Kapitel 59 – Elternqualitäten
Kapitel 59 – Elternqualitäten
Aurelie
Als ich aufwachte, fühlte ich mich als erstes gleich einmal wund. Stöhnend drehte ich mich auf Cyrus‘ Brust herum. Hatte ich ihm wirklich gestanden, was ich fühlte? Murrend rollte ich von seiner Brust, wurde aber plötzlich von einem Arm aufgehalten.
„Ich fall schon nicht vom Bett“, brummte ich. „Aber ich muss mal, lass mich los.“ Götter, nein. Das musste ein Traum gewesen sein. Und dass er nichts dergleichen erwidert hatte … Ich schluckte schwer. „Danke“, brummte ich, als er seinen Arm locker ließ und es mir ermöglichte, das Bett zu verlassen.
Müde stakste ich ins Bad. Erst da realisierte ich, dass ich in seines gelaufen war. Schulterzuckend begab ich mich zum Abort und verrichtete, was ich zu verrichten hatte. Danach ließ ich mich grummelnd vor dem Waschtisch nieder und begann, seine Samen und unseren Schweiß von meiner Haut zu schrubben. Ersteren hatte er gestern Nacht knurrend wie ein Tier auf meinem Körper verteilt. Und ich wusste auch, wieso. Denn danach war Gileads Geruch vollständig von meiner Haut getilgt gewesen. Eifersüchtiger, dummer Vampir. Nur war ich kein Stück besser. Man könnte sogar sagen, ich hätte aus Eifersucht bereits gemordet. Worauf ich zwar nicht stolz war …, aber wirkliche, belastende Schuldgefühle wollten sich auch nicht einstellen.
Cyrus betrat das Bad. Seine Augen glitten gierig über meinen Körper. „Guten Morgen, Liebes.“ Er kam zu mir, hauchte einen Kuss auf meinen Kopf und nahm einen Eimer Wasser unter dem Waschtisch weg. „Gut geschlafen?“
„Eingerieben mit deinem Samen? Natürlich, wie könnte ich da nicht“, gab ich ironisch zur Antwort. „Aber jetzt ist er immerhin zu nichts anderem mehr nütze, als mich von fremden Gerüchen reinzuwaschen“, brachte ich schmunzelnd an und begann kopfschüttelnd meine Brüste zu säubern.
„Klingt abwertend aus deinem Mund. Ich hingegen finde es äußerst wichtig.“ Cyrus grinste, nahm einen Lappen und tauchte ihn in das kalte Wasser. Danach rieb er seinen Körper mit dem Tuch ab und stieg daraufhin in den Zuber. Sein Grinsen wurde noch etwas breiter, als er bemerkte, dass ich jede seiner Bewegungen beobachtete. Er nahm den Eimer, hob ihn hoch und kippte ihn über seinem Kopf aus, sodass das kalte Wasser über seinen Körper lief. Zahllose Tropfen kullerten seine Haut entlang, hielten an und rannen weiter.
Angestrengt schluckte ich. Der Lappen an meinen Brüsten fuhr über meine Brustwarzen und erregte mich noch mehr. Schon spürte ich wieder, wie es zwischen meinen Beinen pochte. Dabei war ich noch wund!
Cyrus stieg tropfnass aus dem Zuber, nahm ein großes Tuch und wickelte es um seine Hüfte. „Hast du immer noch nicht genug? Du kleines, unersättliches Biest!“ Seine Fangzähne glitten heraus, als er näher kam. Allerdings griff er nur zum Kamm und bändigte sein nasses Haar damit.
„N…nein! Ich bin wund, vergiss es! Zieh dir gefälligst was an!“ Selbstverständlich konnte ich sonst an nichts anderes denken als daran, was wir in den heutigen Morgenstunden so ausgiebig getrieben hatten! Und das nach einer Ratssitzung, die bereits kräftezehrend genug gewesen wäre. Sehr viel Schlaf hatte ich nicht bekommen.
