Mirja-Prolog
Die Nordhauch-Tundra war ein trister, kalter und lebensfeindlicher Ort und trotzdem die Heimat des Frostklauen-Rudels. Eines stolzen Clans, der schon seit vielen Jahrhunderten hier lebte und das, was er brauchte, der Natur abtrotzte.
Ysra war zwar stolz darauf, zu diesem Rudel zu gehören, doch sie wünschte sich mehr für ihre Leute. Sich nur mit der endlosen Kälte und weiten Leere abzugeben, reichte ihr nicht.
Eisbären, Robben und Pinguine boten zwar genug Nahrung und die Eistiger waren gute Jagtübungen, doch sie sah neidisch auf das Fleckchen Land, das sich zwischen der Tundra und der Dämmerwüste erhob.
Grün, warm und voller Leben.
Ein Ort ohne Rudel und ohne Herrscher.
Ein Ort der Sehnsucht, der entweiht worden war.
Sie zerknüllte den Brief in ihrer Hand, der mitteilte, dass Asher aus dem Wüstensturmrudel und Mirani aus dem Clan der Nebelweiss das Gebiet besetzt hatten.
Was für eine Farce und die Dämmerwüste hatte es auch noch akzeptiert.
Als wäre der Umsturz der dortigen Herrscher nicht schon problematisch genug.
Wenn sie zuließ, dass dieses Gebiet einfach so an diese Kinder ging, würde sie ihrem Traum, selbst darüber zu herrschen, niemals näherkommen.
Aber sie besaß keine Kampfkraft, um die Feinde zu vertreiben.
Als Frau des Alphas konnte sie nicht einfach so Truppen entsenden, solange es nicht zur reinen Verteidigung war. Auch dann nicht, wenn sich ihr Mann in den Randgebieten aufhielt, um Clanstreitigkeiten zu schlichten.
Die Tür öffnete sich, doch Ysra drehte sich nicht um. Stattdessen fuhr sie sich weiter gedankenverloren durch das weiße Haar.
»Ihr habt nach mir verlangt, Mutter?«, fragte der junge Mann, der eingetreten war.
Joran trug die fellbesetzte, dunkelblaue Rüstung, die für die Krieger der Tundra allgegenwärtig war.
Das Wappen an seiner Brust wies ihn als Mitglied der Alphafamilie aus, obwohl das dünne, lange Schwert an seiner Hüfte ganz untypisch für diese Gegend war.
»Joran. Was gedenkst du gegen die Eindringlinge zu unternehmen?«, fragte Ysra direkt und wandte sich ihrem Sohn zu. Solange Eirik nicht in der Hauptstadt war, war es Jorans Aufgabe, das Rudel zu beschützen. Er hatte die Macht, die Truppen zu mobilisieren.
»Was meinst du?«, fragte Joran überrascht, konnte er seiner Mutter doch nicht folgen.
Diese war den Brief frustriert auf den Schreibtisch, damit Joran ihn sich ansehen konnte.
Dieser machte einen Schritt darauf zu und nahm sich den Brief.
Seine eisblauen Augen huschten nur einen Moment darüber, dann seufzte er. »Vater will, dass wir uns da raus halten«, erklärte er entschuldigend.
Das sorgte dafür, dass Ysra ihren Mund verzog. »Wir sollen sie gewähren lassen? Sie beanspruchen Land, das rechtmäßig uns gehört«, wetterte Ysra frustriert.
»Laut den alten Geschichten vielleicht«, warf Joran ein, der die Wut seiner Mutter nicht abtun wollte. Es ärgerte ihn ebenfalls, doch sein Vater war in diesem Punkt klar gewesen.
Kein Einmischen. Erst recht nicht, wenn er nicht da war.
»Vater ist zurück.« Mit diesen Worten riss Björn die Tür auf.
Er war der einzige der drei Brüder, dessen Haar nicht nur blau schimmerte, sondern ein reines Hellblau aufwies.
Hinter ihm trat auch Havald ein, der seiner Mutter nur kurz zu nickte.
Sofort sprang Ysra auf. »Ich muss sofort mit ihm sprechen«, sagte sie, denn diese Gelegenheit wollte sie sich nicht entgehen lassen. Hoffentlich war er darüber genauso entsetzt, wie sie.
Immerhin war dieses Territorium schon seit vielen Generationen umkämpft und er würde es sicherlich nicht aufgeben.
Björn hob die Hände. »Er muss sich ausruhen«, erwiderte er, wollte er seinen Vater doch nur ankündigen.
Ysra wischte seine Bedenken mit einer Handbewegung weg und drängte sich an ihm vorbei, aus dem Raum. Sie wusste sehr genau, wie sie Eirik finden würde. Es war Tradition, dass er zuerst seine jüngste Tochter Mirja besuchte.
Allein der Gedanke an sie, ließ Ysra ihre Lippen verziehen. Mirja war ein Kind, das in ihren Augen nicht nutzloser sein konnte. Sie war zum Glück nicht als Omega geboren, doch ihre Fähigkeiten waren noch nicht erwacht und das, obwohl sie vor einigen Wochen volljährig geworden war. Auch in Politik und Kampf war sie nicht zu gebrauchen. Mehr als ein schönes Anhängsel, das sich vielleicht mit einem Adligen verheiraten ließ, um die Beziehungen zu stärken, war aus ihr nicht geworden. Dabei hatte Ysra sich so viel Mühe mit ihr gegeben.
