Kapitel 26

Mit Liebe geschichtet betrachtet Skyla ungläubig die zwei Sandwiches, die sie dem süßen Geisterjäger wie in Trance zubereitet hat. Eine Vollkornschnitte mit Avocadoscheiben, Streifen der Möhre und der Gurke. Zum Schluss verfeinert mit einer Hand voll frisch geernteter Kresse. Beim zweiten Sandwich greift sie zurück auf Weizenvollkorn-Toast. Belegt mit Ei, Hähnchenbruststreifen, ein wenig Salat und abgerundet mit einer Soße aus Senf und Mayonnaise. Damit versorgt sie nicht nur ihre Eltern und sich selbst, sondern auch Milan. Ein Junge, der ihre Schwäche ausnutzt und so glücklich hineinschaut, wenn er gutes Essen in die Finger bekommt. Genau für solch einen Ausdruck hat sich Skyla entschieden Koch zu werden. Genuss und Freude stehen bei ihr an oberster Stelle. Der Kunde soll mit einem strahlenden Lächeln und einem vollen Bauch heimkehren können. Dennoch hat sie nicht vergessen, wie viel Ärger Milan ihr macht. Aber er kam gestern Abend auch sofort zur Hilfe. So wie Lukas, den sie ebenfalls gerne versorgt hätte. Aber Lukas´ Arbeitsalltag beginnt früher. Alles nur, weil die ersten beiden Stunden in der Berufsschule krankheitsbedingt entfallen. Dabei hätten beide zeitgleich aufstehen können, doch er gönnte ihr die Stunde länger Schlaf.

 

Aber wie gern wäre Skyla von ihm geweckt worden. Allein, um ihn noch einmal dankbar zu umarmen. Beide Freunde mögen sich noch lange bis in die Nacht unterhalten haben und doch vermisst sie das Gespräch mit ihm. Ihre Sorgen waren ihm wichtig, und doch konnte sie ihm nicht von Milan erzählen. Milans Dasein hätte zu viele Fragen aufgeworfen. Lukas gibt sich nicht mit den nötigsten Informationen zufrieden. Er bohrt tiefer nach. Daher musste eine abgewandelte Version her. Von einem Fremden, der ungefähr in Milans Schema passt. Einen Beobachter, der ihr gestern Abend folgte. Skyla schämt sich für die Lüge noch immer. Aber sicherlich würde Lukas ihr keinen Glauben schenken mit der Geistersache. Nur arbeitet Skyla unfassbar ungeschickt im Ausschweifen. Lukas gab ihr in der Nacht viele Chancen, reinen Tisch zu machen. Seine Blicke waren vielsagend. Oft sehr intensiv, hoffnungsvoll und am Ende voller Enttäuschung. Sein plötzliches Verschwinden fühlte sich besorgniserregend an. Als wären sie im Streit auseinander gegangen. Auch wenn die handgeschriebene Nachricht dagegen spricht. Aber vielleicht zerbricht sie sich zu sehr den Kopf.



 

Lukas ging, ohne sie zu wecken. Stattdessen hinterließ er ihr eine Nachricht. Handgeschrieben. Seine Sorge um sie teilte er ihr offen mit. Sie soll niemals zögern, ihn anzurufen. Er wird zu jeder Uhrzeit kommen und für sie da sein. Sobald sich die Möglichkeit bietet, mag sie sich erkenntlich zeigen. Sie kennt Lukas´ Schwäche. Niemand sieht es ihm an, weil er so dünn ist, aber wie sein Vater mag er Süßspeisen gern. Besonders selbstgemachte Mousse. Was wird er überrascht sein, wenn sie ihm eine riesige Portion bei der nächsten Gelegenheit mitbringt.

 

Skyla ahnte bereits, dass Milan sie auch zur Berufsschule begleitet. Was bedeutet, ihr Terminplan ist ihm bekannt. Sowie der Ausfall der ersten beiden Stunden. Ob er auch von spontanen Terminen erfahren würde? Zum Beispiel ein Abstecher beim Friseur. Empfangen tut er sie mit einem vorwurfsvollen Blick. Sicherlich, weil sie Justin auf ihre Seite zog.

„Hey, musst du mich wirklich immer überallhin begleiten?“

Eine ernst gemeinte Frage. Aber Milan holt sein Handy hervor und schimpft mit ihr: „Du bist spät! Du hast verschlafen! Dein Freund ist schon längst fort.“

 

Erschrocken hält Skyla inne und beginnt zu starren. Er wusste anscheinend doch nichts von dem krankheitsbedingten Ausfall der ersten beiden Stunden. Die nächste Frage geht ihr jedoch schwer über die Lippen.