Cyrus lachte leise und verließ das Bad wieder. Ich starrte auf seinen muskulösen Rücken und biss mir auf die Unterlippe. Vor der Tür ließ er das Tuch zu Boden fallen, sodass mein Blick an seinem Hintern wanderte und dort hängen blieb. Neugierde kam in mir auf. „Cyrus? Hast du … also was du und Gilead … äh, mit mir gemacht haben, hast du ja auch mit Lee mal gemacht …“ Ich spürte, wie die Röte mir ins Gesicht schoss. Vielleicht hätte ich erst denken und dann sprechen sollen.
Mein Gemahl versteifte sich kurz, ehe er sich zu mir umdrehte. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. „Leeander hat sich nicht zu Frauen gelegt. Er hätte es nicht mal mir zuliebe getan. Also nein, wir waren nie zu dritt, wenn Leeander und ich uns liebten.“
„Ich weiß! Darüber … haben wir geredet. Naja, irgendwie“, nuschelte ich. „Das meinte ich aber nicht … ich wollte fragen, ob du das … also, ob er das auch einmal bei dir gemacht hat.“
Sein Blick ruhte eine lange Weile unergründlich auf mir. Dabei sah er nicht aus, als ob er mit der Antwort haderte. Irgendwann nickte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Leeander mochte es, wenn ich ihn nahm. Aber hin und wieder war er derjenige, der“, Cyrus‘ Mundwinkel zuckten, „der meinen Arsch geweitet hat.“
Prompt wurden meine Augen groß und meine Wangen noch röter. „Hat es … dir gefallen?“ Hatte es sich für ihn gleich angefühlt wie für mich? Hatte es anfangs auch weh getan?
„Es war am Anfang schmerzhaft und irgendwie auch ekelig. Aber nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, war es wirklich gut. Es hat mich zum Höhepunkt gebracht, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Es war … anders. Aber gut.“
Verlegen nickte ich. Ich wollte es wieder einmal ausprobieren. Aber nicht jetzt. „Wollen wir ein gemeinsames Frühstück mit Gilead, Lyss, Sharifa, Elaboris und Aurillia zu uns nehmen? Du hast den Jungen schon länger nicht mehr gesehen.“ Und er sollte sich bei ihm entschuldigen.
„Sollte ich?“ Cyrus schien irritiert und zog die Stirn kraus.
„Du … hast ihn doch bei uns aufgenommen? Ich ging davon aus …“
Cyrus hob die Schultern. „Ich werde fragen lassen, ob sie Lust auf ein spätes Frühstück haben.“ Mit den Worten verschwand Cyrus in seinem Schlafzimmer.
Wenig später saß ich mit Sharifa, Lyss und Aurillia zusammen an einem Tisch. Cyrus und Elaboris würden sich zuerst unter vier Augen unterhalten und später zu uns stoßen. Hoffentlich kapierte mein werter Verbundener, dass er sich für sein Verhalten Boris gegenüber entschuldigen musste. Gilead hatte sich aber entschuldigen lassen. Hatte ich ihn mit meinen Worten gestern verärgert? Waren wir denn nicht im Guten auseinander gegangen? Oder hatte er vor der Ratssitzung wirklich noch etwas in der Bibliothek nachzulesen?
Der Tisch sah kläglich aus. Brot, Marmelade und Käse, dazu Wein. Nicht, dass ich etwas dagegen hatte, einfach zu essen, aber wenn es im Schloss so aussah, wie dann erst bei den Menschen zu Hause? Ein Lächeln auf meine Lippen zwingend, fragte ich Sharifa: „Hast du die letzten Monate fleißig gelernt?“ Ich zwinkerte ihr zu. „Schon irgendwelche Anzeichen deiner Reife?“
Sharifa seufzte. „Die Reife lässt auf sich warten. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn es noch ein paar Jahre dauert.“ Sie wurde rot und senkte den Blick.
Aurillia beugte sich seitlich zu Sharifa. „Weißt du, wo Leonard ist?“
„Leo? Äh, im Garten, denke ich. Er war den Winter über bei seinen Eltern.“ Erst jetzt sah Sharifa zu mir hoch und lächelte flüchtig. „Ich habe nicht so viel gelernt, wie ich wohl sollte.“
„Bestimmt hast du ausgenutzt, dass dein Bruder alle Hände voll zu tun hatte.“ Ich schmunzelte.
