Prolog

Prolog
Gilead
Aufgebracht lief ich in meinem Zimmer immer wieder auf und ab, nicht fähig, Ruhe zu finden. Wo war nur Nayara? Sicher könnte sie mir helfen! Sie wäre deutlich einsichtiger als dieser Hohlkopf von ihrem Gatten und König!
Das Pergament in meinen Händen war schon ganz zerknittert. Ein weiteres Mal blickte ich darauf hinab.
Lieber Bruder
Ich vermisse dich so, das kannst du dir gar nicht vorstellen!
Oh, doch, das konnte ich …, aber ich hatte mich zeitgleich auch schon mit dem Gedanken abgefunden, dass ich meine Schwester nicht mehr wiedersehen würde. Mutter sollte für eine gute Partie sorgen und Sharifa wäre es fortan gut gegangen!
Ich möchte es kurz machen, Bruder. Mutter ist krank. Schon lange, doch jetzt wird sie mit jedem Tag schwächer. Seit Vaters Ableben wird es immer schlimmer! Erst war es nur eine kränkliche Blässe, doch jetzt schafft sie es des Morgens nicht einmal mehr, das Bett zu verlassen! Sie isst nicht, trinkt nur selten Blut und ihr Geist wird immer wirrer! Mutter ist im Geiste schon bei Vater, das kann ich sehen. Und du kennst unsere Tante.
Ja, ich kannte unsere Tante! Ein unliebsames, heuchlerisches Miststück war sie. Sie würde Sharifa, sollte Mutter nicht mehr nach dem Rechten sehen können, an die nächstbeste Partie vergeben und sie noch lange vor ihrer Reife zu ihrem Zukünftigen in Obhut schicken! Zu einem Fremden. Diese Frau war unerbittlich, wenn es um Gold ging. Die geplante Mitgift würde sie zu großen Teilen in ihre eigenen Taschen stecken, Sharifa mit jemandem unter ihrer Würde vermählen und sie damit aus ihrer eigenen Familie verstoßen!
Ich sorge mich, Bruder. Was soll ich tun? Kannst du kommen? Bitte komm, Gilead! Ich will nicht alleine hierbleiben. Nicht ohne Mutter und ohne dich!
Ich sah wieder auf, atmete tief durch und beruhigte mich doch nicht. Was folgte, waren Floskeln, wie man sie in jedem Briefe fand.
Ich ballte die Hände. Ich konnte das Flehen meiner Schwester doch nicht einfach ignorieren! Der König durfte mir nicht verbieten, sie zumindest zu mir zu holen! Auch wenn ich sie beinahe überall lieber wüsste als im Schloss, war sie bei mir doch am behütetsten, wenn Mutter nicht mehr da war!
Ich setzte mich an den Schreibtisch und griff nach Feder und Pergament.
Sharifa, Liebes
Du weißt, ich kann nicht …
Mit einem wütenden Schrei ließ ich die Feder fallen, zerknüllte das Pergament und warf es in hohem Bogen durch das Zimmer. Es war meine Aufgabe, für sie zu sorgen!
„Elok, wann kommt der König wieder? Ich muss mit ihm reden!“, rief ich laut. Ich wusste, der Grigoroi stand vor meinem Zimmer und hielt Wache. Das tat er immer. Zuverlässiger als alle anderen Wachen, die seine Aufgabe, Zeit seiner Abwesenheit, übernommen hatten. Heute aber kam keine Antwort. Stirnrunzelnd ging ich zur Tür und öffnete sie. Da war niemand. Bedeutete das vielleicht, der König wäre endlich zurück? Nach sechs verfluchten Tagen?!
Im Wissen, dass es mir nicht erlaubt war, alleine durchs Schloss zu streifen, verließ ich den Raum und machte mich auf die Suche nach dem König. Aber auch die Königin könnte mir die Erlaubnis geben, und das würde sie zweifellos tun. Denn Naya mochte mich, mehr als dass ihr Gatte es von sich behaupten konnte!
Eigentlich sollte mich sein fehlendes Empathievermögen nicht überraschen. Jemand, der seine Verbundene mit Gewalt nehmen musste … das war erbärmlich und noch dazu grausam. Und dann wunderte er sich, wenn diese Verbundene bei einem anderen nach Schutz und Geborgenheit suchte.
Ich wusste, in welchem Flügel der König und die Königin wohnten. Ich war auch schon dort gewesen. Mehrmals. In mir stieg das Verlangen, zu ihr zu gehen und ihr den Trost zu geben, den sie brauchte. Jedoch hörte ich Stimmen auf dem Flur, die mich zum Innehalten brachten.
