Kapitel 48 – Affäre

Kapitel 48 – Affäre

 

Cyrus

Ihre Nasenflügel bebten, während sich ihre Hände zu festen Fäusten ballten. Sie hob ihre Oberlippe an, die Fangzähne zu voller Länge ausgefahren und vor Gift tropfend, was für jedes andere Lebewesen dieser Erde das Todesurteil bedeutet hätte. Zusätzlich wurden ihre Iriden feuerrot. So viel zum Thema, dass sie von dieser Macht keinen Gebrauch machen wolle. Und dennoch fand ich sie wunderschön und begehrenswert in diesem Moment.

„Ich werde nicht dein Kind austragen!“, schrie sie rasend vor Wut. „Und solltest du es dennoch schaffen, es in mich einzupflanzen, dann werde ich es mir aus meinem verfluchten Leibe reißen!“ Ihre Augen glühten noch heller und ihre Hände begannen zu brennen. So sehr, dass das Hemd, welches sie trug, an den Ärmeln Feuer fing – was sie jedoch nicht zu verletzen schien.

„Aurelie!“, rief ich mahnend. „Du wirst bald in Flammen aufgehen, wenn du so weiter machst!“ Ich fluchte innerlich. Sollte Aurelie sich nicht beruhigen, sah ich nur noch eine Möglichkeit, das Feuer zu löschen. Aber ich würde mich dabei selbst verbrennen. Vielleicht war das sogar ihr Ziel. „Sei vernünftig, Aurelie! Du weißt ganz genau, dass es deine eheliche Pflicht ist, mir ein Kind zu schenken! Und es ist deine Pflicht als Königin, diesem Land und deinem Volk einen Erben zu gebären!“

„Es ist meine Pflicht für mein Land zu sorgen, aber nicht, indem ich mich von dir umbringen lasse! Ich bin doch keine verdammte Zuchtstute! Geh in den Stall, wenn du so eine willst! Fick ein Pferd, aber sicher nicht mich!“

Ich hob beide Augenbrauen. „Du bist widerlich, Aurelie. Solche Worte sollte eine Königin nicht in den Mund nehmen.“ Warum fiel mir ausgerechnet Carina nun ein? Sie hätte Aurelie lehren müssen, was es hieß, eine Königin zu sein. Stattdessen stand hier eine dumme, einfältige Frau. „Wenn du so weiter machst, werde ich dich einsperren, bis du zur Vernunft kommst!“

„Ich bin widerlich?“, brachte sie lachend vor Zorn hervor, während sich die Flammen immer höher an ihren Armen entlang züngelten. „Wer vergreift sich denn an mir? Das ist widerlich! Zudem es dich einen Scheiß interessiert, wie es mir geht! Hauptsache, ich funktioniere, halte hin, wenn du deinen Schwanz in einer Frau vergraben willst, und gebäre dir ein Kind, sodass du mich direkt noch im Kindbett ermorden kannst! Sag mir, Cyrus“, sie spuckte meinen Namen aus, als würde ihr dabei schlecht, „hast du mir eigentlich je richtig zugehört? Hat es dich nicht gewundert, dass ich blutbeschmiert vor den Schlosstoren gestanden habe? Ich habe es dir gesagt, weißt du noch? Was passiert ist. Aber interessiert es dich? Nein! Es könnten auch deren Kinder sein, die ich künftig unter dem Herzen trage. Wer weiß!“



Ja. Ich sollte sie einsperren, am besten direkt in den Harem. „Das wäre nie passiert, wenn du dich nicht unerlaubt aus dem Schloss geschlichen hättest! Und ich habe nicht genauer nachgefragt, weil mir sonst die Hand ausgerutscht wäre!“ Wenigstens eine meiner Prinzipien hatte ich noch nicht verloren und ich schwor mir, diese Grenze nie zu übertreten. Aber im Grunde genommen hatte Aurelie recht. Ich war schon nach dem Blutschwur zu weit gegangen und hatte mir vorgenommen, das nicht zu wiederholen. Und tat es dennoch.

„Dafür ist es längst zu spät! Darüber bist du längst hinaus! Du bist unausstehlich!“, spuckte sie, während ihr Tränen die Wangen hinunterrannen. Jedoch wirkte sie mit einem Mal reichlich desorientiert. Ihre Augen schienen Probleme damit zu bekommen, sich zu fokussieren, und blinzelten unablässig. Ihr Körper schwankte gefährlich, ihre Atmung wurde zusehends unkontrollierter und das Feuer an ihren Händen verschwand zuckend. Sie taumelte und stolperte nach hinten, wobei ihr Oberkörper gefährlich unkontrolliert hin und her schwankte wie eine Ähre im Wind.

