Kapitel 5 – Die Suche nach Ashur
Kapitel 5 – Die Suche nach Ashur
Cyrus
Es dämmerte, als ich ein Lager errichten ließ. Zwei Zelte, ein Pavillon. Mehr hatten wir nicht mitgenommen. Mit mir waren sieben meiner Grigoroi aus meiner persönlichen Garde dabei. Jeden einzelnen von ihnen hatte ich selbst verwandelt. Timmok, mein erster Grigoroi, da Leeander von meinem Vater verwandelt worden war, Galderon, Ikzil, die Zwillinge Eran und Aron, Amaro und Stinan. In früheren Jahren hatte ich auch zwei weibliche Grigoroi. Damals noch aus Zuneigung verwandelt, so hatte ich direkt danach das Interesse an ihnen verloren. Zumindest körperlich. Denn das, was mich beim Akt am meisten erregte, fehlte gänzlich. Kein rasendes, wild pochendes Herz, keine erhöhte Körpertemperatur mehr. An willigen Frauen mangelte es nie, waren es Vampire oder Menschen. Ich griff nur selten auf Grigoroi zurück. Lee war in all den Jahrhunderten immer eine Ausnahme gewesen.
Meine Gedanken wanderten kurz zu Irina. Sie hatte sich beim Akt wie ein Mensch angefühlt, mit Ausnahme ihres Herzens. Ihr Körper war heiß gewesen und hatte sich wie vor der Verwandlung angefühlt. War es eine Laune der Natur oder war ich in der Lage, Grigoroi zu erschaffen, die ihre Körperwärme behielten? Etwas, worum ich mir später noch Gedanken machen konnte. Denn Intimitäten waren nun das Letzte, woran ich denken wollte. Meine Aufmerksamkeit galt nur einem Ziel: Ashur zu finden und ihn zu töten.
Wir hatten kein Lagerfeuer entzündet. Die Grigoroi brauchten kein wärmendes Feuer und ich hatte mir einfach eine Decke um die Schultern gelegt. Ein Glück, dass die Nächte wärmer wurden. Abwechselnd gingen jeweils zwei Grigoroi auf die Jagd, um Blut zu trinken. Zwei blieben bei mir im Lager. Der Rest suchte in der Umgebung nach Spuren. Sobald alle ihren Blutdurst gestillt hatten, würden sie abwechselnd in einem der beiden Zelte ruhen. Es war unnötig, ohne Tageslicht nach Spuren zu suchen.
Timmok kam auf mich zu und setzte sich zu mir auf den umgefallenen Baum. „Der Fährte nach Süden müssen wir nicht weiter folgen. Es war nur ein Kaufmann auf der Durchreise.“
Ich nickte schwach und sah mich in alle Richtungen um. Wir hatten keinen Anhaltspunkt und waren zu Anfang jeder Spur gefolgt. Allerdings führten die meisten in die nächsten Siedlungen. Dort würde Ashur aber nicht hin. Er würde sich nicht zeigen.
Galderon setzte sich zu uns und schüttelte leicht den Kopf. „Aron und Eran sind zurück. Ihre Spur führte sie zu einem Ziegenhirten. Er hatte gehofft, seine Tochter könnte als Dienerin im Schloss arbeiten. Sie wurde abgelehnt, weil sie zu jung ist. Aufgrunddessen hat er sie im Waisenhaus abgegeben. Hat er uns alles brühwarm an den Kopf geworfen.“
Welch harte Zeiten, in denen Väter ihre Töchter in so jungen Jahren abgeben mussten, weil sie sie nicht ernähren konnten. Wir Vampire hatten die Verantwortung, uns um die Menschen zu kümmern und nicht, sie auszubeuten. Aber um dieses eine Schicksal konnte ich mich jetzt nicht kümmern.
„War schon jemand dort auf der Anhöhe?“, fragte Galderon und zeigte in die Richtung, in die ich ebenfalls sah.
„Meines Wissens nach nicht. Aber von dort aus sollte man das Schloss noch sehen können, oder?“
„Timmok und ich könnten uns das ansehen“, schlug Galderon vor.
„Einverstanden. Nutzt die letzten Sonnenstrahlen. Dann stärkt euch und erstattet Bericht“, entschied ich. Diese Anhöhe war mir zuvor schon aufgefallen, aber wir waren zwei anderen, Erfolg versprechenden Spuren gefolgt. Von der Anhöhe aus ließe sich allerdings gut die Umgebung im Auge behalten.