„Du bist Lukas begegnet?“

Milan brummt mies gelaunt, woraufhin Skyla das Schlimmste fürchtet. Doch Milan vergibt Entwarnung, als er ihr verkündet: „Justin hat mich nicht rausgelassen! Aus irgendeinem Grund teilt er deine Ansicht und schützt den kleinen Nerd!“

Kurz atmet Skyla aus, bis die Beschimpfung durchbricht und sie schnell zuschnappt. Direkt am Kragen und ohne Kompromiss drückt sie ihn gegen irgendein Auto, um dort die Zähne zu blecken.

„Besser du überlegst dir gut, was du nun sagst! Sprich in meiner Anwesenheit nicht schlecht von Lukas!“

 

Provozierend stiert Milan zurück. Wenig beeindruckt von ihrem Verhalten. Skyla wartet nur auf einen falschen Satz, um ihn in die Schranken zu weisen. Doch stattdessen ändert er seine Strategie und gibt ihr den K.O. Schlag, als er ihr vor Augen hält: „Große Töne von jemanden, der Geheimnisse vor dem sogenannten besten Freund hat. Keine Ahnung wieso, aber aus irgendeinem Grund hältst du mich vor ihm fern. Fakt ist: Du bist nicht ganz ehrlich zu ihm.“



Schuldbewusst lässt Skyla von ihm ab und zischt die Luft hinaus.

„Sicher, dass ihr kein Paar seid? Ist dir mal aufgefallen, wie er dich festhält? Wie er den Körperkontakt zu dir sucht und du nimmst ihn ohne Umwege mit hinauf. Sicherlich habt ihr euch ein Bett geteilt…“

Giftige Worte, verdrehte Wahrheiten. Jemand wie er wird dieses Band der Freundschaft wohl schwer verstehen. Schnaufend kramt sie das Sandwich heraus, um ihn samt der Brotdose zu bewerfen. Aber im Fangen verdient der Kerl eine Medaille. Selbst mit Wucht und aus kurzer Distanz rettet er das Objekt mit Leichtigkeit. Seinen Anblick erträgt sie keine Minute länger, daher wendet sie sich eilig von ihm ab und stürmt voran.

 

Mit Leichtigkeit überholt Milan sie, noch ehe die U-Bahnstation in Sicht ist. Problemlos schneidet er ihr den Weg ab und ignoriert all ihre bissige Blicke. Stattdessen hebt er entwaffnend die Hände hoch.

„Ich gestehe, ich ging zu weit.“

Ihr Zorn will gerad verdampfen, da nuschelt er nachträglich: „Aber du musst gestehen, ihr wirkt wie ein Paar.“

Diese ätzende Unterstellung. An die sie sich niemals gewöhnen kann, egal, wie oft Skyla diese zu hören bekommt. Alle Zweifeln an ihrer Freundschaft und glauben, da wären romantische Gefühle im Spiel. Das war Lukas´ Plan. Nicht umsonst befindet sie sich mit auf seinem Profilbild. Als Abschreckung, weil seine Ausbildung Vorrang hat. So viele Mädchen gestehen ihm noch heute die Liebe, aber nicht eine erreicht sein Herz. Lukas ist noch nicht bereit dafür. Zu ihrem Leidtragen. Denn damit zieht er sie in die Sache hinein und gaukelt etwas vor. Was eigentlich nicht ihre Art ist, aber was man nicht für den besten Freund alles tut.

„Lukas ist wie ein Bruder für mich.“

Milan betrachtet sie jedoch mitleidig. „Glaub mir doch, für ihn bist du weitaus mehr.“

Milan kann nichts dafür. Er weiß nichts von Lukas´ Schicksalsschlägen. Von dem Rosenkrieg seiner Eltern, der die Hoffnung auf Liebe zerschlagen hat. Deshalb will sie nachsichtig sein.

 

Lukas vertraut auf Geheimhaltung, daher wird Skyla schweigen und kontert: „Bist du eifersüchtig, Milan?“

Keine Unterstellung, mehr dahergeredet und doch blickt Milan, als hab sie ihm die Lösung für sein Verhalten geliefert. Freudig schnippt er.



„Das muss es sein. Brillant. Das könnte auch zu Justins rätselhaften Antworten passen. Puh, das hat mir echt Kopfzerbrechen bereitet. Aber das ist doch gut, denn das bedeutet, dass du mir wirklich wichtig bist.“

Je mehr er spricht, desto mehr widert er sie an. Als Kirsche oben drauf breitet er auffordernd die Arme aus.

„Wie kannst du mir da noch widerstehen, Skyla?“

Im hohen Bogen umgeht sie ihn und ignoriert seinen Ruf. Dominik und Julian erschweren ihr bereits die Arbeit, aber eine Geisterjagd mit Justin und Milan? Sie weiß ja nicht!

