Kapitel 64 – Kindsweihe
Kapitel 64 – Kindsweihe
Aurelie
Er hatte geseufzt! Geseufzt, nachdem ich ihm mein Liebstes, Geheimstes anvertraut hatte, und das mit meiner ganzen Faszination dafür! Konnte er nicht verstehen, wie sehr mich das Schwert faszinierte? Oder war er in seiner Meinung, eine Frau hätte nicht zu kämpfen, einfach zu sehr in seinem chauvinistischen Kopf gefangen? Obschon auch das seinen Widerspruch hatte, wenn man an den Dolch an meinem Oberschenkel dachte.
Es klopfte gegen die Kutschenwand. „Wir sind bald da, Majestäten.“
Mein Gegenüber nickte mir zu. „Bereit?“
Auf einmal wurde ich ganz schön nervös. „Ähm … sitzt meine Frisur?“ Was für eine doofe Frage, aber ich hatte vorher immerhin noch meine Hände darin vergraben, und vielleicht war jetzt alles durcheinander! Mein erster öffentlicher Auftritt. Naja, als Erwachsene. Als Kind in Hemd und Hose war es deutlich einfacher gewesen. Dort habe ich mich einfach nicht dafür interessiert, wie ich vor das Volk trat. Und er hatte auch noch immer nichts zu meiner Aufmachung gesagt! Im Schloss, vor dem Spiegel stehend, war ich mir noch so sicher gewesen. Und jetzt hatte er den ganzen Aufwand kein bisschen beachtet! War es dermaßen schlecht? Sah ich so schrecklich aus?
„Ja, die Frisur sitzt gut“, gab er lächelnd zurück. „Die Kette ist ein wenig verrutscht.“ Er legte beide Hände an meinen Hals und beugte sich vor. Seine Finger berührten die Bisswunde. Die allererste und einzige Bisswunde, die er mir zugefügt hatte, und die nicht verheilen würde. Und genau dort ruhten seine Finger immer noch, als wir stoppten und die Tür der Kutsche geöffnet wurde.
Ich keuchte, gleichzeitig erschien Amaro in der Tür. „Wir sind da“, sagte er lächelnd und ignorierte die eben unterbrochene Nähe, die mir durchaus noch zum Verhängnis hätte werden können.
Der König stieg aus und reichte mir die Hand. Ich nahm mir eine Sekunde, um mein Gesicht erkalten zu lassen und die altbekannte, alt verhasste Haltung einzunehmen. Dann reichte ich meinem Gemahl die Hand und ließ mir, mit einem: „Herzlichsten Dank“, aus der Kutsche helfen. Sofort verbanden sich unsere Arme und er führte mich zu dem großen Herrenhaus vor.
Die gesamte Dienerschaft, sowie vier Herren in formeller Kleidung, standen am Fuße der Freitreppe, ebenso wie drei Frauen in schönen, reich bestickten Kleidern. Allerdings trug keine von ihnen ein Neugeborenes auf dem Arm. Dafür aber erkannte ich ein Gesicht unter den anwesenden Männern. Den Markgrafen, der bei meinem Anblick überrascht die Augenbrauen hob und ein stummes ‚Oh‘ auf den Lippen trug. Er war es auch, der uns entgegenkam und sich tief verbeugte. Erst vor dem König, dann vor mir.
„Willkommen, mein König, meine Königin. Bitte verzeiht, dass ich Euch anstelle meiner Schwester begrüße. Sie ist noch geschwächt von der Geburt und wartet deretwegen im Salon.“ Er verneigte sich erneut. „Wünscht Ihr Euch erst frisch zu machen und ein wenig zu ruhen? Wir können Speisen in Eure Gemächer bringen lassen?“
„Wir möchten uns tatsächlich erst frisch machen, bevor wir die Herzogin und ihren Sohn begrüßen. Speisen sind jedoch nicht nötig, vielen Dank“, erwiderte mein Gemahl. „Wir speisen später gern in großer Runde. Sagt, wann soll die Weihe starten? Ich nehme an, der Hohepriester ist bereits vor Ort?“
Der Markgraf lächelte und verneigte sich wieder. „Dahlia wird Euch Eure Zimmer zeigen. In einer Stunde werden wir zu Mittag essen und direkt im Anschluss die Weihe abhalten. Der Hohepriester hat seinen Lehrling geschickt. Er wird die Weihe durchführen.“
Cyrus nickte, legte eine Hand auf meine und sah zum Herrenhaus. „Vielen Dank für Eure Gastfreundschaft.“
Eine junge Dienerin trat vor und knickste tief. „Wenn Ihre Majestäten mir bitte folgen würden?“
Die Gemächer, in die wir geführt wurden, waren groß und hell. Außerdem tadellos geputzt und hergerichtet. Die Dienerin zeigte uns schnell die Räumlichkeiten; ein geräumiges Badezimmer, einen Salon mit Sofa und ein Schlafzimmer mit großem, sehr bequem aussehendem Bett. Einem Bett.