Es war bereits tiefe Nacht, als Timmok und Galderon zurückkehrten. Mittlerweile waren alle Grigoroi wieder im Lager. Einige ruhten, andere hielten Wache oder unterhielten sich leise.
„Mein König“, begann Timmok, „Wir haben Spuren eines Reiters gefunden. Er ist zunächst nach Süden geritten, dann jedoch weiter nach Westen. An einem Bach haben wir seine Spur verloren.“
Interessiert, aber auch müde, nickte ich ihnen zu. „Wir gehen morgen früh dieser Spur nach. Ruht euch aus.“ Wenn sich die Spuren in einem Bach verloren, konnte das nur bedeuten, dass der Reiter absichtlich im Bachbett geritten war und ganz bewusst eventuelle Verfolger abschütteln wollte. Oder er hatte dort gerastet und sein Pferd getränkt. Aber dann hätten die Spuren wieder zurückführen oder auf der anderen Seite des Baches weitergehen müssen.
Ich zog mich in das kleinere Zelt zurück. Im Gegensatz zu meinen Männern brauchte ich Schlaf. Aber auch Ashur würde schlafen müssen. Daher war ich zuversichtlich, dass er mir nicht entwischen würde. Er würde nicht entkommen. Was Aurelie wohl gerade tat und wie sie durch den Tag gekommen war? Die Ratssitzung hatte sich heute bestimmt wieder im Kreis gedreht und das würde auch die nächsten Tage so bleiben, dessen war ich mir sicher. Es würde sich erst etwas ändern, wenn ich den Rat komplett ersetzen ließ. Es machte keinen Unterschied, ob ich nun da war oder nicht. Und Aurelie war sicherlich dankbar darum, dass ich abgereist war. Wenn es nach ihr ginge, wäre es am besten, ich bliebe fern. Ob die Dinge anders stünden, hätte ich gewusst, dass sie lebte? Als ich ihre Eltern ermordet hatte, konnte ich nicht wissen, dass sie noch am Leben war, geschweige denn, dass sie es noch mit ansehen musste. Ein Anblick, den ich ihr gerne erspart hätte. Als meine Eltern ermordet worden waren, hatte es mich über Nacht ins Erwachsenenalter katapultiert. Ich war als weinendes Kind eingeschlafen und als Mann erwacht. Meine Kindheit war von einem Tag auf den anderen zerstört worden. Mein komplettes Leben hatte in Scherben gelegen. Und jetzt tat ich Aurelie das Gleiche an. Die Alternative wäre ihr Tod. Ein Schritt, den ich eigentlich nicht gehen wollte.
Es war ein Teufelskreis mit uns. Ich konnte ihr nicht vertrauen, nicht nach allem, was mir widerfahren war. Und sie konnte mir nicht vertrauen. Jede Zusammenarbeit war zum Scheitern verurteilt, auch wenn es Momente gab, in denen wir uns ergänzten. Die Kluft war einfach zu groß. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich gewusst hätte, dass sie noch lebte. Wenn ich sie zuerst weggeschafft und ihr so all das Leid erspart hätte. Sie hätte frei sein können. Ich hätte sie befreien können. Stattdessen legte ich ihr neue Fesseln an.
Die Sonne war kaum aufgegangen, da saßen wir wieder auf den Pferden. Wir ritten auf die kleine Anhöhe zu und ich schickte zwei weitere Männer mit Timmok und Galderon vor. Die Zwillinge sollten sich in der Nähe der Anhöhe genauer ansehen. Ikzil blieb bei mir und wir suchten auf der Anhöhe selbst nach Hinweisen, dass es wirklich Ashur war, dem wir hier folgten. Was wir fanden, waren Hufspuren. Die Zwillinge hingegen hatten mehr Erfolg und entdeckten die Fasen einer Decke oder eines Mantels. Alles leider keine eindeutigen Beweise, doch sie mussten vorerst genügen.
Wir ritten zum Bach. Es dauerte den halben Tag, bis wir die Spur wieder aufnehmen konnten. Ashur war uns also einen ganzen Tag voraus. Dennoch blieb ich zuversichtlich und ließ am Abend wieder das Lager aufschlagen.
Am nächsten Morgen stellte sich das Wetter gegen uns. Es regnete in Strömen und sämtliche Spuren wurden verwischt. Der Vorsprung von Ashur war mittlerweile zu groß. Es bestand keine Möglichkeit mehr, Spuren wie die seines Pferdes zu verfolgen. Der Regen hatte sie uns genommen. Dennoch ließ ich meine Männer ausschwärmen.
