Auf geheimer Mission

Was auch immer Evelyn da machte, sie beherrschte ihr Handwerk. Mit heißem Lötkolben und schmelzendem Zinn verlötete sie neue Kabel und Platinen. Mit flinken Fingern zauberte sie endlose Zeilen grünen Programmcodes auf die Bildschirme. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was das alles bedeutete.

Okay, als er damals die Fake-Bitcoins unter die Massen gebracht hatte, hatte er auch keinen blassen Schimmer gehabt. »Public Blockchains«, »Distributed-Ledger-Systeme«, geschweige denn die Programmierung irgendwelcher »Smart Contracts« – alles böhmische Dörfer für ihn. Irgendwann hatte er mal einen Artikel von einer gewissen Sam Schwarzberg über »Bitty2000« gelesen. Sie hatte darüber berichtet, wie die kanadische Mafia eine Börse für Kryptowährungen gekauft und für ihre Zwecke missbraucht hatte. Er hatte sich gewundert, dass es eine Mafia in Kanada gab.

 

Jedenfalls hatte er sich das gleiche Prinzip zunutze gemacht. Er hatte seinen Followern eine faszinierende Geschichte verkauft, die am Ende auf ein ähnliches Prinzip aufsetzte: viel heiße Luft, mit einem exotischen Geruch und der Aussicht auf exorbitante Gewinne. »Money sells«, wie man so schön sagt. Die beißenden Dämpfe von Evelyns Lötkolben holten ihn in die Realität zurück.

Was ihn jedoch am meisten fasziniert hatte, war das Konzept dahinter: Die Anleger gaben ihr Geld in Treu und Glauben an diese »Börse«. Sie versprach jedem Neukunden, ihm einen Anteil zu zahlen, wenn er seinerseits Kunden überzeugte. Klar, das war ein Schneeballsystem, wie er nach einer kurzen Recherche mit ChatGPT herausfand. Am Ende lebte das ganze System von Kunden, die frisches Geld hereinbrachten, um die bestehenden Teilnehmer auszuzahlen. Substanz hatte das nicht. Sobald irgendwann nicht mehr ausreichend neue Nutzer an Land gezogen werden konnten, brach es in sich zusammen.

»Hey, Willy«, meinte sie und schob ihre Atemschutzmaske auf die Stirn. »Ich denke, wir sind so weit. Wollen wir einen Versuch wagen?«

»Ähm … wenn du mit wir meinst …«

»Meine ich dich. Das hatten wir doch schon. Jetzt hopp, hopp, ab in dein Cockpit. Falls alles glattläuft, solltest du gleich irgendwo in der Nähe von Vincent aufschlagen.«

»Und falls nicht …«



»Darum kümmern wir uns, wenn es so weit ist.«

Klar, wer in diesem »wir« sein würde, der sich kümmert.

»Du willst doch wieder in deinen Körper zurück, oder nicht? Dann finde Vincent und überzeuge ihn davon, dass er uns helfen muss.«

»Jo.« Seine Gedanken drehten sich im Kreis. »Warum niete ich nicht einfach noch ein paar dieser Seelen um?«

»Das reicht never ever. Wir reden hier nicht von einem Dutzend oder so. Dafür brauchen wir Tausende. Mehr als das: Millionen! Milliarden! Und der Nachschub da unten ist quasi endlos. Aber wir benötigen eine direkte Verbindung zum Absaugen. Keine einzelnen Schüsse, sondern eine Standleitung, verstehst du? Du hast selbst gesagt, dass du das auf Dauer nicht aushältst. Deswegen müssen wir es richtig groß aufziehen. Mit einem kompetenten Partner vor Ort.«

Diese Ansprache kam ihm irgendwie bekannt vor. Leider entbehrte sie nicht einer gewissen Logik. No Risk, no Win, wie er seinen Anlegern zu sagen pflegte.

»In Ordnung«, stimmte er widerwillig zu und krabbelte über ihren Rücken und den Arm in das Cockpit ihrer Saugpistole. Joystick, Flatscreen und die anderen Steuerelemente schienen sich nicht verändert zu haben. »Und jetzt?«

»Ich habe Vincents Signatur vorhin aufgezeichnet und sie verfolgen können. Mit etwas Glück sollten wir direkt in seiner Nähe herauskommen.«

Aus seiner eingeschränkten Perspektive sah er nur das Panorama vor der Pistole, was ihm der Bildschirm anzeigte. Aktuell war das schwankender, grauer Betonboden. Im Hintergrund vernahm er metallisches Klicken, Klappern und das unterdrückte Fluchen von Evelyn. Inzwischen rann ihm der Schweiß durch das Fell. In dieser Blechbüchse wurde es nach ein paar Minuten verdammt warm und stickig. Für eine Klimaanlage hatte wohl die Zeit nicht gereicht.

