Kapitel 11 – Seiblings Familie
Kapitel 11 – Seiblings Familie
Aurelie
Gemeinsam mit Irina betrat ich den Thronsaal. Unsere Schritte hallten laut in dem leeren Raum, den ich seit meiner Hochzeit und Krönung nicht mehr betreten hatte. Auf den Thron starrend, atmete ich einmal tief ein, dann aus. Schließlich setzte ich mich auf den kalten, steinernen, für mich viel zu breiten Stuhl, hob mein Kinn und setzte eine eiserne Maske auf. Nur knapp berührten meine Zehenspitzen den Boden. Irina hatte sich hinter mir positioniert, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
In wenigen Momenten würde eine Familie durch die Flügeltüren in diesen Thronsaal schreiten, unwissend und sehr wahrscheinlich unschuldig. Es war meine Aufgabe, diesen Menschen zu sagen, was für eine Zukunft ihren Gemahl und Vater erwartete. Was er getan hatte. Und es wäre meine Pflicht gewesen, mir zu überlegen, wie ich das nur in Worte fassen sollte! Doch hatte ich dafür keine Zeit gefunden. Mir war bis zu diesem Augenblick noch nicht einmal der Gedanke daran gekommen, wie schwer es werden würde, jemandem gegenüberzustehen und ihn vor solche vollendeten Tatsachen zu stellen. Ich hätte mir Gedanken darüber machen müssen! Das wäre meine Pflicht gewesen! Doch stattdessen beschäftigte mich die Frage, wie ich die Zeichen meiner Reife versteckt halten konnte. Wie ich diese verlangsamen konnte. Mich beschäftigen Fragen, wie: Wie ich mein Volk regieren sollte, wenn die Staatskassen so leer waren wie die Kornspeicher am Ende des Winters! Mich nahm die Aufgabe, ein ganzes Land völlig alleine zu regieren, vollkommen ein. Und ich hatte es nicht geschafft, einen zweiten Gedanken an die Familie zu verschwenden, deren Leben ich mit einer meiner Entscheidungen zerstört hatte. Haus, Hof, Dienerschaft, Vermögen und Titel. Alles ging an die Krone. Und noch dazu nahm ich ihnen ihr Familienoberhaupt.
Meine Gedanken rasten, wurden alsbald aber vom Öffnen der großen Flügeltüren unterbrochen. Es traten eine Frau, ein Mann und ein Mädchen ein. Das waren Frau, Sohn und Tochter Seiblings. Der Sohn hatte die Reife schon längere Zeit hinter sich. Er war, so glaubte ich, sogar ein oder zwei Jahrzehnte älter als Cyrus. Er war agil und dünn wie sein Vater. Von ihm hatte er auch die kalten, blauen Augen, die einem sofort entgegen stachen, nicht jedoch dessen hellbraunes Haar. Sein rabenschwarzes Haar, welches er zweifelsohne von seiner Mutter vererbt bekommen hatte, bildete einen starken Kontrast zu den hellen Augen. Dieses war zu einem langen, strengen Bauernzopf geflochten, welcher ihm den Rücken hinabfiel. Die Tochter war das exakte Gegenteil ihres älteren Bruders. Sie hatte ihre Reife noch nicht durchlebt, dürfte dem Entwicklungsstand nach aber bald so weit sein. Vielleicht in ein oder zwei Jahrzehnten. Ihr hellbraunes Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern; die grünen Augen ihrer Mutter versteckten sich unter langen Wimpern. Die Mutter, eine Vampirin mittleren Alters, blickte mir aus grasgrünen Augen entgegen. Das schmale, feine Gesicht von langem, schwarzem Haar umschmeichelt.
Doch auch wenn sich die drei ähnlich sahen und offensichtlich miteinander verwandt waren, lagen ihre Gesichtsausdrücke Welten auseinander. Der Mann schaute finster drein, Skepsis in seinen kalten Augen. Das Mädchen schien sich zu fürchten, und die Mutter wirkte, als würde sie zwischen den beiden Gefühlen ihrer Kinder schwanken. Angst, da ich in meinem Brief keinen Grund für die Einladung vorgebracht hatte, und Skepsis, weil da ein Kind vor ihr auf dem Thron saß, dass nur knapp mit den Füssen den Boden berührte.