Sharifa versuchte verzweifelt ein Grinsen zu unterdrücken, was darin endete, dass sie anfing zu lachen. „Ja, schuldig im Sinne der Anklage!“
Lyssa zwinkerte amüsiert. „Und ich lenke Gilead ab, sodass Sharifa noch mehr Zeit hat. Sie soll die letzten Jahre ihrer Kindheit noch in vollen Zügen genießen.“
„Da hast du recht.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln. Wieso nur hatte Cyrus ihr das Kind genommen? Wieso nur musste er sie anlügen? „Ich habe dich vermisst, Lyss.“
„Ich habe dich auch vermisst. Wir haben dich vermisst.“ Lyssa beugte sich zu mir vor und senkte die Stimme. „Gil erzählte mir von ihm, dir und dem König …“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Was hältst du von ihm, mir und dir?“
„Wa…?“ Meine Augen wurden groß. „Oh! Ich … habe darüber noch gar nicht nachgedacht …“ Mit beiden einzeln hatte ich schon dergleichen Erfahrungen gemacht. Aber ob Gilead das nach unserem gestrigen Gespräch noch wollen würde? Und ob Cyrus damit einverstanden wäre? Grundsätzlich wäre ich nicht abgeneigt …, aber wenn ich daran dachte, dass Cyrus ohne mich mit jemand anderem schlief, dann machte mich das wahnsinnig! Ausser beim Gedanken an Lee. Den beiden hätte ich es von Herzen gegönnt. „Ich bespreche das mit Cyrus.“ Ich zwinkerte ihr zu.
Lyssa nickte. „Darf ich …?“ Ihr Blick ruhte auf meinem Bauch; die Hand hatte sie halb ausgestreckt.
„Natürlich.“ Wie von selbst fand ein Lächeln auf mein Gesicht, und das, obgleich ich wusste, wie falsch es doch war. Wie konnte ich mich über mein Glück freuen, wo dessen Vater doch verantwortlich dafür war, dass Lyss ihr Kind nie wieder zu Gesicht bekommen würde? Wenn ich es ihr gestand, würde sie mir jemals verzeihen? Käme sie jemals darüber hinweg? „So viel dazu, dass sich mein Monatsblut nur einpendeln müsse, nicht?“, gab ich halb im Scherz von mir.
„Ich werde dafür beten, dass es ein Junge wird“, flüsterte sie und legte ihre Hand auf meinen Bauch. Sie schloss ihre Augen und seufzte leise. „Niemand hätte geahnt, dass du so früh schwanger werden würdest.“
„Außer der Göttin selbst. Wortwörtlich“, brummte ich nüchtern. „Und wieso ein Junge?“ Ich wollte ein Mädchen. Eigentlich spielte es zwar keine Rolle, aber ein süßes Mädchen, dem ich alles geben könnte, was ich nie gehabt hatte? Liebe, Nähe, Zutraulichkeit. Ein Heim, in dem es sich zu Hause fühlte. Was auch immer es würde, ich würde es lieben, mit Haut und Haar. Jedes Nägelchen, jeden Popel, den ich wegwischen musste, und jeden Zahn, der mir in die Brust beißen würde. Niemals würde es mit Gewalt konfrontiert werden, nie hungern müssen oder verletzt werden.
