Kapitel 43 – Die Bindung
Kapitel 43 – Die Bindung
Kelevan
Der Kerker war ein düsterer Ort. Auch die Ausnüchterungszellen unter der Kaserne. Das Schlimmste an diesen war ihr Standort, welcher sich direkt neben den Folterräumen befand. Der stetige Geruch nach frischem und getrocknetem Blut hing hier schwer in der Luft.
Als ich Tadurials Zelle aufschloss, machte sich der Hauptmann hastig daran, sich zu erheben und das Haupt vor mir zu senken. „Mein König?“ Sichtlich beschämt trat er vor mich, verbeugte sich tief und zwang sich anschliessend, trotz spürbarem Widerwillen, mir in die Augen zu sehen und mir so den Respekt zu erweisen.
Ich nickte und erkannte die Geste an. „Wie geht es deinen Blessuren?“
„Sie heilen.“
„Gut.“ Ich trat einen Schritt zurück. „Dein Haus hat in dieser Nacht gebrannt. Verantwortlich war wohl dein Magier. Er ist tot. Es sieht ganz nach Selbstmord aus. Oder aber, es war ein Racheakt.“
Tadurial riss entsetzt die Augen auf. „Er war fähig, Hitze zu erschaffen, aber …“ Seine Stirn runzelte sich. „Seine magischen Kräfte waren nicht wirklich nennenswert …“
Aufbauend legte ich meinem Hauptmann meine Hand auf die Schulter. „Ein Haus steht schnell in Flammen, Tad.“
Tadurial nickte apathisch. Sein Blick lag irgendwo in der Leere hinter mir. „Und … Rjna? Die Prinzessin?“
„Musste sich selbst in Sicherheit bringen“, knurrte ich. „Ihre Leibwache ist abgehauen, um einen Wassermagier aufzutreiben, anstatt sie da rauszuholen!“
„Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen …“
„Schon geschehen.“ Der Vampir, der sich erlaubt hatte, seine Pflicht dermassen zu vernachlässigen, würde den Rest seiner Unsterblichkeit damit verbringen, die Hinterlassenschaften der Pferde im königlichen Stall zu entfernen.
Stunden später, die Mittagssonne stand hoch am Himmel, sass ich, den Blick auf die Dokumente vor mir gerichtet, am Schreibtisch in meinem Gemach. Wie lange war es her, dass ich meine Arbeit zuletzt hier verrichtet hatte? Doch mindestens zwanzig Jahre. Mein Blick schweifte im Zimmer umher und blieb an der Gestalt kleben, die sich die ganze Nacht hindurch ununterbrochen in meinen Laken gewälzt hatte. Mittlerweile liess sich kaum mehr unterscheiden, wo das Laken endete und Rjna begann.
Unruhig wälzte sie sich hin und her, stiess ein Stöhnen aus und wimmerte. Sie verkrampfte sich, kniff die Augen angespannt zusammen und presste die Lippen so fest aufeinander wie nur möglich. An ihrer geschwollenen Oberlippe erkannte ich, dass ihre Fänge ausgefahren waren. Wieder stiess sie ein qualerfülltes Wimmern aus. Als sie den Mund daraufhin hastig wieder schloss, begann der Geruch von Blut den Raum zu erfüllen. Meine Augenbrauen wanderten nach unten. Hatte sie sich etwa auf die Lippe gebissen?
Bedächtig erhob ich mich, ging zum Bett hin und setzte mich auf dessen Kante. Als ich heute Morgen aus der Kaserne zurückgekehrt war, hatte ich ihr ein Nachthemd der Gemahlin meines Bruders, Nierwil, übergezogen. Kalt sollte ihr also nicht sein.
Ihr Gesicht verzog sich und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Dann begann sie zu fauchen. Zu zischen. Und ja, da war Blut an ihren Lippen, welches ich kurz darauf sanft mit einem Stofftuch wegwischte. Besorgt strich ich ihr über die Wange. Was, wenn der Blutrausch, anders als erwartet, noch nicht vorüber war?
