Kapitel 53 – Ich nehme an
Kapitel 53 – Ich nehme an
Cyrus
Ich nahm Timmok beide Übungsschwerter ab. Sie besaßen keine scharfen Klingen. Timmok hatte sie schon vor vielen Jahrzehnten geschmiedet. Gewicht und Beschaffenheit waren identisch zu einem normalen Schwert. Und wie jede Waffe aus seiner Schmiede waren sie perfekt ausbalanciert. Nur verletzen konnte man damit niemanden. Zumindest nicht ernsthaft. Kurz ließ ich beide Schwerter in meinen Händen kreisen. Über die Jahrhunderte hatte ich mir antrainiert, mit beiden Händen ein Schwert zu führen. Und ich war mir sicher, dass Aurelie sich nie trauen würde, mit einem ausgewachsenen Vampir die Klinge zu kreuzen. Umso überraschter war ich, als sie erwartungsvoll und mit grimmiger Miene die Hand ausstreckte.
„Ich nehme an.“
Ich zog die Augenbrauen hoch, reichte Aurelie aber das Übungsschwert. Noch wusste ich nicht, ob mir ihr Mut imponierte oder ob ich mir Sorgen machen sollte. Vielleicht wollte sie sich vor Darleen und Carina nicht die Blöße geben. Aber genau das würde passieren, wenn die Kleine wirklich gegen mich kämpfen sollte. Solch ein Schwert war nicht für zierliche Hände gemacht und wog sicherlich zu schwer für ein Kind. Trotzdem fragte ich mich, ob es gut wäre, das soeben erwachte Selbstvertrauen direkt wieder zu schmälern, indem ich zuliess, dass sich meine junge Königin vor mehreren Personen blamierte. Es wäre klug, einfach einen Treffer zu kassieren oder mich in einen Hieb zu drehen. Aber das wäre die falsche Lektion für Aurelie. Zudem würden es selbst die Damen bemerken, und Carina würde jede Situation nutzen, um mein Weib daran zu erinnern, wie schwach sie war. Hätte ich bloß den Mund gehalten und Aurelie nicht auch noch zu solch einer Dummheit ermutigt! Nun fand ich keinen adäquaten Ausweg aus dieser Situation! Natürlich war klar, dass sie mich nicht besiegen konnte. Selbst einen Treffer einzustecken, war undenkbar. Es wäre am besten, wenn ich diese Farce schnell beenden würde. Ein schneller, effizienter Angriff, gegen den nicht einmal erfahrene Kämpfer eine Chance hätten. Aber Aurelie würde stürzen. Auch das wollte ich nicht.
All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, während Aurelie wie selbstverständlich nach dem Schwert griff und ihre zierlichen Hände um den Griff legte. Alles in mir schrie danach, den Griff nicht loszulassen. Ich könnte lachen, es als Scherz deklarieren und Aurelie das Schwert wieder aus der Hand reißen. Aber dann wären alle Versuche, mich mit ihr zu versöhnen, dahin. Also ließ ich das Schwert los und betete, dass es ihr zu schwer war und sofort aus ihren Händen rutschen würde.
Und wie erwartet, zog es ihre Hand erheblich nach unten. Fast sah es so aus, als ließe sie es fallen. Doch dann nahm sie ihre zweite Hand hinzu und hob das Schwert wieder an. Einen Moment nahm sie sich, um es auszubalancieren und es ein wenig Hin und Her zu schwingen, wobei es offensichtlich war, dass sie keinerlei Erfahrung mit einer Klinge hatte. Ihre Bewegungen waren ungenau und schwerfällig. Meine Zweifel mehrten sich.
„Gut. Ich bin bereit. Gleich hier, oder wollen wir auf das Feld?“ Sie strahlte regelrecht. Und ich fühlte mich umso schlechter, da ich wusste, wie das hier ausgehen würde.
„Die Damen müssen nur etwas Platz machen, dann können wir direkt hier üben“, erwiderte ich knapp und deutete Darleen und Carina an, sich ein paar Schritte zu entfernen, was sie dann auch taten. Nur Timm blieb in der Nähe, war aber trotzdem weit genug entfernt. Er würde im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass Aurelie das Schwert nicht auf die Füße fiel.