Gerade wollte er nachfragen, da blendete ihn weißes Licht. Wenige Sekunden später wurde es von Düsternis einer endlosen Ebene abgelöst. Wie in einem Videospiel zog sich eine unnatürlich glatte Fläche bis zum künstlichen, grauen Horizont.

»Was soll das sein?«, fragte er nach. »Eine billige Tron-Imitation?«

»Du hast Tron gespielt?« In Evelyns Stimme schwang ehrliche Überraschung mit.

»Nee, aber YouTube geschaut. Du weißt schon, diese Plattform, die Neuland für uns alle ist …«



»Scherzkeks.« Damit zog sie ohne Kommentar den Abzug durch.

Wie bei den ersten Malen hatte er das Gefühl, innerhalb von Sekundenbruchteilen von null auf tausend km/h beschleunigt zu werden. Dieses Mal gab es keine Entität, die ihn hätte bremsen können. Im hohen Bogen schoss er hinaus in die Ebene. Kühle Luft trieb ihm eine Gänsehaut über den Körper, bevor er unsanft auf der erstaunlich rauen Oberfläche landete. Erst nach einem halben Dutzend schmerzhafter Überschläge kam er zur Ruhe.

Wäre er Mensch, hätte er sich sämtliche Knochen gebrochen. Ein Rattenkörper war auf diese Art Misshandlung besser vorbereitet. Er atmete tief durch, schüttelte sein Fell glatt und rappelte sich auf. Der geometrische Kreis mit dem Zugang zu Evelyns Labor schwebte in einiger Entfernung knapp über dem Boden. Hinter dem Portal, außerhalb ihrer Sichtweite, zog sich eine anthrazitfarbene Felswand endlos in die Höhe. Puh. Da hatte er ein Stück Weg vor sich. Hätte die genial-verrückte Wissenschaftlerin ihn nicht in die entgegengesetzte Richtung schießen können?

Er ignorierte die Fragen und Ratschläge, die aus der Ferne von Evelyn zu ihm herüberschallten. Er hoppelte zur massiven Wand. Ein paar Minuten später konnte er ein dunkles Rechteck ausmachen, das sich vom Felsen abhob. Seine Partnerin hörte er nicht mehr. Dafür hätte sie aus ihrem Portal treten müssen. Da sie ihn explizit herausgeschossen hatte, vermutete er, dass ihr diese Möglichkeit fehlte. Ein Fakt, den er sorgfältig auf seinen mentalen Notizzettel vermerkte.

Endlich erreichte er die Tür. Es gab weder Klingel noch Klinke. Nur eine verschlossene Klappe wie in einer Gefängnistür durchbrach das verbeulte, mit Farbe beschmierte Eisen auf Bauchhöhe. Menschlicher Bauchhöhe, wohlgemerkt. Die Dellen und der Rost boten ihm reichlich Gelegenheit, zur Öffnung hochzuklettern. Ein massives Schott blockierte seinen Weg hinein.

Und jetzt? Er wuselte von links nach rechts und zurück auf den Boden, auf der Suche nach einem Spalt. Erfolglos. Vermutlich hätte selbst eine Kellerspinne Schwierigkeiten, sich da durchzuquetschen. Eine fette Ratte war da chancenlos. Wie war Vincent hier hereingekommen? Einfach klopfen? Lustig. Mit seinen winzigen Rattenfäustchen und dem Gewicht eines Weißbrots war es unmöglich, einen Klopflaut zu erzeugen. Abgesehen davon, dass Ratten üblicherweise nicht durch Anklopfen in ein Gebäude kamen.



Er hockte mit verschränkten Pfoten vor der Tür und grübelte. Also, wie schlichen sich seine Artgenossen hinein? Durch die Kanalisation? Über das Dach? Ein geöffnetes Fenster? Lustig. Warten, bis jemand hinausging? Das konnte hier buchstäblich ewig dauern. Vermutlich war er in seiner ganz persönlichen Langeweile-Hölle gelandet. Er würde Millionen Versuche unternehmen, hineinzukommen, oder über die endlose Ebene zu entfliehen, ohne jemals Erfolg zu haben.

