil ich dachte, alles wäre nur ein Traum gewesen, meistens aber trunken vor Glück.

Schließlich sah man es hinter dem Vorhang allmählich hell werden.

 

***

 

Die Busfahrt zur Schule: Ringsherum nur reifende, goldgelbe Kornfelder in der Morgensonne, so weit das Auge reichte. Immer wieder durchliefen mich regelrechte Glücksschauer. Alles schien völlig anders als noch am Vortag, die Welt komplett ausgetauscht.

Natürlich war es Maren! Weshalb hatte ich es nicht von Anfang an gemerkt? Alles war nur auf sie zugelaufen, seit unserem ersten Treffen. Nein, sogar schon vorher. Diese seltsame Kraft, die ich seit jenem besonderen Morgen vor Weihnachten immer wieder spürte – Maren war ihr Zentrum, ihr Ziel. Und zugleich auch die Quelle.



 

***

 

Den ganzen Nachmittag hockte ich drinnen und versuchte, der Konfusion in meinem Kopf Herr zu werden. Die Euphorie hatte inzwischen deutlich nachgelassen. Verdammt ungünstig, dass Maren ausgerechnet heute nach Eckhorst fahren musste. Das mit ihrer Oma sah ich ja ein, und trotzdem: Jede Sekunde, die wir getrennt waren, schien uns weiter voneinander zu entfernen. Schon spürte ich die Anziehung fast nicht mehr, die gestern noch so grenzenlos, so unendlich gewesen war. Stattdessen kroch allmählich ein anderes Gefühl hervor: Unbehagen, Druck, fast Angst.

Maren und ich… konnte das ernsthaft gutgehen? War ihre Welt nicht viel zu weit weg von meiner? Täuschte sie sich gar in mir? Malte sie sich bloß ein Traumbild, sah in mir etwas, das ich null erfüllen, nicht ansatzweise bieten konnte?

Auf einmal hatte ich ganz merkwürdige Gedanken, die mir gestern nicht im Traum gekommen wären: Waren wir jetzt eigentlich zusammen? Wie sollten wir uns dann vor den anderen verhalten? In der Nordstadt musste man das beweisen, eine Art Showprogramm liefern mit Küssen, Umarmungen und so weiter. Wenn das hier genauso lief, hatte ich ein Problem. Was war denn zwischen Maren und mir bisher groß passiert? Eigentlich doch so gut wie gar nichts. Für Außenstehende gab es da noch wenig zu sehen. Nicht mal richtig geküsst hatten wir uns gestern.

Irgendwie war es nichts Halbes und nichts Ganzes.

 

***

 

Beim Abendessen ging das Telefon – Hartmann! Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Wir waren ja fürs Pfingstwochenende verabredet, und das ging morgen los!

Mist, ich wollte eigentlich nicht, dass er ausgerechnet jetzt hier aufkreuzte. Gerade hatte ich völlig andere Sorgen. Blöderweise fiel mir auf die Schnelle keine Ausrede ein. Aber so kurzfristig hätte ich ihm eh nicht mehr absagen können: Er saß quasi auf gepackten Koffern, hatte sich schon die Busverbindungen nach Schönhagen rausgesucht. War es sein Problem, wenn ich unser Treffen verschusselt hatte?

Okay, Hartmann also. Er würde morgen am frühen Nachmittag kommen und bis Pfingstmontag bleiben. Wie sollte ich ihm bloß die Sache mit Maren verklickern? Er wusste natürlich noch nichts von ihr. Wie auch? Es war ja erst gestern passiert.



Scheiße, was hatte ich mir da bloß alles aufgehalst?

 

***

 

Ich saß in meiner Bude und wartete aufs Türklingeln. Vorhin hatte ich kurz mit Maren telefoniert und ihr Hartmann angekündigt. Sie war total gespannt.

Mir dagegen ging die Muffe. Was würde Hartmann zu ihr sagen? Was würde überhaupt gleich passieren? Seit über einem Monat hatten wir uns nicht gesehen. Auch unsere Telefonate waren in letzter Zeit selten geworden.

Das Klingeln – endlich! Schon beim Runtergehen erkannte ich seine Gestalt durch die Milchglasscheibe der Haustür. Als ich öffnete, verzog er keine Miene. „Hi, wie läuft’s?“, meinte er. Als hätte wir uns gestern abend zuletzt gesehen.

Das Wetter war komplett umgeschlagen: von regnerisch und kühl heute morgen auf sonnig und sommerlich warm. Hartmann trug die Jacke über die Schulter gehängt. Die Ärmel seines T-Shirts waren abgeschnitten, auf dem rechten Oberarm prangte ein neues Tattoo: ein Kreuz, um das sich eine Schlange wand. Ich stellte mir vor, wie Frau Rönnfeld neugierig aus dem Küchenfenster spähte und bei Hartmanns Anblick entsetzt zusammenzuckte. Unwillkürlich musste ich lachen.

„Was ist?“, fragte er irritiert. „Irgendwas nicht in Ordnung?“

Aber ich hatte mich schon wieder im Griff. „Nee, nee, alles okay“, sagte ich schnell. Wir gingen nach oben. Hartmann warf seine Sachen aufs Bett und fischte eine zerknüllte Packung Camel aus der Hosentasche. Er zündete zwei Kippen an und hielt mir wortlos eine hin.

Während wir rauchten, berichtete er die Neuigkeiten der letzten Zeit. Die Klopperei vom Ostersamstag, die keine gewesen war, sollte demnächst nachgeholt werden – die Hawks hatten sich bereits wieder in der Nordstadt angekündigt. Britta war jetzt mit Tom zusammen, angeblich nicht wegen seiner Kohle, sondern weil sie sich unsterblich in ihn verliebt hatte.

Im Geiste sah ich Toms Zimmer vor mir, die vielen Leute, die Hehler und die ganze Vertickerei. Ich versuchte mir die Prügelei mit einer feindlichen Gang vorzustellen: ineinander verkeilte Leiber, fliegende Fäuste, Staub, Blut…. aber meine Bilder blieben seltsam künstlich und statisch. Wie in einem schlecht gemachten Film.

Ich schaute aus dem Fenster, sah den blauen Himmel, die sonnenbeschienenen Gärten. Auf einmal hatte ich das Bedürfnis, rauszugehen. Ich wollte ins Licht, wollte Wärme auf der Haut spüren, den Duft des reifenden Korns einatmen. Nichts anderes.



Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare