Kapitel 32 – Unsägliche Kälte
Kapitel 32 – Unsägliche Kälte
Aurelie
Ich war allein, starrte aus dem Fenster und fühlte nichts. Aurillia und Emili mussten das Gemach der Königin weiter vorbereiten und Irina versauerte meinetwegen im Kerker. Und kam mit jedem Tag einen Schritt näher an ihren Tod heran. Ich wusste, das durfte ich nicht zulassen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich ihn davon abhalten sollte. Er hörte nicht auf mich. Und er glaubte mir nicht, auch wenn ich die Wahrheit sprach.
Morgen sollte ich ihm etwas über Ashur erzählen. Was wollte er dieses Mal wissen? Wie er seine Zähne putzte? Wie er zu dinieren pflegte? Was er drei Jahre lang von mir wollte und doch noch nicht bekommen hatte? Diesbezüglich war das Glück wirklich jedes einzelne Mal auf meiner Seite gewesen. Oft war es Irina zu verdanken gewesen, dass ich mich unbemerkt hatte entfernen können. Manchmal aber auch anderen Sklaven oder Vampirinnen, die sich an den Kronprinzen heranschmissen, um die Position neben ihm zu ergattern. Das eine oder andere Mal Alexander, der mit einem wichtigen Anliegen unterbrochen hatte. Immer in diesen Momenten war ich davon überzeugt gewesen, noch etwas von meinem Bruder, von meinem Zwilling, in ihm zu sehen. Doch trotz seiner Tat, ob er absichtlich oder unabsichtlich unterbrochen hatte, blieb er mir gegenüber immer Distanziert. So furchtbar gefühllos. Sein Blick so furchtbar abwertend.
Manchmal fragte ich mich, ob ich auch so geworden wäre. Hätte meine Reife rechtzeitig eingesetzt …, würde ich dann ebenfalls gewissenlos Menschen aussaugen, bis kein bisschen Blut mehr in ihren Adern floss? Würde ich ebenfalls alles, was zwei Beine hatte, anspringen, wie eine läufige Hündin einen Rüden? Würde mir diese Distanz, diese klirrende Kälte, die man doch immerzu an den Tag legen sollte, ebenso einfach fallen wie den anderen? Wäre ich genauso gemein zu den Sklaven, nur weil sie dienten? Nur, weil sie schwächer waren? Und die schlimmste Frage überhaupt, war: Wenn ich meine Reife erst einmal erreicht hätte …, was wenn all das eintrat? Was, wenn ich genau zu dem würde, was ich mein ganzes Leben verabscheut hatte?
Gedankenverloren glitt mein Blick durch das Fenster. Draussen war es kalt. Eigentlich müsste es langsam wärmer werden, aber ich fühlte nur noch Kälte. Ich hatte einen Mann erstochen. Kälte. Ich hatte Irina in diese Situation gebracht. Kälte. Die Mädchen versuchten mich aufzumuntern. Kälte. Draussen könnte die Sonne scheinen und es liesse mich kalt. Ich konnte nicht Lächeln. Nicht lachen. Aurillia hatte vorhin gar versucht mich auszukitzeln. Was normalerweise dazu geführt hätte, dass ich atemlos auf dem Bett landete und darum flehte, dass sie doch aufhören möge. Aber ihre Hände kitzelten mich einfach nicht. Ich musste nicht lachen, ganz im Gegenteil. Nachdem sie es immer wieder versucht hatte, hatte ich ihre Hände weggeschlagen und sie angefaucht. Ja, gefaucht. Daraufhin war sie wie erstarrt. Mit schock geweiteten, ungläubigen Augen. Emili hatte sie von mir weggezogen und mich informiert, dass sie wieder Arbeiten gehen mussten. Kalt.
Wie lange sass ich hier schon? Ich sah aus dem Fenster des Ruheraums, direkt hinunter in einen der kleineren Gärten. Ein Gärtner war am Werk, aber ansonsten lag der Platz in völliger Stille. Geradezu idyllisch war zu sehen, wie weisse, reine Gänseblümchen zwischen dem gepflegten Gras hervorlugten und sich in Richtung Sonne streckten. In meinen Erinnerungen spielte sich ein Bild nach dem Nächsten ab.
Ein Mädchen im weissen Unterhemd, das fröhlich kichernd vor ihren Zofen und ihrer Gouvernante floh. Letztere, eine ältere Vampirin, hetzte ihr schwer atmend hinterher, mit einem aufwändigen, aber kratzenden Kleid über dem Arm. Als sich das Mädchen mit den weissblonden Haaren leise kichernd hinter einem der grösseren Büsche versteckte, kam von anderer Seite ein ebenso kleiner Junge in den Garten gerannt. Er betrachtete die Gouvernante, dann das Kleid, in ihrer Hand, skeptisch.
„Oh, Prinz Alexander! Habt Ihr Eure verehrte Schwester gesehen?“
Der Junge schmunzelte. Er hatte sie ganz genau gesehen, aber er würde sich hüten, der alten Gouvernante davon zu berichten. „Nein, Lady Elonor. Aber ich denke, die ist in die Küche gerannt. Mutter sagte gestern, es gäbe frischen Käsekuchen. Ihr wisst doch, wie sehr …“
Und weg war die Alte.
Kichernd kam das Mädchen aus dem Busch hervor. „Danke Bruderherz“, sagte sie unschuldig lächelnd und faltete die Hände vor dem Bauch. „Diese Kleider sind aber auch immer furchtbar ungemütlich!“, jammerte sie und zog eine Schnute, wie man sie sonst nur im Bilderbuch fand.
Der Junge begann herzlich zu lachen. Doch da wurde er von seiner Zwillingsschwester auch schon auf die Schulter getippt. Breit grinsend sah sie ihn noch einen Moment an.
„Du bist!“
Ich blinzelte und das Bild, wie auch die Stimmen verschwanden. Übrig blieb der Gärtner, der sich in der einen Ecke des Gartens gerade um ein paar Rosen kümmerte. Mit der Erinnerung verschwand auch das bisher unbemerkt gebliebene Lächeln auf meinen Lippen und die Wärme auf meiner Haut. Schlimmer traff es mein Herz. Die eben aufgeflackerte Liebe wurde mit einem Ruck wieder herausgerissen und liess es leer zurück. Ich entschloss mich, etwas zu tun. Ich brauchte eine ganze Weile, um mich zu überzeugen, aufzustehen. Ich wusste, ich sollte im Zimmer bleiben, aber ich konnte nicht mehr alleine sein. Ich wollte nicht mit meinen Gedanken einsam hier verweilen. Also öffnete ich die Tür zum Gang hin, schaffte aber keinen einzigen Schritt heraus.
„Meine Königin. Braucht Ihr etwas?“, fragte Timmok. Cyrus‘ Grigoroi. Zwar war er freundlich und mir sympathisch, aber er hatte den Befehl seines Königs nicht vergessen. Das war bei den leicht zusammengekniffenen Augen nicht zu übersehen.
Nun hier stehend, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Aber schlussendlich …, horchte ich in mich hinein, fühlte ich mich allein. So furchtbar allein. „Kannst du reinkommen?“, wollte ich leise wissen, traute mich aber nicht, den Augenkontakt aufrechtzuerhalten. Dennoch sah ich, wie sich erst verwirrt und zu Teilen fassungslos über diese Aufforderung seine Augen weiteten, ehe er streng den Kopf schüttelte.
„Nein, Majestät. Bitte kehrt zurück in Eure Gemächer.“ Mit einer Hand deutete er mir zurückzugehen, die andere lag auf dem Knauf seines Schwerts, welches mit dem Gürtel an der Hüfte befestigt war.
Traurig senkte ich den Kopf, drehte mich um und verschwand wieder im Zimmer. So viel dazu.
Eine Weile lief ich einfach ziellos umher. Der Ruheraum, das Badezimmer, das Schlafzimmer. Ich nahm die Räumlichkeiten um mich herum nicht wirklich wahr. Im Schlafzimmer roch es noch immer schrecklich penetrant nach Blut. Aber ich bemerkte es nicht mehr. Ich suchte und wusste doch nicht, wonach. Bis ich es gefunden hatte und in der Hand hielt.
Der Dolch war wirklich schön. Er hatte silberblaue Verzierungen, die je nach Lichteinfall funkelten. Der Griff war in hellem Leder gebunden; das ganze Stück absolute Feinstarbeit. Versonnen lächelnd sah ich zu der Stelle, an der ich gestanden und zugestossen hatte. Ich nahm ihn mit und ging zurück in den Ruheraum. Was ich damit wollte? Ich wusste es nicht. Vielleicht würde ich meinen Gemahl damit erdolchen, sobald er sich mir näherte. Vielleicht würde ich aber auch einfach … Ich wog den Dolch in den Händen. Er lag ungewohnt schwer darin. Ein Schwert war schwerer, doch ich hatte schon lange Zeit keines mehr gehalten.
Schwach legte ich die Klinge auf meinen Arm. Sie war kalt. Sie fühlte sich genauso an, wie es in meinem Inneren aussah. Ich war Königin. Mir kam Ashur in den Sinn. Ich war an der Stelle, die er hätte einnehmen müssen. Und was hatte er immer von mir verlangt? Sei stark, Auri. Komm schon!
Sei stark. Eine Königin zeigte keinen Schmerz. Oder Leid. Oder Gefühle.
Der Dolch war scharf. Noch ehe ich realisierte, was ich da tat, hatte sich die Klinge durch meine Haut gedrückt. Es brannte. Aber ich ermahnte mich, keinen Schmerz zu zeigen. Nein. Ich nahm den Schmerz an. Als einen alten Freund, der mir mittlerweile so unglaublich vertraut vorkam, dass meine Einsamkeit sich ein klein wenig schlichter anfühlte. Nichts war mehr, wie es einmal gewesen war. Und alles war falsch. Aber ihn kannte ich.
Ich setzte die Klinge neu. Aus der ersten Wunde fing das Blut an, auszutreten. Stirnrunzelnd sah ich auf die rote Flüssigkeit, die langsam aber sicher kleine Rinnsale bildete und meinen Arm hinunterran. Dabei färbte sich meine helle Haut rot. Mein Blick schweifte langsam und tief in Gedanken versunken zu den anderen, zahlreichen Narben, die sich sowieso schon auf meinen Armen fanden. Und eine nach der anderen fuhr ich nach. Ich war wie in Trance. Es war beruhigend. Ich wurde müde und der Dolch immer schwerer in meiner Hand.





































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