Ich hob die Klinge und sah zu Aurelie. „Im Übrigen ist das Schwert ein Einhänder. Es gibt noch Anderthalb- und Zweihänder“, erklärte ich, um ihr die Zeit zu geben, sich mit dem Gewicht vertraut zu machen.
Ungeduldig verdrehte sie die Augen, machte aber ebenfalls Anstalten, das Schwert und sich selbst in Kampfposition zu bringen. „Das weiß ich. Aber dieses Schwert ist weder auf meine Größe noch meine Kraft ausgerichtet.“ Den Griff hatte sie mit beiden Händen fest umfasst. Aber ihre Beine standen zu nah beieinander. Die Position, in die sie das Schwert mit ihren Händen brachte, war eine schlechte Nachahmung meiner eigenen Haltung. Kein Wunder. Immerhin hatte sie noch nie ein Schwert in Händen gehalten. Woher sollte sie es besser wissen? Aber ich würde sie nicht korrigieren. Am Ende machte sie sich noch Hoffnungen, dass sie gegen mich gewinnen könnte. Die Naivität eines Kindes konnte grenzenlos sein, gerade wenn man es darin bestärkte. Ich betete nur, dass ihr klar war, wie das hier enden würde. Ansonsten würde das hier für sie eine herbe Enttäuschung.
„Möchtest du angreifen oder parieren?“, fragte ich und ging etwas näher, damit wir in Schwertweite waren.
Ahnungslos hob sie die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern. Meinem Blick hielt sie ohne Weiteres stand. „Kämpfen. Darin kommt, glaube ich, beides vor.“
„Nun, für Übungszwecke ist es manchmal ganz gut, ein und denselben Hieb mehrmals auszuführen. Dann bekommt man ein Gefühl dafür, ob man mehr Schnelligkeit oder mehr Kraft nutzen sollte.“ Testweise bewegte ich das Schwert ganz langsam auf ihre rechte Seite zu, um ihr die Chance zu geben, wie sie den Angriff am besten blocken konnte. Absolut ungeschickt und mindestens genauso langsam wie ich, verdrehte sie ihre Arme und stach damit auf mein Schwert ein, wobei sie die Luft traf, da ein Schwert in seiner Breite nun mal nicht viel Angriffsfläche bot. Zum Ende hin hatte sie beide Arme über ihrem Kopf verrenkt und ließ das Schwert zu ihrer Seite hinunterhängen. In ihren Augen lag ein Funkeln, welches ich dem Spaß am Spiel zuschrieb, doch ihre Lippen waren verbissen zusammengepresst.
Sanft ließ ich mein Schwert ihres treffen, wobei es durch ihren ungeschickten Griff sofort hin und her schwankte, anstatt sie zu schützen. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir oder sich selbst etwas vormachte, aber Spaß konnte ihr das hier sicher nicht machen. Ihre Arme würden bald ermüden, da das Schwert viel zu schwer für sie war. Aber wenn sie sich jetzt verausgabte, sollte sie die Nacht gut schlafen können. Und das hoffentlich ohne Albtraum. Erneut wagte ich einen langsamen Angriff. Diesmal zog sie das Schwert schneller in die richtige Position und ihre abgerundete Klinge traf meine. Durch den Aufprall verlor sie beinahe wieder das Schwert aus der Hand, und ich holte erneut aus, um eine langsame, halbherzige Attacke auszuführen. Plötzlich schnellte ihr Schwert aber vor, während ich für den Angriff meine Deckung komplett aufgegeben hatte. Schnell drehte ich mich halb zur Seite und ließ die Klinge wieder heruntersausen. Nicht zu schnell, um ihr das Schwert nicht aus der Hand zu schlagen. Aber offensichtlich zu langsam, denn die Klinge streifte meine Tunika. Wäre es ein echtes Schwer gewesen, hätte sie mir ein schönes Loch hineingeritzt.
