DBdD-Kapitel 58
Als Yelir mit Zunae am Arm das Zimmer verließ, war er überrascht, Misha dort zu sehen.
Er lächelte, doch dieses erreichte seine Augen nicht. »Ich hatte dich allein erwartet«, sagte er, weil er überrascht war, dass Zunae bereits wieder stehen konnte. Der Vorfall hatte ihn verunsichert und Fragen aufgeworfen. Sie waren zwar verheiratet, doch das musste nicht heißen, dass ihre Beziehung so gut war, wie die zwischen Misha und Nuya.
»Ich würde gern mit Aidina sprechen«, sagte Zunae, bevor Yelir den Mund öffneten konnte.
Mishas Blick huschte sofort zu seinen Bruder, weil er nur zu gut wusste, wie ungern dieser übergangen wurde. Zu seiner Überraschung fand er aber nur duldsame Zurückhaltung auf dessen Gesicht. Vermischt mit einem neugierigen Funkeln in den Augen. Fast so, als würde Yelir etwas beobachten, das ihn sehr interessierte.
»Sie sind im Nebenraum«, erklärte Misha, der den Flur hinunter deutete. Die Räume hier waren groß, weshalb die Türen recht weit voneinander entfernt lagen. »Soll ich sie holen?«, fragte er, denn noch immer zitterte Zunae leicht.
»Nein, schon gut«, versicherte sie und machte einen Schritt nach vorn. Da sie selbst jederzeit damit rechnete, dass es ihr erneut schlecht oder schwindlig wurde, waren ihre Schritte vorsichtig gesetzt. Was bei den beiden Männern Vorsicht auslöste.
Beide blickten sie abwartend an, schwiegen jedoch, während sie ihr zur Tür folgten.
Dort klopfte Zunae vorsichtig an. Früher hätte sie die Tür einfach geöffnet, doch das fühlte sich falsch an.
Es war Kali, welche die Tür aufriss. Bereits das Gesicht zu einem Meckern verzogen, um die ungebetene Gesellschaft zu schelten, doch dann erkannte sie Zunae und ihre Züge glätteten sich wieder. »Zunae«, stieß sie überrascht hervor, weil sie nicht verstand, was diese hier wollte.
Es freute Kali zwar, dass ihre Schwester wieder aufgewacht war und dass es ihr auf den ersten Blick gut ging, doch sie sollte sich ausruhen.
»Ich würde gern mit Aidina sprechen«, erklärte Zunae mit einem Lächeln, das Kali misstrauisch machte. Ihr Blick glitt zu Yelir, den sie wütend anfunkelte.
>Komm rein«, sagte sie schließlich widerwillig, denn das hieß, dass auch Yelir eintreten würde. Diesen wollte er eigentlich nicht im Raum haben.
Kali trat zurück und als Zunae eintrat, spürte sie die Blicke von Nuya und Aidina auf sich.
»Schön zu sehen, dass es dir besser geht«, bemerkte Nuya kurz angebunden wie immer, während Aidina Zunaes Körper absuchte. Sie konnte außer Erschöpfung jedoch nichts finden.
»Ich würde gern mit Aidina unter vier Augen reden«, erklärte sie, während sie sich von Yelir helfen ließ, sich nieder zu lassen.
Dieser spannte sich an, denn er wollte sie ungern zurücklassen. Was, wenn sie erneut eine Vision hatte und drohte zu springen? Wenn er nicht an ihrer Seite war, konnte er sie nicht beschützen.
»Können wir nicht bleiben?«, fragte Kali quengelnd, wurde jedoch von Nuya gepackt und schon zur Tür gezogen.
Yelir fuhr mit der Hand über Zunaes Handrücken, um ihr zu zeigen, dass er da war, doch dann wandte er sich auch um.
Er war gerade an der Tür angekommen, als ein magisches Knistern aus Zunaes Richtung seine Aufmerksamkeit erregte.
Yelir blieb abrupt stehen und wirbelte herum. Seine Sinne hatten sich geschärft, seitdem Chiaki ihm ein paar Zauber beibrachte, doch er hätte nicht erwartet, dass er die Anzeichen einer Vision bereits so gut wahrnehmen konnte. Sogar, bevor Zunae sie selbst bemerkte.
Ihr Blick war überrascht und verwirrt, doch nur so lange, bis ein Schauer über ihren Körper rann und sich jedes Härchen aufstelle.
Ein Quietschen verließ ihre Lippen, als sich ein Ziehen in ihrer Brust breit machte und sich die Ränder ihrer Sicht erneut schwarz färbten.
Panisch streckte sie die Hand nach Yelir aus, während sie gegen den Sog ankämpfte.
Yelir stürzte sofort zu ihr zurück. Die Hand nach ihr ausgestreckt, doch gerade, als ihre Fingerspitzen sich berührten, schob sich Aidina dazwischen. »Lass das!«, fuhr sie Yelir an, der seine Augen aufriss.
Im nächsten Moment erlag Zunae dem Sog und verschwand, vor den entsetzten Blicken ihrer Schwestern.
Yelir stieß ein ungehaltenes Fluchen aus, bevor er Aidina am Kragen packte. »Was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?«, schrie er sie an, während sein Herz so heftig in seinen Ohren klopfte, dass er seine Worte kaum selbst verstand. »Bist du dir bewusst, was du angerichtet hast?«, wütete er, ohne klar denken zu können.
Misha fluchte und packte seinen Bruder, um ihn zurückzuziehen. Dieser wehrte sich zwar nicht, wetterte aber weiter und warf Aidina einen ganzen Schwall an Verwünschungen entgegen.
»Wo ist Zunae?«, schrie Kali, die mit der Situation völlig überfordert war.
Gerade war sie noch da gewesen und dann verschwunden.
Kali wollte gerade auf Yelir zustürzen, um aus ihn herauszuprügeln, was er mit Zunae getan hatte, da ging eine Macht durch den Raum, die diesen erbeben ließ.
Während Yelir sofort Chiakis Macht erkannte, wurden die anderen blass und strauchelten. Er selbst blieb davon reichlich unbeeindruckt, war das doch nur ein Bruchteil seiner Macht. Doch er reichte aus, um Stille einkehren zu lassen.
Mehrere Augenpaare fixierten den schwarzen Kater, der auf dem Diwan saß, wo Zunae gerade noch gesessen hatte.
»Hört auf, euch zu schlagen«, forderte er mit einem Fauchen.
»Wo ist Zunae?«, stieß Kali hervor, die nur an ihre Schwester denken konnte. Gleichzeitig zitterte ihr Körper und es fiel ihr schwer, sich zu bewegen. Als wären ihre Glieder bleischwer.
»Nicht hier«, erwiderte Chiaki mit ruhiger Stimme und blickte dann zu Misha. Seine goldenen Augen bohrten sich in die des blonden Mannes, der instinktiv seinen Griff um Yelir löste, als hätte er einen unsichtbaren Befehl erhalten.
Sein Herz klopfte aufgeregt, während er nicht einmal blinzeln konnte. Die Macht, die dieser Kater ausstrahlte hielt ihn in seinem Griff.
Nuya räusperte sich leise, auch wenn ihr das schwerfiel. »Kannst du uns erklären, was passiert ist?«, fragte sie, wobei ihre Stimme rau klang. Es fühlte sich an, als hätte sie einen riesigen Kloß in der Kehle. Die Sorge um ihre Schwester.
Chiakis Blick glitt zu Yelir, der sich leise fluchend durch die Haare fuhr. »Zunae hat mich gebeten, euch nichts zu erzählen, aber seit einiger Zeit hat sie nicht einfach nur Visionen, sondern wird in diese hineingezogen«, erklärte er, weil die Situation nichts anderes zuließ.
»Sie wird in ihre Visionen gezogen?«, fragte Kali ungläuig, doch mit einer hörbaren Erleichterung. »Das ist alles? Sie ist nicht in Gefahr?«
Yelir hob eine Augenbraue als er sich zu ihr umdrehte. »Was glaubst du, was sie in ihren Visionen sieht?«, fragte er, wobei er sie mit seinem Blick fixierte.
Kali machte eine wegwerfende Handbewegung, weil sie nicht verstand, woher Yelirs Angst kam. »Alles mögliche«, erwiderte sie, was Yelir deutlich zeigte, dass sie Zunaes Visionen nicht ernst nahm und erst recht nicht verstand.
Er knurrte leise. »Die Visionen, die sie hat, drehen sich um ihren eigenen Tod. Sie springt in eine Zukunft, in der sie getötet wird«, fauchte er die Schwestern an, die alle drei zuckten.
Aidina war so entsetzt, dass sie einfach nur schwieg und am ganzen Körper zitterte, während Kali begann, unruhig durch das Zimmer zu laufen. »Was soll das heißen?«, fragte sie aufgebracht. Sie konnte Yelir einfach nicht glauben. Warum wusste er so viel über Zunaes Visionen?
»Das, was ich gesagt habe. Ihre Visionen drehen sich die meiste Zeit darum, dass sie sieht, in welcher Art und zu welchem Zeitpunkt sie sterben wird«, erklärte Yelir noch einmal mit angespannter Stimme.
Kali war jung, was er auf dem Schlachtfeld nie so deutlich gesehen hatte, wie in diesem Moment. Die Tränen in ihren Augen funkelten und die Art wie sie hin und her rannte, spiegelte seine eigene Handlungsunfähigkeit.
»Was passiert, während sie in diesen Visionen ist?«, fragte Nuya mit belegter Zunge. Die Sorge schwang so stark in ihrer Stimme mit, dass sogar die Tränen zu hören waren, bevor sie sich in ihren Augen bildeten.
Yelir atmete tief ein und aus. Im Moment konnten sie sowieso nur warten.
»Ihr Vater hat es als Zeitreisen beschrieben. Sie wird zu der Zeit und dem Moment gezogen, in der ihre Vision angesiedelt ist.«
Nuya ballte die Hand zur Faust. »Wann kommt sie wieder?«, fragte sie mit bebender Stimme. Seine Worte halfen ihr überhaupt nicht, zu verstehen. Sie warfen nur immer weitere Fragen auf.
»Das ist unklar«, erwiderte Yelir, dessen Zunge ebenfalls ganz trocken wurde. Es war nicht sicher, dass sie zurückkehrte. »Wenn sie so lange dort bleibt, bis sie stirbt … wird sie nicht zurückkommen.« Das, wovor er sich am meisten fürchtete, dabei hätte er sie retten können.
Stille breitete sich im Raum aus, während Aidina das Gefühl hatte, gleich in Ohnmacht zu fallen. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht und spürte die Last, die auf ihren Schultern lag. »War es das, was vorher passiert ist?«, stieß sie leise flüsternd hervor. »Hat ihre Vision sie da auch mit sich gezogen?«
Yelir fauchte leise. »Ja, aber durch meine Gabe konnte ich ihr als Anker in dieser Zeit dienen und so wurde sie nicht fortgerissen. Hättest du mich nicht weggedrängt, wäre das hier nicht passiert.« Es war ihre Schuld und Yelir ließ keinen Zweifel daran, dass er sie verantwortlich machte. Sein Gesicht war wutverzerrt und das Fell auf seinen Armen deutlich sichtbar. Ein falsches Wort und er könnte sich nicht mehr halten. Dann würde er sich auf sie stürzen und sie zerfetzen.
»Was können wir jetzt tun?«, fragte Nuya, deren Stimme genauso stark zitterte wie ihr gesamter Körper.
»Nichts«, erwiderte Chiaki, dessen Präsenz erneut für ein wenig Ruhe sorgte. »Es besteht zwar die Möglichkeit, dass sie nicht zurückkehrt, doch es ist erst ihre fünfte Zeitreise. Es ist noch zu früh, um mit dem Schlimmsten zu rechnen«, erklärte er, wobei er versuchte, die Situation damit zu beruhigen.
»Also können wir nur warten?«, fragte Nuya, während Aidina auf dem Diwan in sich zusammensackte und zitternd die Arme um sich schlang.
»Wenn sie wieder in dieser Zeit ist, werdet ihr es bemerken.«
























































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