„Wach auf, Kleines.“
Rjnas Bewegungen wurden immer unruhiger. Sie schniefte, sie weinte und sie begann, unverständliches Zeug zu rufen. Ein einziges Wort verstand ich: „Xelus!“
„Sh … Rjna, wach auf.“ Sachte berührte ich sie an der Schulter. Und sie wachte auf, denn plötzlich lag sie regungslos da, den ganzen Körper aufs Äusserste angespannt. Aber sie traute sich nicht, die Augen zu öffnen. Ich gluckste leise. „Öffne die Augen. Ich weiss, dass du wach bist.“
Stockend schniefte sie. „Aber …!“, stiess sie aus, die Stimme krächzend. „Ich habe ihn gebissen! Ich habe ihn umge…gebracht!“
Erneut strich ich ihr mit meiner Hand über die Wange, wischte dort eine Träne weg und schüttelte den Kopf, um mich selbst zu ermahnen, jetzt nicht zu lachen. „Es war nur ein Magier, Rjna. Du hättest unserer Gesellschaft einen Dienst erwiesen, hättest du ihn umgebracht.“
Sie riss die Augen auf. „Also lebt er noch?!“
Leicht bewegte sich mein Kopf hin und her. „Er hat sich selbst gerichtet. Er hat Tadurials Haus in Flammen gelegt und ist darin gestorben.“
Mit zitternden Gliedern richtete sie sich im Bett auf, woraufhin ich meine Hand zurückzog. Rjna sah mich an, entsetzt, bedauernd, mit grossen, tränengefüllten Augen. „Aber das … Das, nein …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein!“, schrie sie und packte mich am Kragen meines Leinenhemds. Das kam überraschend. Gerade wollte ich sie ermahnen, sich zu benehmen und es nicht zu übertreiben, und mich von ihrem Griff befreien, da zog sie sich an mich heran, drückte ihr Gesicht an meine Brust und begann bitterlich zu weinen.
Zaghaft und reichlich unbeholfen hob ich meine Arme und tätschelte ihr den Rücken. Frauen … Wieso mussten Frauen immer weinen?
Mit Schnodder, Tränen und Rotz bedeckt, hob ich Rjna nach einer ganzen Weile des Tröstens in meine Arme und trug sie wortlos in den königlichen Wohnbereich. Hier war es heller. Die Sonne fiel schräg durch die Fenster und erweckte die betäubten Lebensgeister des Mädchens in meinen Armen.
Leise schniefend sah sie auf. „Mein König?“, nuschelte sie leise und sah sich um. „Wo bin ich?“
„Gerade eben noch lagst du in meinem Bett. Jetzt befinden wir uns im königlichen Wohnbereich meines Schlosses. Deinem zu Hause, bis dein Vampirvater zurückkehrt.“ Müde nickte sie vor sich hin. Ihre Augen waren blutunterlaufen und angeschwollen, die Wangen rot gefärbt. „Möchtest du etwas trinken? Bestimmt hast du Durst, nachdem du dich gestern so sehr verausgabt hast.“ Verwirrt blickte sie auf, sodass ich erklärend fortfuhr: „Du bist dem Blutrausch verfallen. Tadurial hat dich stundenlang im Zaum halten müssen.“ Prüfend blickte ich auf sie hinab, erkannte aber wohl, dass sie sich nicht daran erinnerte. Ich zwang mir ein sanftes Lächeln auf die Lippen. „Keine Sorge. Die Erinnerungen daran sind häufig verschwommen oder gar nicht erst vorhanden. Du hast lediglich die Kontrolle verloren. Das kann vorkommen.“ Wie, um mir selbst zu bestätigen, was ich gerade eben von mir gegeben hatte, nickte ich. „Und dann bist du aus einem brennenden Haus gelaufen, mir direkt in die Arme.“
„Brennendes … Haus?“
Ich brummte bestätigend, liess mich auf dem Sofa in der Mitte des ausladenden Wohnbereichs nieder und zog Rjna auf meinem Schoss zurecht. „Erinnerst du dich noch daran?“
„M-mh.“ Kopfschüttelnd runzelte sie die Stirn.
Schritte näherten sich dem Wohnbereich. Noch ehe die beiden jungen Frauen die Chance hatten, zu klopfen, rief ich sie herein. Elindra, meine persönliche Magierin, und ein junges Spendermädchen, Aurora, an dem Alomis einen Narren gefressen hatte, betraten still und leise den Wohnbereich. Elindra führte Aurora bis hin zum Sofa und stellte sich dann seitlich von mir hin, den Blick demütig auf den Boden vor meinen Füssen gerichtet.