Leeander und Elok betraten hinter der Familie den Thronsaal. Während Leeander sich außen, neben dem Sohn positionierte, trat Elok auf die andere Seite, sodass die Familie zwischen den beiden Grigoroi eingekesselt wurde. Dabei hatten die beiden Grigoroi jeweils eine ihrer Hände demonstrativ auf die Knäufe ihrer Waffen gelegt, die schwer an ihren Gürteln hingen. Schwerter, die sie sofort ziehen würden, wenn es notwendig wäre. Leeander ging auf ein Knie und Elok tat es ihm gleich. Beide standen aber sofort wieder auf und legten die Hände wieder an die Schwertgriffe. „Majestät“, eröffnete Leeander. „Das hier sind Meirina Seibling, Eheweib von Altrus Seibling und Mutter der beiden Kinder. Gilead und Sharifa.“
Zu meiner Überraschung ging Seiblings Sohn, Gilead, ebenfalls auf ein Knie und stützte einen Unterarm darauf ab. „Majestät“, grüßte er knapp und verblieb in der Position. Seine Schwester blinzelte irritiert, folgte dem Beispiel ihres deutlich älteren Bruders aber nach kurzem Zögern. Wenig elegant sank sie in einen Knicks und hielt diese Position. Dabei schwankte sie jedoch stark und drohte, jeden Moment das Gleichgewicht zu verlieren. Nur die Mutter blieb stehen und neigte nicht einmal den Kopf oder senkte wenigstens kurz den Blick. Nein, sie starrte mich die ganze Zeit an. Immerhin war wohl noch genug Respekt vorhanden, sodass sie nicht als Erste das Wort ergriff.
Unauffällig biss ich mir auf die Innenseite der Wange. Theoretisch müsste ich sie jetzt zurechtweisen. Nur fühlte ich mich schon schlecht genug, also liess ich sie gewähren. Ich war zwar ihre Königin, aber Respekt verdiente man sich. Diese Haltung trug ich selbst. Da konnte ich von anderen nicht erwarten, ihn mir unverdient entgegenzubringen. „Erhebt euch“, wies ich die beiden Kinder der Vampirin an, woraufhin der Mann, Gilead, sich tonlos wieder aufrichtete und das Mädchen, Sharifa, ein erleichtertes Seufzen von sich gab. Ich musste unweigerlich ein Schmunzeln unterdrücken, denn mir wäre es wohl kaum anders ergangen. Obwohl das mittlerweile vielleicht … Schnell konzentrierte ich mich wieder aufs Hier und Jetzt. „Meirina, tretet vor.“
Die Frau warf einen unsicheren Blick zu beiden Seiten. Ob dieser ihren beiden Kindern oder den Grigoroi galt, konnte ich nicht einschätzen. Sie machte nur zwei kleine Schritte vor und sah wieder zu ihrer Tochter. Danach huschte ihr Blick zu Elok und dessen Schwert. Nur schwer löste sie ihr Augenmerk von ihrer Tochter, legte die Hände vor den Schoß und knetete nervös ihre Finger, während sie den Fokus wieder auf mich legte. Diesmal knickste sie formvollendet und senkte dabei ihr Haupt.
Wie gerne hätte ich ihr versichert, dass ich ihren Kindern nichts tun würde? Aber mir war klar, dass die Angst um sie mir zu ehrlichen Antworten verhelfen würde. Also schluckte ich das schlechte Gewissen runter, bis nur noch ein bitterer Geschmack auf meiner Zunge zurückblieb. „Euer Gatte, Altrus Seibling, hat mehrere schwerwiegende Fehler begangen“, begann ich schweren Herzens, ließ davon aber kein bisschen durchblicken. „Euch dürfte auch die Durchsuchung Eures Haushalts aufgefallen sein. Ich danke für die Kooperation.“
Sie nickte schwach und wurde eine Spur blasser um die Nase. Noch immer sagte sie kein Wort.
Ich seufzte schwer, doch leise und schluckte den dicken Kloß in meinem Hals hinunter. „Hat er Euch gegenüber jemals etwas erwähnt? Sich seltsam verhalten oder Korrespondenzen versteckt, kaum betratet Ihr den Raum? Gab es Themen, die er vermieden hat, mit Euch zu besprechen?“ Ich musste bedenken, dass sie mit ihm verbunden war. Sehr wahrscheinlich war ihr längst bewusst, dass etwas geschehen war. Immerhin sollte sie den körperlichen Zustand ihres Verbundenen, zumindest geringfügig, spüren können. So hatte ich es zumindest einst gelesen.
