Kapitel 60 – Die Kammer der Reliquien

Kapitel 60 – Die Kammer der Reliquien

 

Cyrus

Die Stille im Raum vibrierte regelrecht. Die Magie hier drin war praktisch schon greifbar. All diese seltsamen Gegenstände, deren Nutzen mir mehr Rätsel als Antwort war, verströmten eine Anziehung auf mich, wie ich sie bisher noch nicht gekannt hatte. Ich trat neben Aurelie und fuhr mit meinem Zeigefinger über die dicke Staubschicht auf dem Sockel, über den sie sich so interessiert gebeugt hatte. Das Objekt, ein zylindrischer, blassroter Behälter, zeigte hingegen keine Anzeichen von Staub, Alter oder Gebrauch.

„Was ist das hier für ein Ort?“, fragte ich leise, beinahe andächtig, und doch hallte meine Stimme laut von den Höhlenwänden zurück.

„Eine Schatzkammer“, flüsterte Aurelie leise, als ob sie sich nicht traute, hier lauter zu sprechen. „Ich habe dir gesagt, du wirst nicht finden, was du erwartest.“

Ich nickte langsam. Für sie mussten diese Objekte in der Tat seltene Schätze sein. Und das waren sie vermutlich auch. „Dieser Ort wurde ewig nicht mehr betreten. Wann warst du zuletzt hier?“ Ich ging zum nächsten Gegenstand über. Es war eine simple, hölzerne Schale. Dennoch traute ich mich nicht, sie zu berühren. Stattdessen strich ich mit der Fingerspitze wieder über den Sockel. Auch hier lag eine dicke Staubschicht, nicht jedoch auf der Schale. Wieder wischte ich etwas Staub weg. Vielleicht gab es hier eine Inschrift. Durch den aufgewirbelten Staub kitzelte meine Nase und ich konnte mich gerade noch rechtzeitig beiseite drehen, bevor ich heftig niesen musste.

Von Aurelie war ein nicht zu überhörendes, unterdrücktes Kichern zu vernehmen. Kurz darauf wurde sie wieder ernst und klang bei ihren Worten schon beinahe versonnen. „Ich glaube … das müsste drei … oder vier Jahrzehnte her sein“, murmelte sie.

„Gingen damals auch die Fackeln an?“ Gerne würde ich weitere Fragen stellen. Aktuell schien sie wieder bester Laune zu sein und ich wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis sie sich wieder vor mir verschloss.

„Mhm.“ Sie nickte mit dem Kopf, blickte kurz zu mir, wandte sich aber schnell wieder ab und lief scheinbar interessiert zum nächsten Sockel. Dabei sah es eher nach einer Flucht aus. Eine, bei der ihr die Röte ins Gesicht stieg. Hastig fuhren ihre Hände über ihr Haar und über ihre – eigentlich meine – Kleidung; vergebens, wenn das Ziel davon war, sich von den zahllosen Spinnweben zu befreien.



„Ist alles in Ordnung?“ Nun war sie wieder so kurz angebunden. War das Zeitfenster mit der guten Laune schon vorbei? Ich trat bewusst neben sie und drang damit in ihre Komfortzone ein. Dabei ließ ich es mir nicht nehmen, dass sich unsere Arme aus Versehen berührten.

Aus dem Augenwinkel konnte ich beobachten, wie sie sich auf die Lippe biss und sich ihre Lider senkten. Ein Schauer überkam sie, ehe sie sich räuspernd von mir entfernte. „Natürlich!“ Bei der hohen, quietschenden Stimme musste ich fast ein Lachen unterdrücken.

„Du sollst doch nicht lügen“, rügte ich sie sanft. Nebenbei betrachtete ich das Objekt vor uns und war versucht, es in die Hand zu nehmen. Es glich einem Spielzeug, welches ich früher mal besessen hatte. Ein Schiebebild mit elf farbigen Plättchen. Eine Ecke war frei.

„Wisst Ihr was das ist?“, fragte Aurelie leise.