„Elindra, du kannst gehen.“ Die Magierin knickste demütig und verschwand zur Tür hinaus. „Rjna?“
„Hm?“
„Dein Frühstück.“ Ich deutete auf Aurora. Aurora war ein zierliches Mädchen, menschlich und an die fünfzehn Jahre alt, wenn ich mich nicht täuschte. Aufgrund familiärer Umstände hatte sie sich schon früh im Bluthaus als Spenderin beworben – war Alomis aber schon an ihrem ersten Tag aufgefallen. Er hatte sie dem Vampir, der dem gemeinen Volk angehörte, damals regelrecht aus den Armen gerissen und das Mädchen für die königliche Etage beansprucht.
Rjna betrachtete Aurora mit einem undurchsichtigen Blick. „Muss ich …, Majestät?“ Ihre Hände begannen zu zittern. Gleichzeitig begann sie unruhig auf meinem Schoss hin und herzurutschen, was mir ein leises Knurren entlockte.
„Ja.“
Den Ausdruck meiner Erregung falsch deutend, zuckte sie zusammen und bat kleinlaut um Auroras Handgelenk. Als sie sich daraufhin von meinem Schoss erheben wollte, knurrte ich erneut und zog sie zurück. Ihr Schoss war so schön warm. Die Stoffe zwischen unseren Lenden störten allerdings. Nur mit Mühe konnte ich mich davon abhalten, ihr das Nachtkleid vom Leibe zu reissen und sie auf der Stelle zu nehmen. Mein Blick wich zu Aurora. Vielleicht würde ich meine Lust nachher an ihr auslassen. Ob mein manierlicher Bruder ihr ihre erste Nacht bereits geraubt hatte?
Rjna griff zögerlich nach dem dargebotenen Handgelenk, hob den Blick und sah mir in die Augen. Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinab, als ihre Mundwinkel plötzlich höhnisch zu zucken begannen. Wo ihr Blick zuvor noch von Emotionen durchdrungen gewesen war, war da jetzt nichts mehr. Sie legte den Kopf leicht in den Nacken, bleckte die Zähne und liess ihre Fänge erscheinen.
Noch in Starre aufgrund der plötzlichen Gefühlswandlung, dauerte es eine halbe Sekunde, bis ich überrascht die Augen aufriss. Vier? Vier Fangzähne? Noch einmal vergewisserte ich mich, dass ich mich nicht verzählt hatte. Doch das hatte ich nicht. Zwei oben und zwei unten. Wo hatte ich das zuletzt …?
Rjna stiess ein höhnendes Fauchen aus und rammte ihre Fangzähne in das Handgelenk der jungen Aurora. Ein gellender Schrei brachte meine Trommelfelle zum Erzittern. Doch statt sich zurückzuziehen und sich zu entschuldigen, formten sich Rjnas Lippen an Auroras Haut zu einem Lächeln. In ihren Augen funkelte ein trüber Wahnsinn. Es war, als blicke man direkt in die Seele eines gefühlskalten Monsters.
„Kelevan!“ Der Ruf hallte laut durch den Raum. Alomis keuchte. „Rjna! Aufhören!“ Schon stand er vor uns – mir, der ich für einen Augenblick wie erstarrt war, und Rjna, die nicht aufhörte zu trinken. Aber es war nicht so, dass sie wieder der Blutrausch überkommen hätte. In ihren Augen glänzte eine Bosheit, die für den Blutrausch keineswegs typisch war.
Alomis versuchte Rjna gewaltsam Auroras Handgelenk zu entreissen, was jedoch nur dazu führte, dass sie sich noch fester darin verbiss.
Aurora jaulte gequält auf, dann, kurz bevor sie der Ohnmacht erlag, liess Rjna von ihr ab. Auroras Augenlider flatterten, eine kurz bevorstehende Ohnmacht verkündend, und ihr Körper verlor an Spannung. Schnell hob Alomis sie in seine Arme. Seine Miene war dunkel, das beschützende Knurren, das von ihm ausging, drohend.
„Was sollte das?! Warum hast du nicht eingegriffen, wenn sie sich nicht kontrollieren kann?!“ Als ich nicht weiter als mit einem Schlucken auf ihn reagierte, machte er auf dem Absatz kehrt knurrend und fluchend, wie ich ihn noch nie gehört hatte.
Meine Arme lagen fest um Rjnas Taille herum. Ich traute mich gar nicht, sie loszulassen. „Rjna?“ Nur zögerlich erhob ich meine Stimme. Ich hatte eine Vermutung, wieso sie so war, wie sie war.
Fragend schaute sie zu mir auf. Doch das einzige Wort, das mir zu ihrer Mimik einfallen wollte, war kalt. So kalt. So gefühllos, so leer. „Hat … sie dir geschmeckt?“
„Ja.“ Ein Grinsen zog auf ihren Lippen ein, als ihre Zunge vorschnellte und auch den letzten Tropfen von Auroras Blut, der noch an ihrem Mundwinkel geklebt hatte, für sich beanspruchte. „Ihr Geschmack war ganz vorzüglich.“ Ihr Becken bewegte sich fast schon lasziv vor und zurück. Ihre Hände griffen wie schon einmal am heutigen Tag nach meinem Kragen und ihr Mund näherte sich meinem an, bis gerade noch so ein Pergament zwischen uns gepasst hätte. „Ich kann mir noch etwas vorstellen, was mir ganz vorzüglich schmecken würde, mein König.“
Und wieder schluckte ich hart, sprachlos ob der Obszönität, die Rjna gerade an den Tag legte. Hatte sie meine Härte vorhin gesprüht? Jetzt war die auf jeden Fall Geschichte. Zögerlich hob ich eine Hand an ihre Wange und brachte einen kleinen Abstand zwischen unsere Lippen. „Du rutschst von einem Unglück ins nächste, oder?“
Alomis’ wütende Schritte, die ich vor der Tür vernahm, erschienen mir wie eine Rettung. Ich hob Rjna hoch, setzte sie neben mich und winkte ab. „Heute nicht. Setz dich ruhig. Ich werde ein kurzes Gespräch mit Alomis führen, dann komme ich zurück und erkläre dir, wie es weitergeht.“
Kerzengerade kam sie zum Sitzen, rümpfte die Nase und starrte aus dem Fenster.
Ich nickte noch einmal geistesabwesend, ehe ich eilig den Raum verliess. Alomis, den ich direkt vor der Tür abfing, musste ich noch nicht einmal ansehen, um die Sorge zu spüren, die von ihm ausging. Schweigend führte ich uns in den grossen Konferenzraum, der vor meinem privaten Arbeitszimmer lag, und deutete meinem Bruder, Platz zu nehmen. Er jedoch schien Stehen im Moment zu bevorzugen.
„Kelevan, ich habe bei Aurora…“
Unterbrechend hob ich die Hand. Was er jetzt wieder mit Aurora hatte, interessierte mich nicht. Er war vernarrt in dieses kleine Ding, seit sie hier aufgetaucht war. „Ich glaube“, fing ich an und überlegte mir meine nächsten Worte gut, während mein Blick irgendeinen unbedeutenden Punkt im Zimmer fixierte. „Ich glaube, Rjna leidet unter Entzugserscheinungen.“
Alomis schien erst überhaupt nicht zu begreifen, was ich da sagte. In seinem Blick konnte ich sehen, wie er alle Arten von Entzugserscheinungen durchging und überlegte, welche davon wohl mit Rjnas Verhalten übereinstimmte – wobei er die offensichtlichste und richtige schon zu Beginn ausgeschlossen hatte –, was ich ihm in diesem Fall noch nicht einmal verdenken konnte. Stirnrunzelnd erwiderte er meinen Blick.
„Xelus“, sprach ich also seufzend.
Nach einem Moment, in dem ihm die Bedeutung meiner Worte bewusst wurde, wurden seine Augen gross. „Nein“, hauchte er und schien mit sich selbst im Disput. „Das kann nicht sein, Kelevan. Sie können keine richtige Meister-Schützling-Bindung aufgebaut haben. Es ist gar nicht möglich, er hat sie nicht verwandelt…!“
„Nein. Aber nichts anderes erklärt es“, beharrte ich und hielt seinem zweifelnden Blick eisern stand. Kopfschüttelnd setzte er sich nun doch und fuhr mit den Händen durch sein schwarzes, langes Haar. „Es ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als sie gestern zum zweiten Mal ins Schloss gekommen ist, um mir den Rest ihrer Geschichte zu erzählen und damit ihr Versprechen zu erfüllen.“
„Sie hat dir ein Versprechen gegeben?“ Neugierig sah mein Bruder mich an. „Worauf hat sie geschworen?“
„Das werde ich dir nicht sagen. Denn auch ich habe ihr ein Versprechen gegeben.“ Ich seufzte. „Kommen wir zurück zum Wesentlichen. Als sie gestern Morgen das zweite Mal hier war, war Xelus bereits abgereist. Schon da dürfte die Bindung also strapaziert gewesen sein, und das hat man gemerkt. Ihre Stimme war … sie klang völlig gleichgültig, ganz im Gegenteil zum Vortag. Und dann hat sie auch noch ihr kleines, rotes Büchlein vergessen, das ihr am Morgen noch so viel bedeutet hat, dass sie es um keinen Preis aus den Händen geben wollte.“ Tadurial hatte sich noch über ihre Sturheit aufgeregt. „Heute morgen wurde sie von ihren Emotionen geradezu so überwältigt, weil sie gestern Abend über einen Magier hergefallen ist. Tadurials, um genau zu sein. Daraufhin ist sie dem Blutrausch verfallen – wieder ein Zeichen dafür, dass sie sich überhaupt nicht mehr kontrollieren kann. Offensichtlicher kann es doch überhaupt nicht mehr werden! Schändlich genug, dass es bis jetzt vollkommen unbemerkt geblieben ist!“
Einige Zeit sassen wir an dem Besprechungstisch und hingen beide unseren Gedanken nach. Mein Kopf pochte und meine Gedanken wurden mit jeder Sekunde, die diese Stille weiter für sich einnahm, wirrer und ungezügelter.
Irgendwann durchbrach Alomis die Stille, legte müde die Hand in den Nacken und räusperte sich. „Gut. Also, sagen wir, es wäre so und Rjna leidet unter Xelus’ Abwesenheit. Dass es wirklich das Band ist, welches nicht durchtrennt wurde und sie deswegen diese ganzen Stimmungsschwankungen hat.“
Nun … ein solches Band durchtrennte man ja auch nicht einfach so. Es war heilig. Und existierte nur zwischen Meister und Sprössling. Mit den Jahrhunderten wurde es schwächer, bis der Sprössling schliesslich so weit war, dass er selbstständig seiner Wege gehen konnte und das Band sich gänzlich löste. Es war zwar möglich, dies auch früher zu tun, aber unter normalen Umständen wurde das nicht gemacht.
„Wie sollte eine richtige Meister-Schützling-Bindung zwischen den beiden entstanden sein? Xelus hat sie nicht verwandelt.“
Ich nickte. „Eben dieser Punkt will nicht ins Bild passen.“
Nach weiteren Momenten des schweigsamen Grübelns musste ich mir eingestehen, keine plausible Lösung dafür zu finden, und auch Alomis schien, sehr zu meinem Bedauern, ratlos.
„Viel wichtiger ist, was wir jetzt machen sollen“, brummte ich.
Alomis nickte gedankenverloren. „Wir müssen es stoppen. Die Stimmungsschwankungen werden dazu führen, dass sie sich am Ende selbst zerstört, wenn wir nichts tun. In den emotionskalten Phasen wird sie Gräueltaten begehen, mit denen ihr normales Ich nicht klarkommen wird.“
„Dass sie dabei Freude empfindet, wird es nicht besser machen.“ Auf Alomis’ skeptischen Blick hin, fügte ich hinzu: „Ich habe es gesehen. Ihre Augen haben regelrecht gestrahlt, als sie Auroras Schreie gehört hat. Und dabei ist das noch nicht einmal ihre Schuld. Ein Vampir auf Bindungsentzug … ist nicht mehr er selbst, das weisst du so gut wie ich.“ Getrieben fuhr ich mir mit der Hand durch die Haare. „Es aufzuhalten oder die Symptome zu unterdrücken ist nahezu unmöglich. Das Band gewaltsam zu trennen, und das auch noch in Xelus’ Abwesenheit, könnte sie töten!“
„Wir …“, fing Alomis zögerlich an und strich sich dabei verzweifelt über das Gesicht. „Wir könnten Levran herholen. Wenn Rjna eine Meister-Schützling-Bindung zu Xelus aufgebaut hat, dann ist die einzige Möglichkeit ihn zurückzuholen oder auf eine Zweitprägung mit seinem Erschaffer zu hoffen. Aber wir wissen nicht, wo Xelus ist.“
Ich lachte auf. Levran. Unser jüngerer Vampirbruder und der Dritte im Bunde. Er war sehr … eigen. Er hatte schon immer seinen eigenen Kopf gehabt und stierte alles durch, was er wollte. Das war auch der Grund, wieso ich ihn beim Verteilen der Ländereien übergangen hatte. Alomis wollte kein Landesherrscher werden und Levran hielt ich für keine gute Besetzung. Daher fiel diese Ehre, oder Bürde, wohl oder übel unseren letzten beiden Brüdern zu. Akortis und Nierwil.