Ich blieb davor stehen und atmete tief aus. Ich würde die Nacht auf dem Sofa verbringen. Das ginge schon, immerhin war ich noch nicht alt und gebrechlich.
Die Grigoroi brachten die Truhen herein, die teilweise ausgepackt wurden. Zwei Kronen landeten auf dem Frisiertisch.
„Möchtest du dich einen Moment ausruhen?“
Ich nickte stumm, blieb aber noch einen Moment unschlüssig stehen. Dann ging ich in den Salon und legte mich auf das Sofa. Ich versuchte, die Augen zu schließen und mich zu entspannen, was mit seinem stechenden Blick auf mir aber irgendwie nicht so recht gelingen wollte.
„Gefällt dir der Markgraf?“, fragte er unvermittelt.
Die Frage traf mich völlig unvorbereitet. Ich stieß keuchend – im Versuch ein Lachen zu unterdrücken – die Luft aus und riss meine Augen wieder auf. Zusätzlich setzte ich mich hin, da ich es nicht mochte, von Leuten im Liegen betrachtet zu werden. „Wie kommt Ihr darauf?“
„Du hast kaum die Augen von ihm abwenden können. Die anderen Herrschaften waren dir egal.“
„Er hat uns doch auch begrüßt? Er wäre ziemlich unfreundlich gewesen, ihn zu ignorieren.“
„Du hast ihn vorher schon angestarrt.“ Seine Wangenknochen traten hervor und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.
Meine Mundwinkel begannen zu zucken. „Seid Ihr etwa eifersüchtig?“, fragte ich schmunzelnd. Konnte das wirklich sein?
„Du bist mein Weib und noch dazu die Königin. In deiner Position solltest du nicht mit dem erstbesten Mann anbandeln, nur weil er dir schöne Augen macht! Denk bitte an deinen Ruf“, ermahnte er mich.
Mein Schmunzeln verging. „Er hat mir keine schönen Augen gemacht und ich habe mich ihm nicht an den Hals geworfen, also beruhigt Euch.“ Es war mit diesem Mann, als würde man mit einem kleinen, irrationalen Kind schimpfen.
„Oh, er war sehr angetan von dir!“, knurrte er.
„Eure Majestät?“, fragte Ikzil unsicher. „Euer Wappenrock liegt bereit.“
„War er nicht!“, beharrte ich. Ich wollte ihm nicht verraten, dass ich den Markgraden schon einmal getroffen hatte. Ansonsten käme Cyrus noch auf die Idee, ihn zu bestrafen, nur weil er mich in seine Kutsche eingeladen hatte. „Und selbst wenn er es wäre, dann kann Euch das doch egal sein, sofern ich das Interesse nicht erwidere!“
„Das wirst du auch nicht!“, knurrte er, verschwand aber direkt darauf mit dem Grigoroi.
Irina näherte sich mir und sah nachdenklich zu der Tür, durch die der König verschwunden war. „Ist er eifersüchtig?“
„Verrückt würde es eher treffen“, schnaubte ich.
„Ja, der Unterschied ist manchmal nur minimal“, seufzte sie. „Komm, der König will, dass du heute ein bestimmtes Kleid trägst. Ich helfe dir dabei.“
„Aber das passt doch? Die anderen sind sicher zu locker mittlerweile …“
„Wir können das schon kaschieren, keine Sorge“, entgegnete sie und lächelte zuversichtlich. „Willst du dich hier oder im Schlafzimmer umziehen?“
Wir gingen ins Schlafzimmer. So sähe mich nicht gleich jeder, der die Gemächer betrat. Irina zog ein dunkelgraues, aufwändig verziertes Kleid heraus, das über der kompletten, rechten Seite das neue Wappen eingestickt hatte. Sie half mir aus dem Kleid, streifte mir ein neues Unterkleid über und zwängte mich in ein Mieder, welches sie jedoch sehr locker schnürte. Darüber ein weiterer Rock. Und noch ein Rock. Erst dann half sie mir in das Kleid. Zuletzt legte sie mir einen silbernen Y-Gürtel um, nahm meinen Schmuck ab und ersetzte ihn durch neuen, schwarz-roten Schmuck, ganz der Tradition entsprechend. Auch die Frisur wurde angepasst und zuletzt die Krone aufgesetzt und fixiert.
„So. Fertig.“ Sie deutete zum Spiegel und lächelte glücklich.
Ich sah mich an und verzog den Mund. „Ja. Gut.“ Die Farben meiner Familie und die Farben seiner Familie. Ich konnte dem nicht mehr wirklich etwas abgewinnen. Nicht nur trug ich das Rot schon jahrelang, nein, ich brachte es auch stets in Verbindung mit Massen schlechter Erinnerungen.
Kurz darauf klopfte es an der Tür und Ikzil streckte den Kopf hinein. „Fertig? Seine Majestät erwartet Euch.“
Wo hatte sich seine Majestät denn umgezogen? „Natürlich.“ Ich folgte Ikzil ins Wohnzimmer. Dort stand der König, gekleidet in einen kurzen, schwarzen Rock, der ebenfalls vom neuen Wappen geziert wurde. Auf seinem Kopf thronte die Krone des Königs. Ein imposantes Bild … auch wenn ich nie etwas für Röcke erübrigen können würde. Auch nicht, wenn Männer sie trugen.
Der Blick, mit dem er mich betrachtete, konnte ich höchstens als kalt bezeichnen. Das höchste der Gefühle, das er durchblicken ließ, war beißende Eifersucht.
Zusammen verließen wir die Gemächer. Augenblicklich setzte ich wieder meine Maske auf. Vor der Tür wartete bereits das Mädchen von vorhin. „Folgt mir bitte, Majestäten.“
Der König bot mir wieder seinen Arm, beachtete mich allerdings nicht weiter, sondern setzte sich bereits in Bewegung. Kurz darauf betraten wir einen großen, lichtdurchfluteten Raum. Eine schlanke, bildschöne Frau mit kastanienbraunen, gelockten Haaren saß auf einem Sofa. In ihren Armen hielt sie ein quengelndes Neugeborenes.
Die Damen und Herren standen in der Nähe, während der Lehrling des Hohepriesters durch den Raum ging und dabei undeutliche Worte sprach.
„Majestäten“, wurde beinahe wie aus einem Mund gesprochen; wobei die Damen in einen tiefen Knicks fielen und die Herren in eine elegante Verbeugung. Nur der Lehrling des Hohepriesters ging weiter murmelnd durch den Raum. Ich vermutete stark, er weihte den Raum. Auch die gewordene Mutter erhob sich nun und nickte mit dem Kopf. Ihr Körper machte ihr noch zu schaffen, das sah ich.
Ich deutete ihr, sich wieder zu setzen, was sie mit einem dankbaren, zögerlichen Lächeln tat. Ohne zu wissen, ob sich das gehörte oder nicht, löste ich mich von meinem Gemahl und ging lächelnd auf die Frau zu. Ich setzte mich nah neben sie und schaute auf das kleine Bündel in ihren Armen.
So könntest du heute in Irinas Armen liegen, Avino, dachte ich bedrückt, verbot mir im nächsten Moment aber den Gedanken.
„Habt Ihr die Niederkunft gut überstanden, Herzogin Lelier?“, fragte ich einfühlsam.
Sie lächelte sacht, ihre Augen jedoch blieben regungslos. „Ja, natürlich. Die Geburt war gar nicht so schlimm, wie alle behaupten. Und ich bin glücklich, dass ich ihn nach drei Jahren endlich in den Armen halten kann.“ Dafür, dass sie sich so sehr darüber freute, war ihre Stimme fremdartig kalt.