Wieder ging ihr Blick zu ihrer Tochter. Die Frau schluckte so schwer, dass ich das Geräusch bis zum Thron hin hören konnte. Sie befeuchtete ihre Lippen und sah zu mir auf. „Nun. Er sprach nicht oft mit mir über seine Pläne oder seine Arbeit als Minister. Aber ihm war stets daran gelegen, für seine Familie zu sorgen.“
„War?“, fragte Sharifa mit tränenerstickter Stimme und machte einen Schritt auf ihre Mutter zu. Allerdings griff Elok zeitgleich nach ihrem Oberarm und zog das Mädchen wieder zurück auf ihre vorherige Position.
Meirina seufzte tief. „Ist, meine Kleine. Ihm ist daran gelegen, dass es uns gut geht.“ Dann glitt ihr Blick zu mir. „So will er auch nur das Beste für seine Tochter und schmiedete Pläne, um sie gut zu verheiraten. Er wollte sie mit einem Fürsten vermählen.“
Unmerklich spannte ich mich an. Cyrus. Aber wieso sollte er mich dann zur Frau nehmen? Schwachsinn! Ich war sowieso nur ein Unfall gewesen! Ein unvorhersehbares Missgeschick, das ihm den Plan versaut hatte! Außerdem; was war mit Carina? Und wieso … wieso hatte man bei ihnen Zuhause bei dem Mädchen ein Schmuckstück ähnlich einer Krone gefunden? Wieso hatte Seibling so regen Kontakt zu Cyrus gehalten, wenn nicht um seine Tochter mit ihm zu vermählen? Aber wenn das wahr war, dann würde das bedeuten, Seibling hätte von dem Plan, das Königshaus zu stürzen, gewusst! Mit reger Anstrengung verbannte ich die Tränen aus meinen Augen, bevor sie jemand zu Gesicht bekommen konnte. Wenn Seibling Cyrus‘ Verbündeter gewesen war. Und ich ihn tötete, was ich tun würde, dann wäre Cyrus … mehr als nur wütend.
Ich schloss für einen Moment die Augen, ehe ich tief durchatmete. „Irina …, bring das Kind raus.“
Irina setzte sich sofort in Bewegung, ging die Stufe vom Podest runter und steuerte auf Sharifa zu, deren Oberarm immer noch von Elok festgehalten wurde.
„Mama?“, fragte das Mädchen ängstlich und versuchte, zurückzuweichen. Ihre Augen huschten entsetzt von mir, zu Irina, zu ihrer Mutter und wieder zurück.
„Eure Majestät“, begann Gilead zögernd. „Mit Verlaub. Aber ist das wirklich nötig?“
„Ich würde es bevorzugen. Also ja.“ Ich setzte ein Lächeln auf und wandte mich direkt an das verängstigte Mädchen. „Aber ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass es in der Küche noch Kuchen hat. Also wenn du Irina lieb bittest, wird sie dich sicher gern hinbringen.“
Die Frau spannte sich sichtbar an und diese Reaktion übertrug sich auf ihre Tochter, der sofort eine Träne über die Wange lief.
„Darf ich meine Schwester begleiten?“, fragte Gilead und hob kurz, aber beschwichtigend beide Hände. „Dann könnt Ihr ungestört mit unserer Mutter reden. Wenn Ihr anschließend noch Fragen an mich richten wollt, Majestät, werde ich sie alle selbstredend beantworten.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ihr dürft später beide wieder zu dem Kind. Deiner Schwester, Eurer Tochter, wird kein Leid geschehen, darauf habt ihr mein Wort“, versprach ich. „Irina. Jetzt.“
Irina nahm Sharifa sanft am Arm, legte eine Hand auf ihren Rücken und führte sie aus dem Thronsaal. Die bitterlichen Schluchzer des Kindes hörte ich dennoch, ebenso wie ihre ängstliche, viel zu hohe Stimme. „Warum?“ Aber Irina antwortete nicht und kurz darauf schlossen sich die beiden großen Flügeltüren wieder.
Elok trat nun neben Meirina, die sichtlich mit sich kämpfte und ihre Finger noch stärker knetete. Nur Gilead blieb ruhig. Zumindest äußerlich. Die angespannte Haltung Lees zeigte mir aber, dass er den Vampir im Auge behielt.