Obwohl sie bestimmt immer noch glühend heiß war, eilte ich zu ihr und fing sie gerade noch auf, bevor sie der Länge nach hinfiel. Innerlich machte ich mich auf den Schmerz gefasst, verbrannt zu werden. Jedoch blieb dieser aus. Vorsichtig berührte ich ihre Finger; sie waren kalt. Weiter tastete ich ihre Hände und Arme ab. Doch da war keine Hitze, sondern nur Kälte. Zu viel Kälte, wie ich fand. Wahrscheinlich war sie ausgebrannt. Wortwörtlich.

Aurelie schwieg. Mir schien, sie konzentrierte sich gerade bloß darauf, zu atmen. Wahrscheinlich war, dass sie gerade gegen eine Ohnmacht ankämpfte. Als ich vor einigen Jahrhunderten meine Kräfte erforscht hatte, war auch ich häufiger an meine körperlichen Grenzen gestoßen.

Ich zog sie näher an mich und legte meine Arme um sie, um sie mit meinem Körper zu wärmen. Dabei fielen mir ihre vorherigen Worte wieder ein. Dass ich ihr das Gefühl aufzwingen würde, mir nahe sein zu wollen. Und im Grunde genommen fühlte ich genauso. „Hast du jemals überlegt, dass es mich genauso nervt? Denkst du wirklich, ich will jetzt bei dir sein?“

Sie antwortete nicht. Noch viel zu sehr war sie damit beschäftigt, sich bei Bewusstsein zu halten. Ihr Gesicht drehte sie irgendwann so, dass ihre Nase direkt an meiner Brust lag. Tief atmete sie ein und aus und mit jedem Atemzug wurde ihre Atmung wieder beständiger. Mit ihrem Körper schmiegte sie sich nah an mich, zitternd am ganzen Leib. Vermutlich suchte sie instinktiv nach Wärme.



Ich fluchte innerlich und zog sie noch enger an mich. Dabei vergrub ich mein Gesicht in ihren Haaren. Was war nur los? „Verflucht, das nervt“, knurrte ich.

Ängstlich zuckte sie zusammen, klammerte sich aber gleichzeitig Hilfe suchend an mir fest. Widersprüchlicher hätte ihre Reaktion nicht ausfallen können.

Ich fing kurz an, zu lachen. Sämtliche Wut war verflogen. Es zählte nur noch, Aurelie in meinen Armen. „Ich fürchte, das ist der Blutschwur. Aber ich habe noch nie gehört, dass er so schnell und so heftig ausfällt.“

„Die Götter … has…sen mic…h“, brachte sie bibbernd, mit flatternden Augenlidern hervor. „Ich wollte … das … nicht“, sprach sie zittrig weiter und klammerte sich stärker an mir fest.

„Ja, vermutlich“, erwiderte ich leise. Sie hörte gar nicht mehr zu zittern. Daher hob ich sie kurzerhand hoch und trug sie rüber in ihr Schlafzimmer. Suchend sah ich mich nach Kaldor um, den ich schließlich vor dem Kamin liegend entdeckte. „He, Kaldor! Komm her!“

Der Wolf setzte sich in Bewegung und trottete vor. Er sprang auf ihr Bett, kurz darauf legte ich Aurelie hinein. Ich sollte jetzt gehen. Sie würde mit Kaldor kuscheln können. Er würde sie schon aufwärmen. Stattdessen legte ich mich direkt neben sie und zog sie wieder in meine Arme. Mit dem Kopf mir zugewandt und Kaldor von hinten, der sie wärmte, ebbte das Zittern nach einer Weile langsam ab.

„Cyrus?“, erklang ihre leise Stimme von meiner Brust her und klang verwirrt.

„Hm?“, machte ich.

„Was … ist passiert?“, fragte sie unsicher. „Wieso liegen wir zusammen im Bett?“

„Du bist beinahe in Flammen aufgegangen. Und danach ganz kalt geworden.“ Ich legte eine Hand an ihre Stirn, die wieder etwas wärmer war. „Wie fühlst du dich?“

„Leer“, kam es nach einer Weile zurück. „Müde“, fügte sie hinzu. „Und durstig“, gestand sie leise.