Mit diesen Gedanken blockierte sie den Flur, der zu den privaten Zimmern führte. Sie würde gar nicht erst zulassen, dass Eirik sein Ziel erreichte. Ihr Anliegen war viel wichtiger. Nur musste sie aufpassen, wie sie es formulierte. Er neigte dazu, nach seinen Reisen schlecht gelaunt zu sein.
Als Eirik die schwere Doppeltür aufchwob, die den privaten Familienbereich vom Rest des Schlosses trennte, war sie bereit.
»Eirik!« Sie strahlte ihren Mann mit einem Lächeln an und machte mehrere Schritte auf ihn zu.
Dass sein dicker, fellbesetzter Umhang noch voll Schnee war und sein Haar auch einige Flocken aufwies, kam ihr gerade recht. »Willkommen zuhause. Du musst erschöpft sein. Möchtest du ein heißes Bad mit mir nehmen?«, fragte sie und blickte unschuldig zu ihm auf.
Eirik fuhr sich jedoch lediglich durch die weiß-grauen Haare. Seine eisblauen Augen richteten sich musternd auf seine Frau, während seine große Hand schwer auf dem Knauf seiner Axt lag, die an seinem Gürtel hing. »Was willst du von mir?«, brummte er, als hätte er nicht die Kraft für ihre Spielchen.
Früher hatte er sich darauf eingelassen. Es hatte ihm sogar gefallen. Aber in den letzten Jahren war ihr Verhältnis nur noch weiter abgekühlt. Etwas, das Ysra nicht gefiel, denn das stärkte ihre Position nicht gerade.
Mit Mühe schaffte es Ysra, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie seine Reaktion frustrierte. Trotzdem stieß sie leise die Luft aus und hob dann den Brief. »Das solltest du dir ansehen«, bemerkte sich und reichte ihm diesen.
Wenn sie Pech hatte, würde er sich den Brief lediglich für später einstecken.
Allerdings faltete er ihn auf, überflog ihn und hob dann die Augenbraue. »Das ist interessant«, bemerkte er, was nicht die Reaktion war, die Ysra erwartet hatte. »Bring die Jungs zu mir ins Arbeitszimmer«, befahl er, während er den Mantel öffnete und an ihr vorbei ging.
Ysra erwartete, dass er zum Ende des Ganges lief, doch zu ihrer Überraschung bog sie in sein Arbeitszimmer ein.
Freudige Erwartung machte sich in ihr breit. Er nahm ihre Bedenken ernst. Das war noch nie passiert. Vielleicht sah er es ja doch so wie sie. Denn endlich hatten sie die Chance, diesen Bereich zu erobern. Ein neues, kleines Rudel war kein Gegner gegen die Nordhauch-Tundra.
Während sie einem Diener, der auf der anderen Seite der Doppeltür wartete, die Aufgabe gab, ihre drei Söhne zu bringen, folgte sie Eirik beschwingt in sein Arbeitszimmer.
Sie hätte fast gesummt vor Freude, doch als sie Eirik eher leger auf dem Sofa liegen sah, änderte sich ihre Stimmung. Er betrachtete den Brief zwar mit Aufregung, doch die Wut, die sie erhofft hatte, war nicht da. Als würde er das Geschrieben nicht wirklich als Problem betrachten.
Stattdessen war da sogar eine Gewisse Freude, als würde ihn der Inhalt erheitern.
Ysra wurde aus dieser Emotion nicht schlau. Sie passte nicht zu dem Eirik, den sie kannte.
»Das hier ist die perfekte Gelegenheit für Mirja«, sagte er plötzlich, was bei Ysra für Verwirrung sorgte.
»Mirja?«, fragte sie unsicher. Sollte das nicht eher etwas für Joran sein? Er war immerhin der Krieger.
»Ja. Es wird ihre erste Aufgabe. Immerhin bringt Havald ihr nicht grundlos bei, wie sie diplomatische Beziehungen zu pflegen hat.«
Ysra verzog bei diesen Worten den Mund. »Du willst diplomatische Beziehungen mit diesen Eindringlingen pflegen?«, rief sie aufgebracht über die Worte ihres Mannes.
Eirik senkte den Brief und blickte sie über das Papier hinweg musternd an. Sein Blick jagte ihr einen Schauer über den Rücken, doch sie konnte es nicht benennen. Etwas gefiel ihm nicht, nur was?
»Sollten wir sie nicht lieber angreifen?«, fragte Ysra vorsichtig, die auf keinen Fall seine Wut auf sich ziehen wollte.
Eirik schnaubte und legte den Brief zurück. »Ich möchte, dass Mirja mit einer Delegation zu ihnen geht und mit ihnen Beziehungen knüpft.«
Ysra ballte versteckt hinter dem Rock ihres Kleides ihre Fäuste. Wollte er diese Parasiten dazu nutzen, seiner Tochter etwas beizubringen? Er war wirklich ein viel zu vernarrter Vater.
Aber vielleicht konnte sie das für sich nutzen.
Ein leichtes Lächeln wanderte über ihre Lippen. »Du hast recht. Vielleicht ist Mirja die Richtige dafür«, stimmte sie ihm schließlich zu. Vielleicht war dieses Mädchen doch noch zu etwas nütze.



































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