39 Inias Gedanken nach der Sitzung

Ich kehre in mein Privatgemach zurück, lege den Brief von Izrail erstmal behutsam auf dem Tisch und lege mich aufs Bett. Mein Körper fühlt sich schwer an und ich fühle mich mehr als nur alt. Den Blick gegen die Decke gerichtet versuche ich, dem Chaos in mir Herr zu werden.
In mir ist soviel Wut und Zorn – auf Balthasar und auf Liriel.
Liriel hat mich verraten und unseren Sohn an Balthasar übergeben. Ich bin mehr als sauer auf sie. Doch gleichzeitig empfinde ich auch etwas Respekt für ihren Mut. Den Mut, die Wahrheit zu sagen und dabei in Kauf zu nehmen, dass alle einen deswegen hassen.
Und Balthasar … Er ist sofort in die Bresche gesprungen und hat sie in Schutz genommen, indem er sagte, dass es sein Befehl war und er es entschieden habe.
Balthasar hat wie ein liebender Vater gehandelt und seine Tochter beschützt …
Balthasar und liebender Vater? Allein bei dem Gedanken bekomme ich Brechreiz…
Aber es ist offensichtlich, auch wenn Balthasar sich wie … sagen wir die Axt im Walde verhält und mit kalten Argumenten um sich wirft.
Ich will ihn hassen, doch so langsam muss ich erkennen, dass Balthasar nicht das pure Böse ist, das ich in ihm sehen will. Auch, dass er mir Izrails Brief gegeben und mir zugesichert hat, dass ich einen brieflichen Kontakt zu Izrail halten kann, egal wie unsere Diffenenzen aussehen, zeigt, dass Balthasar ein Herz hat. Oder ist das alles nur Show? Will er mich nur weich bekommen, damit er ungehindert den Rat einlullen kann? Ja, er ist der Schatten und ja er ist ein Meisterstratege, aber gleichzeitig … ich werde einfach nicht aus ihm schlau! Gehe ich ihm gerade einfach nur auf dem Leim oder ist er wirklich nicht das Böse? Argh!!!
Ich werfe das Kissen gegen die Decke und es landet mir mitten in mein Gesicht. Ich reiße es zur Seite und mein Blick fällt auf den Brief, seufzend und schwerfällig erhebe ich mich.
Ich bin gespannt, was mein Sohn mir sagen möchte.
Brief von Izrail an Inias
Vater,
deine Worte haben mich erreicht, und ich habe sie mehr als einmal gelesen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr sie mein Herz bewegt haben. All die Jahrmillionen habe ich mich gefragt, ob du meiner gedacht hast – und nun weiß ich es. Dass du mich nie vergessen hast, ist ein Trost, den ich kaum in Worte fassen kann.
Bitte glaube mir: Du hast nicht versagt. Ich war ein Kind, als ich genommen wurde, und kein Vater hätte sich gegen jene Mächte stellen können, die damals über uns herrschten. Ich weiß, dass dein Herz mit mir gelitten hat, und das reicht mir, um dich von Schuld freizusprechen. Wenn es dich quält, so möchte ich dir sagen: Ich habe überlebt. Ich habe meinen Platz gefunden, auch wenn er anders ist, als wir es uns einst erträumt haben.
Es schmerzt mich ebenso, dass wir uns so lange nicht sehen konnten. Wie oft habe ich mir gewünscht, dir von meinen Erfahrungen zu erzählen, von den Geheimnissen, die sich vor mir aufgetan haben. Wie oft wollte ich dich an meiner Seite wissen, wenn ich Entscheidungen traf. Doch eines Tages, so hoffe ich, werden wir wieder zueinanderfinden – als Vater und Sohn, wie früher.
Eines jedoch will ich dir andeuten, auch wenn ich nicht alles offenlegen darf: Nicht alles, was die Dämonen geworden sind, ist so, wie es scheint. Es gibt Wahrheiten hinter dem Schleier, die selbst dich überraschen würden. Vielleicht wird der Tag kommen, an dem ich dir zeigen darf, was ich gesehen habe – und vielleicht wirst du dann manches mit anderen Augen betrachten.
Du fehlst mir, Vater. Seit jeher.
In Liebe,
Izrail























































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