„Ich wollte das Kind hierbei nicht dabei haben. Ihr werdet noch verstehen“, gab ich mit fester Stimme von mir und schaute den beiden Erwachsenen in die Augen. Welch Ironie … „Das ist nichts, was ein Kind von einer fremden Person erfahren sollte.“ Oder gar dabei sein sollte, wenn ich an meinen eigenen Werdegang dachte. Ich holte tief Luft; sah, wie sich beide Grigoroi anspannten und bereit machten, mich zu beschützen, sollte es zu Überschreitungen kommen. „Altrus Seibling hat mehrfachen Hochverrat begangen. Darunter Unterschlagung von Gold aus der Staatskasse in unschätzbarer Höhe. Als dieser aufgedeckt wurde, fügte er versuchten Königsmord der Liste hinzu. Es ist kein Geheimnis, was auf solche Schandtaten folgt.“ Ich schluckte. „Altrus Seibling, verbundener Vampir von Meirina Seibling und Vater von Gilead und Sharifa Seibling, ist zum Tod durch den Strick verurteilt worden. Des Weiteren“, ich holte Luft, doch meine Lunge schien sich nicht füllen zu wollen, „wurde ihm natürlich der Grafentitel entzogen, er wurde des Inneren Rates verwiesen und damit der Stellung als Minister des Königshauses enthoben. Mit dem Grafentitel fällt außerdem auch das zugehörige Land, Haus und Gut sowie das Vermögen der Seiblings an die Krone, bis diese einen neuen Minister der Münze ernannt hat.“
Meirina keuchte auf. Ihre Beine gaben nach und Elok griff nach ihrer Hüfte, damit sie sanft zu Boden sank und nicht wie ein nasser Sack stürzte. „Nein …“, keuchte sie entsetzt und starrte auf den blutroten Teppich. Ihr Gesicht war so bleich, dass ihre Reaktion nicht gespielt sein konnte.
„Und dann? Gehen Titel, Ländereien und Vermögen an den neuen Minister? An einen Fremden?“, fragte Gilead überraschend nüchtern und sachlich. „Meine Schwester wird nicht mehr nach Hause können? Und all unsere Sachen, unsere Erinnerungsstücke und persönliches Eigentum gehen an eine uns fremde Familie?“
„Ich werde euch sicher nicht verbieten, eure persönlichen Sachen zu holen. Wollt ihr das Anwesen jedoch noch einmal betreten, braucht ihr eine Eskorte. Titel, Länderei und Vermögen gehen an den neuen Minister der Münze, das ist korrekt. Das Land mag lange Zeit von eurer Familie bewohnt worden sein, gehört euch aber nicht. Es ist das Land des Ministers der Münze des Inneren Rates. Dieser Titel ging eurer Familie verloren.“
Nachdem meine Worte verhallt waren, wurde es unangenehm still im Thronsaal. Erst, als Meirina aufschluchzte, wurde die Stille gebrochen. „Wann?“, fragte sie und hob ihren Kopf. In ihren Augen schwammen Tränen, die sie nur mühsam zurückhalten konnte.
„Demnächst. Es steht euch frei … bis dahin im Schloss zu verweilen und der Hinrichtung beizuwohnen.“ Wieder blieb es eine Weile still. „Ich nehme an, ihr versteht, wieso ich Sharifa nicht hier im Raum haben wollte“, fügte ich etwas leise hinzu.
„Ja“, erwiderte Gilead sofort. „Danke für Eure Weitsicht.“ Er ging zu seiner Mutter. Leeander folgte ihm und auch Elok spannte sich an. Allerdings half Gilead seiner Mutter lediglich auf die Beine und zog sie in eine feste Umarmung. „Wir können zu deiner Schwester gehen. Vorher fahren wir ein letztes Mal nach Hause und packen unsere Koffer.“
„Aber was wird aus Sharifa? Wer will sie denn jetzt noch heiraten? Ohne Gold und Titel? Wir haben keine Mitgift mehr!“
„Mach dir keine Sorgen, Mutter. Ich finde einen Weg. Sharifa wird einen anständigen Mann heiraten können.“
„Ich werde dafür sorgen“, mischte ich mich ein. „Wenn es Euer Wunsch ist.“
Der Blick Gileads traf meinen und für einen Moment verlor er seine beherrschte Fassade. Ich sah Wut und falschen Stolz in seinem Blick und noch etwas, das ich nicht definieren konnte.
„Müssen wir das jetzt bereden?“, erkundigte sich Meirina mit zittriger Stimme und klammerte sich mit beiden Händen an ihren Sohn.
„Nein.“ Ich lächelte versöhnlich. „Elok und Leeander werden euch zu einem Gästegemach geleiten. Gleich nachdem ihr der Küche einen Besuch abgestattet habt.“
































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