„Wenn du von mir trinkst, endet es bloß wieder in einer Spirale der Lust, aus der ich nicht ausbrechen kann.“ Ich löste mich von ihr und stand auf. Sofort hatte ich wieder das Bedürfnis, sie festzuhalten. „Ich sage Irina, dass sie dir Blut bringen soll und dann schläfst du noch etwas.“

Sie nickte schwach und warf einen Blick aus dem Fenster. „Es ist aber noch nicht der nächste Morgen, oder?“



„Nein, keine Sorge.“ Ich beugte mich über sie und küsste ihre Wange. „Du kannst ruhig ein, zwei Stunden schlafen.“

„Mhm.“ Sichtlich müde drehte sie sich zu dem flauschigen Rückenwärmer um und vergrub ihre Nase in seinem Fell. Ihr linker Arm kam in seinem flauschigen, grauen Haar zum Liegen, wo ihre Hand in sachten Bewegungen unsichtbare Muster zeichnete.

Das Bild erinnerte mich daran, wie wir beide einmal zusammen im Bett gelegen hatten und sie Muster auf meinen Bauch gezeichnet hatte. Unser erster gemeinsamer Morgen. Und das, nachdem sie einen fürchterlichen Albtraum gehabt hatte. Damals hatte es den Anschein gehabt, als könnten wir uns irgendwann vielleicht wirklich verstehen.

Ich konnte nicht sagen, wann es so umgeschlagen hatte. Es hatte öfter Momente gegeben, in denen ich ihre Nähe geschätzt hatte. Aber sie waren schneller verschwunden, als sie gekommen waren.

Obwohl es mir schwerfiel, verließ ich Aurelie. Im Flur, vor ihren Gemächern, fand ich Irina. „Aurelie hat Durst. Sie braucht etwas Blut. Und am besten etwas Ordentliches zu essen.“ Ich presste die Lippen zusammen. „Wo sind eigentlich ihre Zofen?“

„Ich werde ihr beides sofort holen“, sagte Irina pflichtbewusst. „Und … wo die beiden Mädchen sind, weiß ich nicht. Ich habe sie heute noch nicht gesehen.“

Ich nickte. „Sie sollen sich nützlich machen.“ Mit den Worten wandte ich mich ab. Eigentlich müsste ich mich wieder an die Arbeit machen. Aber da gab es noch eine Sache, um die ich mich kümmern musste. Und ich täte gut daran, es nicht unnötig hinauszuzögern.

 

Wenig später stand ich in Carinas Zimmern, die sich im selben Flur einquartiert hatte. Als ich eintrat, war sie gerade dabei, ein Buch zu lesen, welches sie freudig lächelnd weglegte.

„Cyrus! Was verschafft mir die Ehre?“ Sie kam lächelnd auf mich zu, bewegte ihre Hüften lasziv hin und her und richtete ihr Kleid nicht gerade anständig. Kurz überlegte ich, ob ich auch sie in den Harem sperren sollte. Dort hätte sie eine Daseinsberechtigung für mich.

„Carina. Ich hörte, Aurelie hat deine Dienste die letzten Wochen nicht in Anspruch genommen?“ Ich sah mich um. Überall lagen Bücher, Kleider und teilweise sogar leere Teller und Gläser. Es sah aus wie im Schweinestall. „Was machst du also den ganzen Tag über?“



„Ich warte sehnsüchtigst darauf, dass mich mein Liebster wieder einmal mit seiner Anwesenheit beehrt“, entgegnete sie, den Kopf erhoben. Wie immer erschien ihr Äußeres gepflegt … doch die Alkoholfahne war nicht zu über riechen.

„Du lässt dich gerade ganz schön gehen“, stellte ich fest. „Ich war nur wenige Wochen weg und schon machst du gar nichts mehr? Was ist nur los mit dir?“

Sie kam auf mich zu und stupste mir mit ihrem rechten Zeigefinger anklagend in die Brust. „Ich mache sehr viel!“, behauptete sie und deutete auf ihr Zimmer. Viel Essen, war dann wohl das Stichwort. „Und du suchst mich ja nid mehr auf, Majestät!“, klagte sie. „Du gibscht dich lieber mit deiner verblickten Hure von Kinderkönigin ab!“, lallte sie aufbrausend.