Ich nickte. „Euer Bruder ist Euch zur Seite gestanden?“
„Er war so oft wie möglich bei mir.“ Nun erreichte ihr sanftes Lächeln auch ihre Augen, wenngleich es noch immer teilweise gestellt wirkte.
Cyrus winkte mir zu. Ich legte eine Hand auf die der Fürstin, welche sich jedoch unversehens verspannte. Um mir nichts anmerken zu lassen, biss ich mir schnell auf die Innenseite der Wange und stand auf. Ich konnte nicht erzwingen, dass mich das Volk mochte. Und vielleicht war sie, wie auch ihr Gemahl, gänzlich gegen die neuen Gesetze.
Mir Zeit lassend, ging ich auf meinen Verbundenen zu und stellte mich lächelnd neben ihn. An diesem Lächeln jedoch war nichts mehr echt. Es war nur noch eine Maske aufgesetzter Freundlichkeit.
Cyrus beachtete mich nicht weiter. Der Lehrling des Hohepriesters bat die geschwächte Frau, sich zu erheben. Er selbst drehte sich zu einer Kerze, die aus den Farben der Götter gezogen worden war. Leise flüsterte er weiter rituelle Worte, während er die Kerze entzündete und damit die Götter in den Raum rief. Anschließend drehte er sich zu dem quengelnden Kind – welches herzlich wenig Interesse an dem ganzen Tamtam hier zeigte – und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Damit war ihm der Segen der Götter sicher.
Noch hielt es die Mutter. Doch jetzt deutete der Mann in Robe auf mich, was sofort zu einem düsteren Ausdruck auf dem Gesicht der Herzogin führte.
Ich schluckte schwer. Sie kam mit dem Kind auf mich zu und überreichte es in meine Arme, jedoch nicht ohne mir noch einen warnenden Blick zuzuwerfen. Vielleicht war es auch mehr ein besorgter Blick. Und auch wenn ich es nimmer in Betracht ziehen würde, einem Kind nur aufgrund der Taten seines Vaters etwas anzutun, so kannte sie mich nicht. Und über mich – oder auch Cyrus – waren vermutlich nicht die schmeichelhaftesten Gerüchte im Umlauf.
Sie reichte es mir, auf dass ich es in meinen Armen hielte und mit meinem Kuss auf seine Stirn in meinem Reich begrüßte.
Mit leicht zitternden Händen nahm ich das kleine Bündel entgegen. Ungeschickt hielt ich es im Arm. Immerhin war es das erste – lebendige – Kind, das ich in meinem Leben im Arm hielt. Mein Blick ging nach unten und mein Atem stockte. So unglaublich kleine Lippen, Ohren, Nase … alles war so unglaublich klein! Leichter, lockiger, brauner Flaum hatte sich auf seinem Kopf breitgemacht. Die Augen strahlten in hellem Grün.
Was sollte ich nochmal tun? Ich wurde von Fingernägeln, kleiner als eine Erbse, abgelenkt. Fassungslos sah ich auf dieses kleine Wesen hinab, welches sich in meinen Armen plötzlich ruhig und neugierig verhielt. Der junge Mann hatte aufgehört, zu nörgeln. Stattdessen kicherte er und griff mit den kleinen Fingerchen nach einer meiner Strähnen.
Jemand räusperte sich. Ich wusste nicht, wer. Aber es brachte mich wieder zurück in die hiesige Welt, ließ mich realisieren, dass ich eine Aufgabe hatte. Langsam hob ich das kleine Bündel an und legte vorsichtig meine Lippen auf die zarte Stirn. Es ziepte an meinem Haar, dauerte aber einen Moment, bis ich realisierte, dass das Kind gerade all seine Kraft aufwandte, um daran zu ziehen. Richtig konzentriert wirkte er. So unglaublich, unglaublich süß!
Wieder räusperte sich jemand, was mich dazu brachte, aufzuschauen. Cyrus mustere mich mit zusammengekniffenen Augen.
„Verzeihung“, hauchte ich und reichte das Kind an ihn weiter.
























































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