Ich drehte mich halb zu Aurelie um. Themenwechsel. Geschickt, die Kleine. Mit dem Finger deutete ich auf die leere Ecke des Spiels. „Du musst das Bild zusammensetzen, indem du die Plättchen verschiebst. Es erfordert Logik, um die richtigen Züge zu machen. Hast du so ein Spiel nie gespielt?“

Zerknirscht sah sie auf das Brett hinunter. „Meine … Gouvernante war der Meinung, spielen sei unwichtig. Stattdessen habe ich mir immer Stubenarrest eingehandelt und in der Zeit allein weiter die Gänge erkundet.“ Ihre Finger zuckten unsicher zu dem Spielzeug hin, während sie die Lippen zusammenkniff. „Aber ich schätze, das ist wohl etwas für kleinere Kinder.“ Sie wandte den Blick ab. „Habt Ihr eine Vorstellung davon, wieso es hier unten ist? Ein einfaches Spielzeug?“

„Spielen ist wichtig, sagte mein Vater immer. Leider kam ich für meinen Geschmack zu früh in die Reife.“ Ich drehte mich um und ging weiter. Bei manchen Gegenständen konnte ich keinen Nutzungssinn finden, wie bei dem Zylinder. Aber je mehr ich mir die Objekte ansah, desto mehr überkam mich eine Ahnung. „Ich glaube, die Gegenstände sind hier, weil sie jemandem wichtig waren. Oder mehreren Personen.“ Ich ging weiter in Richtung See. Dort, wo auf einem Podest vier Sockel standen. Jeder dieser Sockel wurde von den Kristallen beleuchtet. Und bei jedem Sockel dominierte eine Farbe. Rot. Grün. Silber. Weiß. „Die Farben der Götter“, murmelte ich.



Neugierig geworden kam Aurelie mir nachgeeilt und stieß ein leises ‚Oh‘ aus, als auch sie die sanft beschienenen, kunstvoll bemalten Sockel erspähte. „Das hier hat vermutlich etwas mit den Göttern zu tun. Hat Alexander zumindest damals gesagt.“ Bedrückt blickte sie für einen Moment zu Boden.

Ich deutete auf den rot beleuchteten Sockel. „Aber ein Artefakt fehlt. Deines“, bemerkte ich irritiert. „Hast du es damals mitgenommen? Oder dein Bruder?“

Aurelie schüttelte heftig den Kopf. „Nein, keiner von uns hat hier unten auch nur ein Staubkorn angefasst. Wir hatten immer zu viel Angst, dass der König es bemerken würde.“

„Der alte König wusste hiervon?“

Ahnungslos zuckte sie mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich war nicht die Thronerbin, wieso hätte er mich über dergleichen Geheimnisse in Kenntnis setzen sollen?“

Nachdenklich ging ich vor der roten Säule in die Hocke und pustete kräftig den Staub weg. Allerdings brachte es nicht viel, weshalb ich versuchte, die Fläche mit der Hand vom Staub zu befreien. Ein seltsames, vertrautes Gefühl umgab mich. Aber es war nur von kurzer Dauer und ich glaubte schon, es mir eingebildet zu haben. Einer Eingebung folgend nahm ich Aurelies Hand und legte sie auf den Sockel. Dabei musterte ich sie minutiös.

Mit großen Augen sah sie mich an und schien nicht den Hauch einer Ahnung zu haben, was das sollte.

„Hast du etwas gespürt?“ Ich sah sie forschend an und musterte sie von oben bis unten.

Ihr Blick wanderte fast schon konzentriert zu ihrer Hand. Nachdem sie diese für eine Weile stirnfurchend betrachtet hatte, schüttelte sie wieder den Kopf. „Nein. Sollte ich?“

„Ich dachte, ich hätte etwas gespürt, dabei ist es gar nicht meine Säule“, murmelte ich nachdenklich. Mein Blick ruhte nach wie vor auf meinem jungen Weib. „Gibt es alte Bücher im Schloss? Sehr, sehr alte Bücher über die Zeit, in der es noch Magie gab?“

Spöttisch zog sie eine Augenbraue hoch. „Ihr beliebt zu scherzen.“

„Es gibt nur noch wenige alte Bücher aus der Zeit, als die Götter unter uns weilten. Der Drache, der den Himmel beherrschte, Feuer spuckte und uns dadurch Wärme schenkte. Das Einhorn, das über die Wiesen rannte und Verbundenheit und Vertrauen verbreitete, wo immer es gesichtet wurde. Die Elfe, die in den Wassern lebte und jenen die Zukunft vorhersagte, die mutig genug waren, sie zu erfahren. Und die Nymphe, die durch die Wälder strich, Wachstum und Leben schenkte und jedes Gebrechen heilen konnte.“



„Diese Zeit, über die Ihr sprecht, ist der Inhalt von Ammenmärchen, Mythen und Legenden. Erfunden. Sicher findet man noch Kinderbücher mit den Legenden irgendwo in der Bibliothek, aber ich sehe nicht, wieso Ihr Eure Zeit damit verschwenden wollen würdet“, entgegnete sie unbeeindruckt.