„Pack deine Sachen und verschwinde!“, knurrte ich. „Heute noch!“

Schockiert sah sie zu mir auf. Dann legte sie beide Hände an meine Brust und stellte sich auf die Zehenspitzen. „Aber Cyrus …“, raunte sie. „Ich gehöre dirrrr!“ Sie nahm Abstand und hob ihren Rock. „Siehst du? Alles deins!“ Stolz … nein, arrogant hatte sie ihren Kopf erhoben, ein siegessicheres Lächeln aufgesetzt.

Mir wurde schlecht. „Ich werde Galderon auftragen, dich in die Kutsche zurück in die Ostlande zu setzen. Wird Zeit, dass deine Eltern endlich einen Gatten für dich suchen.“ Mit den Worten wandte ich mich ab und verließ das Zimmer wieder.

Was war nur aus Carina geworden? Wie hatte sie sich so stark ändern können? Reinlichkeit und ein perfektes Auftreten waren ihr bisher immer wichtig gewesen. Aber nun war sie das komplette Gegenteil. Da war keine Eleganz, keine Anmut mehr.

Timm kam mir entgegen. Ich sagte ihm, dass Galderon die Kutsche spannen sollte. Carina würde noch heute das Schloss verlassen. Notfalls mit Gewalt! Diese Frau war ja widerlich!

 

Zurück in meinem Arbeitszimmer nahm ich die Unterlagen des Handelsministers und legte sie in einen großen Korb. Es war Blödsinn, mich damit zu befassen. Aurelie hatte einen Großteil der Papiere schon gesichtet, und doppelte Arbeit war unnötig.

Was die Regierung anging, so hatten Aurelie trotz unserer Unterschiede doch dieselben Ziele. Wir wollten beide, dass es den Menschen besser ging und zwischen den Spezies eine Symbiose entstand. Sie mochte zwar gegen mich kämpfen, weil ich ihr Gatte war, aber als Königin konnte sie nicht gegen mich agieren, denn das ginge gegen ihre eigenen Ziele.



Entsprechend wandte ich mich den anderen Papieren zu. Wieder verbrachte ich abnorm viel Zeit über dem Bauplan des Schlosses brütend. Darüber hinaus erfuhr ich, dass sich die Schatzkammer langsam füllte, weil es mehr Einnahmen als Ausgaben gab. Immerhin wurde auch nichts in eine geheime Schatzkammer geschafft.

Meine Gedanken wanderten zum Sohn vom hingerichteten Seibling. Ich sollte mich in den nächsten Tagen mal mit ihm befassen und in Erfahrung bringen, ob er etwas über die Arbeit und Unterschlagungen seines Vaters wusste.

Die Sonne war schon längst untergegangen, als es an meiner Tür klopfte und nach meinem ‚Herein‘ betrat Irina das Arbeitszimmer. Ich nickte ihr knapp zu und lehnte mich auf dem Stuhl ein wenig zurück. „Wie geht es Aurelie?“

„Sie ist noch geschwächt, hat aber etwas gegessen und Blut getrunken.“

„Ist heute etwas Ungewöhnliches passiert?“, fragte ich und musterte sie.

Tatsächlich kam Irina ins Stocken. „Nun. Ähm …“ Irina suchte offensichtlich nach einer Möglichkeit, sich der Verbindung zu entziehen. Ein Schlupfloch, um mich nicht zu hintergehen.

„Irina! Du sagst mir auf der Stelle, was los ist!“, befahl ich.

Die rothaarige Schönheit senkte den Blick. Dennoch sah ich Tränen in ihren Augen glitzern. „Naya hat ihre Kleidung verbrannt. Trotzdem roch sie noch nach einem anderen Mann.“ Sie schluckte. „Ich glaube, sie hat eine Affäre.“

„Weißt du, mit wem?“

Irina zog die Schultern leicht nach oben. „Nein, Herr.“

Ich knurrte und ballte meine Hände zu Fäusten. „Geh!“, schrie ich fast. Irina kam dem sofort nach. Sobald sie weg war, ging ich im Zimmer auf und ab. Eine Affäre …! Es war prinzipiell nicht ungewöhnlich, jeder Vampir hatte eine oder gar mehrere Affären und Geliebte. Aber ich würde nicht zulassen, dass ihr erstes Kind von einem anderen Mann wäre!

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