Nein. Er schüttelte sich. Wo eine Ratte war, da war ein Weg hinein. Das war ein Naturgesetz, das auch der Teufel nicht außer Kraft setzen konnte. Er schaute sich um. Die Felswand war hoch – locker fünf Stockwerke –, aber nicht endlos. Also dann …

Eine Ewigkeit später erreichte er schwitzend und mit zitternden Gliedern die Oberkante. Fast hatte er erwartet, dass sich in diesem Moment eine weitere Barriere auftat, nur um ihn zum Narren zu halten. Nichts dergleichen geschah. Vor ihm breitete sich ein banales Flachdach aus. Es war in unregelmäßigen Abständen von mehreren Dutzend milchigweißen, kuppelförmigen Oberlichtern durchbrochen. Aus der Ferne waberten Klackern und Stimmengewirr zu ihm herüber. Perfekt. Wo kam es her? Dort. Eines der Fenster war einen Spalt geöffnet.

Offenbar sollten auch die Höllenbewohner nicht in ihrem eigenen Mief ersticken. Das trotz des üblichen Spruchs seiner Lehrerinnen: »Es sind schon viele Menschen erfroren, aber es ist noch niemand erstunken.« Okay, in der Hölle dachte man vielleicht anders darüber.

Mit ein paar Sprüngen war er heran und steckte seine Schnauze durch den geöffneten Spalt. Unten drängte sich eine Menschenmenge um ein Dutzend Spieltische. Auf den ersten Blick erkannte er Roulette, Blackjack, Poker, Baccarat und Craps. Im Hintergrund blinkten einarmige Banditen. Sie zogen den Spielenden ebenso das Geld aus der Tasche wie alle anderen Angebote. Und das sollte eine Hölle sein? Was es in seiner Realität nicht das Gleiche? Er würde es herausfinden. Als Nächstes musste er Vincent finden – und überzeugen, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Leichter gesagt als getan. Der Spielraum erstreckte sich in alle Richtungen und verschwand jeweils in dunstiger Finsternis. Ein Rauchverbot gab es hier offenbar nicht. Er musste rein und sich umsehen oder umhören. Kein Problem für eine Ratte. Vorsichtig hangelte er sich über die Kante und hing kurz darauf mit seinen Krallen im porösen Gips der vergilbten Casinodecke.



Der Gestank von endlosen Jahren kalten Rauches, der sich hier abgesetzt hatte, drängte sich in seine empfindliche Nase. Echte Ratten mussten da irgendwie anders gepolt sein, wie sie auf Gerüche reagierten. Nicht auszudenken, wie es ihm mit diesem Geruchssinn in einer Kloake ergehen würde. Saure Galle stieg bei dem Gedanken in ihm auf, und er schüttelte sich kräftig.

Das war keine gute Idee. Er war eine Ratte mit einem gewissen Eigengewicht und keine Fliege. Seine Hände verloren den Halt. Verdammt! Ihm entfuhr ein Quieken. Nur noch mit den Fußkrallen verankert, baumelte er kopfüber von der Decke. Er holte kurz Schwung, zog die Bauchmuskeln zusammen, und schon bekamen seine Vorderpfoten wieder Gips zu fassen. Das war gerade nochmals gut gegangen.

»Iiiiih. Eine Ratte!«

Oder auch nicht. Mist. Waren die hier kein Ungeziefer gewohnt? Ehe er den Gedanken verfolgen konnte, prallte schmerzhaft ein Jeton in seine Seite. Weitere folgten und schlugen klackernd neben ihm ein.

»Mach sie weg! Ist das eklig!«

Ein kurzer Blick zeigte ihm, dass er die volle Aufmerksamkeit der Menge hatte. Nichts, worauf er Wert legte. In diesem Moment zog ein Mann den Schuh aus und warf ihn in seine Richtung. Krachend wurde die Gipsplatte neben ihm zerschlagen. Die meinten es ernst. So schnell er konnte, hangelte er sich die Decke entlang. Dabei wich er den diversen Wurfgeschossen aus.

Waren eben noch alle auf ihre Spiele konzentriert gewesen, war er jetzt das Highlight. Das neueste Spiel hieß: »Triff die Ratte.« Und tatsächlich: Während er zur Wand krabbelte, hörte er von unten, wie bereits Wetten abgeschlossen wurden. Fünf zu eins, dass die Ratte die Wand nicht erreicht. Doppelte Auszahlung für denjenigen, der ihn von der Decke holte. Zehnfach für den, der einen toten Rattenkadaver vorweisen konnte. Na super. Und er dachte, in der Hölle könne man nicht sterben. Das galt offenbar nicht für nicht menschliche Besucher.