„Ist diese Höhle nicht ein Beweis dafür, dass die Legenden stimmen? Bin ich nicht ein Beweis dafür, dass es Magie gibt? Denk an Irina. Wie hätte ich sie ohne Magie an dich binden können?“ Ich trat auf Aurelie zu und legte beide Hände auf ihre zierlichen Schultern. „Es sind keine Märchen. Dieser Raum hier ist wahrlich eine Schatzkammer. Eine Kammer, die sicher einst genutzt wurde, um die Götter zu ehren.“

Stirnrunzelnd sah sie zu mir auf. „Ich …“ Meine Berührung schien ihr sichtlich unwillkommen, denn sie wand sich unter meiner Hand, woraufhin ich diese zurückzog. „Ich weiß, dass Ihr Kräfte habt. Und Kretos auch. Und dass die Götter Euch erwählt haben. Und das ist in der Tat unfassbar. Unglaublich. Aber es beweist meiner Meinung nach nicht, dass einst Drachen den Himmel bewohnten, Einhörner auf den Feldern grasten oder Elfen und Nymphen existierten. Es beweist lediglich, dass es Magie gibt.“

Als sie von den Drachen erzählte, leuchteten ihre Augen sehnsüchtig auf, doch bald wurde ihre Miene wieder ernst. „Nein, es beweist noch nicht einmal die Existenz der Götter, wenn wir es genau nehmen.“

„Ich glaube an die Götter und auch ihre Magie. Seit meiner Reife fühle ich mich mit ihnen verbunden. Vielleicht ist es bei dir ja auch so.“

„Ja und dann tötet Ihr mich, weil ich für Euch zu einer Gefahr werde“, murmelte sie so leise, dass ich es beinahe nicht gehört hätte. Gleich darauf zuckte sie zusammen und sah unsicher und mit großen Augen zu mir auf.

Hatte sie versehentlich laut gedacht? War ich in ihren Augen so ein … Monster? Nur mühsam konnte ich meine Augenbrauen davon abhalten, in die Höhe zu schnellen und bemühte mich um einen neutralen Blick. Einerseits würde sie selbst nach ihrer Reife keine Gefahr für mich werden, dafür war ich ein paar Jahrhunderte älter, hatte mehr Erfahrung und Körperkraft. Es gab keinen Grund, sie zu töten. Andererseits … schadete es nicht, wenn sie noch ein wenig Angst vor mir hatte. Es würde sie gefügiger machen. Langsam wandte ich mich von Aurelie ab und signalisierte ihr so, dass ich sie nicht gehört hatte. Mein Blick blieb an dem See hängen. „Das Wasser hat die gleiche Farbe wie die heilige Quelle. Glaubst du, es könnte derselbe See sein?“



„Farbe?“, sprach sie ungläubig, schluckte hörbar und versuchte ihre eingeschüchterte Miene von vorhin in eine Ungläubige zu verwandeln. „Ich weiß es nicht“, murmelte sie. „Aber wir sind in einem anderen Raum. Wie soll es dann derselbe See sein?“

„Er könnte unterirdisch beide Höhlen miteinander verbinden. Wenn wir noch mal herkommen, muss ich mir Wechselkleidung und mehr Zeit mitbringen“, sinnierte ich. „Vielleicht waren beide Höhlen früher miteinander verbunden. Immerhin ist auch die Heilige Quelle uralt.“

Daraufhin schwieg Aurelie.

Als ich mich umdrehte, um zu sehen, weswegen sie kein Wort mehr verlor, lag ihr Blick auf den anderen drei Sockeln. Auf diesen lag jeweils ein Reif. Zu groß für einen Armreif, zu klein und rund für einen Gürtel. Einer war silbrig, vermutlich aus Weissgold gefertigt, der andere grün-gold. Dieselben Farben, die auch ihre Sockel zierten. Der dritte Reif strahlte in reinem Weiß. Ich war mir sicher, der Vierte, und damit der Reif der Ignis-Robur, hätte rötlich geschimmert.