Wieder probierte sie sich in einen Angriff. Und ob nun Intuition oder Anfängerglück, aber sie zielte erneut auf meine ungeschützte Seite. In einer schnellen Bewegung riss ich mein Schwert herum und wehrte den Schlag ab. Etwas zu fest, wie ich an dem Geräusch bemerkte. Allerdings fiel Aurelie nicht das Schwert aus der Hand. Viel mehr nutzte sie den Schwung und traf mich mit dem Metall an der Wade. Jedoch hatte sie nicht vor, es dabei zu belassen. Überrascht fuhr ich herum und wehrte die nächste Attacke gegen meinen Rumpf in letzter Sekunde ab. Als sie meine aufgerissenen Augen registrierte, grinste sie breit und wich mit einem kleinen Sprung zurück.
„Müde, mein König?“
Jetzt wusste ich, woher das Funkeln in ihren Augen gekommen war. Sie hatte mich zum Narren gehalten! Ihre Haltung zeigte nichts mehr von der scheinbaren Unsicherheit vom Anfang. Ihre Beine standen breit auseinander, so wie es im Kampf mit dem Schwert sein musste. Dieses hielt sie mit beiden Händen seitlich vor ihrem Gesicht vertikal erhoben; ihre Augen forderten mich wagemutig heraus. Nur die Tatsache, dass sie ein pinkes, ausladendes Kleid trug, machte die Sache … irgendwie lächerlich.
Verblüfft starrte ich ihr entgegen und nahm mir einen Moment, um zu verarbeiten, was ich soeben über meine junge Gemahlin erfahren hatte. Wer hatte es sich gewagt, ein Kind, und dazu noch eine Frau, im Schwertkampf auszubilden?! Meine Augenbrauen zogen sich unmerklich zusammen und meine Haltung wurde ernsthafter. Ich hatte diesen Kampf nicht für voll genommen. Und das hatte sie ausgenutzt. Sie hatte gewusst, dass ich sie nicht als Gegnerin anerkennen würde. Denn jetzt, wo sie sah, dass ich aufmerksamer wurde, verwandelte sich ihr freches Grinsen zu einem ehrlichen, zufriedenen Lächeln.
Ohne weiter zu zögern, schnellte sie vor, täuschte einen Schlag von oben hinab an, duckte sich unter meiner horizontalen Deckung hindurch und rannte an meiner Seite vorbei. Dabei zog sie ihr Schwert über meine Seite, die ich im letzten Moment noch gedeckt bekam.
„In Ordnung, das reicht jetzt!“, knurrte ich, drehte mich zu ihr um und machte Ernst. Natürlich kämpfte ich nicht gänzlich ohne Zurückhaltung, aber ich würde die Klingen mit ihr nun so kreuzen, wie ich es mit einem jungen Vampir nach der Reife tun würde. Instinktiv wollte ich meine Vampirgeschwindigkeit anwenden, hielt sie aber zurück. Das wäre wirklich nicht mehr fair. Außerdem benötigte ich sie nicht, um gegen meine Kinderkönigin zu gewinnen. Aurelie stand mit einem breiten Lächeln vor mir und schnaufte schwer. Ihre Augen strahlten geradezu. Doch so schön es auch war, sie so glücklich zu sehen, konnte ich das trotzdem nicht so auf mir sitzen lassen. Ich musterte sie genau. Trotz ihrer gelungenen, aber noch etwas steifen Technik sah man ihr die Anstrengung mittlerweile an. Dabei dauerte der Kampf noch nicht lange, zudem die ersten Schläge kaum als solchen betitelt werden konnten.
Einige weitere Manöver folgten. Parade folgte auf Attacke, Riposte auf die nächste. Ihr Brustkorb hob und senkte sich mittlerweile stark, ihr Atem war laut und schwer, außerdem waren ihre Bewegungen mittlerweile schwerfällig und langsam. Und dieses Mal war die Schwerfälligkeit nicht mehr gespielt. Bei meiner nächsten Attacke fiel ihr das Schwert aufgrund der Stärke meines Schlags aus den Händen und sie nach hinten zu Boden. Anstatt ihr aufzuhelfen, wie es sich für einen Herr einer Dame gegenüber normalerweise jetzt gehört hätte, hielt ich ihr mein Schwert an die Kehle und warf ihr eigenes mit meinem Fuß weiter weg. Ich traute ihr zu, dass sie erneut danach gegriffen hätte. Das glückliche Funkeln in ihren Augen jedenfalls sprach von unendlicher Energie, Motivation und wohl auch ein wenig Leichtsinn. Mein eigener Atem ging nur wenig schneller als normal.
„Du darfst aufstehen, wenn du mir verrätst, wer dir das in deinen jungen Jahren beigebracht hat“, verlangte ich mit Nachdruck. Auch wenn mir meine innere Stimme sagte, dass sie mich wieder anlügen würde.
„Niemand“, keuchte sie strahlend und breitete ihre Arme am Boden aus. Als hielte ich ihr nicht gerade ein Schwert an die Kehle. Natürlich log sie wieder. Aber das hatte ich ja schon erwartet. Und hier vor Carina und Darleen würde ich meinem Weib sicher keine Standpauke halten. Seufzend nahm ich die Waffe weg und reichte Aurelie die Hand. „Zeit, dich umzuziehen. Möchtest du in deinem Zimmer essen oder mit mir und Darleen?“
Sie ergriff meine Hand und sprang auf die Beine. Dort strauchelte sie kurz. Als sie sich wieder gefangen hatte, biss sie sich unschlüssig auf die Lippe und blickte von mir zu Darleen und wieder zurück. „Ich glaube … heute esse ich auf meinen Zimmern“, sagte sie und sah mich unsicher an. „Wenn das in Ordnung ist?“, fügte sie leise hinzu.
Ihr wechselndes Verhalten irritierte mich zusehends, doch nach außen hin zeigte ich es nicht. „Ja, natürlich. Sonst hätte ich es nicht angeboten. Du kannst mit deinen Freundinnen zu Abend essen.“ Mir war wichtig, dass sie auch Zeit hatte, um mit Aurillia, Emili und Irina zu reden. Bis auf Irina waren sie alle noch Kinder und genossen daher die Gesellschaft fernab der Zwänge der Erwachsenenwelt. Ich bot Darleen meinen Arm an, wandte mich dabei aber zu Carina. „Berichte mir bitte später, Carina.“
Aurelie und Carina ließ ich absichtlich stehen, denn ich wollte, dass Carina die Königin auch wieder zurück in ihre Gemächer brachte. Schließlich hatte sie diese von dort hergeholt. Außerdem war heute deren erster, gemeinsamer Tag. Ich sollte Carinas Authorität als Aurelies Mentorin nicht untergraben. Die beiden mussten sich aneinander gewöhnen.
„War das richtig?“, fragte Darleen leise, nachdem wir uns ein paar Schritte entfernt hatten.
Ich drehte meinen Kopf und blickte kurz zurück. „Meinst du, ich hätte Aurelie selbst in ihre Gemächer bringen sollen? Oder ihr nicht die Wahl geben, alleine zu essen?“, fragte ich nachdenklich.
„Du Holzkopf!“, seufzte Darleen. „Ich meinte den Kampf! Die Kleine hat dich offensichtlich zum Narren gehalten und sich am Anfang absichtlich dumm gestellt. Du hättest den Kampf direkt unterbinden müssen, als das klar war!“
„Ich wollte wissen, ob es ein Glückstreffer war und wie versiert sie im Umgang mit der Waffe ist.“
„Frauen sollten nicht mit einer Waffe spielen, Cyrus. Und das weißt du.“
„Ach? Und was ist mit deinem Bogen?“, hakte ich nach.
„Das ist Freizeitbeschäftigung. Schwertkampf ist Kampf. Ich kann für mich alleine trainieren und auf einen Kreis zielen. Den Kampf kann man nur gegen einen Gegner üben.“
„Beruhige dich. Ich wollte ihr bloß einen Gefallen tun. Ich halte auch nichts davon, wenn Frauen kämpfen.“
„Dann unterbinde es das nächste Mal und ermutige sie nicht dazu!“





































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