Zweitprägungen. Es kam unglaublich selten vor, so selten, dass ich in meinem ganzen Leben von insgesamt drei Zweitprägungen gehört hatte. Damit es funktionierte, mussten beide Parteien perfekt harmonieren, aber dann … Wenn die beiden wie die Faust aufs Auge passten und perfekt synergierten, war es möglich, dass sich ein Jungvampir auf einen weiteren Vampir aus seiner Blutlinie prägen konnte. Auf einen Vampirgrossvater, Vampirurgrossvater oder weiter zurück.
Und in dem Moment – Alomis musste meinen Gedankengang wohl geteilt haben – sahen wir uns wie vom Blitz getroffen an.
„Wo sagtest du, hat Xelus sie gefunden?“, fragte Alomis langsam, und in dem Moment wurde es mir klar. So klar wie die unendlichen, glitzernden Meere von Osyl im Schein der untergehenden Sonne. So klar wie die Nacht, wenn sie von tausenden Sternen erleuchtet wurde, oder wie die Luft nach einer regnerischen Nacht.
„Aurelius“, hauchte ich ungläubig und sah meinem Vampirbruder in die Augen. „Xelus, er hat sie bei einer Mission gefunden, bei der er sich mit Aurelius treffen sollte, nicht weit vom Treffpunkt entfernt!“ Wie konnten wir das übersehen haben? „Sie war Blutsklavin bei ihnen!“
„Was?!“
„Sie war bei den Verrätern“, flüsterte ich abwesend weiter.
Entsetzt fuhr Alomis hoch, fasste sich mit beiden Händen an den Kopf und schüttelte ihn unaufhörlich, während er den Raum auf und ab schritt. „Sie war…“, fing er an, konnte jedoch nicht weitersprechen. Fast schien es so, als fehlte ihm die Luft dazu.
Das hätte ich nicht sagen dürfen. Aber ich konnte meine Worte nicht ungesagt machen. „Das hast du nicht von mir, Alomis. Ich hätte dir das nicht sagen dürfen.“
Irritiert runzelte Alomis die Stirn, ehe ihm ein Licht aufging. „Dein Schwur … Dein Versprechen …“ Ich nickte. „Verdammt!“, schrie er auf einmal. Überrascht von diesem für Alomis höchst ungewöhnlichen Gefühlsausbruch, schossen meine Augenbrauen hoch. „Verstehst du es denn nicht, Kel?“, fragte er drängend.
Kel … so hatte er mich Jahrzehnte – Jahrhunderte schon nicht mehr genannt.
„Xelus ist ihre Zweitbindung! Er hat ihr dadurch wahrscheinlich das Leben gerettet! Wer weiss, wo Aurelius zu diesem Zeitpunkt war! Dieser verfluchte …! Dieser Sohn einer …!“
In Vampirgeschwindigkeit stand ich neben ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Alomis. Aurelius ist mein Spion. Er hätte wohl kaum erklären können, wieso er einen ihrer Blutsklaven zu seinem Abkömmling macht. Er hat dadurch seine Position gefährdet …“ Aber ihren Angaben zufolge war es wohl eher eine Kurzschlussreaktion von ihm gewesen. Immerhin hatte Befehl, sie zu töten. Levran herzuholen würde nichts bringen. Eine Drittbindung wäre vollkommen absurd. Xelus hatte ihr damals nicht nur das Leben gerettet, indem er sie ihrer ersten Blutmahlzeit zugeführt hatte. Er hatte sie auch vor dem Schmerz des Bindungsentzugs gerettet, an dem sie ansonsten zugrunde gegangen wäre.