Aurelie ging an ihnen vorbei, wagte es aber nicht, sie zu berühren. Erst als sie vor dem Silbernen stand, hielt sie nachdenklich inne. Sie wirkte wie in Trance. Zögerlich streckte sie die Hände nach dem Reif aus. Dem, des Ora-Fides.

Ich war versucht sie in ihrer Tat zu unterbrechen, sie aus ihrer Trance zu holen und aufzuhalten, aber gleichzeitig war ich auch neugierig, was sie zu tun gedachte. Also ließ ich sie, wandte nichts ein und beobachtete nur stillschweigend, wie sie nach dem Ring meiner Familie griff und ihn zögerlich anhob.

In banger Stille hielt sie den silbern schimmernden Reif in ihren beiden Handflächen, ruhig und besonnen. Langsam hob sie den Blick, schaute weg von dem Ring und zu mir hin. Abwartend, eine stille Frage, eine stumme Aufforderung in ihrem Blick.

Einer Eingebung folgend, legte ich die wenigen Schritte zu ihr zurück und trat vor sie. Ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten eine seltsame Ruhe aus und ließen Aurelie älter wirken, reifer. Weiser. Mir schien, als sähe ich einen silbernen Schimmer um sie herum. Ganz schwach nur schmiegte sich die Farbe meines Hauses an sie wie eine zweite Haut. Langsam ging ich vor ihr auf ein Knie, ohne dabei den Blickkontakt zu unterbrechen. Wusste sie überhaupt, was sie da tat?, fragte ich mich, das Mädchen kritisch betrachtend. Jedoch riet mir eine Stimme in mir, die Frage fallen zu lassen und Aurelie keinesfalls zu unterbrechen. Nicht, während sie diese uralte Reliquie aus längst vergangener Zeit in den Händen hielt.



Sie trat einen Schritt vor, sodass sie nun unmittelbar vor mir stand. Ihr bernsteinfarbener Blick bohrte sich in meinen grau-blauen und wirkte dabei so unfassbar ernst. Dann lösten sich ihre Augen von meinen und fanden mein Haupt. Langsam und bedächtig hob sie ihre Arme, ihre Hände an und dirigierte sie nach vorn, bis der Ring direkt über meinem Kopf schwebte. In fremder Sprache richtete sie das Wort an mich. Alles, was ich verstand, war mein Name und den meines Gottes, Ora-Fides. Noch während die fremd klingenden Laute ihre Lippen verließen, senkte sich der schlicht wirkende Ring auf mein Haupt. Er war überraschend schwer. Doch zu meiner Überraschung passte er perfekt. Ein Gefühl von Erhabenheit durchflutete mich und zeitgleich fühlte ich mich demütig. Mein ganzer Körper spannte sich in einer seltsamen Erwartung an. Langsam stand ich auf.

Aurelies Hände glitten von der Krone über meine Wangen und blieben auf meiner Brust liegen. Noch immer ruhte ihr Blick auf mir und ihre Augen funkelten wunderschön im fackelnden Licht der Flammen und dem ruhigen, mystisch wirkenden der Kristalle. Vor mir sah ich eine Aurelie, die um Jahre gealtert war. Eine Aurelie, die ihre Reife durchlebt hatte und eine bildschöne, junge Frau geworden war. Sie war noch ein kleines Stück gewachsen, hatte eine volle Oberweite, eine zarte Taille und Hüften, die dazu einluden, sie zu packen. Sie war durch und durch eine Augenweide. Schöner, als ich es mir je hätte zu träumen gewagt.

Irritiert blinzelte ich und vor mir stand wieder die junge Ausgabe. Die Aurelie, die gerade mal im Ansatz eine Oberweite hatte, ansonsten aber keine ausgeprägten Kurven oder sonstige Weiblichkeit zeigte. Weder in Verhalten noch Aussehen. Die Aurelie, deren Haare von Spinnennetzen – und Spinnen – überzogen waren und deren Kleidung eine Leidenschaft für Aktivitäten im Dreck widerspiegelte.

„Was war das gerade?“, hauchte ich, meine Stimme nahe dem Brechen.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare