DBdD-Kapitel 63

Nachdem der anfänglich ruhige Schlaf immer wieder von Albträume durchzogen waren, in denen Zunae vorgeworfen wurde, sie wäre nicht einmal in der Lage ihre Pflichten als Frau zu erfüllen, wachte sie mit Tränen in den Augen auf.
Die Stimmen in ihrem Traum verfolgten sie noch immer, was sie sich umsehen ließ, um Ablenkung zu finden. Allerdings war der Raum leer.
Zunaes Herz fing an, stärker in ihrer Brust zu schlagen, während sie ihr Schlafzimmer betrachtete.
Sie war in den Südlanden und nichts wies darauf hin, dass Yelir hier gewesen war.
War alles nur ein Traum gewesen?
Langsam setzte sie sich auf. Ihr Unterleib schmerzte und sie fühlte sich erschöpft, doch das war es nicht, was dafür sorgte, dass ihr eiskalt wurde. »Yelir?«, flüsterte sie, während sie versuchte seine Magie zu spüren.
Nichts.
Als hätte er nie existiert.
Am ganzen Körper zitternd blickte sie an dich hinab.
Ein einfaches Seidennachthemd, wie sie es schon als Kind getragen hatte.
Keine Anzeichen von nordländischer Kleidung.
Sie stolperte aus dem Bett und zu einer Truhe. Als sie ihre Hände daran legte, um sie zu öffnen, bemerkte sie den feinen Ring um ihren Finger.
Ihre Schultern sackte zusammen, während sie auf den Boden zusammenrutschte und ein leises Schluchzen ausstieß. Ihr Hochzeitsring. Es war kein Traum!
Zunae ließ ihren Tränen freien Lauf, während sie ihre Hand mit dem Ring umklammerte.
Er fühlte sich warm an und gab ihr eine gewisse Sicherheit, was sie beruhigte. Aber wenn es kein Traum war, wo war dann Yelir?
War alles in Ordnung? Warum war er nicht bei ihr?
Zunae zwang sich dazu, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen und sich langsam zu erheben.
Yelir war nicht hier, aber irgendwo musste er sein. Er konnte ja nicht einfach so verschwinden …
Zunae überdachte ihre Gedanken noch einmal. Doch, er konnte einfach so verschwinden. Immerhin beherrschte er jetzt die Schattenfortbewegung.
Mit dieser Idee im Kopf sah sich Zunae erneut im Zimmer um und entdeckte tatsächlich einige Schlieren in der Luft, die auf Magie hindeuteten. Sie waren jedoch verblasst, was hieß, Yelir musste schon eine Weile weg sein.
War er zurück in die Nordlande gekehrt? Aber wieso hatte er nicht auf sie gewartet? War dort vielleicht etwas vorgefallen, weshalb er sofort hatte handeln müssen?




Zunae hoffte sehr, das es ihm gut ging und er die weite Reise in die Nordlande gut überstanden hatte. Sie wusste nur zu gut, wie kräftezehrend es sein konnte, so weit zu reisen.
Langsam wanderte Zunae auf den Kleiderschrank zu, den sie vorsichtig öffnete. Darin hingen Kleider, die sie früher gern getragen hatte, doch ihr stand mehr der Sinn nach Anuis Mode.
Wenn Yelir in den Nordlanden war, würde er nicht so bald wiederkommen.
Wieso hatte er ihr keine Nachricht hinterlassen? Damit sie wenigstens wusste, was los war?
Dachte er, sie wäre ihm böse? Zunae verstand die Verantwortung, die als König einherging nur zu gut. Wenn Yelir also in den Nordlanden gebraucht wurde, weil es Probleme gab, dann wäre sie die letzte, die ihn dafür kritisieren würde. Der Moment war vielleicht unpassend, aber Komplikationen fragten nicht danach, ob alle Parteien gerade Zeit hatten.
Zunae öffnete ihre Truhe und suchte ein Kleid heraus, das Anui ihr extra für ihre Zeit hier gemacht hatte.
Es war schwarz mit schimmernden, blauen Ornamenten. Der hohe Kragen, den Zunae so liebte, war ins Degins eingearbeitet. Ärmel hatte das Kleid ebenfalls, doch aus wunderschönem, dünnen Stoff, der so gearbeitet war, dass es wirkte, als würden die Blumenranken ihre Arme hinabfließen.
Außerdem war der Rücken des Kleides durch ein Netz bedeckt, auf dem Stickereien das Bild eines Drachens bildeten, der sich um eine Katze herum gelegt hatte. Er schlief, während die Katze die goldenen Augen geöffnet hatte und direkt auf den Beobachter blickte. Egal, wo dieser stand.
Während sich Zunae anzog, starrte sie nach draußen. Es war so ungewohnt, die Sonne so hell strahlen zu sehen, ohne, dass diese vom Schnee reflektiert wurde. Selbst hier am Fenster spürte sie das Kribbeln der Wärme auf ihrer Haut.
Angezogen richtete sie sich die Haare, die sie offen ließ. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, sich Strähnen zu flechten.
Sie konnte nicht mehr sagen, wann es soweit gekommen war, doch Yelir hatte ihr irgendwann einmal gesagt, dass er es mochte, wenn sie ihre Haare offen trug. Damit hatte es angenfangen. Außerdem hatte sie festgestellt, dass es viel angenehmer war, wenn ihre Haare ihren Nacken etwas vor dem kühlen Wind schützten.




Nur war sie hier nicht in den Nordlanden und als sie die Tür zum Hof öffnete, kam ihr eine Welle Hitze entgegen, die sie keuchen ließ.
Die Wärme nahm sie sofort ein, doch nicht sofort auf eine angenehme Art. Stattdessen hatte sie das Gefühl, einen Moment keine Luft zu bekommen.
Ihre Kehle fühlte sich beim Einatmen rau und trocken an, doch das gab sich nach dem vierten Atemzug. Als hätte sich ihr Körper wieder daran gewohnt.
Erleichtert machte sie einige weitere Schritte über das Gras und schloss die Augen. Ihr Gesicht in die Sonne getreten, um die Wärme zu tanken.
Ab und an fuhr ihr ein warmer Wind durch die Haare und ließ sie tanzen. Zunae hatte das Gefühl, er würde ihre Gedanken mit sich nehmen und davontragen, weshalb sie für einige Moment einfach nur an nichts anders, als die Wärme der Sonne dachte. Nur am Rande spürte sie die Gedanken an die letzten Stunden, die sich versuchte vorzudrängen. Sie wollte ihnen jedoch keinen Raum geben und kämpfte mit aller Kraft dagegen an.
Nur der Wind und die Sonne waren wichtig.
»Genießt du die Sonne so sehr?«, erklang eine belustigte Stimme, die Zunae sofort herumwirbeln ließ.
»Ilan!«, rief sie und stürzte sich in die Arme ihres Kindheitsfreundes.
Dieser fing sie lachend auf und drehte sich ein Stück mit ihr, um ihren Schwung herauszunehmen. »Langsam, langsam«, lachte er und drückte sie einen Moment an sich, bevor er sie von sich schob, um sie zu mustern. »Ich hätte dich fast gar nicht erkannt«, gab er zu, denn ohne ihre roten Haare, hätte er das Kleid nicht mit ihr in Verbindung bringen können.
Zunae, die rot im Gesicht war und bis über beide Ohren grinste, lachte leise. »In den Nordlanden sind offene Haare in vielen Bereichen praktischer«, erklärte sie kichernd, während sie Ilan musterte.
Seine blonden Haare waren ein Stück länger, als sie diese in Erinnerung hatte. Auch das Gesicht wirkte kantiger und seine Züge schärfer. »Du hast ganz schön Muskeln aufgebaut«, bemerkte sie atemlos, denn seine Schultern waren definitiv breiter und seine Arme definierter. Alles in allem war er männlicher geworden.
Ilan trat einen Schritt von ihr zurück und verneigte sich spielerisch. »Ihr ehrt mich, Lady«, sagte er neckend, was Zunaes Lächeln nur noch vertiefte.




Ohne großartig darüber nachzudenken, hakte sie sich bei ihm ein. »Geh ein Stück mit mir und erzähl mir, wie es dir in den letzten Monaten ergangen ist«, bat sie, denn sie hatte Ilan sehr vermisst. Gleichzeitig hoffte sie, dass er es schaffte, sie abzulenken und die Gedanken, die noch immer in den dunklen Ecken ihres Kopfes warteten, um zuzustecken, verdrängen konnte.
Ilans Blick wanderte überrascht hin und her, während er neben Zunae herstolperte, bis er sich ihren Schritt angepasst hatte.
»Wo ist denn dein Ehemann?«, fragte er, wobei deutlich zu hören war, was er von Yelir hielt. Die Abneigung in seinem letzten Wort ließ Zunae zucken und seine Bemerkung sie erschaudern. Das war eine gute Frage. Wo war Yelir? Was sollte sie ihm sagen?
»Er hat die ganze Nacht auf mich aufgepasst und schläft jetzt. Ich wollte ihn nicht wecken«, log sie, doch man sah es ihr nicht an. Das Lächeln auf ihren Gesicht war wie immer strahlend und ihre Haltung entspannt. Nur Yelir wäre aufgefallen, dass sie leicht den Mundwickel zuckte. Er hatte ein Auge dafür, Ilan jedoch nicht.
»Na wenn er die ganze Nacht bei dir war …«, brummte er, obwohl er gehofft hatte, eine Möglichkeit zu bekommen, ihn als unpassenden Ehemann hinzustellen.
Er hatte nur halb mitbekommen, was vorgefallen war. Niemand wollte so richtig darüber sprechen, weshalb er Zunae direkt aufgesucht hatte. Es glich einem Wunder, dass er sie sie tatsächlich allein angetroffen hatte.
»Ich habe gehört, dass du gestern verletzt wurdest …«, setzte Ilan an, spürte aber sofort, wie Zunae stehenblieb und ihre Finger fest in seinen Arm krallte.
Diese leichte Bemerkung riss die Barrieren ein, die sie aufgebaut hatte. Die Erinnerungen stürzten auf sie ein, während ihre Sicht verschwamm und ihr Atem flacher wurde.
Verletzt. Was für eine Untertreibung.
»Zunae?«, fragte Ilan entsetzt, der nicht damit gerechnet hatte, dass seine Worte sie derart trafen.
Er hielt die zitternde Frau fest, damit sie nicht fiel, während er sie zu sich drehte. Ihr Blick wirkte weit weg, als würde sie ihn nicht mehr sehen, obwohl er direkt vor ihr stand. »Zunae«, sagte er erneut und schüttelte sie leicht.
Er konnte ihr Verhalten nicht einordnen, denn es ähnelte keiner Vision. Stattdessen sah er Tränen in ihren Augen. »Was hat er dir angetan?«, fragte Ilan alarmiert, der ihre Zeichen völlig falsch las. Er hatte keine Ahnung, dass sie schwanger gewesen war, noch, dass sie ihr Kind verloren hatte. Er wusste lediglich von dem Vorfall, in den Yelir eingegriffen hatte.




Zunaes Beine gaben unter ihr nach, während ihre Hand auch auf ihren Bauch legte. Das Gefühl von Verlust traf sie wie eine Keule. Hätte Ilan sie nicht gehalten, wäre sie zu Boden gestürzt.
»Zunae«, keuchte Ilan überfordert, während er mit immer größer werdenden Augen dabei zusah, wie die Tränen über Zunaes Wangen flossen.
Der Schock darüber, sie weinen zu sehen, saß tief. Es war schon Jahre her, als Zunae noch ein Kind gewesen war, wo sie das letzte Mal geweint hatte.
Was brachte sie dazu, jetzt derartige Gefühle zu zeigen? Was hatte dieser Kerl ihr angetan, dass sie so zusammenbrach?
Sanft schlang Ilan die Arme um Zunae, die jedoch erstarrte. Es fühlte sich falsch an. Sie wollte seine Nähe nicht. Sie hatte sie nicht verdient.
Übelkeit packte sie und Zunae begann zu würgen, doch erbrechen musste sie sich nicht.
Ilan streichelte vorsichtig ihren Rücken, während er sich umsah. Da es sich hier um den privaten Bereich der Königsfamilie handelte, waren hier nur selten Diener unterwegs. Zumindest sofern keine der Frauen hier war. Da er niemanden entdeckte, hatte auch noch keiner der Diener bemerkt, dass Zunae hier war. Niemand war da, den er um Hilfe bitten konnte, dabei wusste er nicht, was er tun sollte.
»Rede mit mir«, bat er, denn solange er nicht wusste, was ihr zugestoßen war, solange konnte er ihr auch nicht helfen.
Zunae kämpfte darum, ihre Gedanken zu kontrollieren. Nicht daran zu denken, dass das Leben, das sie versucht hatte zu schenken, erloschen war.
Sie starrte auf das Gras, versuchte das Grün zu bewundern, den Duft zu riechen, doch Ilans Bitte riss sie erneut heraus.
Die scharfen Ränder ihrer Gedanken bohrten sich in sie und krallten sich fest.
Sie hatte ihr Kind sterben lassen. Sie hatte in ihrer Aufgabe versagt. Sie war es nicht wert, an der Seite von Yelir zu sein, wenn sie ihm keine Kinder schenken konnte.
All das ging ihr durch den Kopf, fraß sich in ihr Bewusstsein und ließ sie zittern, während das Gras vor ihren Augen immer weiter zu einem Meer aus Grün verschwamm, das keine Formen mehr besaß.
Jemand packte sie und hob sie hoch.
Warme Hände hielten sie, als sie über eine Schulter geworfen wurde.
Die Person war grob und fluchte leise.




Ein Gefühl, eine Stimme, ein Geruch, der ihr Inneres wärmte und die scharfen Gedanken durch seine bloße Existenz ein wenig glättete. »Nae«, hörte sie, doch die Stimme wurde sofort wieder von hämischen Kommentaren davongedrängt, die nur in ihren Kopf existierten.
Sie war ein Reinfall als Frau. Es gab für sie keinen Grund, sich weiter als Königin der Nordlande zu sehen. Sie war es nicht wert …
»Was soll das?«, schrie Ilan entsetzt, als er sah, wohin Yelir mit ihr unterwegs war.
Plötzlich nahm kälte sie ein. Fraß sich durch ihre Haut, riss die Stimmen und Gedanken weg und ließ sie aufquietschen.
Zunae versank im kalten Wasser, das ihren Kopf klärte und sie ins Hier und Jetzt holte.
Instinktiv kämpfte sie sich nach oben, um nach Luft zu schnappen, nur um in Yelirs Gesicht zu blicken. Seine Augen musterten ihn und die Lippen waren besorgt verzogen.
Zunae schnappte nach Luft, während sie versuchte zu realisieren, was passiert war. Wo sie war.
»Bist du jetzt soweit, mir zuzuhören?«, fragte Yelir, der erleichtert die Luft ausstieß, als er sah, dass ihre Augen ihren Glanz zurück hatten.
Statt eine Antwort zu geben, sprang Zunae ein Stück aus dem Wasser, schlang ihre Arme um Yelirs Nacken und zog ihn in einen innigen Kuss, während sie beide ins Wasser zurück kippten.
Yelirs warme Lippen vertrieben auch noch die letzten Gedanken, die Zunae geplagt hatten, sodass es ihr endlich gelang, sich ganz in seinen Armen zu entspannen.

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