Bamm! Es kam, wie es kommen musste. Eine pinke Damenhandtasche krachte in seine Seite und fegte ihn von der Decke. Einen Moment schien er schwerelos in der Luft zu hängen, dann ging es abwärts. Der Raum wirbelte an ihm vorbei, bis er hart auf grünem Filz aufschlug.



»Bäh. Da ist sie!«

»Sie lebt noch!«

»Ja! Ich habe gewonnen!«

Dieses Mal machte er sich nicht die Mühe, seine Umgebung näher zu sondieren. Ein schwarzer Schuhabsatz flog in seine Richtung. Nur knapp sprang er zur Seite, bevor das harte Plastik seine Knochen zertrümmern konnte. Er landete mitten in den Jeton-Türmen der Spieler.

»Hey, das sind meine!«

Eine Hand griff nach ihm, aber er sprang darüber hinweg auf die Tischkante. Einen Augenblick später landete er auf dem Boden. Mist. Wohin jetzt? Bei dieser Aufmerksamkeit zwischen Hunderten Schuhen hindurchzulaufen, wäre keine gute Idee. Er hastete unter den Roulettetisch. Das war nicht mehr als eine kurze Verschnaufpause, aber er brauchte einen Plan.

Die ersten Menschen beugten sich bereits herab, um nach ihm zu suchen. Unsichtbarkeit wäre nicht schlecht, leider war er nicht Ratty Potter. Immer mehr Gesichter erschienen auf allen Seiten, um ihn zu beäugen. Hängende Männerwangen, faltige Frauengesichter, müde Augenringe und gelbe Zähne bildeten eine undurchdringliche Phalanx. In diesem Moment schoss die Spitze eines Billardqueues direkt auf ihn zu.

Mit einem verzweifelten Sprung nach links entkam er dem ersten Stoß. Doch schon folgte der nächste. Die Menschen schienen Blut geleckt zu haben. Mit einem weiteren Satz wich er aus, spürte aber, wie das Holz sein Fell streifte. Er musste hier raus, und zwar schnell. Seine Blicke huschten umher, suchten fieberhaft nach einem Fluchtweg. Da! Zwischen zwei Tischen erkannte er einen schmalen Durchgang, der zu einer dunklen Nische führte. Wenn er nur dorthin gelangen könnte.

Der Weg dahin war ein Minenfeld aus stampfenden Füßen und herabzielenden Gegenständen. Er sprintete los, nutzte jeden Zentimeter Deckung, die ihm die Tischbeine boten. Ein schwerer Stiefel trat nur Millimeter neben ihm nieder, während er im Zickzack vorwärts stürmte.

»Da ist sie! Fangt sie!«

Eine wahre Kakofonie aus Rufen und Gekreische erfüllte den Raum. Jetons flogen wie Schrapnelle um ihn herum. Einer traf ihn am Kopf, und für einen Moment tanzten Sterne vor seinen Augen. Er taumelte, fing sich aber wieder. Nur noch zwei Meter bis zur Nische.

»Ich hab sie gleich!«

Ein dicker Kerl mit schweißglänzendem Gesicht warf sich vor ihm auf den Boden. Die Hände ausgestreckt, um ihn zu fangen. Mit letzter Kraft nahm er Anlauf und sprang – über die Finger des Mannes hinweg direkt in den rettenden Schatten der Nische.



»Verdammt!« Der Fluch hallte hinter ihm her, während er tiefer in die Dunkelheit tauchte. Er folgte einem schmalen Spalt zwischen Wand und Holzvertäfelung und quetschte sich hindurch, bis das Geschrei der Menge nur noch gedämpft zu ihm drang.

Endlich konnte er verschnaufen. Sein Rattenherz raste, und er war schweißgetränkt. Das war knapp gewesen. Zu knapp. Während er sein Gesicht putzte, fragte er sich, wo zum Teufel er Vincent in diesem Höllenlabyrinth finden sollte. Und vor allem: Wie sollte er ihn überzeugen, mit ihnen zusammenzuarbeiten? Die Vorstellung, noch einmal da raus zu müssen, sträubte ihm das Fell.

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Schritte, die sich näherten. Schwer und langsam. Sie passten nicht zu einem Casinobesucher. Vorsichtig lugte er durch einen Spalt nach draußen. Die Menschen wichen respektvoll zur Seite. Das konnte nur eins bedeuten …

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