Trostlos ging der Tag an uns vorbei. Regen prasselte auf uns nieder und nahm mir die Motivation. Bis tief in die Nacht hinein hielt er an. Wir hatten kein Lager errichten können. Aber die Zwillinge konnten eine Siedlung ganz in der Nähe ausfindig machen. Bei einem Bauern fanden wir Unterschlupf und gegen ein geringes Entgelt ließ er uns in der Scheune schlafen. Hätte er gewusst, wer ich war, wäre der gute Mann wohl im Boden versunken. Aber ich hielt es für klüger, unerkannt zu reisen. Ich konnte nicht wissen, wie schnell sich die Neuigkeit verbreiten würde, der König wäre im Goldenen Reich unterwegs.
Timmok kam mit einer dampfenden Schüssel zu mir und setzte sich neben mich. „Der Bauer bittet darum, kein Blut von ihm, seiner Familie oder seinen Tieren zu trinken. Ich habe ihm darauf mein Wort gegeben.“
Ich nahm die Schüssel und setzte sie an meine Lippen. Getreidebrei mit warmer Milch. Keine Mahlzeit, die ich sonst zu essen pflegte. Aber sie war warm und ich brauchte auch normale Nahrung. Nur mit Tierblut würde ich nicht überleben, im Gegensatz zu meinen Grigoroi. Das Blut von Tieren war längst nicht so köstlich wie das der Menschen, aber wenn es denn sein musste, würde es reichen, um meinen Durst zu stillen. So, wie der Getreidebrei als Mahlzeit reichen würde, meinen Hunger zu stillen.
„Hast du dich ungehört?“, erkundigte ich mich bei Timm und setzte die Schale wieder an meine Lippen.
„Ja. Niemand hat etwas gehört oder gesehen. Niemand hier weiß von einem Vampir, der alleine zu Pferd reist.“ Ich fluchte innerlich. „Wir werden in den Nachbardörfern fragen müssen. Auch Ashur wird Schutz vor dem Regen gesucht haben. Eine Möglichkeit, um seine Kleidung zu trocknen und sein Pferd unterzustellen.“
„Er könnte mittlerweile überall sein“, seufzte Timm schwer. „Was, wenn er nur einen Bogen gemacht hat und nun wieder auf dem Weg zum Schloss ist?“
Ich stellte die leere Schüssel beiseite und sah aus der halb offenstehenden Scheunentür hinaus. „Nein, das würde Ashur nicht riskieren. Es ist zu früh für ihn, wieder umzukehren. Erst würde er Informationen sammeln.“ Zumindest vermutete ich das. Aber dieser Mann war krank im Kopf.
„Dafür müsste er in der Nähe des Schlosses bleiben. Und sobald er erfährt, dass der König mit fast all seinen Männern abgereist ist, könnte er eine Rückkehr wagen.“
Leider musste ich meinem Freund da recht geben. „Was schlägst du also vor?“ Interessiert beugte ich mich näher zu Timmok.
„Wir könnten offiziell reisen. Die Nachricht sich verbreiten lassen, dass wir ausgeflogen sind und das Schloss mehr oder weniger schutzlos ist. Insbesondere dein Weib …“ Ich presste die Lippen aufeinander, ließ ihn aber ausreden. „Wir würden uns aufteilen. Vier gehen zurück und setzen Ashur fest, sobald er auftaucht. Das bedeutet aber auch, dass du weit weg vom Schloss gesehen werden musst, damit Ashur das wirklich wagt.“
„Der Plan klingt gut. Zumindest der Teil, dass sich vier von uns in der Nähe vom Schloss aufhalten. Aber ich werde meine Reise nicht offiziell machen. Wir können nicht riskieren, dass wir durch meine Abwesenheit noch weitere Feinde auf den Plan rufen. Aurelie ist alleine im Schloss.“
Verstehend nickte Timm. „Ich frage mich, wie sie sich wohl gerade macht.“
„Lee und Elok sind bei ihr. Zudem kennt Aurelie die Minister und das Schloss. Sie wird schon keine Dummheiten machen und ein paar Tage die Füße stillhalten können.“ Selbst wenn ich im Schloss wäre, so würde sich nichts ändern. Erst, wenn meine Berater da wären, konnte ich die Minister austauschen. Lee würde Aurelie zur Geduld mahnen.