„Was machen wir jetzt?“
„Was wir jetzt machen?“ Alomis sah mich ungläubig an. „Ich bin Mediziner Kelevan. Kein Wundervollbringer. Ich bin kein Gott und wenn ich ehrlich bin, wollte ich auch keiner sein. Ich habe genauso viel Erfahrung mit Zweitbindungen wie du!“
Ich grübelte. Das Naheliegendste wäre es, Xelus einfach von der Mission abzuziehen und zurückzuholen. Nur, dass dies nicht möglich war. Wir hatten keine Ahnung, wohin diese Reise ihn führen würde. Ansetzen würden sie im Grenzdorf, doch dort würden sie nicht lange bleiben. Ausserdem waren sie mit Bestimmtheit schnell unterwegs. Sie einzuholen und ihn zurückzubeordern, kam also nicht infrage. Und einen Bindungsentzug von einem Mond oder mehr? Das konnte nicht gut gehen.
„Was, wenn ich sie ruhigstelle?“
„Für einen Mond oder mehr?“ Wurde ein Vampir zu lange Zeit ruhiggestellt, verlor er seinen Verstand. Man konnte den uns eigenen Jagdinstinkt nicht über so lange Zeit unterdrücken, ohne dass schwerwiegende Konsequenzen auftraten.
„Ja …, dumme Idee …“
Wieder vergingen Minuten, in denen wir nichts weiter taten, als nachzusinnen, zu überlegen und zu grübeln, nur um die Ideen gleich wieder zu verwerfen.
„Also entweder“, ich holte tief Luft, „wir stellen sie ruhig und gehen das verdammt hohe Risiko ein, dass sie den Verstand verliert, oder wir lassen den Bindungsentzug voranschreiten, bis sie verrückt wird.“ Mit einem Ausdruck der Ungläubigkeit auf dem Gesicht sah ich auf. „Das sind unsere Möglichkeiten?“
„Oder“, fügte Alomis hinzu, „wir lösen die Bindung.“
Und dahin war das kleine bisschen Hoffnung, das ich am Anfang seines Satzes empfunden hatte. „Und riskieren ihren Tod“, vervollständigte ich. „Ach verdammt!“, schrie ich wütend aus und schlug meine geballte Faust auf den Holztisch.
Wieso nahm mich das alles eigentlich so mit? Sie war nur ein Mädchen! Ein unbedeutender Jungvampir!
Alomis stand auf und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Es wird alles gut, Kel. Uns fällt schon noch was ein.“ Er legte eine Sprechpause ein, atmete ein und fuhr dann fort: „Ich hätte da noch ein anderes Thema, das ich gern ansprechen würde, Bruder.“
Fragend sah ich auf. Was wollte er denn … ah … „Stimmt. Du wolltest mir noch etwas über Aurora erzählen.“
„Ja, also … eigentlich betrifft es weniger Aurora als viel eher Rjna. Weisst du noch, wie die Bissspuren Vaters aussahen?“
Stirnrunzelnd nickte ich. „Was ist dami…?“ Meine Augen wurden gross. „Natürlich“, murmelte ich. „Sie sehen aus, wie die von Vater.“ Ich hatte doch gewusst, dass mir Vampire mit vier Fangzähnen nicht fremd waren!
„Ja. Woher weisst du das?“
„Ich habe sie vorhin gesehen …“
„Weisst du, wieso? Meines Wissens haben alle von uns verwandelten Vampire – ja, selbst wir – nur zwei.“
„Ist sie Vater … vielleicht noch ähnlicher als wir?“
„Kel, was ist sie? Zwanzig? Vater ist vor zwanzig Jahren gestorben. Sie wäre ein Neugeborenes gewesen, als er sie verwandelt hätte.“
„Stimmt …“
Plötzlich hielten wir schockiert inne. Gehört hatten wir es beide gleichzeitig. Unsere Augen wurden gross.
„Was ist das?“, fragte Alomis.
Ich schüttelte den Kopf. Wir wechselten noch einen ernsten Blick, dann rannten wir los. In voller Vampirgeschwindigkeit hasteten wir in den Wohnbereich zurück, nur um kurz darauf vollkommen sprachlos in der Tür zum königlichen Bereich stehenzubleiben.
Was?
Geschockt standen wir da, im Eingangsbereich zu dem, was einmal unser Wohnzimmer gewesen war. Überall flogen Papiere durch die Luft oder lagen verstreut auf dem Boden, das Sofa hatte Löcher – wie auch immer man die da rein bekommen hatte – und die Polsterung war teilweise herausgerissen. Ausserdem stand es nicht mehr an seinem Platz. Die anderen Möbel waren ebenfalls ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden und … verdammt, sogar eins der Fenster war kaputt!
Ein frischer Wind, der sich durch ebendieses gerade Zutritt verschafft hatte, vollendete das geschaffene Ambiente. So. Der königliche Wohnbereich sah aus, als hätte eine ganze Armada von Piraten ihn durchwühlt und überall blindlings draufgehauen, wo es eben möglich war. Was aber meine eigentliche Aufmerksamkeit forderte, war das völlig verstörte, schreiende Mädchen, welches in einem rasanten Tempo, in Vampirgeschwindigkeit, durch den Raum rannte und alles demolierte. Hätte ich ein menschliches Sehvermögen, hätte ich nur einen verschwommenen Fleck herumhuschen sehen.
Von rechts nach links, von vorne nach hinten, übers Kreuz und wieder von vorn. Die Hände presste sie fest gegen ihren Kopf. Immer, wenn sie kurz vor der Wand war, hielt sie stolpernd inne, strauchelte, schrie völlig von Sinnen irgendwelche Worte, nur um dann kehrt zu machen und einen Sekundenbruchteil später vor einer anderen Wand das Ganze zu wiederholen. Die umstehenden Möbel wurden dabei völlig ignoriert. Über diese stolperte sie entweder drüber oder preschte je nach Schwung einfach hindurch. Dass sie bei den ganzen Konfrontationen, die ihr Körper beim Anblick des königlichen Wohnbereichs mittlerweile hatte durchstehen müssen, sich noch nicht sämtliche Knochen im Körper gebrochen hatte und noch immer weiter rennen konnte, wunderte mich zutiefst.
„Nein!“, drang ihre Stimme hysterisch durch den Raum. Rjna. Wie ein Wirbelwind verunstaltete sie den Raum, in einer Geschwindigkeit, die sie noch längst nicht haben sollte und einem Verhalten, bei dem ich nur stöhnend den Kopf schütteln konnte. „Das … nicht …!“
„Das arme Ledersofa“, nuschelte ich, während ich von Alomis einen strafenden Blick zugeworfen bekam. „Rjna?“, wagte ich es irgendwann vorsichtig, fragend zu sagen, doch der Wirbelwind nahm kein Ende. „Rjna!“, sprach ich mit fester Stimme und versuchte sie auf mich aufmerksam zu machen. Doch sie würdigte mich keines Blickes. „Rjna!“, schrie ich nun deutlich lauter.
Mitten im Sprint drehte sie verwirrt suchend den Kopf herum, bis sie uns schliesslich mit ihrem Blick erfasste. Der Moment war jedoch der Ablenkung zu viel, denn keine Sekunde später donnerte sie voller Wucht in die nächste Wand, ihr Körper sank schlaff zu Boden, ihre Körperspannung liess beträchtlich nach.
„Scheisse!“, stiess ich aus und eilte schnell auf ihren am Boden liegenden Körper zu. So war das sicher nicht gedacht gewesen! Als ich sie erreichte, bemerkte ich die stark geschwollenen, geröteten Augen, das nasse Gesicht und die blutigen Kratzer. Blutige Kratzer?
Als hätte Alomis, der sich bereits auf ihre andere Seite gekniet hatte, meine Gedanken gelesen, deutete er auf die blutigen Krallen, die bei der Verwandlung in einen Vampir aus den vorherigen Fingernägeln wurden.
„Oh, Mädchen …“ Ich seufzte leise. „Was machst du denn nur?“





































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