 

Unten im U-Bahn-Tunnel angekommen schneidet Milan ihr wie aus dem Nichts den Weg ab. Verwirrt dreht sich Skyla um, auf der Suche nach einem anderen Ausgang, denn er benutzte Gewiss nicht die Treppen. Die Flucht scheint wirklich zwecklos, daher folgt ein klärendes Gespräch.

„Hör zu, Milan.“ Sie tritt ganz nah heran und sticht mit den Finger in seine Brust ein. Woraufhin er sie erwartungsvoll betrachtet. „Wenn du mich wahrlich für deine Sache gewinnen willst, bist du auf dem besten Weg es zu verhauen.“

Welch ein genussvoller Anblick, als die Bombe einschlägt und ihm die Gesichtszüge entgleiten. Sie lässt ihn daher einfach stehen und macht sich auf zum Gleis, denn ihre Verbindung trifft ein und wegen Milan will sie sich keinen Ärger in der Schule durch eine Verspätung einholen. Genüsslich pflanzt sie ihren Hintern auf einem freien Sitz und will ihren Sieg gerade auskosten, als sich Milan ihr gegenüber hinsetzt.

„Wieso sagst du so etwas Schreckliches?“

Skyla schnaubt und will nicht wahrhaben, wie selbstverliebt er ist.

„Dein Ernst, Milan? Hörst du dir mal selbst beim Reden zu? Muss schwer für dich sein, wenn dir ein Mädchen widersteht!“

Nachdenklich faltet ihr Gegenüber die Hände zu zusammen und beugt sich leicht vor.

„Verstehst du eigentlich Spaß? Lächelst du auch mal?“

„Ab und zu. Aber deinen Humor teile ich nicht!“

„Offensichtlich.“ Damit ist für ihn alles zu dem Thema gesagt und holt aus seiner Umhängetasche eine Akte hervor, die er ihr in die Hand drückt. „Gut, dann vertreiben wir uns anderweitig die Zeit. Sieh dir das an und teile mir deine Gedanken dazu mit.“

 

Skeptisch begutachtet Skyla den Umschlag in ihren Händen. „Was ist das, Milan?“



„Ein Job, dem ich nachgehe, während du die Schulbank drückst.“

Es war kein Vorwurf, das hört sie raus, und ein Blick zeigt, wie stolz er auf seine Arbeit ist. Er betrachtet sie sehnsüchtig, als erkenne sie endlich seine Leistung an. Aus Neugier schlägt sie die Akte auf und bekommt Informationen über ein Pharmaunternehmen zu sehen. Dazu eine detailreiche Liste über das Unternehmensbild einer Telefongesellschaft. Geduld ist nicht Milans Stärke, denn er schnappt ihr die Akte  aus den Händen, um umzublättern.

„Die ersten Blätter sind völlige Zeitverschwendung. Die Firma ist uninteressant, viel interessanter sind die Vermisstenanzeigen verschollener Mitarbeiter, die alle im gleichen Gebäudekomplex arbeiten.“

Vorwurfsvoll blinzelt sie an und weigert sich, die aufgeschlagenen Seiten zu studieren.

„Wenn die Informationen nicht wichtig wären, warum befinden sie sich dann in der Akte?“

Milan rollt die Augen und nuschelt genervt: „Weil Justin jedes kleinste Detail für wichtig hält. Dabei sollte er wissen, dass ich mich nur mit den wirklich wichtigen Fakten befasse und das hier niedergeschrieben.“

 

Was für ein seltsames Team, die beiden Geisterjäger doch abgegeben.

Sieben Mitarbeiter gelten als verschollen. Ein genauerer Blick zeigt, dass sich alle in einer Altersspanne zwischen zwanzig und dreißig Jahren befinden.

„Die Vermissten sind jung. Gibt es noch mehr Verbindungen? Standen sie womöglich in Kontakt und haben gemeinsam etwas ausgefressen?“

Stolz schnippt Milan mit den Fingern. Daraufhin zuckt sie schreckhaft zusammen und funkelt ihn böse an.

„Nicht bekannt. Das erfahre ich alles hoffentlich vor Ort.“

Schleierhaft, wie Skyla mit solch wenigen Informationen arbeiten soll. Sie mag es ungern zugeben, aber rückblickend macht Justin einen professionelleren Eindruck als Geisterjäger. Ob Milan dem Auftrag überhaupt gewachsen ist? Erfahren wird sie dies wohl oder übel nach der Berufsschule. So bietet sich aber nun Zeit, um sich mit den bekannten Einzelheiten auseinanderzusetzen. Anscheinend soll es in dem Gebäude spuken. Unheimliche Geräusche und Schattengestalten sind in aller Munde unter den Mitarbeitern. Aber für Skyla klingt das Ganze einfach zu überdreht und unnötig dramatisiert. Und doch ist die Neugier groß, was Milan am Ende über den Auftrag erzählen kann.



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