„Weil Männer mit Mädchen nichts anfangen können. Väter wollen immer Söhne. Cyrus wird sich bei einem Sohn an der Erziehung beteiligen.“ Lyssa streichelte liebevoll über meinen Bauch. „Außerdem wirst du dir keine Sorgen um ihn machen müssen. Zumindest nicht die Art von Sorgen, die man bei einem Mädchen hat, das zur Frau wird. Du wirst keine Angst haben, dass deinem Kind ähnliches widerfährt wie dir, wenn es ein Junge wird.“
„Lyss, du redest Unsinn.“ Wenn Vampire jemanden mit Gewalt wollten, dann nahmen sie ihn sich auch. Das Geschlecht spielte keine Rolle. Erst recht nicht bei Vampiren. Aber ich würde mich hüten, das vor den Ohren Sharifas und Aurillias auszudiskutieren. „Außerdem, wenn Cyrus mir nicht hilft, ziehe ich ihm die Ohren lang.“
„Was habe ich denn jetzt schon wieder getan?“ Die Tür fiel zurück ins Schloss. Cyrus fixierte mich mit gerunzelter Stirn. Neben ihm stand Boris, dessen Gesicht sich aufhellte, als er Sharifa erblickte. Er war ein ganzes Stück gewachsen und nun fast so groß wie Cyrus. Zudem zeichneten sich schon leichte Muskeln an den Oberarmen ab.
Ich schmunzelte. Scheinbar hatten sich die beiden wieder vertragen. „Ich habe Lyss nur gesagt, dass, wer Dinge an Orten zurücklässt, an denen sie sich vermehren, wachsen oder gedeihen, sich auch an der Erziehung dessen beteiligen wird. Unabhängig davon, ob es seine Fortpflanzungsorgane innen oder außen an seinem Körper trägt.“
Cyrus legte den Kopf schief. „Ich dachte erst, du redest von Unkraut, aber das hat nichts mit Erziehung zu tun. Oder willst du Tiere züchten?“
„Ganz genau, Cyrus. Ich habe von Tieren gesprochen.“ Dummkopf. „Kaldor wird sicher einmal ein liebevoller Vater werden. Vielleicht hätte ich ihn heiraten sollen.“
„Komm, setz dich, Boris“, wies Cyrus an und legte eine Hand an die Schulter des Jungen. Dieser ließ es sich nicht zweimal sagen und rannte direkt los, um sich neben Sharifa zu setzen. Cyrus setzte sich mir gegenüber an den Tisch. „Du zweifelst an meinen Qualitäten als Vater?“ Sein Blick glitt für einen Moment zu Boris, dann wieder zu mir.
Ich verdrehte die Augen. Was interpretierte er jetzt schon wieder hinein? Ich hatte genau das Gegenteil gesagt. Lyssa begreiflich gemacht, dass ich fest damit rechte, dass er mich unterstützen würde. Ich steckte mir ein Stück Brot in den Mund, kaute, schluckte und beschloss, weiterhin auf Ironie zu setzen. „Das habe ich nicht gesagt. Aber du hast ja noch zwei Jahre Zeit zu üben, wenn du dir deiner Qualitäten unsicher bist.“
„Bist du dir deiner Qualitäten als Mutter sicher, Nay?“ Er nahm ebenfalls eine Scheibe Brot, legte eine dünne Scheibe Käse darüber und aß. „Glaubst du, immer alles richtigzumachen? Nie eine falsche Entscheidung zu fällen? Ein falsches Wort zu sagen?“
Schlagartig war mir der Hunger vergangen. Ich spürte, wie der altbekannte Druck sich in meinen Augen ankündigte. Der, den man spürte, wenn man gleich anfing zu weinen. Laut scheppernd schob ich den Stuhl vom Tisch weg, stand auf und raffte die Röcke. „Mir ist der Hunger vergangen. Genießt das Mahl.“ Eilend verließ ich den Raum. Wie konnte er nur? Wie konnte er es wagen?!
Die erste Träne löste sich aus meinem Auge, kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen. Schniefend zog ich die Nase hoch, wischte die Träne hinfort und machte mich auf den Weg nach draußen in den Garten. Dort angekommen, schluchzte ich laut auf. Zitternd hob ich meine Hand und presste sie mir auf den Mund, um dessen erbärmliche Laute zu unterdrücken. Schluchzend brach ich auf einer Steinbank zusammen.
Da tötete er meine Mutter, schwängerte mich, wusste um meine Kindheit, wie ich behandelt worden war, und …




















































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