Timm grinste leicht. „Ich denke, sie wird sie alles andere tun, als die Füße stillzuhalten.“
Ich winkte ab. „Aurelie wird spielen, sich mit Kaldor und ihren Zofen eine schöne Zeit machen und sich wünschen, dass ich möglichst lange fernbleibe. Politik ist langweilig und vor allem zäh. Nichts für eine abenteuerlustige Königin, die lieber durch dunkle Gänge schleicht.“ Ich streckte mich kurz und überschlug die Füße an den Knöcheln. „Die Königin wird tun, worauf sie gerade Lust hat und jedem auf der Nase herumtanzen. Ich sehe meine Abwesenheit ganz entspannt. Es werden schon keine Köpfe rollen, während ich weg bin.“
„Das wohl nicht. Ich schätze unsere Königin nicht als besonders blutrünstig ein.“
„Richtig.“ Ich nickte knapp und lehnte mich zurück. Die Königin würde nach all dem Chaos eher nach Harmonie streben. Auch wenn sie die direkte Konfrontation nicht scheute. „Allerdings ist sie arrogant, kleinlich und verzogen. Die Minister werden sie nicht so leicht kontrollieren können, wie sie es vielleicht hoffen.“
„Wenn du erlaubst … ich habe ein gänzlich anderes Bild von ihr, Cyrus.“
Ich machte mir einer Hand eine auffordernde Geste. Immerhin hatte ich ihn gebeten, Aurelie näherzukommen und mehr über sie zu erfahren.
„Meist handelt sie aus Angst. Vor dir. Aber, erinnerst du dich an die Situation im Garten? Wir haben Fangen gespielt. Sobald sie dich gesehen hat, hat sie Angst bekommen.“ Zustimmend nickte ich. Es war gut, wenn sie Angst hatte. Dennoch war sie nicht ehrlich und log was das Zeug hielt. „Erinnerst du dich noch an ihre Worte?“
„Vage. Ich glaube, sie wollte sich rausreden.“ Woran ich mich deutlich erinnern konnte, war das Lächeln, das sofort erstarb, als sie mich erblickte. Und an ihren Herzschlag, der völlig aus dem Takt geriet. Allerdings nicht vor Freude.
Langsam schüttelte Timm den Kopf. „Nein. Nein, ich denke eher, sie wollte mich beschützen. Sie hat die Schuld sofort auf sich geladen. Sie hat nicht gezögert, mich in Schutz zu nehmen, denn sie hatte Angst, du könntest mich bestrafen, weil sie mir abgehauen ist, sich nicht so verhalten hat, wie sie denkt, dass du es von ihr erwartest.“
„Zurecht. Deine Aufgabe war klar. Dennoch sprach nichts gegen ein kurzes Spiel. Wir hatten ja auch zum Spaß die Klingen gekreuzt. Auch, wenn es für sie offenbar kein Spiel war.“ Ich hob unschlüssig die Schultern. „Trotzdem ist sie launisch, lügt und macht nur, wonach ihr der Sinn steht. Sie braucht eine strenge Hand, immerhin ist sie die Königin. Sie hat das Zepter nicht abgegeben und somit bei der Krönung darauf bestanden, mit mir zu herrschen. Vor allen Anwesenden! Dabei hatten wir es anders vereinbart.“ Unzufriedenheit machte sich in mir breit. „Lass dich von ihr nicht um den kleinen Finger wickeln.“
Timmok seufzte. „Du weißt, ich werde dir immer treu sein, mein Freund. Aber hier haben wir andere Ansichten.“ Timmok stand auf. „Also ist es beschlossen? Vier gehen zurück und wir suchen weiter?“
„Ja, die Zwillinge reisen mit uns. Galderon übernimmt die zweite Gruppe und bleibt in der Nähe des Schlosses. Vielleicht hat Ashur in der Nähe einen Unterschlupf gefunden und erwartet, dass ich das ganze Land nach ihm durchsuche. Dann würde er mir durch die Finger schlüpfen. Das wäre fatal.“ Ich stand auf. „Und noch kein Wort darüber, dass ich nicht mehr im Schloss bin. Auch keine Gerüchte. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Wenn Ashur sich nicht zeigt.“
„Verstanden.“ Mein Gegenüber nickte und kletterte aus dem Zelt.
Ich sah Timm noch lange nach, auch wenn ich ihn nicht mehr sehen konnte. Das Gespräch mit ihm hatte mir wieder vor Augen geführt, wie sehr die Königin mich hassen musste. Immerhin war ich der Mörder ihrer Familie. Irgendwann würde sie sich dafür rächen.





























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