Der König stand mit Elok und noch einem anderen Grigoroi mitten auf dem Flur. Daneben stand ein Junge, der völlig fehl am Platz wirkte und sich immer wieder unsicher umsah. Auch der König sah sich nun um. Er hatte mich sicherlich schon gehört. „Seibling“ grüßte er kurz angebunden. „Ich habe jetzt keine Zeit. Wir reden morgen.“ Er gab Elok ein Zeichen. Bestimmt, damit er mich zurück in mein Gästezimmer brachte.
„Nein! Wir reden jetzt!“, knurrte ich ungehalten, ballte meine Hände zu Fäusten und ging auf den König zu. Meine Fangzähne hielt ich nur mit Mühe zurück. „Meine Schwester könnte jeden Moment ohne Mutter sein! Ich muss zu ihr!“
„Ihr könnt dieses Schloss nicht verlassen. Ihr seid Gast auf Lebenszeit, schon vergessen?“ Der König verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr habt dem selbst zugestimmt.“
„Das hat die Königin niemals so gesagt! Es war lediglich die Rede davon, sich zu überzeugen, dass ich nichts mit den Machenschaften meines Vaters zu tun habe!“
„Ihr habt bisher nichts getan, um das zu beweisen. Also findet Euch damit ab!“
„Ich habe Euch aber auch keinerlei Grund gegeben, mir noch immer zu misstrauen!“, entgegnete ich ungeduldig. „Ich habe der Königin mit Rat und Tat zur Seite gestanden! Nicht zuletzt habe ich sie sogar wiederbelebt, nachdem ihr der Strick umgebunden worden ist und sie aufgehört hat zu atmen!“ Ich trat näher an den König heran. „Aber Euch wäre es vermutlich lieber gewesen, sie wäre gestorben, nicht? N… der Königin vermutlich auch, bei dem, was Ihr bei Eurer Rückkehr mit ihr gemacht habt!“ Meine Fänge drückten sich durch und ich fauchte wütend.
Wir waren ungefähr gleich alt. Ich ein wenig älter. Ich könnte es mit ihm aufnehmen. Wenngleich der König einen halben Kopf größer war als ich. Wären da nicht die Grigoroi … und der Fakt, dass mir der körperliche Kampf noch nie wirklich gelegen hatte.
Offenbar dachte auch der König kurz daran, diesen Streit in einem Kampf eskalieren zu lassen, denn sein Blick glitt abschätzend über meine Statur. Dann wandte er den Blick plötzlich ab und sah stattdessen zu dem Jungen, der uns neugierig musterte.
„Schön. Ihr habt fünf Minuten. Redet.“ Die Augen des Königs ruhten kalt auf mir.
Und das tat ich. Ich hatte nicht vor, meine fünf Minuten zu verschwenden. „Die Königin hat das Versprechen gegeben, Sharifas Mitgift zu stellen, damit sie nicht unter unserem ehemaligen Stand heiraten muss. Aber meine Tante ist eine geizige Frau. Ihr Gatte ist nicht besser. Die beiden werden das Gold nehmen und es sich in die eigenen Taschen stecken. Dann werden sie meine Schwester noch vor ihrer Reife an irgendeinen verarmten Kauz verhökern und sie ihm bereits jetzt überlassen, damit sie sich nicht mehr um sie kümmern müssen! Versteht doch, sie ist noch ein Kind! Ein Kind, das dabei ist, auch das zweite Elternteil zu verlieren und nachher mittellos dasteht!“
Die Stirn des Königs kräuselte sich leicht, doch das war die einzige Regung in seinem Gesicht. Die kalten, unberechenbaren Augen blieben weiterhin auf mich gerichtet. „Ich werde mit der Königin darüber reden. Ihr bekommt morgen Eure Antwort.“ Seine Augen ruhten immer noch kalt auf mir. „Ihr dürft Euch entfernen, Seibling.“
Da gab es keine andere Antwort als ja! „Natürlich, Majestät“, presste ich hervor und kehrte dem König ohne jegliche Ehrerbietung den Rücken zu. Selbst wenn er es mir verbieten würde, ich würde meine kleine Schwester vor diesem Schicksal bewahren. Egal, was es mich kosten mochte.























































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